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Afrikafahrt quer durch Angola

Licht ist der Busch! Schirmakazien breiten ihre leichten Schatten über uns aus, und riesige Farngräser zittern am Rande des steinigen Weges, auf dem unsere Esel dahinstolpern.
" Es ist mir sehr unangenehm, Ihrer Frau so unerwartet ins Haus geschneit zu kommen, Herr S."
"Keine Sorge, fast alle Besucher kommen hier unerwartet. Infolge der weiten Entfernungen, der Lage inmitten des Busches und durch das Fehlen des modernen Nachrichteninstrumentes, des Telephons, ist eine Anmeldung hier sehr zeitraubend und umständlich, und Besuche sind überhaupt sehr selten. Daher freuen wir uns doppelt über jeden unerwarteten Gast, der in unsere Einsamkeit und Abgeschnittenheit hineingeschneit kommt und etwas Abwechslung in das eintönige Alltagsleben bringt.

Plötzlich jault Krischan auf, der mir mit seinem Herrn voraustänzelt, in melancholischen, herzbrechenden Tönen, und Lotte, die ich nur mit Mühe vorwärts bringen kann, stimmt kräftig ein, so das es ihren Körper erschüttert. Zum Heulen reizt dieses Eselskonzert. Und dabei bleibt Lotte stehen, stocksteif und bockbeinig. Ich versetze ihr ein paar Hiebe. Da drängt sie hinein in den Busch, in der offenbaren Absicht, mich abzustreifen. Nein, meine Liebe! Ich lasse mich nicht durch den Dornbusch schleifen oder meine Beine festklemmen. Du mußt! —

"Eineinhalb Stunden reiten wir nun bereits von meinem nächsten Nachbar. Aber da unten ist auch mein Haus, es ist freilich keine Burg wie bei Herrn M. Sie werden sich hier bescheiden müssen. Mein Haus ist nur klein, aus Lehm gestampft und mit einem Grasdach bedeckt."
"Aber es sieht entzückend aus unter der Akazien und paßt so gut in die Landschaft; es ist einfach romantisch."

"Romantisch? Für einen Besucher mag unser Leben hier romantisch erscheinen. Für uns selbst bedeutet es härtesten Kampf, Anspannen aller Kräfte und zähes Durchhalten. Es kommen Rückschläge, Zeiten der Gefahren, der Verzweiflung und Depression, Wir führen denselben Kampf um die Existenz wie die Menschen zu Hause auch, nur das hier noch verschärfende Umstände hinzukommen: der nervenzerstörende ständige Ärger mit den unzuverlässigen eingeborenen Arbeitern und das zermürbende Tropenklima."

"Aber als Entschädigung dafür fühlen Sie sich hier doch alle als unumschränkte Herrscher, als kleine Könige, die die Enge und die Gebundenheit der Heimat nicht mehr ertragen könnten."

"Das ist so, wenn man erst so weit ist, daß man sorgenlos in die Zukunft sehen kann. Ich habe Gott sei Dank auch heuer meine erste ergiebige Ernte von meiner Kaffeepflanzung."

"Welche Kultur ist denn ertragreicher, Sisal oder Kaffee?"

"Jeder Pflanzer schwört natürlich auf sein Produkt, aber maßgebend bei der Wahl sind doch wohl die finanziellen Verhältnisse. Eine Kaffeepflanzung kann immerhin mit dreißigtausend Mark angelegt werden, während zur Anlage einer Sisalpflanzung hunderttausende gehören. Nicht jedermann ist in der Lage, dieses Kapital aufzutreiben. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Kaffee. Sehen Sie, wie er blüht und Früchte trägt."

 

Weite Felder mit schnurgeraden Reihen von Kaffeebäumchen liegen vor mir. Mit weißen Blüten sind einige besät, wie mit Schnee bedeckt. Andere tragen grüne oder auch schon rote, reife Kirschen. Man kann sich eine ungefähre Vorstellung machen, welche Arbeit, Mühe und Plage es kostet, aus dem wilden Busch diese ausgedehnte, mustergültige Kultur hervorzubringen. Wir nähern uns dem Hause. Frau S. geht in ganz selbstverständlicher Weise auf mich zu, um mich willkommen zu heißen. Die Gastfreundschaft in Afrika ist wirklich großzügig. —

Wieder reite ich hinein in den Busch. Hinter mir trottet ein eingeborener Junge mit meinem Köfferchen. Still ist die Welt um mich her in der tropischen Nachmittagssonne. Kein Vogel, kein Tierchen läßt sich im Dickicht blicken, und selbst die Poribäume scheinen in tiefen Schlaf zu liegen: kein Säuseln in ihrem Laub, kein Lispeln. Vor mir am Firmament aber zieht es auf wie eine schwarze Mauer, drohend, unheimlich. Der Busch ist tot und langweilig; ich beginne leise zu summen, und schließlich schmetterte ich das Deutschlandlied hinein in die afrikanische Wildnis. Und dann steigt es wieder auf in meiner Brust, das leise Weh, die Sehnsucht, die mich in letzter Zeit so oft gepackt hatte.

Du neues, großes, heiliges Deutschland, Du Deutschland der Maifeier, des Erntedanks, der herrlichen Taten des Opfermutes und Aufbaus, du Deutschland des grandiosen 12. November!

Wie leises Plätschern nur erreichen mich die Wellen all dieser Geschehnisse durch die Entfernung, und ich sehne mich noch nach ihrem unmittelbaren Pulsschlag, nach diesen brausenden, rauschenden, mit reißenden Akkorden. Du neues, herrliches Deutschland, wie bist du so weit.

Ich komme auf eine Lichtung. Die Maisfelder der Eingeborenen grünen, und schwarzen Frauen arbeiten. Ein Schar eingeborenen kleiner Dickwänste balgt sich am Boden. Ich komme ihnen näher. Da stieben sie kreischend auseinander, flüchten über Stock und Stein, sehen sich mit entsetzten Augen nach mir um, überpurzeln sich und heulen auf, in gräßlicher Angst vor dem weißen Gespenst.

Der Busch hüllt mich wieder ein. Es wird schwarz, wie anbrechende Nacht, und die Stille wird unheimlich. Plötzlich flammt der Himmel vor mir auf, ein Feuerstrahl zerreißt die dunkle Mauer in zwei Teile, und nun brüllt und tobt es. Der Himmel lodert, die Luft erzittert und bebt und auf die Erde prasselt der Wolkenbruch. Der leuchtende Schein der Blitze reißt gespenstisch grell und unwirklich aus der grauen Dämmerung die steile Säule eines Termitenbaues, wie einen drohend erhobenen Zeigefinger, oder die gräßlich verdrehten Arme eines verkrüppelten Poribäumes, wie ein grauenerregendes Ungeheuer. Und nun brennt der ganze Himmel, und inmitten des Feuers sinkt unter Splittern und Donnern und krachen die Krone eine Baumes zu Boden.

Krischan steht steif, mit entsetzten Augen, und mich hat es etwas im Sattel emporgehoben. Die Hölle ist los! Schauerlich schön, aber es wird ungemütlich. Vor einigen Tagen erst wurde in diesem Gebiet eine Frau vom Blitz erschlagen, und jedes Jahr fordert hier der tötende Strahl einige Menschenopfer. Der eingeborene Junge geht gebückt — nicht von der Last, doch vor Angst — neben mir den weg. Aber er geht freier mit jedem Tritt. Das Gewitter verzieht sich, der Regen läßt nach, es wird etwas heller.

Ich komme auf die Farm des Herrn v. K. Der Besitzer ist nicht anwesend. Aus Krankheitsgründen ist er mit Frau und Kindern nach Deutschland gefahren. Ich habe die Familie bei ihrer Abfahrt in Lobito kennengelernt.

Der Assistent lädt mich zum Kaffee ein und zeigt mir dann Die Pflanzung, ein halbfertiges Wirtschaftsgebäude, daß er in Abwesenheit seines Herrn fertigstellen will, und eine Mühle, Die er alles in allem, den Mühlstein mit eingeschlossen, selbst erdacht und hergestellt hat. Ist sie auch primitiv und ein bißchen roh, so erfüllt sie doch ihren Zweck.

"Ich muß weiter, ich will noch vor Nachteinbruch zu Herrn F. kommen."
"Ich reite mit Ihnen!"

Die beiden Esel gehen unwillig über eine große halbfertige Holzbrücke, unter der tief unten ein breites Gewässer tost und an der eingeborene Arbeiter hämmern.
"Die Brücke schafft mir viel Sorge, aber nun ist sie bald fertig."
"Muten Sie sich auch nicht etwas zuviel zu? Neben der Pflanzung den Bau des Wirtschaftsgebäudes, der Mühle, der Brücke?"
"Das macht Freude! Doch zu etwas anderem. Wissen Sie von dem Unglück des Herrn F.?"
"Erzählen Sie!"
"Alle Kaffeeebäumchen sind ihm erfroren. Auf den Rat anderer Menschen hin und seinem eigenen Glauben nach, daß ein außergewöhnlich kaltes Jahr, das so schnell nicht wiederkehren würde, daran schuld sei, pflanzte er noch einmal seine Bäumchen, und sie sind ihm ein zweites Mal erfroren."
"Und nun ist er am Ruin?"
"Es geht der Familie sehr schlecht, sie hat oft kaum das Notwendigste zum Essen. Aber wenn andere auch dadurch am Ruin wären: Herr F. ist es noch nicht. Er hat sich nach diesen Schicksalsschlägen wieder aufgerafft und, ohne Mittel, noch einmal den Kampf begonnen. Er hat sofort seine gesamten vernichteten Kulturen unter den Pflug genommen und Mais gesät. Wenn das Schicksal ihm nicht noch einen Streich spielt und ihm Heuschrecken schickt, die nicht an Kaffee, wohl aber an Mais herangehen, so kann er sich, da hier zweimalige Ernten möglich sind, vorerst über Wasser halten und nebenbei seine Kaffeepflanzungen in frostfreiem Gelände, das er noch zur Verfügung hat, langsam wieder anlegen. Jedenfalls ist er um viele Jahre zurückgeschlagen, und im Augenblick ergeht es der Familie miserabel. Und dabei sind es prächtige Menschen, beide, die Frau ein Kamerad, wie man ihn sich nur wünschen kann. Um etwas Bargeld hereinzubringen, setzt sie sich hin, macht Entwürfe für Möbel, Spielzeug, Puppenzimmer und -küchen, die sie in ihrer kleinen Schreinerei mit Hilfe eines Eingeborenen ausführt und die von den Deutschen gerne gekauft werden. Und zwei reizende Kinder haben sie, Sie werden ja sehen —"

Wir sitzen um den Abendtisch, und ich freue mich über das heitere Wesen der schwer geprüften Menschen. Sie tragen ihr Schicksal tapfer.
"Es ist nicht üppig, was wir Ihnen vorsetzen können. Mais ist unsere Hauptnahrung, Mais, der auf den eigenen Feldern wächst."
Eine große Schüssel voll von jungen gekochten Kolben kommt auf den Tisch. Ich habe Maiskolben mit Butter bestrichen und mit Salz bestreut in Amerika zum ersten Male versucht und sie ganz gerne gegessen — aber jeden Tag Maiskolben! — Tapfere, zähe Menschen.

"Wollen wir heute zur Feier des Tages nicht einmal schwarzen Tee trinken?"
"Bitte nicht meinetwegen!"
Sie trinken sonst also Buschtee. Nach Tisch zieht mich Frau F. in eine Ecke.

"Sie wissen um unser Unglück? Aber gerade unsere Not hat uns den Glauben an das Gute im Menschen, den Glauben an den deutschen Menschen wiedergegeben. Es wäre unmöglich, uns ganz allein und aus eigener Kraft noch einmal emporzuarbeiten. Uns wurde aber die Hilfe unserer benachbarten Landsleute in einem Maße zuteil, das überwältigend und ergreifend ist. Wir erhielten Pflüge und Ochsen zu unserer Arbeit und sogar die Maissaat von ihnen. Der und jener schickte uns Lebensmittel. Um meine Arbeiten verkaufe ich an Deutsche in der ganzen Umgebung. Ich habe Bestellungen sogar aus Lobito. Alle haben sie Bedarf an Möbeln, die sie sonst selber machen, an Spielzeug für die Kinder - sie kennen unsere Not, und deswegen können wir nicht verzagen, und wir werden nicht untergehen."

Da wird es auch in meinem Innern warm. Das versöhnt etwas mit dem sonst im allgemeinen in den Kolonien üblichen Zwiespalt, dem Neid und der Mißgunst.

Wenn es darauf ankommt, dann stehen sie doch zusammen in Treue, in Not und im Tod. Das bewiesen die Kolonialkriege und beweist mir wieder dies Erlebnis in Angola.

Boot
Farm

Quelle: Senta Dinglreiter , von rado jadu 2000

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