Trommeln rufen durch Kamerun
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Von Erich Robert Petersen

Njad, der Jäger
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Die um die Abteilung Klaus geschwächte Kompanie Langhans war nach einem von vornherein aussichtslosen Gefecht um Bertua von den nachdrängenden Franzosen westwärts zurückgegangen und folgte der Straße, die an der Grenze zwischen Gras - und Waldland in das Herz Kameruns führt. Weite Strecken des Graslandes waren unbewohnt und für die Kompanie, die auf Verpflegung aus den Farmen der Eingeborenen angewiesen war, nicht zu halten. Für die Franzosen dagegen, die ihre Soldaten reichlich mit Reis und Büchsenfleisch versorgen konnten, spielte die Verpflegungsfrage keine Rolle, solange ihre rückwärtige Verbindung in Ordnung war. Sie waren deshalb unabhängiger in ihren Bewegungen, gingen allerdings nach einem geglückten Vorstoß auch immer gleich daran, die verlängerte Etappenlinie durch befestigte Lager zu sichern. Auf dem Bergkegel Karaga, einer ehemaligen Grenzfestung der Nordmaka, erwartete Leutnant Langhans den Angriff der französischen Vorpostenkompanie. Saubere große Hütten, die von Elefantengras umgeben waren, lagen in der Mitte des Plateaus und boten der auf zwei schwache Züge zusammengeschmolzenen Kompanie gute Unterkunft. Wer aus dem hohen Grase an den Kegelrand trat, sah hinunter auf den Anmarschweg und auf das nahe Makadorf Bajege, das aus dem Urwald in das Grasland hineingriff. Auf der anderen Seite ging der Blick über die weite, unbewohnte Savanne mit den dunklen Bändern der den Wasserläufen folgenden Galeriewälder. Der Angriff der Franzosen erfolgte morgens. Landsturmmann Hahn, genannt Hühnchen, brachte den Gegner vor der Feldwache mit. Als er Meldung gemacht hatte, zeigte er auf einzelne dunkle Gestalten, die unten in Bajege geschickt im Schutze der Hütten vorgingen. "Da kommen sie!" krähte er, hob sein Gewehr und schoß. Alsbald war die schönste Ballerei im Gange, flaute aber bald ab. Der Franzose hatte sich über die Lage unterrichtet und traf seine Maßnahmen, die darin bestanden, daß er einen Zug in der Front liegen ließ und die beiden anderen zur Umgehung der Stellung ansetzte. Er wollte den Berg von der rückwärtigen Seite erstürmen und den Verteidiger vernichtend schlagen. Der Umgehungmarsch durch das unwegsame Gelände verwachsener alter Farm war schwierig und zeitraubend; erst am Nachmittag konnten die beiden Züge des Angreifers sich auf der Straße, die von Karanga weiter nach Westen führt, die Hände reichen. Im gleichen Augenblick wurden sie von Orang - Utan - Meyer, der oben am Rande des Bergkegels bei sengender Hitze in Beobachtungsstellung lag, bemerkt und unter Feuer genommen. Das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff der Franzosen. Sie bliesen nicht gleich zum Sturme, sondern bestrichen zunächst den Bergrand mit Maschinengewehre. Gedeckt durch dieses Feuer begannen sie sich gegen die Stellung vorzuarbeiten. Oben bei der Kompanie Langhans sah man der drohende Katastrophe mit Fassung entgegen. An einen geschlossenen Durchbruch war nicht mehr zu denken, es blieb, wenn der Angriff nicht abgeschlagen werden konnte, als letzte Möglichkeit, über die Abhänge auseinanderzuspritzen und den Soldaten die Rettung durch Busch und Gras freizugeben. Die Europäer freilich ? Der Leutnant dachte mit Sorge daran, daß dem Feinde dann der Weg, den er sichern sollte, offenstehen würde. Helle Hornsignale ertönten, und wie Echo darauf schrille Rufe der Senegalesen. Noch einmal heftiges Maschinengewehrfeuer. Auftakt zum Sturm! In diesem Augenblick höchster Spannung erlebten Freunde und Feind eine Riesenüberraschung. Urplötzlich erhielten die von dem Rückzugswege der Deutschen her angreifenden Franzosen selbst aus dem Rücken heftiges Feuer. Einzelne wütende Hurras wurden laut und dann im dröhnenden Chor wie Trommelwirbel der Kampfruf "Njad aju! He, he!" Der Orang - Utan - Meyer konnte sich in gefährdeter Stellung kein Bild von dem Zusammenhang der Ereignisse machen. Kam dort unerwartete Hilfe? Woher? Wer konnte es sein? Die Soldaten neben ihm begriffen schneller. "Njad und der Kompanie Massa!" "Njad? Da sprang der kleine Einjährige Meyer in heller Begeisterung auf und rief: "Auf, marsch, marsch! Hurra!" Seinen Soldaten voran stürzte er sich dem kopflos werdenden Feinde entgegen und bemerkte es kaum, daß er von zwei Kugeln getroffen wurde. "Hurra!" Die zwischen zwei Feuer genommenen Franzosen stoben unter Zurücklassung eines Maschinengewehrs davon. Unter diesen Umständen brach auch der frontale Angriff zusammen. Hühnchen krähte vor Freude, als wäre er der Hahn, der gesiegt hatte, und schoß noch einmal hinter dem abziehenden Gegner her. Leutnant
Langhans ließ trotz seinem Erfolge Karanga sofort räumen.
Am Fuß des Berges fand er Klaus mit seinen Soldaten. "Erhielten
Befehl vom Kommando, uns zur Kompanie durchzuschlagen. Unterwegs schwere
Gefechte mit aufständischen Maka, Verlust vier Tote, sechs Schwerverwundete.
Kamen heute mittag bei Mato aus dem Busch, trafen dort Silbermann mit
der Bagage und hörten die Schießerei. So marschierten wir
her und griffen in das Gefecht ein" * Nach der Schlappe bei Karanga gingen die französischen Kompanien, in der Erkenntnis, daß der Widerstand der deutschen keineswegs gebrochen war, daran, ihre Vorposten - und Hauptstellungen in befestigte Lager mit Gräbern, Wällen und Reduits auszubauen. Da die Deutschen keine Geschütze besaßen, fühlten sich die Franzosen in diesen geschickt angelegten Befestigungen sicher. Inzwischen schafften sie auf dem Wege über den Kongo und seine Nebenflüsse neue Munition und Verpflegung heran und sorgten auch fürTruppenersatz. Das alles dauerte Wochen und Monate. Man ließ sich zeit, traf seine Maßnahmen auf lange Sicht, während die von aller Welt abgeschnittene deutsche Schutztruppe sehnsüchtig auf das Kriegsende wartete und durch die Munitionsnot in allen ihren Unternehmungen gebremst wurde. * Das Jekabadorf Mato bestand aus zwei sehr langen Reihen Mattenhütten, die von unzähligen Plantenstauden überschattet waren. Die Eingeborenen hatten nach dem Fall Dumes ihr Dorf verlassen und sich weit ab vom Wege in verschiedenen Farmen neu angesiedelt. Sie stellten sich aber freundschaftlich zur Truppe und lieferten Planten und Mais, hin und wieder auch Bananen und Makabo (Knollenfrucht) für die Europäer. Die Kompanie Langhans machte es sich hier gemütlich. Der Leutnant bezog ein noch aus der Friedenszeit stammendes Unterkunftshaus für durchreisende Weiße; die Zugführer richteten sich einfache Hütten als Schlafraum her und rissen, um leichter hineinzukommen, kurzerhand eine Giebelwand heraus. Die Hütten wimmelten von Kakerlaken (Schaben), die nachts ein Geräusch machten, das an fernes Geknatter von Maschinengewehren erinnerte. Kakerlaken wurden hier von den Eingeborenen direkt gezüchtet; die Weiber rösteten und zerrieben sie, um eine angeblich köstliche Suppe davon zu kochen. Man kann sich denken, daß die Weißen auf diesen Genuß verzichteten, obschon sie sonst eigentlich alles aßen, was den Eingeborenen mundete. Morgens gab es in Ermangelung aller gewohnten Lebensmittel Kassadamus oder Plantenbrot mit Palmöltunke, dazu Maiskaffee. Abends dasselbe und mittags etwas Fleischsuppe mit gerösteten Erdnüssen als Nachtisch. Ziegen und Hühner waren bald nicht mehr aufzutreiben, Wild war in dem hohen Grase nicht zu erlegen, kurz, die Fleischsuppe fiel mittags aus, man lebte ganz vegetarisch. Aber der Palmölfraß verursachte juckenden Hautausschlag, der die Nachtruhe raubte. Die Europäer fingen an, nervös zu werden. "Das mach ich nicht mehr mit!" sagte Njad eines Tages. "Klaus, fordern Sie vom Pfeifer, daß er für Fleisch sorgt. Er hat als Kompanieführer die Pflicht, uns bei Kräften zu halten. Wenn er das nicht kann, soll er mich beurlauben. Die Front ist ja ruhig, ich werde mich auf meinen Esel setzen und einige Tage durch die Gegend streifen, um Wild aufzustöbern. Von selbst kommt es natürlich nicht zu uns." "Meinetwegen soll er reiten," sagte der Leutnant, als Klaus ihm die Beschwerde vortrug. "Dann muß Silbermann eben zur Abwechslung mit auf Feldwache ziehen. Hoffentlich kommt Meyer bald vom Feldlazarett zurück. Es soll ihm ganz gut gehen, die Verwundungen waren zum Glück ungefährlich. Hätte mir leid getan um den kleinen fixen Kerl." Njad ritt also los! Er nahm einige Soldaten sowie seine Boys und Träger mit auf die Streife. "Wenn wir kämpfen sollen, müssen wir auch etwas zu essen haben," sagte er seinen alten Freunden, dem langen Unteroffizier Samba und dem kurzen Gefreiten Akonno. "Ich bin keine Ziege, die Gras und Blätter frißt. Wir wollen Fleisch haben und werden es uns aus dem Busch holen, wenn es in den Dörfern keins mehr gibt." In
einem Farmdorf schlug Njad sein erstes Lager auf und suchte sich mit
den dort hausenden Jekaba anzufreunden. Einige Silbermünzen bahnten
ihm den Weg. Häuptling Olunga brachte ihm als Gegengeschenk Honig
und zwei schöne frische Fische, junge wohlschmeckende Welse. Njad
ließ sie sofort kochen und verzehrte die leckere Mahlzeit. Dabei
plauderte er mit dem Häuptling. "Das
will ich glauben, Weißer, denn wo anders bekommst du hier im Lande
solche Fische? Einer meiner Leute hat von seiner Arbeit bei einem Weißen
ein Weib aus dem Fischlande am Njong mitgebracht. Das lehrte uns die
Kunst, Fische in der Reuse zu fangen. Meine Fischer wohnen Tag und Nacht
an der Reuse. Ich will hinschicken und fragen, ob sie Fisch haben. Aber
du bist doch mein Freund und schickst nicht deine Soldaten nach der
Reuse?" "Nein,
Weißer, der Fluß ist nur klein. Er bringt wenig und in den
Regenmonaten gar nichts. Dann wohnen die Fischer bei mir im Dorfe und
müssen in der Farm arbeiten, und wir haben nichts, unseren Brei
schmackhaft zu machen." "Hin
und wieder töten wir ein Schwein in der Farm, aber was ist
ein Schwein für ein ganzes Dorf? Weißt du nicht, daß
wir im Grase nur jagen können, wenn es dürr ist und brennt?" Njad schickte die ihm von Olunga gebrachten Fische und eine Kalebasse Wildhonig sofort den Kompaniekameraden zu. Ein beigefügter Zettel lautete: Erste Beute des Jagdzuges als Vorspeise zum nachfolgenden Braten! Am nächsten Morgen marschierte Njad in Begleitung Olungas weiter in die Savanne hinein. Wiederholt kam er durch kleine Mais - und Kassadafarmen. Hier war es jedesmal eine besonders unangenehme Abwechslung, die Sümpfe zu durchwaten, denn diese bildeten neben den Farmen einen sauer riechenden Morast. Die Eingeborenen schleppen nämlich die Kassadaknollen aus der Farm in den nächsten Sumpf und lassen sie dort in Gärung übergehen, um sie reif zu machen zur Mehlbereitung. Hinter den Sümpfen ging es dann wieder in das Elefantengras hinein, das jede Aussicht verwehrte und mit messerscharfen Blattkanten die Haut der Weißen ritzte. Aber nach mehrstündigem Marsch war diese unangenehme Zone überwunden und die Jäger kamen hinaus in leicht gewelltes Land, das mit Hüfthohem Grase bedeckt war. Hier und dort griff von einem Wasserlauf aus eine Waldzunge in das Grasland hinein; weiterhin gab es kahle Stellen im Grase, felsige Pfannen, die das Wild liebt, kurz, das Gelände bot jagdliche Möglichkeiten. Njad sah von dem Wege aus, der in irgendein fernes, unbekanntes Dorf führen mochte, hier einen Schirrbock und dort einen und schoß beide. Auch aus einem Rudel Impallaböcke (Grasantilopen) holte er sich ein Stück und hatte nach einstündigem Marsche durch dieses Gebiet den Eindruck, rasch zu einer großen Strecke kommen zu können. An einem Flusse, den sein Führer Singi nannte, fand Njad eine verlassene Grashütte und beschloß, hier zu lagern. Olunga erhielt das versprochene erste Stück Wild, einen Schirrbock, und machte sich gleich auf den Heimweg. Njad selbst fühlte sich seines Jagderfolges so sicher, daß er ihm einen Zettel zur Weitergabe an die Kompanie in die Hand drückte. Er bat darin um Entsendung von zwanzig Trägern für das erbeutete Wild. Endlich einmal wieder frische Suppe! Njad saß in heiterer Stimmung vor seiner kümmerlichen Hütten und seine schwarzen Freunde hockten nicht weit davon an kleinen Feuern. Alles schmauste! Auf die Beigabe verzichtete man. Fleisch, Fleisch! Heute brauchte man nicht damit zu knausern, das Gras saß ja voll von Wild! Nachdem er ein Weilchen geruht hatte, machte Njad sich auf die Pirsch. Es war herrlich, so frei und unbeschwert durch die Wildnis zu streifen. Mühelos konnte er durch das weiche, schmiegsame Gras gehen, es war ein anderes Pirschen als im Busch oder gar in dem abscheulichen Elefantengras. Von den Höhen bot sich Aussicht in die Niederungen und auf die Hänge der benachbarten Bodenwellen; äsendes und ziehendes Wild konnte dem Auge des Jägers nicht verbogen bleiben. Aber es war merkwürdig, das vor wenigen Stunden noch so belebte Grasland war wie ausgestorben. Kein Büffel, kein Wasserbock, kein Impala, nicht einmal ein Schirrbock! "Donnerwetter, jetzt habe ich die Träger bestellt und stehe da mit leeren Händen," dachte Njad und kratzte sich hinter den Ohren. Unverdrossen pirschte er weiter, hügelauf und hügelab, vergebens, kein Schwanz zu sehen. Und dann trat das Schlimmste ein, das dem Jäger im Grasland begegnen kann, es fing an zu gewittern und zu regnen, in Strömen zu gießen. Aus war es mit der Pirsch. Der beschwerliche Rückmarsch durch das regennasse Gras vergrämte Njad gründlich. Hätte er wenigstens Olunga nicht den dummen, voreiligen Zettel mitgegeben! Es dunkelte schon, als er trübsinnig seine Hütte erreichte. Er zog das trockene Reservezeug an und machte dabei die Entdeckung, daß der regen sich durch das alte Grasdach in kleinen abscheulichen Rinnsalen auf Bett und Koffer ergossen hatte. Njad legte sich auf das Feldbett, kroch unter die Wolldecke und ließ dem Schicksal seinen Lauf. Die Schwarzen hockten ebenso resigniert eng nebeneinander im Grase. Die kleinen Schutzdächer, die sie zu errichten begonnen hatten, hielten noch weniger dicht als die Hütte des Weißen. Die Feuer erloschen, es wurde kühl, von der ganze Jagdpartie blieb nur die Erinnerung an die frische Suppe und das Gefühl eines wohlgefüllten Magens. Mitten
in der Nacht wurden auf dem sich durch das Gras schlängelnden,
in dem Lichte der hinter Regenwolken stehenden Mondsichel noch eben
erkennbaren Pfade Stimmen laut. Samba war sofort hoch und rief: "Wer
da?" "O
Samba, es ist eine böse Regennacht! Deine Zunge ist spitz wie die
Nadel der Mücken, die uns stechen, und meine Hand zuckt, als wollte
sie dir in das Gesicht fliegen. Hüten wir uns, Samba! Ich habe
nicht geschrieben, daß die Leute in der Nacht kommen sollen. Nun
müssen sie warten, sag ihnen das." Die Träger waren über diesen Befehl entsetzt. Sie waren in der Aussicht auf das frische Fleisch trotz Regen und Nacht in heller Begeisterung hergelaufen, und nun dies! Kein Fleisch, keine Hütte und nicht einmal Feuer! Grollend und fröstelnd hockten sie sich in das nasse Gras und ließen sich den Regen über den Buckel rinnen. Es war eine scheußliche nacht. Als
es Morgen wurde und Njad völlig durchnäßt aus seiner
Hütte kroch, legte sich ein versöhnliches Lächeln über
die vor der Kälte gelb gewordenen Gesichter der schwarzen. Das
Njad, der starke Weiße, gleich ihnen klitschnaß war, versöhnte
die armen frierenden Kerle, "Warte nur, du kleiner frecher Makako, du sollst soviel zu tragen bekommen, daß du mit krummen Knien läuft wie eine alte Schimpansenmammi," sagte Njad scherzend. "Ich weiß gut, was ich tun werde. Ihr aber solltet, anstatt frierend dazuhocken, lieber versuchen, Feuer anzumachen, meinetwegen hier in der Hütte. Ihr könnt von dem Fleisch da essen, eine ganze Antilope wartet auf euch. Vorwärts!" Die Schwarzen schmunzelten, rührten sich aber nicht. Der Regen war noch zu stark, man tat am besten, ihn regungslos über sich ergehen zu lassen. Stunde um Stunde verstrich, auch Njad wurde schließlich mißmutig. Die Zeit der Frühpirsch war vorbei und noch immer keine Möglichkeit, das Jagdglück zu versuchen. Es wäre denn doch eine Riesenblamage, wenn er die zwanzig Träger leer zurückschicken müßte. Zwanzig Fleischlasten! Das bedeutete mindestens zehn große Antilopen. Eine verteufelte Geschichte! Als gegen zehn Uhr der Regen nachließ, griff Njad zur Büchse, gab seinen Leuten Auftrag, für alle Fälle eine feste Hütte zu bauen, und ging mit Akonno in das nasse Gras. Sein Ziel war ein breiter Hang, der sich zwischen Sumpf und Waldstreifen erstreckte und mit ganz niedrigem Grase bewachsen war. Er hatte ihn gestern entdeckt, fand ihn auch heute wieder, aber die Hoffnung, Rudel von äsenden Antilopen auf dieser prächtigen Wildweide aufzustöbern, trog. Kein Wild ließ sich sehen! Hin und her pirschte der enttäuschte Jäger. Nach langer ergebnisloser Suche stieß e rauf ganz frische Büffelfährten. Büffel! Neue Hoffnung stieg in Njad auf. Er gab Akonno ein Zeichen zu folgen. Die Herde hatte sich offenbar bei dem Nachlassen des Regens aus dem Grase in den Busch zurückgezogen, es mußte möglich sein, sie einzuholen und zu stellen. Es war ganz wider aller Jagdregel, den wehrhaften und unberechenbaren Büffel im dichten Busch zu verfolgen, aber jetzt war Krieg. Eine ganze Kompanie litt unter Fleischmangel und zwanzig Träger warteten auf Fleischlasten; da mußten alle Jagdregeln und weidmännischen Bedenken fallen. Die Fährte war tief in den aufgeweichten Boden eingedrückt und leicht zu halten. Der dichte Busch war von der Witterung der regennassen Büffel geschwängert. Wie zwei Jagdhunde zogen Njad und Akonno den "Kuhgeruch" ein, der in ihnen Erinnerungen weckte an manches gemeinsame Jagderlebnis. Nach halbstündiger Suche hörte Njad dicht vor sich Schnauben und Brummen. Sichernde Büffel! Augenblicke höchster Spannung. Njad schlich voran, Akonno zehn Schritt zurück in Hilfsstellung. Der Schwarze wußte, daß er nicht schießen durfte, bevor sein Weißer gefeuert hatte, und dachte an diesen Befehl, als er seitlich zwischen dem Blättergewirr einen braunen Fleck entdeckte. Ein zischlaut benachrichtigte Njad, aber der winkte ab. Weiter vor! Da verlor Akonno, der Unerschütterliche, die Nerven. Wollte der Weiße mitten in die Herde hinein? War er toll geworden? Man mußte ein Ende machen! Brumm, ein Schuß! Akonno hatte dem braunen Fleck eins aufgebrannt. Augenblicklich begann es rings zu krachen und zu brechen. Flüchtendes Großwild! Ohne sich nach dem ungehorsamen Schützen umzusehen, benutzte Njad das Getöse im Busch, um rasch ein Stück vorzubrechen. Dann blieb er lauschend stehen. Rechts hinter ihm klatschte die von Akonno getroffene Büffelkuh auf der Flucht zu Boden und begann zu klagen. Auf diesen Laut hin wurde es dicht vor Njad lebendig. Bewegung im Gebüsch, drohendes Brummen. Der Leitbulle, der bei Akonnos Schuß mit der Herde flüchtig geworden war und dann verhofft hatte, folgte dem Klageruf der Kuh und kam suchend gerade auf Njad zu. Der aber stand ruhig im Anschlag und gab auf fünf Gänge Feuer. Halsschluß! Au uu! Der zornige Todesruf eines streitbaren Recken! Dumpf dröhnend stürzte der gewaltige Stier zu Boden und empfing den Fangschuß. Ringsum im Busch aber war der Teufel los. Drüben klagte noch die von Akonno angeschossene Kuh und hier rannte die verängstete, führerlose Herde auseinander, traf sich wieder und blieb dicht zusammengedrängt stehen. Njad dachte an die hungernde Kompanie, hielt sich nicht lange bei seiner stolzen Jagdbeute auf, sondern griff erneut mit Akonno die Herde an; das war nun kein kühnes Weidwerk mehr, sondern Kriegsnotwendigkeit. Sie erlegten ohne Mühe noch vier Tiere, gaben auch der zuerst angeschossenen Kuh den Fangschuß. Halali! Die beiden Jäger betrachteten sich mit Stolz den erlegten uralten Burschen und die übrigen fünf Stücke der Strecke. Die ungläubigen Träger würden Augen machen! Rasch wurde ein Richtpfad nach dem Grasfelde geschlagen, dann eilte Njad dem Lager zu, während Akonno mit dem Zerwirken der Beute begann. Das
Lager am Singi war in heller Aufregung. Die Schwarzen erwarteten halb
in Angst, halb in Hoffnung die Rückkehr des Weißen. Sie hatten
die vielen Schüsse gehört und nach Kinderart an die Schießerei
die unmöglichsten Vermutungen geknüpft. So sprachen die Träger durcheinander, während Samba und die übrigen Männer aus der Umgebung Njads schweigend und abwartend am wieder entfachten Feuer sitzen blieben. Als Njad herankam, sprangen drei, vier der nackten Träger ihm entgegen, wie Kinder dem Vater entgegeneilen. "Hast
du getroffen, Weißer? Was ist es, Elefant, Büffel
oder Franzosen? Wir hörten viele Schüsse und fürchteten
uns sehr." * Njad war wieder in Mato und machte den Feldwachdienst mit. Es kam nur zu unbedeutenden Plänkeleien mit den Franzosen, die auf der Karagahöhe ein befestigtes Lager angelegt hatten und zuweilen vorfühlten. So oft der Dienst es erlaubte, suchte Njad sein Lager am Singi auf, streifte durch das Grasland und schoß Antilopen und Wasserböcke. Der Leutnant bestand aber darauf, daß er jedesmal einen Halbzug Soldaten mitnahm, teils zum eigenen Schutz, teils zur Erfrischung der Soldaten, denen nach wochenlangen Lagerleben ein strammer Marsch gut bekam. Auf die Jagd ging Njad aber fast immer allein. Neuerdings hatte er entdeckt, daß sich ein Flußpferd von Sanaga herauf in den Singi verirrt hatte, offenbar ein alter, vereinsamter Bulle. Da das Fleisch der erlegten sechs Büffel in der Kompanie nur noch als angenehme Erinnerung vorhanden war, betrachtete Njad das Flußpferd als eine nahrhafte runde Sache für einige hundert hungrige Mägen. Er machte viele nächtliche Gänge am Fluß entlang, ohne dem Hippo zu begegnen; je schwieriger die Pirsch durch das sumpfige Gelände wurde, desto zäher ging er dem Einsamen am Singi nach. In einer schönen Mondnacht hatte er endlich Erfolg. Der gewaltige Tubaruf Behemoths weckte ihn. Er entdeckte den Flußpferdbullen auf einem wiesenartigen Ausläufer des Grasfeldes unweit des Lagers just in dem Augenblick, als der alte Herr seine rundliche Achterfront in einen Busch drückte, um seine Losung mit dem Bürstenartigen Wedel über die Zweige zu spritzen, eine reichlich merkwürdige Art, seine Besuchskarte abzugeben. Noch einmal erhob er seine Stimme, dann warf Njads Geschoß ihn um. Es war ein anständiges Stück Wildbret, was sich auf der Riesenschüssel der Wiese darbot. Njad sandte sofort Meldung nach der Kompanie mit der Bitte, alle verfügbaren Träger zum Fleischholen zu schicken. Den Soldaten befahl er, den riesigen Kadaver zu zerlegen und das Fleisch von den Knochen zu lösen. Er erwartete die Kompanieträger gegen Mittag. Anstatt ihrer kam ein Soldat mit einem Zettel. Befehl vom Kompanieführer: "Sofort zurück! Feind greift mit starken Kräften und Artillerie an. Kompanie kann sich nicht halten. Rückzugsweg bedroht." Njad
sprang auf. Das fehlte auch gerade noch, den schönen Fleischberg
hier im Stiche zu lassen! Rückzugsweg bedroht! Pah, wozu
haben wir den Busch? Er bemerkte hinter dem meldenden Soldaten
seinen Freund Olunga, den Häuptling des Farmdorfes. Der
Jekaba hatte natürlich schon von dem erlegten Flußpferd gehört,
tat aber nicht dergleichen, sondern sagte ruhig und fachlich: Njad
dachte einen Augenblick nach. Andere Weiße? Es lag bei aller Unwahrscheinlichkeit
im Bereich des Möglichen, daß sich eine englische Abteilung
vom Norden vorschob, um Fühlung mit den Franzosen zu suchen, und
gerade auf diesen Buschweg geraten war. Dann hatte er Feinde vor sich
und im Rücken und mußte machen, daß er entwische. Es
war aber auch möglich , daß der liebe Olunga die Geschichte
von den anmarschierenden vielen Engländern erfunden hatte, um das
Verschwinden Njads zu beschleunigen. Das Flußpferd war ein fetter
Happen; es lohnte sich, eine List anzuwenden, um in den ungeteilten
Besitz des Fleischberges zu gelangen. "Dann
mußt du mir helfen, Olunga. Dort am Singi liegt viel Fleisch.
Ich habe aber das große Wasserschwein, dessen Fleisch euch noch
besser schmeckt als das des Elefanten, nicht für fremde Soldaten
geschossen. Laufe schneller als ein Buschbock zurück in dein Dorf,
rufe alle Männer und Weiber, die etwas tragen können, und
schicke sie her zum Fleischholen. Willst du?" "Weißer,
ich fürchte, daß die fremden Soldaten hier sein werden, ehe
ich meine Freunde gerufen habe." Als
Njad in das Lager zurückkam, trat der Soldat, der den Befehl des
Leutnants überbracht hatte, auf ihn zu, baute sich in strammer
Haltung auf und sagte: "Njad, warum rufst du nicht die Soldaten?
Stand nicht in dem Buch von Massa Leutnant, daß du sofort zur
Kompanie kommen sollst?" Njad
ging nach der Wiese hinunter, wo die Soldaten splitternackend im Blute
warteten und unter Sambas Leitung mit Äxten und Seitengewehren
das sehr feiste Flußpferdwildbrett zerwirkten. Die Soldatenweiber
zerrten wie Hyänen an dem herausquellenden Gescheide herum, während
das gute Fleisch in einer langen Reihe kleiner Haufen im Lastgewicht
von zwanzig bis fünfundzwanzig Kilo im Grase ausgelegt wurde. Auf
den Bäumen am Sumpfrande saßen Geier und warteten schreiend
auf ihren Anteil an der Beute. Als Njad hinzukam, war die Arbeit schon
fast getan. Auf dem blutigen Schlachtfelde lag nur noch der schwarz
und rosa gefärbte Kopf des Flußpferdbullen, - ein schauerlicher
Anblick. Für die wertvollen Elfenbeinzähne hatte Njad unter
den gegebenen Umständen keine Verwendung, aber als er sich das
abscheuliche Gebräch betrachtete, kam ihm ein anderer Gedanke.
Er rief Samba und sagte: Der schwarze Unteroffizier hatte verstanden und ließ den Auftrag sofort ausführen. Er fragte nie nach Grund oder Zweck der Befehle Njads. - Die Soldatenweiber marschierten schwerbepackt unter dem Schutze zweier leichtkranken Soldaten zurück, und der Flußpferdkopf kam, an einer Stange schwebend, langsam ins Lager gewackelt. Njad ließ ihn mit der Front nach Norden auf den Weg legen, sperrte das gewaltige Maul auf und steckte eine leere Flasche zwischen die Hauer. "So, nun alle ins Wasser und dann fertig machen!" befahl er. Die Soldaten sprangen davon. Inzwischen nahm Njad ein Blatt Papier, tauchte den Finger in das Blut des Flußriesen, schrieb, und klebte den beschriebenen Zettel dem Flußpferd vor die Stirn. In großen Blutbuchstaben stand drauf: John Bull! Während
er noch sein Werk mit schadenfrohem Lächeln betrachtete, trat ein
erschöpfter Soldat an ihn heran. "Meldung von Massa Leutnant!" Njad
las den Befehl: "Warum sind Sie noch nicht hier? Warum melden Sie
nicht? Kompanie kann nicht länger halten und geht nach Elemba zurück.
Schlagen Sie sich durch." In der Ferne fielen einige Schüsse, lebhaftes Schützenfeuer folgte. Njad alarmierte die Soldaten mit der Trillerpfeife. Sie waren wieder alle in Khakiuniform und standen im Augenblick gefechtsbereit da. "Samba," sagte Njad zu seinem alten Mitstreiter, "du gehst mit vier Soldaten vor. Du und Akonno und sieben Soldaten, das sind neun Gewehre. Sieh zu, wen du vor dir hast. Sind es viele, dann gehe sofort zurück bis über den Singi. Ist es nur eine Patrouille, dann jage sie weg. Verstanden?" "Nein!" antwortete der schwarze Unteroffizier. "Wo bist du, und was soll ich weiter tun, wenn ich dort auf der anderen Seite des Wassers stehe?" "Siehst
du den kleinen Hügel, der bis an die Wiese herantritt, wo ich das
Hippo schoß? Dort bin ich. Wenn du auf der anderen Seite des Singi
bist, gibst du keinen Schuß mehr ab, läßt dich auch
nicht sehen, bis du mich feuern hörst. Dann machst du Lärm
wie zehn Gorillas, die um ein Weib kämpfen, und gehst vor." "Dann los, Samba. Marsch, marsch nach vorne, und wenn du zurück mußt, Olunga und seine Träger abzufangen und festzuhalten, bis das Gefecht entschieden sei. Dann ging er mit den restlichen zwei Gruppen Soldaten nach dem Hügel, der das Lager flankierend beherrschte, und ließ Deckung im Grase nehmen. Samba richtete sich genau nach seinem Auftrage! An der Stärke des feindlichen Feuers erkannte er, daß er dem Gegner nicht gewachsen war, und zog sich auf das Lager und dann hinter den Fluß zurück. Njad beobachtete von seinem Versteck aus seine Soldaten und bemerkte eine Weile später auch schon den ersten Gegner, einen baumlangen Kerl in Khakiuniform. Es schien in der Tat ein englischer Soldat zu sein. Der Riese wartete, bis seine Kameraden heran waren, und ballerte mit ihnen mehrere Salven in das Lager hinein. Samba verhielt sich befehlsgemäß ruhig. Die feindlichen Soldaten verloren rasch ihr Mißtrauen, liefen bis an die Flußniederung und feuerten nach dem anderen Ufer. Keine Antwort! Zwei
Europäer in Hemd und Kniehose, mit Reitpeitsche und Pistole bewaffnet,
kamen aus dem Grase heraus und betraten das verlassene Lager. Sein Kamerad, rosig und jung, kam hinzu, starrte in die abscheuliche Fratze und las die Aufschrift in Buchstaben: John Bull "Du das gilt uns!" Die beiden jungen Engländer verstummten vor Ärger und Beschämung. Ihre Fünfzig Soldaten sammelten sich derweilen im Lager, blickten in die Hütten und schnüffelten herum. Keiner hatte acht auf die Umgebung, niemand bemerkte, daß auf dem Hügel dicht neben dem Lager plötzlich eine Schützenlinie aus dem hüfthohen Grase auftauchte. Ein einzelner Schuß fiel, brumm, kam die Salve hinterher. Gleichzeitig setzte von der Flußseite her lebhaftes Feuer ein. Brüllende Stimmen in Baß und Diskant, Geräusche, wie sie die englischen Soldaten, Kinder der Steppe, nie gehört hatten. Unheimlich, furchterregend, das mußte der böse Geist des Urwaldes, der Zauberer der Buschleute sein! Immerhin versuchten die Soldaten aus dem fernen Nigerien sich zur Wehr zu setzen. Aber die Führung fehlte. Ihre beiden Weißen waren bei der ersten Salve gefallen, und der dritte war weit zurück. So verloren sie im Kreuzfeuer und bei dem sich drohend nähernden Gebrüll den Kopf und gingen in wilder Flucht zurück. Njad und Samba trafen mit Hurra aufeinander. "Gut
gemacht, Samba! Bist ein feiner Kerl. Jetzt gleich hinterher bis zur
Höhe. Aber Patronen sparen!" Die lärmende Ankunft der von Olunga zusammengetrommelten Fleischträger erinnerte Njad an praktische Notwendigkeiten. Er teilte die Träger ein, zwanzig für sich, den Rest für Olunga und hieß sie das Fleisch auf die Tragkörbe schnüren oder in anderer Form transportfähig machen. Gleichzeitig ließ er die im Grase liegenden englischen Waffen und Patronen sammeln und den Gefallenen ein Grab bereiten. Auf deutscher Seite war nur ein Soldat verwundet worden; die im Buschkrieg unerfahrenen Engländer waren trotz ihrer doppelten Übermacht den verwegenen und geübten Kerlen Njads gegenüber hilflos gewesen. Ihretwegen hätte Njad sein schönes Lager am Singi nicht zu räumen brauchen, aber da waren ja noch die hartnäckigen Franzosen in seinem Rücken! Als
Olunga mit seiner Trägerkarawane bereit stand, rief Njad seine
Vorposten zurück. Samba brachte noch einige englische Gewehre mit,
die Nachsuche hatte sich gelohnt. Gewehre und Patronen, das bedeutete
Stärkung der Kampfkraft und außerdem hohes Beutegeld für
den Überbringer. So trat der Zug trotz allem den Rückmarsch
in bester Stimmung an und erreichte mit Einbruch der Dunkelheit das
Dorf Olungas. Njad ließ den Häuptling zu sich kommen. "Weißer,
deine Leute nennen dich Njad. Du hast die Engländer am Singi getötet,
du wirst auch die Franzosen töten, und morgen wird die Kompanie
wieder in Mato sein." Der
junge Häuptling erschrak vor der plötzlich zornig aufschwellenden
Stimme und verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Njad wandte sich an Samba: Njad
machte sich daran, die müden und hungrigen Soldaten von den Fleischtöpfen,
die ihre Weiber bereit hielten, fortzukriegen. Vor einer Hütte
traf er Olunga, der sich mit Speer, Buschfackel und Hüfttasche
ausgerüstet hatte. Ein abenteuerlicher Zug von dreißig Soldaten und doppelt soviel Weibern, Trägern und Jungen setzte sich in Bewegung. In weiten Abständen marschierten in der langen Kette die Fackelträger. Das erste schwierige Hindernis war ein kleiner Fluß Olungas Fischfluß. Es war pechdunkel unter dem Blätterdach de Uferwaldes; in diesem Dunkel mußte der Fluß durchwatet werden. Drüben im Grase ging es flotter voran, aber jedesmal, wenn ein von Busch umsäumter Sumpf durchknetet werden mußte, gab es Stockungen. Mitten in der Nacht wurde das kleine Farmdorf erreicht. Die Eingeborenen gaben ihre Hütten her, alles verkroch sich. Bald war es stille im Lager. Ringsum nur Grillengezirpe, Vogelstimmen aus der Farm und ferne, ganz ferne Trommeln in der Nacht. Njad saß noch eine Weile mit Olunga und dem Dorfhäuptling am Feuer und sprach über die Möglichkeit, von hier aus Elemba zu erreichen, dann schlief auch er ein. Nach
einer Stunde wurde die Stille des Schlafes durch eine quäkende
Stimme unterbrochen. In einer der elenden Hütten lagen auf der
einen Seite die Privatträger Njads, auf der anderen einige Soldaten
mit ihren Weibern. Eins der Weiber hatte ein Baby, das nichts wußte
von den Notwendigkeiten des Feldlagerlebens und in aller Unschuld zu
schreien, mit aller Kraft zu brüllen begann. Eine peinliche Geschichte
für die Mutter, denn der starke Samba und der noch stärkere
Njad hatten Ruhe befohlen. Sie fürchtete den Zorn beider sehr und
wandte alle Künste auf, den Säugling zu beruhigen. Sie gab
ihm die Brust, klappste ihn, wiegte das Kind in den Armen, alles
umsonst, das Gebrüll hielt an. Zum Glück schien noch niemand
wach geworden zu sein, aber jeden Augenblick konnte ein zorniger Anruf
erfolgen. Nebenan
auf kümmerlicher Stangenpritsche lag schlafend der junge Träger
Ondua, der bei der Truppe alle Schrecken des Krieges kennengelernt hatte
und sich im Traume wieder von hundert Gefahren umgeben sah. Onduas Schlaf
war durch das Babygeschrei unruhig geworden, und in diesem Halbschlaf
hörte der schreckhafte Bursche die Worte: "die Franzosen kommen." Der
Ruf sprang von Hütte zu Hütte, von Gruppe zu Gruppe; überall
fand sich einer, der die Kameraden hochriß mit dem Alarmruf: Antreten!
In wenigen Minuten stand der Halbzug gefechtsbereit vor Njads Quartier,
während die Weiber und Träger noch ihre Töpfe, Matten
und Lasten zusammenrafften. "Na,
wer denn, Samba? Wer hat euch alarmiert?" Quelle: Trommeln rufen durch Kamerun, E.R. Petersen, K.Thienemanns Verlag Stuttgart, von rado by jadu 2002 |
