Trommeln rufen durch Kamerun
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Von Erich Robert Petersen

Der Büffel kommt


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August 1914! Die heiße Sonne Mittelkameruns stand hoch über dem wilden Lande zwischen Sanaga, Njong und Kadei, dem Lande unzähliger Flüsse und Sümpfe, dem zerissenen Übergangsgebiet zwischen dem geschlossenen Urwald des Kongobeckens und dem unermeßlichen Savannen - und Steppenland des Sudans. Hoch stand die Sonne über der Feste Dume, die den Busch der wilden Maka überragt und gebietend hinüberschaut in das Grasland der stolzen Kaka und der verschlagenen Baja. In den Reihendörfern der Urwaldstämme und in den von Rizinushecken umgebenen Gehöften der Graslandvölker war es stille und unter den hohen Mattendächern der Faktoreien in Njassi und Bertua hörte man kaum einen laut. Und plötzlich Gewitter und Donnerschlag über dem ruhenden Lande. Durch den dünnen Draht, der auf eisernen Stangen von Duala über das Randgebirge nach Jaunde und weiter durch reizvolle Parklandschaften nach Akonolinga, durch düsteren Urwald nach Abong Mbang und der Feste Dume lief und in der Graslandstadt Njassi endete, blitzte ein Wort, das mit einem Schlage das Land alarmierte. Krieg! Ein Funke hatte das Wort von Deutschland her durch den Äther getragen, nun breitete es sich aus über das weite afrikanische Land und erregte Sturm. Rattatabum! In den Dörfern der Eingeborenen standen die Trommler des Häuptlings vor ihrer aus hartem Holz geschnitzten, langen Trommel, schlugen mit kurzen, derben Stöcken im stetig wechselnden Rhythmus auf die Randleisten und gaben so in ihrer Sprache die Nachricht weiter: "Die Deutschen führen Krieg mit ihren weißen Brüdern!" Seit dem Tage, an dem die Deutschen das Land Kamerun in ihre Pflege genommen hatten, riefen die Trommeln der Eingeborenen nicht so laut durch das Land. Krieg! Von Njassi trugen reitende und laufende Boten die Nachricht durch Grasland und Urwald nach allen Niederlassungen der Weißen. Krieg mit England, Frankreich und Belgien, Kamerun von allen Grenzen her bedroht! Die Deutschen, die als Postenführer, Beamte und Kaufleute in den Dörfern wohnten oder als Farmer und Gummisucher einsam mit angeworbenen Eingeborenen im toten Busch hausten, begriffen sofort, daß der Inhalt der Botschaft für sie Schicksal bedeutet, für sie und das Land, das sie in steter Arbeit und täglichem Kampfe der deutschen Wirtschaft gewonnen hatten. England, Frankreich und Belgien grenzten mit großen Kolonialgebieten an Kamerun; jeder einzelne der Gegner war der schwachen deutschen Schutztruppe, deren Aufgabe nur darin bestand, Aufstände im Innern zu unterdrücken, weit überlegen. Keiner der einsam auf seiner der Wildnis abgerungenen kleinen Welt hausenden deutschen Kameruner konnte dem Schicksal entgehen, wenn es zum Kampfe kam. Und es kam zum Kampfe! Von den Grenzen im Norden, Osten und Süden und von der Küste im Westen aus setzten sich die Angriffskolonnen der Alliierten in Bewegung. Der Dumebezirk erlebte den Einfall der Franzosen und Belgier aus dem Osten, sowie überaus grausame Teilaufstände der Eingeborenen, die im Rücken der an die Front marschierenden Dumekompanie die Trommeln wirbeln ließen und Niederlassungen überfielen. Die auswärtigen Feinde und die aufständischen Wilden unterschätzten aber die Entschlossenheit der Deutschen, die trotz hoffnungsloser Unterlegenheit in Stolz und Zorn zum äußersten Widerstand entschlossen waren. Die Aufstände wurden durch Freiwillige und Polizeisoldaten niedergeschlagen und der Vormarsch der Franzosen dort, wo das Grasland in Parklandschaft und geschlossenen Urwald übergeht, zum Stehen gebracht. Alsdann ging das militärische Kommando daran, die Verteidigung weiter auszubauen. Die weißen Kaufleute, Farmer und Beamte wurden einberufen, und alte farbige Soldaten sowie blutjunge Rekruten angeworben, mit der Jägerbüchse Modell 71 bewaffnet und rasch ausgebildet. So wurden die zum Dumeabschnitt gehörenden drei aktiven Kompanien, die in den ersten Kämpfen sehr gelitten hatten, aufgefüllt und neu gebildete Abteilungen in die Verteidigungslinie eingeschoben. In dem an der Straße von Dume nach Bertua gelegenen Urwalddorfe Benge stand die Kompanie Langhans, eine der in aller Eile neu aufgestellten Einheiten. Der Führer war Leutnant d. R. Langhans, Regierungsbeamter von Beruf, ein ernster, wortkarger Mann. Seine Abneigung gegen das Viele -Worte -machen ging so weit, daß er sich im Verkehr mit seinem Personal zur Hauptsache verschiedener Pfeifsignale bediente. Auch die täglich wiederkehrenden Befehle an seine schwarzen Ordonnanzen erteilte er durch Pfiffe, deren Bedeutung seine Umgebung regelrecht erlernen mußte, wie der Winker sein Morsealphabet. Für die eingeborenen Soldaten war der Leutnant vor allen Dingen der Mann, der den Gold auszahlen ließ und die Strafen verhängte. Ihr eigentlicher Kompaniemassa war der Feldwebel Klaus, ein großer, forscher Kerl. Er war es gewesen, der im kritischen Augenblick mit einer Handvoll Polizeisoldaten und Freiwilligen die Aufständischen gebändigt hatte, schleunigst zur Truppe geholt und der Kompanie Langhans zugeteilt. Hier war es seine Aufgabe, die Rekruten zu brauchbaren Soldaten zu machen. In Vorposten - und Patrouillengefechten gewöhnte er sie an das Feuer; bis zu seinem Eingreifen hatten die Europäer der Kompanie, ehemalige Kaufleute, die als Reservisten und Landsturmmänner einberufen worden waren, ihre Not mit den Rekruten gehabt. Feldwebel Klaus griff mit eiserner Hand ein, wenn es sein mußte, auch mit der Faust. "Kerls, ihr sollt stehn und gehorchen!" Eines Tages
meldete sich ein Weißer, ein sehniger, dunkler Mann mit kühnem
Gesichtsschnitt, bei dem Kompanieführer. Feldwebel Klaus kam hinzu und reichte Mannhagen die Hand. "Wir kennen uns, " sagte er zum Leutnant gewandt. "Mannhagen ist ein alter Büffeljäger und kennt den Busch, wie der beste schwarze Fährtenleser. Die Eingeborenen nennen ihn Njab, das heißt Büffel." "So, so!" machte der Leutnant leichthin. "Wir werden sehen, ob der Büffel die Franzosen auf die Hörner nimmt. An Gelegenheit soll es ihm nicht fehlen. Die Kompanie wird neu eingeteilt. Oberjäger Mannhagen bildet mit seinen Leuten den dritten Zug. Der Zug Klaus und der Zug Baumgart geben je eine Gruppe an ihn ab." Feldwebel
Klaus führte den neuen Kameraden durch das Lager, das aus zwei
Reihen Mattenhütten zu beiden Seiten der Straße bestand. Mannhagen
traf seine Anordnungen und kehrte zu Klaus zurück. Er fand ihn
vor seiner im Schatten eines mächtigen Baumriesen stehenden Hütte
und setzte sich an seine Seite. "Nun
wir lassen allesamt nicht die Ohren hängen, wenn es uns auch oft
dreckig geht. Es ist eine Mordsschweinerei, daß der Franzose in
unser Land eingefallen ist. Es liegt schon wieder etwas in der Luft,
aber diesmal werden wir angreifen. Lassen schon fleißig Patrouillen
gehen. Die Europäer kommen abwechselnd an die Reihe, Sie auch." Nach und nach kamen die Kameraden von der Kompanie heran, um den neuen Zugführer zu begrüßen. Unteroffizier Baumgart, früher Faktoreileiter und Elefantenjäger, war vorne auf Feldwache, aber da war der Einjährige Meyer, ein netter kleiner Kerl, bisher junger Mann in der Faktorei Baumgarts. Viel zu sagen hatte er als ungedienter Soldat nicht in der Kompanie, weder als Führer der Eingeborenen, noch als Kamerad unter den Weißen, aber man hatte ihn gern. Das Reden besorgten ausgiebig der dicke schwarzbärtige Silbermann, einst als reicher Kaufmann ein großer Mann im Lande, jetzt ein in militärischen Dingen ziemlich lächerlich wirkender Gefreiter, und dessen Berufskollege Hahn, ein spitznäsiger, schlauer Fuchs, der zwar nur ungedienter Landsturmmann, aber doch zu gebrauchen war, weil er sich nicht verblüffen ließ. Silbermann, dick und bequem, führte die Bagage und wurde nur gelegentlich zum Frontdienst herangezogen. Eine solche Gelegenheit gab es wenige Tage nach der Ankunft Mannhagens. Der Leutnant erhielt den Befehl, mit der ganzen Kompanie zur gewaltsamen Aufklärung vorzugehen. Angreifen! Ein Befehl, der jedem deutschen Offizier das Herz höher schlagen läßt, selbst wenn ihm die Malaria in den Knochen sitzt. Der Leutnant war blaß und fiebrig, aber er rückte noch am Abend mit der Kompanie vor, setzte die vom Zuge Baumgart, gestellte Feldwache als Spitze in Marsch und machte erst Halt, als die Urwaldgrenze erreicht war. Dann gab er Befehl aus, daß jeder Mann mit der Waffe im Arm zu schlafen habe. Rings tiefste
Finsternis, nur unterbrochen von den Laternchen der schwirrenden Leuchtkäfer.
Der Leutnant lag fiebernd auf dem feuchten Boden und dachte an Schlangen
und Ameisen. Da rührte ihn jemand an der Schulter. "Herr Leutnant,
ich habe ein Lager herrichten lassen; so geht das nicht." Mannhagen brachte den Leutnant nach einem weichen Lager aus grünem Laub und holte auch Feldwebel Klaus dorthin. Man schläft im Busch nicht auf der nackten Erde! Wer felddienstfähig bleiben will, muß das wissen! Am Morgen entwickelte der Leutnant seinen Gefechtsplan: "Gefreiter Silbermann verstärkt mit zwei Gruppen den vorne liegenden Zug Baumgart, der sofort vorgeht. Landsturmmann Hahn und Einjähriger Meyer mit je zwei Gruppen halten sich zu Flankenstößen bereit. Zug Mannhagen bleibt in Reserve und löst nach dem Gefecht den Zug Baumgart auf Feldwache ab. Feldwebel Klaus bleibt bei mir."
Das Gefecht entwickelte sich zunächst normal. Die französische Feldwache lag in einem von Busch umschlossenen Grasfeld und wich nach kurzer Schießerei vor dem Zuge Baumgart zurück. Leutnant Langhans ging von der Annahme aus, daß die feindliche Vorpostenkompanie auf der Kuppe mitten im Grasfelde in Stellung lag, und setzte seine beiden "Zangen" an. Landsturmmann Hahn sollte rechts, der Einjährige Meyer links durch den Busch vorgehen und die feindliche Stellung aus den Flanken angreifen. Todesmutig marschierte der Einjährige Meyer mit seinen sechzehn Soldaten auf einem alten Jägerpfade los. Aber als sich der große düstere Urwald immer breiter zwischen ihn und die Kompanie legte, geriet seine Entschlossenheit doch etwas ins Wanken. War es nicht eigentlich eine unmögliche Aufgabe, sich in diesem unbekannten, dicht verwachsenen Busch zurechtzufinden? Der Pfad lief hierhin, dorthin. Donnerwetter, in welcher Richtung lag eigentlich noch das Grasfeld? Wo standen die Franzosen? Und überhaupt, konnte der Feind nicht überraschend vorgehen und die Kompanie werfen? Dann saß die Patrouille abgeschnitten in finsteren Busch! Die schwarzen Soldaten Meyers waren auch nur junge Rekruten und sahen durchaus nicht ein, warum sie so tief in den fremden Busch eindringen sollten, wo in ihrem Rücken jeden Augenblick das Gefecht einsetzen konnte. Das Marschtempo der Patrouille wurde immer langsamer. Plötzlich machte der Spitzensoldat mit allen Zeichen der Bestürzung Halt, die nächsten eilten hinzu, und was fanden sie? Was sahen sie in dem feuchten Boden? Spuren, die den Pfad kreuzten, Spuren wie von nackten Menschenfüßen! Große Aufregung! Wer ist hier durch den Busch geschlichen? Wer pirscht durch den Urwald in Richtung auf die Kompanie? Nur der Franzose! Kein Zweifel, er ist hier durchgebrochen, um die Kompanie im Rücken zu packen. Flüsternd, mit aufgeregten Gesten, meldeten die Soldaten das Ergebnis ihrer Feststellungen dem Patrouillenführer. Nun war der Einjährige Meyer gewiß ein netter kleiner Kerl, aber von Fährtenlesen. Jagd und Buschkrieg hatte er keine Ahnung. Er sah die frischen Fußspuren und nahm die Erklärung der Eingeborenen, die ja den Busch viel besser kannten als er, gutgläubig als zutreffend hin. Schleunigst befahl er: "Kehrt marsch!" Noch hatte
er die Kompanie nicht erreicht, da ging vorne eine wüste Ballerei
los. Meyer beeilte sich, schnaufend langte er bei dem Leutnant
an und meldete:
Klaus kam bald von vorne zurück. "Nichts von Bedeutung, feindlicher Fühler, schon zurückgeschlagen. Baumgart drückt nach." Auch Mannhagen kam und meldete, daß er nichts Verdächtiges habe feststellen können. "In drei Teufels Namen, was hat Meyer denn gemeldet? Wenn Franzosen durch den Busch gegangen sind, müssen sie doch irgendwo stecken! Mannhagen, nehmen Sie ein paar Mann mit und folgen Sie der von Meyer entdeckten Franzosenfährte. Sie kennen ja den Busch, also los und drauf!" Mannhagen marschierte mit der Patrouille Meyer den Pfad entlang, den diese schon einmal gegangen war, fand auch die gemeldeten Spuren. Er warf nur einen Blick darauf, sah dann die Soldaten des Einjährigen Meyer einen nach dem anderen wütend an. "Schweine!"
sagte er, weiter nichts, aber es war die schneidende Stimme Njads. Dann
Kommando "Kehrt marsch!" Meldung beim Kompanieführer: Der Leutnant machte ein verdutztes Gesicht, schnappte nach Luft und wurde dann wild."Was? Affen? Affen? Meyer, kommen Sie her! Was haben Sie gemeldet? Ich werde Sie einsperren, ich bringe Sie vor das Kriegsgericht. Mann, Sie werden gegen den Feind geschickt und laufen vor ein paar Affen weg?" Nie in seinem
Leben hatte der Gescholtene sich so unglücklich gefühlt wie
in diesem Augenblick. "Herr Leutnant, die Spuren sahen genau so
aus " stotterte er, aber der Leutnant schnitt ihm
das Wort ab: Der Leutnant redete sich so in Wut, daß seine Stimme überschnappte. Mannhagen konnte sich das Lachen nicht verkneifen und trat vor. "Verzeihung, Herr Leutnant, kein Orang-Utan, den gibt es in Afrika nicht, es waren Schimpansen." "Meinetwegen auch Gorillas, Sie Büffel, keine Franzosen!" brüllte der Leutnant. "Meyer, sofort wieder vor, aber reißen Sie nicht wieder vor einem Affen aus!" Der Führer der rechten Seitenpatrouille, Landsturmmann Hahn, genannt Hühnchen, benahm sich natürlich schlauer als der unerfahrene Meyer. Als er nach einstündiger Pirsch durch verwachsene alte Farm die Schießerei vor der Stellung des Zuges Baumgart hörte, machte er einfach linksum mit Front nach dem Grasfelde und eröffnete das Feuer, so daß es recht eindrucksvoll knallte. Dann wartete er erst einmal die weitere Entwicklung ab. Seine Ballerei veranlaßte in der Tat die in der Front angreifenden Franzosen, sich wieder zurückziehen. Baumgart erhielt beim Nachstoßen einen leichten Beinschuß und blieb zurück. Nun war der dicke Gefreite Silbermann der einzige Europäer bei dem vorgehenden Zuge und ließ sich von den mit Hurra vorstürmenden Soldaten mitreißen. Ohne zu wissen, wie es geschehen, stürzte er plötzlich in einen Schützengraben und fiel dabei zu seinem Entsetzen auf einen toten Senegalesen. Die Lage wurde sehr bald für den Zug ziemlich unangenehm, da der Gegner den Graben von zwei Seiten unter Feuer nahm. Silbermann sah sich nach einer Möglichkeit um, heil aus dieser Falle herauszukommen, da bemerkte er plötzlich den Oberjäger Mannhagen neben sich. "Sie
können hier nicht heraus!" Der Leutnant war weniger der Ansicht, daß es dem Gegner gründlich besorgt worden sei, sondern war sogar unzufrieden mit dem Ergebnis seines Buschkriegs und ließ brummend abrücken. Für den Einjährigen Meyer aber hatte der Tag noch insofern eine peinliche Folge, als er sich fortan den Namen "Orang-Utan Meyer" gefallen lassen mußte. Im Lager Benge wurde an der Ausbildung der Rekruten weiter gearbeitet, während Njad auf Feldwache lag, in kleinen Vorstößen seine Leute an die Schießerei gewöhnte und das Vorgelände erkundete. Nach acht Tagen kam Klaus zur Ablösung. Das erste, was er sagte, war: "Ich habe mich selbst auf Feldwache kommandiert. Es wurde mir zu ungemütlich hinten. Der Pfeifer knurrt dauernd über das unbefriedigende Ergebnis unserer gewaltsamen Aufklärung. Auf der ganzen Front stehe man vor einem gemeinsamen Angriff, und wir wüßten noch nicht einmal, wie stark der Gegner ist und wo seine Schanzen liegen. Außerdem aber entwickelte mein Schattenspender, der große Baum neben meiner Hütte, recht unangenehme Eigenschaften. Ich saß zwei Tage wie in einem Bombenfeuer. Als es losging, knallte ein kanonenkugelähnliches Etwas neben mir auf den Boden. Ich sah mir das Ding an, eine steinharte, grüne Kugel, groß wie eine Kokosnuß. Wenig später flog ein zweites Geschoß dieses Kalibers auf das Dach meiner Hütte. So ging es weiter und wurde gestern noch toller. Die Nüsse kamen mit Kanonenfahrt von dem Baumriesen herunter. Solch ein Ding auf den Schädel, und der Franzose hätte einen Feind weniger. Njad lachte.
"Was den Baum anbetrifft, so werden Sie in Zukunft die Nase erst
in die Luft stecken und sich die Nachbarschaft etwas näher ansehen,
bevor Sie Ihr Lager aufschlagen. Und der Pfeifer wird nicht mehr knurren,
wenn ich ihm heute abend meine Meldung gemacht haben werde. Es kann
losgehen, ich bin genau im Bilde über die Stellung der Franzosen." Njad schickte die Wache als Spitze vor und folgte mit Klaus, ohne sich näher über die bisher gemachten Beobachtungen zu äußern. Kurz nach dem Austritt in das Grasland wurde die Spitze angeschossen. "Hat nichts zu bedeuten," sagte Njad, "wir können im Vormarsch bleiben. In einer Viertelstunde erreichen wir die erste Stellung der Franzosen, wo Silbermann vor acht Tagen in den Graben gepurzelt ist. Dort müssen Sie Ihren Zug entwickeln. Ich lasse meine Leute vorher in den Busch abschwenken, damit sie ungesehen in die Flanke kommen. Bin hier schon überall herumgekrochen und weiß genau, wo der Franzose sitzt. Jetzt wollen wir den Pfeifer beweisen, was Buschkrieg heißt." Klaus war ebenso erstaunt über diese Worte wie über die Tatsache, daß er weiter vorrücken konnte, ohne auf Widerstand zu stoßen. Der Weg führte schnurgerade durch das wie eine Mauer zu beiden Seiten stehende hohe Elefantengras. Plötzlich öffnete sich das Sichtfeld. Alles Gras war abgeschlagen, niedergetreten oder abgebrannt, man sah eine kahle, sanfte Höhe, gegen die sich von beiden Seiten der Urwald vorschob. Klaus bemerkte, daß die Spitzensoldaten hinter einigen in blauen Uniformen steckenden Senegalesen herschossen und die Stellung besetzten. "Lassen Sie ausschwärmen!" rief Njad, "und dann marsch, marsch hinein in den Graben. Erst dort kann ich Ihnen die Lage erklären." Die Schützenkette lief vor. Alles still, kein Schuß fiel. Dennoch machte Klaus ein grimmiges Gesicht, denn der Schweiß rann ihm von der Stirn, und der Graben war reichlich eng für sein Körpermaß. "Passen Sie auf," sagte Njad mit einem spitzbübischen Lächeln, "die Sache fängt jetzt an, nett zu werden. Kommen Sie hier hinter dem Grasbult langsam hoch und sehen Sie sich die Gegend an. Dort unten fließt der Juo, im Waldstreifen auf dem anderen Ufer liegt der Franzose und beobachtet uns, Entfernung 600 Meter." "Donnerwetter!" platze Klaus los, "und wir hier eben unter dem Höhenrand auf dem kahlen Felde, da sitzen wir ja geradezu in einer Falle." "Umgekehrt, die Franzosen sitzen in einer Falle und wir wollen sie uns jetzt langen. Haben zusammen achtzig Gewehre, damit läßt sich schon etwas anfangen." "Machen Sie keine Geschichten, Njad. Ich habe gerade genug davon, daß Sie mich in dieses verfluchte Loch hier gelockt haben." "Genug?
Wir haben ja noch gar nicht angefangen, Klaus. Eine Gelegenheit wie
diese, wo wir zwei ungestört nach unserem Kopfe losschlagen und
den Franzosen in seiner eigenen Falle fangen können, kommt wahrscheinlich
nicht so bald wieder. Wir werden dem Pfeifer die Lage schaffen, die
er für den allgemeinen Angriff braucht." "Ach
wo! Der Pfeifer wird nur erkennen, wer wir beide sind. Also, ich greife
mit meinem Zuge jetzt sofort dort durch den Busch links herum, gehe
über den Fluß, pirsche mich vorsichtig vor und fasse den
Franzmann direkt im Rücken." "Sollen Sie auch nicht, Sie haben eine ganz andere Aufgabe. In einer halben Stunde lassen Sie meine Spitze, die zwischen Ihren Leuten liegt, antreten und verstärken sie am besten auf zwei Gruppen. Meine Leute wissen, was los ist; sie sollen vorgehen, bis sie angeschossen werden. Das wird aller Voraussicht nach dort unten auf dem Brückendamm sein. Dann müssen unsere Kerle sehen, wie sie sich der Franzosen erwehren, bis ich hinten eingreife. Und Sie, Klaus, gehen auf der ganzen Linie mit Hurra drauf, wenn Sie mein Feuer hören. Na, was sagen Sie zu meinem Plan?" "Nicht Übel, wenn Sie Kompanieführer wären. Aber Sie sind ja nur Zugführer und werden von mir auf Feldwache abgelöst. Also kann aus Ihrem schönen Plan nichts werden. Wir dürfen ohne Befehl nicht ein so ernstes Gefecht anfangen. Denken Sie einmal an, wenn die Sache schief geht!" "Geht nicht schief! Und im übrigen müssen wir etwas unternehmen, wenn Sie vor Abend aus diesem Loch herauswollen. Der Franzose überfällt Sie sofort mit Feuer, wenn Sie Anstalten machen, sich zu drücken. Also Hand her, Sie greifen ein, wenn's Zeit wird. Nachher können Sie dem Leutnant melden, was Sie wollen." "Es ist eine verfluchte Kiste für einen alten Unteroffizier, so ohne Befehl loszuschlagen, aber hier meine Hand. In einer halben Stunde lasse ich die Spitze vorgehen. Noch eins, Njad, bedenken Sie, daß die Spitze verloren ist, wenn Sie nicht rechtzeitig eingreifen und auch durchdringen." Njad lächelte, legte dem Kameraden die Hand auf die Schulter und sagte: "Na ja, Klaus, auf Wiedersehen mit heilen Knochen!" Dann nahm er den ihn als Europäer kenntlich machenden Tropenhelm ab, kletterte ungedeckt aus dem Graben und ging rasch zurück. Da er Meldegänger markierte, kam er unbeschossen davon, erreichte auf altem Wechsel mit seinem Zuge den von einem breiten Sumpfe begleiteten Fluß und machte sich an die schwierige Arbeit, möglichst ohne Geräusch das andere Ufer zu gewinnen. Njad hatte
den Plan des Gegners gut erraten. Auf der französischen Seite lag
ein Offizier mit zwei von weißen Korporalen geführten Zügen
Senegalesen. Die Stellung im schmalen Waldstreifen direkt am Flusse
mit der Aussicht auf den langen Hang war das werk des kleinen, tatendurstigen
Leutnants. Er wollte die Deutschen ruhig herankommen lassen und erst
über sie herfallen, wenn sie im Juosumpf festsaßen. Mit Spannung
erwartete er den Vormarsch der Allemands, die auf der Höhe in dem
Graben saßen. Seinen zweiten Zug hielt er vorläufig in einer
zweihundert Meter zurück im Grase angelegten Stellung in Reserve.
Das Warten wurde dem kleinen Leutnant nicht lang, er beobachtete
die deutschen Soldaten, die sich sorglos im Graben bewegten. Er bemerkte
auch wie Njad sich entfernte, wollte aber unter keinen Umständen
seine Stellung durch einen Schuß verraten. Eine gute Weile später
hörte man seine tiefe Stimme: Die französischen Schützen in den Gräben zu beiden Seiten des Weges, in den Löchern am Sumpfufer und in den Bäumen richteten die schwarzen Augen auf achtzehn khakibraune Gestalten, die stolz und aufrecht den Abhang herunterkamen. Tapfere Kerle, diese deutschen Soldaten! Ohne einen Augenblick zu zögern, rückten sie vor bis an den Sumpfrand. Dort legte die Hälfte sich schlußfertig hin, während die andern neun den schmalen Brückendamm betraten und im Gänsemarsch vorgingen. Als der erste fast das von den Franzosen besetzte Ufer erreicht hatte, ertönte das Kommando des kleinen Leutnants: "Feuer!"
Feldwebel Klaus beobachtete von oben her in höchster Unruhe. Seine scharfen blauen Augen starrten regungslos auf den Kampfplatz. Er sah, daß die vordersten Soldaten von der Brücke in den Fluß sprangen, den Uferrand als Deckung benutzten und das Feuer der Franzosen erwiderten. Sie waren aber verloren, wenn Njad nicht bald eingriff. Herrgott, wo blieb Njad?" * Der kleine französische Leutnant frohlockte, daß die Deutschen ihm so prompt ins Garn gegangen waren. Gerade so hatte er sich den Vorgang gedacht, den Fang hätte nur etwas größer sein können. Er ließ einen Teil seiner Schützen auf der Höhe gelegenen feindlichen Graben unter Feuer nehmen, damit von dort keine Verstärkung käme, und sandte Befehl nach seinem zweiten Zuge vorzurücken. Er wollte dann von beiden Seiten über die Flußniederung hinübergreifen und die deutsche Spitzenabteilung mit möglichst geringen eigenen Verlusten vernichten. * Wo
aber bleib Njad? Aus blassem Gesicht starrten die dunklen Augen des Zugführers hinauf nach der feindlichen Stellung. Es war Bewegung in dem Graben, und plötzlich kam die ganze Besatzung zum Vorschein und lief in langer Kette nach rechts hinunter, der Gefechtslinie entgegen. Mit Njad sahen alle seine Soldaten diesen Vorgang. Ein Zischlaut, und brumm ballerten die Gewehre los! Ehe die Franzosen sich besonnen hatten, saß Njad ihnen schon mit seinem linken Flügel im Rücken und überschütterte sie mit einem Hagel der dicken blauen Bohnen. Mit Hurra sprang er weiter vor. "Schießt und brüllt, Kerls, daß sie das Laufen kriegen!" Und die Soldaten brüllten und schossen, bis drüben alles kopflos durcheinander lief. "Njad aju!" (der Büffel kommt) trompete eine helle Stimme neben Njab, und in tiefsten Baß fielen die Soldaten ein mit einem langgezogenen "He He!" Mit diesem "He He" brachen sie gegen die Franzosen vor. Feldwebel
Klaus atmete auf, als er endlich Njads Feuer im Rücken des Gegners
vernahm; der alte tolle Soldat erwachte in ihm und ging durch. * Dem kleinen französischen Leutnant fuhr der Schreck in die Glieder, als die Schießerei in seinem Rücken einsetzte. Ein Fluch brachte ihm Entschlußkraft. Er wollte zurück und die Lage hinten wiederherstellen. Mit einem Hochsprung verließ er den tiefen Graben, aber ehe er noch einen Schritt gemacht hatte, traf ihn die Kugel aus dem Gewehre eines der in seine Falle geratenen deutschen Soldaten, die noch immer bis zum Halse im Wasser standen und sich wehrten wie angeschossene Keiler. Die Senegalesen sahen ihren Leutnant fallen, sahen die lange Kette brüllender deutschen Soldaten den Hang herunterkommen und hörten das Feuer in ihrem Rücken, da war es mit dem Mute vorbei. Sie verließen die Stellung, flohen durch den Busch, gewannen das Grasfeld und nach langem Lauf ihre Rückzugslinie. Klaus und Njad trafen sich in der eroberten Stellung am Juo. Beide waren erschöpft und erregt. Ihr eigenmächtiges Vorgehen hatte sich zu einer ernsthaften Angelegenheit entwickelt. Die Franzosen hatten außer etlichen schwarzen Soldaten alle Europäer verloren. Der Leutnant und ein Korporal waren tot, der andere Korporal wurde unverwundet aus dem Busch geholt, wo er sich festgelaufen hatte. Auf deutscher Seite aber war nur der tapfere Spitzensoldat, der als erster den Gang über den Brückendamm angetreten hatte, gefallen; auch die Zahl der Verwundeten war gering im Verhältnis zu dem Erfolge. "So Klaus, die Sache hat geklappt," sagte Njad, nachdem die notwendigsten Maßnahmen getroffen waren. "Wir haben mit dem Buschkrieg nach unser Art der Kompanie eine Angriffsbasis geschaffen. Meinetwegen können Sie mich jetzt ablösen auf Feldwache. Wollen Sie gleich hier bleiben.?" "Natürlich bleibe ich hier. Säubere das Gelände und suche mir eine geeignete Stellung. Aber was melden wir bloß dem Pfeifer?" "Ach was, schreiben Sie, daß wir bei der Aufklärung angegriffen wurden und zum Gegenangriff greifen mußten, um uns herauszuschlagen. Das übrige besorge ich dann mündlich." * Die Ankunft des siegreichen Zuges mit dem gefangenen Franzosen und den Verwundeten erregte gewaltiges Aufsehen im Lager. Njad ließ in seiner Meldung mit keiner Silbe durchblicken, daß das Gefecht am Juo den Beweis für die Richtigkeit seiner Auffassung vom Buschkrieg hatte erbringen sollen, sondern berichtete schlicht das Ergebnis der glücklichen Aufklärungsoperation. Der Leutnant erkannte sofort, daß der Erfolg ausgenutzt werden mußte, und meldete demgemäß an das Kommando. Schon am nächsten Morgen erhielt er den Befehl, mit der Kompanie in Richtung Bertua vorzustoßen. Quelle: Trommeln rufen durch Kamerun, E.R. Petersen, K.Thienemanns Verlag Stuttgart, von rado by jadu 2002 |
