Trommeln rufen durch Kamerun
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Von Erich Robert Petersen

Durch den Busch der Menschenfresser
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Die große Angriffsbewegung der deutsche Dumefront hatte Erfolg gehabt und die Franzosen bis an den Kadei zurückgeworfen. Die Kompanie Langhans war unter dem Jubel der Eingeborenen in die Bajastadt Bertua eingerückt und sicherte von dort aus gegen Norden. Europäer und Soldaten fühlten sich als Sieger und ließen sich in ihrer Freude das ihnen von den Eingeborenen gespendete dickflüssige Maisbier gut schmecken. Bis auf gelegentliche Vorstöße kleiner feindlicher Abteilungen blieb es ruhig, so das die Kompanie die Zeit ausfüllen mußte mit Schanzen und Exerzieren. Hier unter dem sonnigen Graslandhimmel blühte in dem befestigten Lager die Blume treuer Kameradschaft auf; es war für die weißen Führer und die schwarzen Soldaten Stolz und Freude, der siegreichen Kompanie Langhans anzugehören. Monate gingen ins Land. Die Franzosen trafen neue Vorbereitungen und die deutschen konnten sie aus Mangel an Munition nicht daran hindern. Sie hatten genug zu tun, die Front zu halten. Gerüchte drangen nach Bertua, daß der rechte Flügel des Dumeabschnitts stark bedrängt werde. Und eines Tages brachte die Relaispost folgenden Befehl: Kompanie Langhans setzt sofort Vizefeldwebel und Oberjäger Mannhagen mit 60 ausgesuchten Soldaten in Marsch nach Dume. Der Leutnant schimpfte. Zwei Europäer und sechzig Soldaten! Was sollte die geschwächte Kompanie anfangen, wenn der feind vorging? Befehl ist Befehl! Die Abteilung Klaus marschierte nach Dume und wurde von dort in Eilmärschen nach dem rechten Flügel der front dirigiert. Aber bevor sie dort in das Gefecht eingreifen konnte, erreichte sie ein neuer Befehl: "Zurück nach Bertua!" Es war gekommen, wie Langhans befürchtet hatte. Der Franzose griff überraschend den geschwächten linken deutschen Flügel an und brachte durch rücksichtsloses Vorgehen die ganze Front zum Zusammenbruch. Alles, was seit dem Gefecht am Juo gewonnen worden war, ging wieder verloren. Ehe die Abheilung Klaus die Feste Dume wieder erreicht hatte, war Bertua schon von den Franzosen genommen. Wenig später fiel auch Dume. Damit zerriß die Verbindung zwischen den Kommando und der von Bertua aus westwärts zurückgeworfenen Kompanie Langhans. Die Abteilung Klaus erhielt den Befehl, sich auf Buschwegen nordwärts durch das Gebiet der aufständischen Maka zu der abgeschnittenen Kompanie durchzuschlagen. Klaus und Njad gingen mit einiger Spannung an die Ausführung dieses Auftrages. Sie kannten beide den berüchtigten Makabusch nur aus Erzählungen und mußten sich danach auf die abenteuerlichsten Erlebnisse gefaßt machen. Auf einem kaum begangenen Pfade ging es unter Führung der Makasoldaten Mballa und Mbidda durch Schluchten und über Höhen in ein landschaftlich schönes Gebiet hinein. Die kleinen Farmdörfer am Wege waren verlassen, und wo einzelne Leute am Feuer saßen, flohen sie beim Anblick der Soldaten, ohne einen Laut von sich zu geben. Die beiden Führer mußten bald zugeben, daß sie sich in dem Gewirr der sich kreuzenden Buschpfade verlaufen hatten. Da übernahm Njad die Führung in der allgemeinen Richtung Norden. Die Soldaten hielten auf dem Marsche tadellose Ordnung, denn sie waren auf plötzliche Angriffe gefaßt. Alle hatten von der Wildheit und Verschlagenheit der Maka gehört und erzählten sich die schauerlichsten Geschichten von Überfällen der Menschenfresser auf Karawanen und einzelne Soldaten. Wider Erwarten blieb aber im dichten Busch alles ruhig. Nach einigen Marschstunden gelangte die Abteilung in bewohntes Gebiet. Als die Spitze das erste Dorf erreichte, wurde sie mit Geheul und Pfeilschüssen empfangen. Die nur mit einem Bastschurz bekleideten Wilden stellten sich aber nicht als kampfentschlossene Männer den Soldaten entgegen, sondern liefen beim Anblick der vielen braunen Uniformen hinter die Hütten. Von dort aus der Deckung schossen sie ihre Pfeile, und zwar steil in die Luft, wobei sie die Entfernung berechneten, wo ihre Geschosse niedersausen würden. Die langen mit eisernen Spitzen und Widerhaken versehenen Pfeile fielen mit solcher Wucht nieder, daß sie sich neben den vorgehenden Soldaten tief in den harten Lehmboden einbohrten. Feldwebel Klaus ließ ein paar Salven abgeben und dann das Dorf besetzen. Weiber und Kinder waren im Busch verschwunden, die Männer aber saßen am Dorfrande hinter Bananenstauden oder Rinderwänden und beobachteten den Dorfplatz, über den ihre durch die Schüsse wild gewordenen Ziegen galoppierten. Den Soldaten stachen die feisten, kurzbeinigen Ziegen in die Augen, und als Klaus befahl: "Her mit den Ziegen!" spritzten sie davon wie Jagdhunde und fingen oder schossen ein gutes Dutzend. Derweilen kamen immer noch lautlos und heimtückisch die Pfeile der Maka geflogen; zwei Soldaten wurden leicht verletzt. Man rückte ab. Kurz hinter dem Dorfe gabelte sich der Weg. Wohin? Die Spitze wartete, bis Njad heran war und die Richtung angab. Der Aufenthalt wurde ausgedehnt zu einer rast, während der die Ziegen geschlachtet wurden bis auf zwei, die als Opfer der Europäerküche mitlaufen sollten. Marsch!
Stunde um Stunde ging es in langer Reihe weiter durch den stillen Urwald.
Am späten nachmittag sah die Spitze von der Höhe einer Kuppe
aus auf ein großes Dorf und ein sich dahinter erstreckendes, in
den Urwald eingesprengtes Grasfeld hinab. Die Soldaten ließen
die Weißen herankommen. Die Spitze wurde erst bemerkt, als sie den Dorfrande und dem Grasfelde zu. Aber keiner von ihnen schoß einen Pfeil oder warf ein Speer. "Die Kerle sind bange!" sagte Klaus. "Zum Lachen, wie das davonläuft. Sogar die Großmama macht lange Beine. Und dabei sind nicht wir die Menschenfresser, sondern vermutlich sie. Aber sie schießen wenigstens nicht. Vielleicht kommen sie zurück, wenn sie sehen, daß wir friedlich sind. Hätte gern Verpflegung für die Soldaten und einen Führer für morgen." "Auf den Führer verzichte ich, finde auch selbst den Weg zur Kompanie, aber Kassada (Maniokknollen) und Planten (Mehlbanane) brauchen wir zu dem Ziegenfleisch. Schicken Sie Mballa und Mbidda als Unterhändler vor." Die beiden genannten Makasoldaten gingen vor und riefen den Dorfleuten schon von weitem in ihrer Sprache zu, nicht fortzulaufen, die weißen Herren kämen als Freunde. Am Rande des Grasfeldes kamen sie mit den Eingeborenen in Berührung und begannen sogleich wegen Nachtquartier und Verpflegung zu verhandeln, recht umständlich natürlich, wie es brauch ist bei den Schwarzen. Häuptling Samba verstand sehr wohl, um was es sich handelte, wollte aber erst wissen, woher die Weißen kämen, wieviel Soldaten sie hätten und wohin sie marschierten. Kurz, es entwickelte sich ein langes Palaver. Klaus verlor die Geduld, gab mit dem Fluche " Der Teufel soll die Bande holen!" seinem Schimmel die Sporen und sprengte auf die aus dem Grase herausguckenden Köpfe der Wilden zu, um die Verhandlung abzukürzen. Die Maka verstanden seine Galoppade aber falsch, husch, fort war die ganze Bande, alles im hohen Grase verschwunden wie flüchtendes Wild. Klaus ritt demütig zu Njad zurück. "Da ist nichts zu machen, müssen schon abwarten, ob die beiden Soldaten etwas erreichen. Einstweilen können wir aber schon die Hütten verteilen, dann können unsere Kerle gleich mit dem Kochen des Ziegenfleisches beginnen. Man liest schon aus allen Augen den Vorwurf: Viel Hunger, Massa" Die Weißen
wählten sich die größte der mattengedeckten Hütten
als Nachtquartier. Wie alle Hütten in Makadörfern besaß
sie als Tür nur ein quadratisches Loch in der Rindenwand, durch
das man hineinsteigen mußte. Klaus ging voran, machte eine Verbeugung
und steckte ganz natürlich den Kopf und den rechten Arm zuerst
durch die Öffnung. So blieb er stehen. Klaus stand da mit Kopf und rechtem Arm in der Hütte und versuchte vergeblich, das rechte Bein nachzuziehen. Er stieß immer mit dem Knie gegen die untere Türleiste und kam nicht weiter. "Donnerwetter, ich komme da nicht durch!" "Natürlich kommen Sie durch," lachte Njad, "aber man kann im Makalande so wenig wie anderswo mit dem Kopf durch die Wand. Kommen Sie hoch, ich werde Ihnen vormachen, wie man durch solche Tür steigt. Kenne das aus dem Busch." Klaus zog den Kopf zurück und richtete sich auf. "Das ist ja eine elende Falle. Warum machen die verfluchten Buschleute keine anständige Tür, wenn sie so tadellose Hütten bauen können?" "Weil vermutlich gewisse Polizeimeister, die unerwartet ankommen, um die Nase in ihren Suppentopf zu stecken, solange festgehalten werden sollen, bis die Bewohner auf der Rückseite der Hütte entwischt sind. Sie wissen doch, Klaus, daß die Maka bei Gelegenheit noch Menschenfleisch fressen; da halten ihnen eben diese kleinen Türen unerwünschten Besuch fern. Also passen Sie auf, wie man hineinkommt: Rechtes Bein, rechter Arm. Kopf, wenn Sie diese Reihenfolge beachten, schlüpfen Sie mühelos durch das kleine Loch. Das Bein voran und nicht den Kopf, sonst sitzen Sie fest." Njad machte das Kunststück vor, Klaus ihm nach. Es war fast dunkel in der Hütte und voller rauch. Die beiden Jungen, die ihren Weißen überall hin als treuer Diener folgten, kamen hinzu, ließen das Feuer aufflammen und bauten die Feldbetten auf. Sie hatten ihren Weißen schon im Frieden gedient und das langsame Abgleiten von der Lebensweise der großen Herren zu der eines rauhen Feldsoldaten mit durchgemacht. Viele Umstände gab es nicht mehr, und fix mußte alles gehen. Wenn der Weiße nach solch einem Marschtage sich gewaschen und erfrischt hatte, wollte er auch bald zu essen haben, einerlei was es war. Da mußten Koch und Boy sich eilen. Heute gab es gekochtes Ziegenfleisch mit jungem Mais und Kassada, eine köstliche Sache. Der Dorfhäuptling Samba ließ sich nach langen Verhandlungen mit Mballa und Mbidda doch noch herab, den Weißen seine Aufwartung zu machen. Groß und stattlich kam er an der Spitze einer Schar dickbäuchiger, mit Bündeln grüner Mehlbananen beladener Jungen daher und reichte den vor seiner eigenen Hütte sitzenden weißen Herren flüchtig die Hand. Dann wandte er sich nach einem Jungen um, nahm zwei gefesselte Hühner entgegen und reichte jedem der Weißen eins als Gastgeschenk. Die Gegengabe bestand in Tabak und einigen Silbermünzen, die zugleich die Bezahlung für Verpflegung und Nachtquartier darstellen. Häuptling Samba befahl den Jungen, die mitgebrachten Farmererzeugnisse den Weißen vor die Füße zu legen. Inzwischen waren seine Augen nicht müßig. Sie wanderten in die Runde und zählten die Köpfe der vor den Hütten in Kochgruppen an Feuern hockenden Soldaten. Er spreizte dabei fünfmal die Finger seiner schmalen Hände und fünfmal ballte er die Fäuste. Dann hetzte er die Jungen auf seine Ziegen, die noch zwischen den Hütten herumliefen. Rasch und gewandt führten die schwarzen nackten Buben den Befehl aus und verschwanden mit der Herde im Grase. "Ich gehe," sagte darauf der Häuptling zu den Weißen und machte sich eiligst davon. Das erste Wort, daß er zu seinen im Grase lagernden Dorfgenossen sagte war: "Kama mitan!". Fünfmal alle zehn Finger hatte er gezählt, das machte also fünfzig Soldaten. Die schwarzen Männer legten als Ausdruck des Erstaunens die flache Hand auf den Mund. "So viele!" Aber Samba wußte noch mehr zu berichten. Er hatte auch unbewaffnete Träger und junge Weiber gesehen, Dinge, die im höchsten Grade begehrenswert erschienen. Und so hielt der weiße Häuptling Samba ein sehr ernstes und geheimnisvolles Palaver mit seinen Kriegern ab. Während in seinem Dorfe die Kessel mit Ziegenfleisch brodelten, während die beiden Weißen und ihre Soldaten wohlgesättigt zur Ruhe gingen, eilten seine Boten geschäftig nach Meia, dem nächsten großen Dorfe an dem Wege, dem morgen die Weißen folgen mußten. Der benachrichtigte Häuptling Meia verstand sofort, was Sambas Botschaft bedeutete, und traf einerseits geheimnisvolle Vorbereitungen. Die Nachricht von dem Fall der Feste Dume hatte ja mit Windeseile das Makaland durcheilt und alle Begriffe verwirrt: "Die Herrschaft der Deutschen ist vorbei, jetzt geht das alte Leben wieder an!" Die wilde Freiheitsliebe und Blutgier von einst stammte unter den alten Kannibalen erneut auf, obwohl alle ihre bisherigen Aufstände blutig niedergeschlagen worden waren. Im Morgengrauen standen die Häuptlinge Samba, Meia und Ewinna mit dreihundert bewaffneten Kriegern an der Schlucht des grauen Geistes, der Gorillaschlucht, bauten ihre Falle auf, verteilten die Rollen und warteten auf das Wild. Als die Abteilung Klaus sich nach durchschlafener Nacht marschbereit machte, ließ sich kein Dorfbewohner sehen, kein Mann, kein Weib, kein Kind, keine Ziege. Friedlich und still lag das von Urwald umgebene weite Tal da; außer dem fröhlichen Flöten der Graupapageien und der Glanzstare war kein laut zu hören. Die Soldaten waren gut gelaunt, der starke Fleischgenuß hatte den Gliedern neue Kraft verliehen. Vielleicht erreichte man heute schon die Kompanie, dann sollte es den Franzosen dreckig gehen. Trillerpfiff Kommandos! Die Spitze trat an, in ganz kurzem Abstand folgte der Zug in gefechtsbereiter Marschordnung. An dem Grasfelde vorbei führte der Weg wieder in den Busch. Zu beiden Seiten standen hohe Urwaldmauern, hin und wieder unterbrochen von Lichtungen, die auf alte Dörfer schließen ließen. Nach einer guten Marschstunde näherte sich die Spitze einem Wasserlaufe, dessen jenseitiger Uferrand zu hohem Urwald hinanführte. Die breite Quellschlucht war von Morgennebel und Dämmerlicht erfüllt. Zerrissene Lianen hingen von den Baumriesen herab, an den Steilrändern der Schlucht breitete märchenhaft schöner Baumfarn seine Wedel über großblättrige Stauden. Dazu Grillengezirpe und in der Höhe das Schnarren eines Nashornvogels. Ein ungewisses
Etwas, das in der Luft lag, ließ die Spitzensoldaten aufmerken,
als sie den diesseitigen Hang hinabstiegen. Es war nichts Verdächtiges
zu sehen oder zu hören, dennoch nahmen sie die Gewehre hoch. Und
richtig als die ersten die Brücke erreichten, die auf dem
Rücken eines gefällten Baumes den Quellsumpf überspann,
gellte vorne von der Höhe und wie ein Echo auch weiter zurück
aus dem Busch vielhundertstimmig der schauerliche Kriegsruf der Maka: Noch ehe er verklungen war, erfolgte die knatternde Antwort der Spitze, denn eine Wolke von Pfeilen war mit dem "Hü - ä!" von der jenseitigen Steilwand herniedergeregnet auf die Soldaten. Als die zweite Wolke geflogen kam, besetzte Njad schon mit einem Halbzuge den dieseitigen Schluchtrand und sandte mit weithinschallendem Kommando Salve auf Salve hinüber. Dann rief er: "Flügelgruppen Schützenfeuer!" riß die in der Mitte liegenden Soldaten hoch "auf marsch, marsch!" und stürmte, gedeckt durch das Feuer der Flügel, über die Brücke. Ehe die Bogenschützen, denen die hitzige Feuertaufe übel bekam, sich dessen versahen, war Njad zwischen ihnen und konnte nun seinerseits das Nachrücken der Flügelgruppen decken. Die Maka
waren verblüfft über die Plötzlichkeit eines Angriffs,
wo sie selbst Angreifer sein wollten. Aber sie ließen sich durch
die Verluste unter den Bogenschützen nicht entmutigen, sondern
erhoben noch einmal den Kriegsruf: "Hü - ä! Hü -
ä!" Die Speerwerfer, mutige Männer, nackend bis auf den
Lendenschurz aus Bast, wagten sich aus der Deckung auf der Höhe
hervor und liefen hochaufgerichtet durch den lichten Hochwald den Mündungen
von dreißig Gewehren entgegen. Schauerlich gellte ihr Kampfgebrüll.
"Hü - ä! Hü - ä!" Ein Augenblick
höchster Gefahr! Njad schoß selbst mit, es kam auf jede Kugel
an. Peng, peng, peng! Vielfach brach sich der Schall an der hohen Waldwand,
es war einunheimliches Geknatter. Die Einundsiebziger Gewehre
erfüllten den Wald mit Pulverrauch. Nach kühnem Anlauf wich
die angreifende braune Welle vor der Feuerlinie zurück. Nur hier
und da ein schwarzer Held, der lieber sterben wollte als fliehen. Die Schützenkette ging vor und fand keinen Widerstand mehr. Der Busch hatte die Maka verschlungen, nur ihre Gefallenen lagen wie erlegtes Wild mit gebrochenen Augen im Schatten des ewigen Urwaldes. Feldwebel Klaus, der an diesem Morgen die Nachhut führte, hielt sich nicht lange damit auf, die im Hinterhalt liegenden Makakrieger zu erledigen, sondern beschränkte sich darauf, sie sich durch heftiges Feuern vom Halse zu halten. Dabei rückte er Njad scharf nach, um nicht abgeschnitten zu werden. Erst an der Schlucht machte er Kehrt, nahm Stellung und deckte den Übergang der Träger, Weiber und Pferde. Wie bei Njad wurden auch bei ihm einige Soldaten durch Pfeilschüsse verletzt, und ein Junge erhielt einen tödlichen Speerstich. Nachdem die unheimliche Schlucht des grauen Geistes passiert war, wurde Halt gemacht, um die Verwundeten zu verbinden. Da die Maka nicht mit vergifteten Pfeilen geschossen hatten, waren die Wunden nicht weiter gefährlich, wohl aber gestaltete sich ihre Behandlung sehr schmerzhaft. Die schwarzen Heilgehilfen pflegten bei Pfeilschüssen vor dem Herauslösen der Widerhaken die Wundränder durch kleine Stäbchen zu weiten. Die Soldaten betteten inzwischen den getöteten Knaben in die Erde und machten das Grab unkenntlich zum Schutze gegen Hyänen und Menschenfresser. Die Abteilung Klaus setzte ihren Vormarsch nach Norden fort. Die Maka blieben unsichtbar. Zum erstenmal seit dem Eindringen in den Urwald hörten die Soldaten jetzt aber Trommelsignale aus dem Busch. Die Nachricht von ihrem Anmarsch lief ihnen voraus. Die Landschaft veränderte sich allmählich, der Wald zeigte auf weite Strecken dichte Bestände von Ölpalmen, die niedrig geblieben und deren Wedel zu einer schier undurchdringlichen Hecke miteinander verfilzt waren. Hier hindurch zog sich der Weg, als wäre er in die grüne Wand hineingesprengt worden. Weiterhin lichtete sich der Palmenbestand; Grasstreifen durchzogen den Busch, und im hohen Grase standen, kerzengerade gewaschen, riesige alte Ölpalmen, wie sie den Stolz und den Schmuck des schönsten Teils von Mittelkamerun bilden. Der Marsch
durch diese herrliche Landschaft wäre für Klaus und Njad ein
Vergnügen gewesen, wenn nicht die Maka erneut und immer wieder
unter ihrem unheimlichen Kriegsruf Überfälle verübt hätten.
Bei einem der plötzlichen Angriffe aus der Flanke gelang es einigen
der wie brüllende Teufel aus dem Grase hervorbrechenden Maka, die
für die Europäerküche requirierten beiden Ziegen dem
mit der Wartung betrauten Träger abzujagen. Der Wärter erhielt
ein Messerhieb über den Schädel, und der Soldat Atangana,
der einen der Räuber niederschoß, büßte seine
Pflichttreue mit einem abscheulichen Pfeilschuß in den Leib. Ohne
einen Schmerzenslaut von sich zu geben, ließ er sich an seinem
Gewehr niedergleiten und streckte sich lang aus. Der Weiße
hatte die Schüsse gehört und war schon zur Stelle. Njad beugte sich über den Verwundeten."So, so, Atangana, ruhig, ruhig. Du bist ein guter Soldat und ein Mann mit einem starken Herzen. Ich lasse dich nicht im Stich. Ruhig, so, so!" Während Njad sich hier um den todwunden schwarzen Kameraden bemühte und ihn sorgsam in eine Hängematte bettete, stand Klaus hundert Meter weiter vorne im Schatten üppiger Bananenstauden vor einem freien Platz, der sich als Trümmerstätte eines abgebrannten großen Dorfes erwies. Es mußte ein prachtvoller Ort gewesen sein. Die breite Straße war mit Zitronengras eingefaßt und überall standen großartig gewachsene Ölpalmen, die der ganzen Umgegend eine fast märchenhafte Schönheit gaben. Der neben Klaus stehende Unteroffizier Bossamo sagte: "Wenn die Maka ihre Dörfer abbrennen, bedeutet das Krieg." "Du bist sehr klug," sagte Klaus. "Hatten wir nicht schon den ganzen Tag Krieg, obwohl wir bisher kein abgebranntes Dorf getroffen haben?" "Aber
dies hier ist das Dorf des großen Königs Menduka," warf
der Soldat Mballa ein, der sich jetzt in seiner Heimat befand und den
Weg kannte. "Mballa, weißt du, was wir zu diesem bösen Gesetz sagen? Das oder dies hier!" Klaus machte dabei zuerst das Zeichen des Aufhängens und zeigte dann auf sein Gewehr. Der schwarze
antwortete schlicht: "ich weiß, daß das Makagesetz
ein schlimmes Gesetz ist, denn ich habe durch euch Verstand bekommen.
In allen Ländern der Schwarzen ist es so, daß die jungen
Männer auf eurer Seite stehen, Massa, weil sie wissen, daß
es sich besser lebt nach eurem Gesetz. Aber die alten großen Männer
in meiner Heimat und auch anderswo wissen es nicht. Sie werden mit uns
kämpfen und uns töten und unser Fleisch essen." "Ja,
und ich fürchte mich auch nicht. Ich bleibe bei dir und Njad, auch
wenn ich gegen meine eigenen Brüder kämpfen muß. Wir
müssen noch eine Nacht im Makabusch schlafen, ehe wir in das Land
der Jekaba kommen." Klaus ging mit der Spitze in Schützenlinie vor, der Zug folgte unter Njad. Das abgebrannte Dorf wurde ohne Zwischenfall passiert, auch im Busch blieb alles friedlich. Aber ferne riefen und polterten die Holztrommeln: Rattata bumm, rattata bumm! Unaufhörlich und in stetigwechselnde Rhythmus wirbelten die Signale durch den Busch und schienen die Abteilung zu begleiten. Vor einem
großen, gut erhaltenen Dorfe, das still und verlassen unter Ölpalmen
dalag, wartete Klaus auf Njad. Die beide Kameraden ließen sich unter dem weit vorgebauten Dache einer Hütte nieder und wiesen den Soldaten die benachbarten Hütten zu. Alles sollte an Feuern vor der Hütte schlafen, um sofort kampfbereit zu sein, wenn die Nacht Überraschungen brächte. Zunächst galt es aber, Verpflegung zu beschaffen. Man hatte Zeit genug, es war noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. Einige Soldaten zwängten ihre Füße in die großen Kommißstiefel, die sonst bei dem von den Weibern geschleppten Gepäck ein friedliches Dasein führten, und schickten sich an, die auf Farmsuche gehenden Träger und Weiber zu begleiten. Die Stiefel zogen sie an, um auf alle Fälle geschützt zu sein, wenn die Maka den Zugang zu den kleinen Farmwegen mit in den Boden gesteckten spitzen Bambusstäbchen gespickt hätten. Mit den derben Stiefeln ließen sich die Spitzen rasch niedertreten, so daß der weg für die nachfolgenden Barfüßler gangbar wurde. Bei der Suche nach Farmen hatten die Weiber die beste Nase. Man fand eine große Planten - und Maisfarm und begann sofort mit der Ernte. Als alles noch eifrig dabei war zu raffen und zu pflücken, erscholl plötzlich ringsum im Busch der bekannte schauerliche Kriegsruf: "Hü - ä! Hü - ä!" Die Weiber und Träger liefen schreiend zusammen, ohne dabei die gefaßten Lebensmittel im Stiche zu lassen; soviel hatten sie auch schon im Krieg gelernt. Unteroffizier Bossamo, der die Aufsicht hatte, ließ zur Beruhigung einige Schüsse gegen den Buschrand abgeben und zog sich dann zurück. Hinter ihm begannen nah und fern die Trommeln zu rufen und zu sprechen. Dazu das allmählich im Walde verklingende Hü - ä! Hü - ä. So ganz geheuer war dem alten Soldaten doch nicht zumute. Im Dorfe
hatte derweilen Soldat Mballa in der Krone einer Palme, die unweit der
Hütte der beiden Weißen stand, eine Kalebasse entdeckt, wie
sie die Eingeborenen benutzten zum Auffangen des süßen Palmweins,
Mimbo genannt. Mballa zog die Uniform aus und erklomm den knubberigen
Stamm. Freudestrahlend kam er mit der gefüllten Kalebasse wieder
herunter und brachte sie den Weißen. "Da
sitzen wir also gemütlich mitten im Lande der freundlichen Maka,
die so hungrig sind nach unseren Schinken," sagte Klaus, sog an
der Zigarre aus Kameruner Tabak und tat einen Zug von dem guten Mimbo. "Schlimm,
aber es kann im Kriege jeden treffen. Morgen werden wir den Makabusch
hinter uns haben. Der gute Pfeifer wird Augen machen, wenn wir plötzlich
aus dem Busch auftauchen." Man hörte aus dem Busch einige Schüsse. Klaus entsandte eine Patrouille; sie kam kurz vor Dunkelwerden mit den Vepflegungsholern zurück. Die Weiber und Träger waren noch in heller Aufregung und sorgten dafür, daß ihr Erlebnis allen bekannt wurde. Bald wußte jeder, daß der Busch voller Maka saß, die feindlich gesonnen waren und ganz bestimmt in der nacht einen Überfall machen würden. Feldwebel Klaus trat groß und breit zwischen die Leute und sagte: "Die Hauptsache ist, daß was zum Fressen da ist. Nun macht, daß ihr den Bauch vollkriegt, sonst könnt ihr nicht schlafen und morgen nicht marschieren. Mit euren Maka," er machte eine wegwerfende Handbewegung "werden wir schon fertig werden." Er wandte sich und machte mit Njad noch einen Rundgang um den belegten Teil des Dorfes. Sie mußten mit der Möglichkeit eines nächtlichen Überfalls rechnen. Einige ungünstig gelegene Hütten wurden abgebrannt und der Zugang zu dem Dorfe von den Buschseiten aus durch rasch übereinander geschlagene Plantenstauden zum mindesten erschwert. Im übrigen mußte man sich auf die Aufmerksamkeit der Posten verlassen. Als es Abend geworden war, saß alles an den Feuerstellen vor Töpfen mit Ziegenfleischsuppe. Dazu gab es geröstete Planten und Kassadabrei. Die beiden Weißen verzehrten die von Häuptling Samba, dem Verräter, geschenkten Hühnchen, und so saß alles im Lager beim Schmausen, während im Busch näher und aufreizender die Trommeln der Maka ratterten. "Ein
ekelhaftes Bewußtsein, dauernd von den Wilden umlauert zu werden!"
sagte Klaus. "Wären wir bloß aus diesem Saubusch heraus!" Klaus bedurfte dieser Einladung nicht, er futterte immer sehr tüchtig. Aber das Schmausen hinderte ihn nicht, sehr düstere Überlegungen aufzustellen. "Eigentlich sitzen wir in einer abscheulichen Falle," sagte er. "Wenn fünf - oder sechshundert bewaffnete Maka in der Nacht aus dem Busch hervorbrechen und über uns herfallen, sind wir rettungslos verloren. Was wollen Sie machen? Ein paar Schüsse, und dann ist Schluß. Der Maka springt an die Hütten heran, Feuer an die Dächer, daß alles in Flammen steht, und dann mit Speeren die verwirrten Soldaten erledigt. Aus!" Njad knabberte an einem Hühnerei und sagte dabei ruhig: "Sie würden bestimmt ein großer Häuptling geworden sein, wenn Sie in diesem Lande als Maka geboren wären. Wahrscheinlich würden sie dann auch die Probe, nur mit dem Speer bewaffnet gegen feuerndes Militär anzustürmen, mit mehr Glück bestehen als die prachtvollen Kerle, die heute morgen in meinem Feuer fielen. "Verdammt, auch für solche Prachtkerle will ich nicht gerne den Saftbraten liefern. Im ehrlichen Gefecht werden wir sie allemal abschmieren, aber wenn sie uns im Schlafe überfallen " Klaus brach
ab. In nächster Nähe waren zwei Schüsse gefallen. Sofort
waren die beiden Kameraden auf den Beinen, auch die Soldaten standen
im gleichen Augenblick alarmbereit da. Was war geschehen? Einer der
Posten hatte einen heranschleichenden Maka, der nach dem Anruf mit dem
Speer nach ihm geworfen hatte, erschossen. Alles lagerte
sich wieder. Eine Weile
blieb es still. Dann hörte man wieder Trommelsignale aus dem Busch
und bald darauf ziemlich nahe den drohenden Kriegsruf Hü - ä!
Hü - ä! Die Trommelsignale
wiederholten sich und wurden lauter und drohender! Nach einer Stunde
waren sie auf allen Seiten fern und nah zu hören. Als der Mond
hinter die Urwaldwand trat, erhob sich auch wieder der Kriegsruf der
Maka. Schaurig klang es von beiden Seiten des Dorfes: "Hü
- ä! Hü - ä!" "Donnerwetter
ja, wenn Sie es denn immer noch für richtig halten,
dann soll meinetwegen der alte Büffeljäger kommandieren. Dies
hier ist für einen Soldaten unerträglich. Wenn die Maka uns
dann abschmieren, haben wir wenigstens irgend etwas unternommen." Die Jungen und Träger wurden leise geweckt, daß sie die Lasten fertig machen. Husch, husch ging es ans Werk. Auch die Soldaten begriffen sofort, um was es sich handelte, und waren in wenigen Minuten marschbereit. Zur Ausrüstung für den Nachtmarsch gehörte eine Handvoll aus dem Hüttendach geraffter dürrer Raffiastäbchen, die Buschfackel, die aber noch nicht angezündet wurde. Alles fertig!
Die Seitenposten wurden eingezogen. Njad ging mit zwei Gruppen vor bis
an den Dorfrand, wo der letzte Posten stand. Hinein ging es dem Wege nach in den pechschwarzen Urwald. Man mußte sich vorwärtsfühlen, zehn Schritt, zwanzig Schritt, fünfzig. Njad nahm Witterung wie ein sicherndes Stück Wild. Feuerrauch! Die Maka mußten ganz nahe sein. Da gellte hinten am letzten Dorfrande der Kriegsruf: "Hü - ä! Hü - ä!" Schmetternd
kam Antwort rings aus dem Busch und auch aus der Dunkelheit unmittelbar
vor Njad und seinen Soldaten. Gleich darauf wiederholte sich der Ruf,
der Angriff der Maka begann! Die Soldaten wußten, um was es ging. Hier gab es keine Möglichkeit, sich zu drücken und andere vorgehen zu lassen, hier wurde alles abgeschlachtet, wenn der Durchbruch nicht gelang. Darum: Beisammenbleiben und vorwärts! Auf den Weg fiel plötzlich von vorne ein rötlicher Schein. "Marsch, marsch!" trompetete das Kommando Njads. An der Wegebiegung stieß die Spitze auf vorgehende Maka, die weiter zurück an feuern gehockt hatten und jetzt unter ihrem Kriegsruf in wilden Haufen vorstürmten. Es war ein phantastisches Bild, wie sie auf dem Urwaldweg daherkamen, in der Rechten den Speer oder das Haumesser, in der Linken Reservespeere und eine brennende Fackel. Wie ein Donnerschlag fuhr die erste Salve in den Haufen der Wilden. Njad ließ herausfeuern aus den alten Knarren, was nur irgend drinnen war. Dennoch flohen die Maka nicht vor den donnernden Feuerstrahlen, sondern warfen ihre Speere und versuchten sogar, weiter gegen das Gewehrfeuer anzurennen. Furchtbar wirkten die Jägerbüchsen auf die nahe Entfernung, und die Geschosse aus Njads schwerer Pirschbüchse durchschlugen ganze Reihen der nackten Körper. Njad
ließ während des Feuerns vorgehen. Es war keine Zeit zu verlieren.
Die Spitze mußte mit rücksichtsloser Energie angreifen und
den Weg freigemacht haben, ehe der Feind von hinten heran war. Plötzlich
ein Kanonenschlag aus dem Haufen der Maka! Ein Eisenhagel fuhr zwischen
die Soldaten, Vorderlader! Ekelhafte Sache. Njad kannte diese
abscheuliche Waffe. Steinschloßgewehr mit unglaublicher Pulverladung,
Lauf vollgepfropft mit Eisenstücken, abgeschossen von der Hüfte
aus. Ein zweiter Schuß dieser Sorte! Es gab Verluste. Njads
Vormarsch wurde aufgehalten. Die Lage wurde brenzlich. Schüsse
nach allen Seiten, Aufheben von Verwundeten, Verstärkung vorziehen.
Dazwischen neuer Angriff der Maka. Feldwebel
Klaus, der den Rücken des Zuges deckte, hörte es und erhob
seine gewaltige Stimme: "Tempo,
Tempo!" rief Klaus von hinten. Er hatte zurückblickend bemerkt,
daß die Maka das Dorf in Brand gesteckt hatten und nun mit Feuerbränden
der Abteilung nachrannten. Drei Salven ihnen entgegen, dann kehrt und
dem Zuge schleunigst gefolgt. Die
gellenden Kriegsrufe im Rücken des Zuges verhallten. Es war einen
Augenblick stille. Dann plötzlich ein schriller Schrei, dem vielstimmiger
Klagelaut folgte. Klaus blieb stehen und horchte. "Was bedeutet
das?" "Wozu,
Massa?" sagte der Soldat gelassen. "Wenn Menduka uns verfolgen
wollte, könnten wir ihm doch nicht entgehen, denn wir haben Tote
und Verwundete zu tragen. Und weißt du nicht, daß die Trommel
schneller läuft als irgendein Mensch? Menduka könnte durch
die Trommeln sprechen nach Awum und Manga, die beide an diesem Weg wohnen,
und ihnen befehlen, den Weg zu sperren, denn er ist ein großer
König unter den Maka." "Er
wird es nicht tun, weil er dich und Njad jetzt viel zu sehr fürchtet.
Er wollte uns fressen, aber nun haben wir viele seiner Leute getötet
und würden noch mehr töten, wenn er uns noch einmal angriffe.
Solchen Krieg liebt der Maka nicht. Er ist nicht wie der Deutsche. Ihr
kämpft und kämpft und niemand weiß, wann dieser Krieg
aufhört." "Ich
schleppe vorne drei Tote mit, auch Verwundete, weiß noch nicht
wieviel." Quelle: Trommeln rufen durch Kamerun, E. R. Petersen, K.Thienemanns Verlag Stuttgart, von rado by jadu 2002 |
