Märchen vom Tanganikasee
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Vor unzähligen Jahren befand sich an der Stelle des heutigen TAnganikasees ein reichbevölkertes Gebiet, das von einem mächtigem Volksstamm bewohnt wurde. Die ungeheure fruchtbare Ebene nährte große Rinder- und Schafherden, welche den Hauptreichtum des Stammes ausmachten. Inmitten eines großen Dorfes residierte in seinem von hohen Palisaden umgebenen Palast ein angesehener Häuptling mit seiner Frau, Besitzer einer tiefen Quelle, welche von einem unterirdischen Fluß gespeist wurde. Diese Quelle war seit Jahrhunderten vom Vater auf den Sohn übergegangen und besaß die merkwürdige Eigenschaft, ihrem jeweiligen besitzer eine besonders wohlschmeckende Art von Fischen, wie sie nirgends in der Umgebung zu finden war, zu spenden. Der Besitz dieses Schatzes war von seiner absoluten Geheimhaltung abhängig, und die Tradition prophezeite fürchterliches Unheil für das ganze Land in dem Augenblicke, wo ihre wunderwirkende Eigenschaft einem Fremden verraten würde. Das Schicksal wollte, daß die Frau des Häuptlings eines Tages hinter dem Rücken ihres Gatten in leidenschaftlicher Liebe zu einem jungen Mann entbrannte und ihm heimlich einige zubereitete Fische der wunderbaren Quelle zukommen ließ. Das Fleisch dieser Fische war so vorzüglich und so ganz anders im Geschmack als alle Fische, die ihr Liebhaber bisher gegessen, daß er unbedingt wissen wollte, woher diese Fische stammten. Die Frau sträubte sich aus Furcht vor den Folgen anfangs energisch, das Geheimnis zu verraten. Als jedoch der Geliebte weiter in sie drang und drohte, er werde ihren Gatten über deren Herkunft befragen, da sah die Ungetreue ein, welch fürchterliches Unheil sie angerichtet hatte, und versprach dem geliebten, ihm bei ihrer nächsten Zusammenkunft alles zu verraten. Gelegentlich einer längeren Abwesenheit ihres Gatten rief sie ihren Liebhaber zu sich, bereitete ihm ein lukullisches Mahl von den Fischen aus der Quelle und kredenzte ihm Palmwein. Mit aufopfernder Liebe und mit süßen Schmeicheleien suchte sie ihn zu befriedigen und von seinem vorhaben abzubringen. Ihr Inneres warnte sie vor kommenden Unheil. Sie bat und beschwor ihren Freund nochmals, nicht weiter in sie zu dringen und nicht etwa von ihr zu verlangen, was sicheres Unglück im Gefolge hätte. Doch vergeblich. Ihr Freund bestand darauf, das Geheimnis kennenzulernen, und gelobte, es niemand anzuvertrauen. Da führte sie ihn in das Allerheiligste, das durch eine besondere Palisadenwand vom Rest des Hofes abgetrennt war, um es vor den Augen der Dienerschaft zu verbergen. Inmitten
des kleinen Raumes quoll aus einem kreisrunden Becken aus der Erde eine
klare Quelle hervor, an deren Oberfläche eine Menge kleiner und
großer Fische aus den Tiefen zum hellen Sonnenlicht emportauchten,
um gleich wieder zu verschwinden. Aus der Quelle stieg, flammend vor Zorn "Muzimu", der unterirdische Geist, empor. Sein Gesicht war wutverzerrt, seine Augen sprühten Blitze. Mit furchtbarer Gebärde schleuderte er einen Höllenfluch auf die beiden Schuldigen. Die Erde zu ihren Füßen barst, und eine hohe Wassersäule an Stelle des Muzimus überflutete Land und Auen, soweit das Auge reicht, alles Lebende vernichtend. Seitdem bedeckt der tiefe Tanganjikasee das Land, und alle Jahre kann man an einem bestimmten Tage das Stampfen der Mehlmörser und das verzweifelte Schreien und Rufen der unschuldigen Menschen und Kinder hören, die das Opfer der Katastrophe geworden waren. Quelle: Kongo Erinnerungen, Konsul Paul Landbeck, 1923, August Scherl G.m.b.H., von rado jadu 2000. |