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Gustav Nachtigal

Zum 50. Todestag am 20. April
Von Dr. F. Müncheberg 1935

Gleich Carl Peters ist auch Gustav Nachtigal Sohn eines Pfarrers. Im strohgedeckten Pfarrhause erblickte er am 23. Februar 1834 in Eichstedt bei Stendal (Altmark) das Licht der Welt. Als Kind kränklich, schüchtern und fast ängstlich ließ er sich lieber von den älteren Schwestern beschützen, als daß er an den Spielen der Jungen besonderen Anteil nahm. Noch deuten weder körperliche noch geistige Vorzüge auf den geborenen Forscher und Führer hin.

Bereits 1839 stirbt der Vater mit erst 34 Jahren an der Lungenschwindsucht, und Frau Nachtigal übersiedelt mit den Kindern nach Stendal. Hier erstarkt nun seine Gesundheit, und mit 15 Jahren gilt Gustav als ein besonders liebenswürdiger Junge, der sich überall rasch Freunde erwarb. Diese Eigenschaft sollte ihm auf seinen Forschungsreisen hervorragende Dienste leisten. Doch bis dahin ist es noch weit. Wie sich die Idee, das unbekannte Afrika zu erforschen, bei ihm festsetzte, führte er in seinem Buche darauf zurück, daß seit der ersten Geographiestunde die weißen Flecke auf der Karte von Afrika ihn so stark reizten, daß er den Wunsch bekam, diese Gegenden einmal selbst mit eigenen Augen zu schauen. Nach Beendigung der Schulzeit wendet sich Nachtigal der medizinischen Wissenschaft zu. Bei den recht knappen Mitteln seiner Mutter erscheint es geraten, die militärärztliche Laufbahn einzuschlagen. Er bewirbt sich um den Eintritt in das Friedrich-Wilhelm Institut, das mit soldatischer Zucht und strenge seinen weiteren Lebensweg regelt.

Seinem ungebundenen, fröhlichen Geist sagt die neue Lebensweise wenig zu, und nach inständigen Bitten erlaubt seine Mutter den Besuch anderer Universitäten: Halle, Würzburg, Greifswald. Sein angenehmes, lebhaftes Auftreten, das schon in seiner Jünglingszeit wohltuend auffiel, machte ihn bald zum Mittelpunkt im Kreise seiner Kommilitonen. Auf der "Kneipe" sorgte er für die nötige, fröhliche Stimmung und hielt allgemein beliebte "Bierreden". Das Kernstück all dieser Reden bildete Afrika. Entweder trat er hier als Abgesandter eines afrikanischen Stammes auf, den er täuschend nachzuahmen verstand, oder er war der Vertreter seines Corps und überbrachte dem Häuptling eine Forderung. Diese Reden, die von äußerster Lebendigkeit getragen wurden und eine hervorragende Sachkenntnis afrikanischer Verhältnisse zeigten, bewiesen, daß er neben dem medizinischen Studium die Ideale seiner Jugendzeit nicht vergessen hatte, daß er mit den Büchern der Afrikaforscher wohl vertraut war.

Nach dem Staatsexamen in Greifswald lebte er einige Jahre als Militärarzt in Köln. Noch hat sich Nachtigal nicht endgültig für einen bestimmten Wohnsitz als Arzt entschieden, da wirft ihn der Ausbruch einer schweren Lungenkrankheit jäh aus der Bahn. Als Arzt kennt er die Vorboten des väterlichen Erbes und verschreibt sich selbst ein wärmeres Klima. Im Oktober 1862 reist er auf ein halbes Jahr, wie er der weinenden Mutter beim Abschied verspricht, nach Bora in Algier. Dem ersten Ruf Afrikas war er gefolgt.

Noch immer ist die Lunge krank, und häufige Rückfälle schwächen ihn immer wieder. Einen Beruf findet er in Algier nicht. Auf den Rat eines englischen Missionars geht er nach Tunis mit dem Entschluß, sich dort als Arzt niederzulassen. Über Patientenmangel kann er nicht klagen, nur daß er Behandlung und Medikamente kaum bezahlt erhält. Nebenher lehrt er die arabische Sprache und wird nun leichter vertraut mit den Bewohnern des Landes.

Ein Aufruhr gegen den Chasnadar (Ministerpräsidenten) und den Bey des Landes gibt seinem Leben die gewünschte Richtung. Die Regierungspartei ist den Aufrühren gegenüber schwach, und Nachtigal zieht mit den Regierungstruppen ins Feld. Das Feldleben mit den Soldaten, die Schwierigkeiten auf den Märschen lassen ihn erstarken und die kranke Lunge heilen. Nach einem Jahr hat die Regierung gesiegt und Nachtigal wird Leibarzt des Chasnadar.

Bald darauf rettet er den Sohn des Bey aus schwerer Krankheit und wird dafür zum Leibarzt des Bey von Tunis ernannt. Diese Jahre, die seiner eigentlichen Forscherarbeit vorangehen, sollten ihn für seine spätere Arbeit die Grundlagen geben. Das Kennenlernen des arabischen Volkes, seiner Sprache und Sitten, dazu das Ertragen von Strapazen aller Art machten ihn hart und zäh für die kommenden Aufgaben.

Nach sechs Jahren kehrt er auf kurze Zeit nach Deutschland zurück. Eine Hungertyphusepidemie in Tunis ruft ihn jedoch wieder an die Stätte seines alten Wirkungskreises. Noch leben unterbewußt in seiner Seele die weißen Flecke auf der Karte von Afrika, da ruft ihn das Schicksal zum zweiten Male, der Traum der Jugend soll Wirklichkeit werden, das unbekannte Afrika sollen seine Augen schauen.

Der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs hat Geschenke von König Wilhelm I. an den Sultan von Omar zu überbringen. Ihn lockt aber nicht die Reise nach Innerafrika, sondern die Bergwelt Marokkos. Als er in Tunis Nachtigal trifft, ist dieser sogleich bereit, für ihn die Reise an den Tsadsee zu übernehmen. An den märchenhaften Ufer des Tsad, inmitten der Sahara, liegt das Reich Bornu, das Ziel seiner Reise.

In Tripolis beginnen die großen Karawanenstraßen durch die Sahara. Hier fängt auch seine Forscherlaufbahn an. Gut ausgerüstet mit den Hilfsmitteln eines Forschers, mit Instrumenten zur Wetterbeobachtung: Barometer, Thermometer, Feuchtigkeitsmesser, Uhren kann Nachtigal am 18. Februar 1869 mit seiner Karawane, aus sieben Menschen und acht Kamelen bestehend, aufbrechen.

Mit der Reise zum Tsad hat er gleichzeitig große Gebiete des Sudan erforscht und ist damit in die erste Reihe der Afrikaforscher aufgerückt. Unerhört waren die Strapazen und Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten. Aufgehetzte Eingeborene, räuberische Nomaden, glühendheiße Wüsten, wasserarme Gebirge, Krankheiten aller Art waren die ständigen Begleiter dieses kühnen Mannes. Jedoch besaß er die notwendige Eigenschaften eines echten Forschers im höchsten Maße. Ein unzerstörbarer Wille mit eiserner Entschlußkraft und kühnen Mut verbunden, ließen ihn sein Ziel erreichen. Dazu kam, daß er neben der arabischen Sprache noch verschiedene Negersprachen kannte und damit den Umgang mit den Schwarzen persönlicher gestalten konnte.

Als Nachtigal 1875 in die Heimat zurückkehrt, ist er einer von wenigen, der dem kolonial sich entwickelnden jungen Reich eine außerordentlich große Sachkenntnis afrikanischer Verhältnisse zur Verfügung stellen kann.

1882 wird Nachtigal von Bismarck zum Generalkonsul in Tunis ernannt. Bald darauf ruft ihn ein Auftrag der Regierung zur Westküste, um hier deutsche Handelsinteressen zu erforschen.

An der Westküste arbeiten deutsche Kaufleute neben englischen und französischen und besitzen den Hauptteil des westafrikanischen Handels. Das Bestreben der Handelsfirmen nach staatlichem Schutz kann nur durch Gründung von Kolonien geschehen. So beginnen die ersten Landkäufe deutscher Kaufleute.

Die "Moewe"
Die Flaage hissen

 

Gustav Nachtigal wird auf der "Möwe" Togo besuchen. Nach zahlreichen "Palavers" mit den eingeborenen "Kings" (Könige) kommt es zwischen Gustav Nachtigal und König Mlapa von Togo zu einem Schutzvertrag, der am 5. Juli 1884 unterschrieben wird. Die deutsche Fahne geht hoch, und Togo ist deutsche Kolonie geworden.

Von Togo geht es auf der "Möwe" nach Kamerun. Hier waren die englischen Firmen den deutschen in der Zahl überlegen. Die deutschen Kaufleute hatten jedoch bereits gut vorgearbeitet und den "Kings" große Abstandssummen gezahlt. Auch hier gelingt es Gustav Nachtigal durch viel Umsicht und unter Vermeidung von Eingriffen in englische Rechte, Kamerun für Deutschland zu erwerben.

Noch haben sich die Gemüter kaum beruhigt, das Deutsche von Togo und Kamerun Besitz ergriffen haben, da kommt die Nachricht, daß der Generalkonsul Gustav Nachtigal am 7. Oktober 1884 in Angra Pequena (später Lüderitzbucht) die deutsche Flagge gehißt hat. Die Vorgeschichte zur Erwerbung von Deutschsüdwest ist kurz folgende. Der Bremer Großkaufmann Lüderitz hatte bei der Bucht Angra Pequena ein Landgebiet in der Größe einer preußischen Provinz gekauft. Die Engländer versuchten Schwierigkeiten zu machen. Da erhält der deutsche Generalkonsul in Kapstadt ein Telegramm von der Regierung: "Nach Mitteilung des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden (Kapregierung), ob seine Erwerbung nördlich des Oranje Anspruch auf deutschen Schutz haben. Sie wollen amtlich erklären, daß er und seine Niederlassungen unter dem Schutz des deutschen Reiches stehen." Bereits ein halbes Jahr darauf hat Gustav Nachtigal die Hindernisse beseitigt und mit Südwest eine neue deutsche Kolonie erworben.

So hatte er in kurzer Zeit die deutschen Kolonien an der Westküste Afrikas mit einem Flächeninhalt von der dreifachen Größe des Mutterlandes für das Reich errungen.

Von Südwest geht er nach Kamerun zurück. Hier gibt er noch einmal letzte Anweisungen. Zwei Dinge liegen ihm ganz besonders am Herzen. Der Durchbruch von Kamerun ins Innere zum Tsadsee und eine gerechte Eingeborenenpolitik. Zwischendurch melden sich immer wieder heftige Fieber. Die "Möve" wird ihn in die Heimat zurückbringen. Der Zustand Gustav Nachtigals verschlimmert sich mehr und mehr. Er weiß, daß er die Heimat nicht mehr wiedersehen wird und diktiert ahnungsvoll am 19. April 1885 sein Testament. Am nächsten Morgen schloß der Unermüdliche die Augen für immer. Deutsche Matrosen setzten ihn fern der Heimat in Las Palmas auf den Kanarischen Inseln bei. Doch in Afrika, für das er gelebt und gelitten hat, soll er seine letzte Ruhestätte finden, und so bringt 1887 ein deutsches Kriegsschiff den Leichnam nach Duala in Kamerun.

Was dieser große Sohn seinem Vaterlande war, hat er selbst einmal in aller Bescheidenheit zum Ausdruck gebracht: "Wenn ich hier sehe, was in meiner Abwesenheit von besseren Männern dem Vaterlande geleistet wurde, so blicke ich beschämt auf meine Reisen zurück. Wie wenig es auch immer sei, was ich der geographischen Forschung geleistet habe, so darf ich doch sagen, ich suchte auch in diesen fernen Ländern dem deutschen Namen, der deutschen Wissenschaft und deutschem Mute Ehre zu machen."

Quelle: Dr. F. Müncheberg,  Jambo,  Die koloniale Monatsschrift der jungen Deutschen, 1935,  von rado jadu 2000

Leserbrief:

in dem Text auf Eurer Seite zu Gustav Nachtigal ist Euch leider ein Fehler unterlaufen, er ist nicht, wie es dort zu finden ist, zunächst in Las Palmas auf den Kanarischen Inseln bestattet worden, sondern am Kap Palmas (Liberia) bestattet worden. Von dort ist er dann nach Douala in Kamerun gebracht worden.

Hallo Liebe Leute,

Eure Seiten sind toll und lebhaft gestaltet. Ich finde genau so, um unseren Mitmenschen Geschichte und die Lebensgewohnheiten anderer Erdenbewohner nahe zu bringen. Leider habe ich einen kleinen Fehler entdeckt. Gustav Nachtigal starb am 20.04.1885. Somit jährt sich sein Todestag zum 120. mal.
Herzliche Grüße Euer Achim
Url.: www.radosuboff.de (dort steht auch was über
Afrika)

Link: Gustav Nachtigal

Eine Reise durch die Sahara und dem Sudan

Gustav Nachtigal zum Gedenken

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