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Die erste deutsche Erwerbung im schwarzen Gebiet war das Schutzgebiet von Südwestafrika. Der Bremer Kaufmann Lüderitz kaufte im Jahre 1883 die Bucht von Angra Pequena und ihr Hinterland von dem Häuptling Josef Frederik von Bethanien. Als die britische Kapkolonie ihre Hand danach auszustrecken versuchte, stellte Bismarck das Gebiet unter deutschen Schutz. In späteren Verträgen, insbesondere in dem unglückseligen Sansibarvertrage von 1890, wurden die Grenzen gegen das Britische und Portugiesische Südafrika festgestellt. Das Land umfaßt 835 100 qkm und ist somit 1½ mal so groß als das deutsche Reich. Es ist das einzige Schutzgebiet in der subtropischen Zone, daher wird kein anderes zur Besiedlung durch Deutsche geeignet. Es ist nur dünn bevölkert. 200 000 Menschen wohnen daselbst. Wenn das Königreich Sachsen gleich dünn bevölkert wäre, so würde es etwa 60 Bewohner zählen. Im Süden wohnen die Hottentotten oder Namaqua im Großnamaland; an sie schließen sich an die Herero. Ein Ackerbau und hauptsächlich Viehzucht treibender Bantustamm; sie zählen 86 000 Seelen, sind aber bei weitem nicht so kriegerisch wie die 10 000 Namaquas. Unter beiden zerstreut wohnen die Bastards, Mischlinge zwischen Holländern und Hottentotten; ihre Hauptniederlassung ist Rehoboth. Die Bergdamara, ein arbeitsames, genügsames Volk von 35 000 Seelen, bewohnen den südlichen und mittleren Teil des Schutzgebietes ohne jede völkischen Zusammenhang. Den Norden nehmen die etwa 60 000 Menschen zählenden Ovamboleute ein; gleich den Hereros sind sie ein Bantustamm, der von Ackerbau, Viehzucht und Jagd lebt. Der größte Teil der Bewohner des Schutzgebietes sind Heiden und Fetischanbeter; ein Teil, besonders der Herero und Nama, ist zum Christentum übergetreten, dank den Bemühungen der seit Anfang des vorigen Jahrhunderts im Lande ansässigen Missionare. Die weiße Bevölkerung betrug im Jahre 1902 4 674 Personen, wovon 2 595 Deutsche, 1 354 Buren und 452 Engländer waren. Das Innere des Landes wird durch einen wüsten, mehrere Tagereisen breiten Küstengürtel vom Meere abgeschlossen. Es wird durch zahlreiche Gebirgszüge und Bergreihen durchzogen, so im Süden durch das 2000 m hohe Karasgebirge, das etwa ebenso hohe Auasgebirge und im Norden den Omatakoberg. Nach Osten zu fällt es zur Kalaharisteppe ab. Außer dem stets wasserhaltenden Oranjefluß im Süden und dem Kunene im Norden, beides Grenzflüsse gegen das Kapland und Angola, und dem Okavango gibt es im Schutzgebiet keine Flüsse in unserem Sinne, wohl aber zahlreiche trockene Flußläufe, die nach heftigen Regengüssen sich allerdings in reißende Ströme verwandeln; so den Swakop und den Kuifefluß. Der Zugang in das Innere ist bei dem Mangel an schiffbaren Flüssen sehr schwer. Ohne die genügsamen Ochsen, welches es tagelang ohne Wasser bei spärlichem Futter aushalten, wäre ein Verkehr zwischen der Küste und dem Innern undenkbar gewesen, bis man den Mangel durch den Bau einer schmalen Feldbahn von Swakopmund nach Winhoek, der Hauptstadt des Schutzgebietes, abgeholfen hat. Eine zweite Bahn von 500 km Länge, die von Swakopmund zur Erschließung der reichen Tsumebkupferminen nach Otavi führen soll, ist im Bau begriffen. Das Land ist auf künstliche Bewässerung angewiesen. Zwar finden sich zahlreiche Quellen im Hererolande, wo auch die Regenmenge größer ist. Doch reichen die Niederschläge nicht aus, um den Ackerbau in größerem Umfange zu ermöglichen. Zu dem Zwecke plant man die Anlage von kostspieligen Staudämmen und Wasseranlagen, die auch für die Viehhaltung von Bedeutung sind. Das Klima ist heiß, aber trocken und gesund, im Gegensatz zu den tropischen Schutzgebieten. Für Lungenkranke in noch nicht allzuweit fortgeschrittenem Stadium der Erkrankung ist es außerordentlich heilkräftig. Nachtfröste sind im Innern durchaus nicht selten, und man tut gut, sich auch dort mit warmer Kleidung zu versehen. Der Winter ist durchaus gemäßigt. Die Hauptregenzeit, während der das Land in einem großen Blumen- und Grasteppich - allerdings nur auf kurze Zeit - prangt, fällt in die Zeit von Januar bis März; nachher versengt die Sonne und der Mangel an Niederschlägen und Luftfeuchtigkeit den bunten Teppich, und nur an den Flußläufen und in der Nähe der Quellen sieht man grünes Gras und Feldfrüchte. Eine jahrzehntelange Aufforstung, die bereits geplant und begonnen ist, wird auf die Regenverhältnisse günstig einwirken. Ackerbau in größerem Umfange ist bisher lediglich im Ovambolande möglich, das schon in den Tropen hineinragt. Mit der fortschreitenden Kultur und künstlichen Bewässerung wird jedoch das Anbaugebiet vergrößert, da der Boden Stellenweise von sehr großer Fruchtbarkeit ist. Die Erzeugnisse des Landes sind Viehhäute, lebendes Vieh, Hörner, Straußenfedern, Harze, Gerbstoffe, Tabak. An der Küste, insbesondere bei Kap Groß, wird Guano in großen Mengen abgebaut. Vor allem aber harren reiche Mineralschätze ihrer Erschließung; so Kupfer, höchstwahrscheinlich auch Gold und sicher Diamanten; bei Gibeon ist der diamanthaltige "blaue Grund" wie bei Kimberley gefunden. An der Bahn nach Windhoek sind bei Etusis reiche Marmorlager entdeckt worden. Die Ausfuhr hatte im Jahre 1901 einen Wert von 1 241 761 Mark, die Einfuhr einen solchen von 10 075 494 Mark. Eingeführt werden fast alle Gegenstände des deutschen Marktes. Schwere Kämpfe hat die Errichtung der deutschen Herrschaft unsere Schutztruppe gekostet. Diese besteht aus einem stellvertretenden Kommandeur, 50 Offiziere, Ärzten und Beamten, 772 Unteroffiziere und Mannschaften; sämtlich Deutsche. Unter Umständen können auch deutsche aus der Heimat und andern Ländern ihrer Wehrpflicht dort genügen und Reserveübungen ableisten, obwohl die Truppe aus geworbenen Freiwilligen besteht. Garnisonen sind in Windhoek, Omaruru, Keetmanshoop, Outyo; die Feldbatterie steht in Windhoek. Auch einige Bastards werden zum Kriegsdienst ausgebildet. Eine Truppe von 300 farbigen Polizisten unter abkommandierten Mannschaften der Schutztruppe ist zur Unterstützung der Ortspolizeibehörden bestimmt. Zur Zeit der Besitzergreifung fanden andauernde Kämpfe zwischen den Hereros und den Namas unter der Führung der Häuptlinge Jan Jonker und später Hendrik Witbooi statt, bei denen es die letzteren hauptsächlich auf die großen Rinder Herden der Hereros abgesehen hatten. Diesen Kämpfen mußte der Reichskommissar Dr. Göring mit seiner 50 Mann starken Truppe in Windhoek und Tsaobis untätig mit Gewehr bei Fuß zusehen, weil andernfalls sämtliche Weißen im Lande vernichtet worden wären. Eine Zeit lang war Gefahr vorhanden, daß das Land an England abgetreten wurde. Dieser bedauerlicher Verlust ist uns glücklicherweise erspart geblieben. Eine Abtretung konnte nicht mehr in Frage kommen, als der Nachfolger Dr. Görings, Major von François, zum kriegerischen Vorgehen gegen den übermütigen Hendrik Witbooi gedrängt wurde. Mit einer inzwischen eingetroffenen Verstärkung griff er das Lager Hendriks in Hornkranz im Jahre 1893 an, Witbooi entkam und der Feldzug dauerte über ein Jahr; 1894 ergab sich Hendrik Witbooi in der Naukluft dem Oberst Leutwein, nachdem er von den wiederum verstärkten deutschen Truppen umzingelt war. Witbooi wurden in Gibeon angesiedelt und hat den Deutschen Treue gehalten, was besonders wertvoll war in dem Feldzug von 1896 gegen die Herero der Häuptlinge Kahimema und Nikodemus und die Khauashottentotten unter Kapitän Lambert. Die Gefechte bei Gobabis und Otjunda oder Sturmfeld sind eine Ruhmestat der Schutztruppe, die durch glänzende Tapferkeit und die Umsicht ihrer Führer einen vielfach, besonders durch seine Kenntnis des Landes und der Wasserstellen, sowie durch gutes Pferdematerial überlegenen Feind niederwarf. Im Norden des Schutzgebiets mußten die Swartbooihottentotten zur Ruhe gebracht werden, während der Unterwerfung der Ovambos, die über mehr denn 10 000 Krieger verfügen, voraussichtlich noch ein großer Feldzug vorhergesehen wird. Die Gefahr eines Hereroaufstandes ist bei den zahlreichen gutbewaffneten Kriegern derselben nicht zu unterschätzen; sie vermindert sich mit jedem weißen Einwanderer, der die Zahl der jetzt bereits 830 Mann betragenden Reservisten vermehrt. An der Spitze der Verwaltung steht der Oberst Leutwein in der Hauptstadt Windhuk. Das Schutzgebiet zerfällt in 6 Bezirke: Keetmannshoop, Gibeon, Windhoek, Swakopmund, Gobabis und Outyo. Dazu kommen die selbständigen Distrikte Karibil und Grootfontein. Jeder Bezirk wird von einem Bezirksamtmann geleitet, dem eine Anzahl Ortspolizeibehörden unterstellt sind. Eine Bergbehörde befindet sich in Windhoek. Zwei Gerichte 1. Instanz, Bezirksgerichte, bestehen in Swakopmund und in Windhoek; in letzterer Stadt außerdem ein Obergericht. Längs der 384 km langen Bahn von Swakopmund nach Windhoek besteht eine Telegraphen- und Fernsprechleitung. Von Windhuk aus bedient man sich zur Übermittelung eiliger Nachrichten nach Gibeon im Süden und Omaruru im Norden des Heliographen. 32 Postanstalten vermitteln den sehr beträchtlichen Postverkehr. Soweit nicht die Eisenbahn in Betracht kommt, wird der Verkehr für Personen und Frachten im Innern durch Ochsenwagen vermittelt; mit 10-20 Ochsen bespannt, legt derselbe täglich, beladen mit 30-50 Zentnern, 18-35 km zurück. Im Jahre 1897 verheerte eine große Rinderpest das Land und vernichtete den Wohlstand der Bewohner; von diesem Unglück hat sich das Schutzgebiet jetzt erholt, und große Herden werden nach Transvaal und der Kapkolonie ausgeführt. Auch der Wildstand ist durch die Pest sehr vermindert; immerhin gibt es noch zahlreiche Antilopen, Zebras, Giraffen, Nashörner, Strauße, Trappen, Klippschliesser, eine Dachsart, Paviane, sowie Löwen, Leoparden, Hyänen und Schakale. Die den 1500 km langen Küste vorgelagerten Guanoinseln, sowie das Gebiet der Walfischbai sind im Besitz der Kapkolonie; da die Engländer uns in dem guten Hafen der Walfischbai Schwierigkeiten machten, und die an sich vortreffliche Bucht von Angra Pequena wegen der dahinter liegenden Sanddünen keinen geeigneten Zugang zum Innern darstellt, hat man die Reede von Swakopmund durch eine Mole zu einem günstigen Landungsplatz umgestaltet, über der sich der ganze Verkehr mit der Heimat und mit Kapstadt durch die Dampfer der Woermannlinie vollzieht. In der Erschließung der nutzbaren Bodenschätzen sowie in der Ausdehnung der Rindvieh- und Wollschafzucht beruht die Zukunft des Landes, das aus Kupfer, Gold und Diamanten gewähren wird und unseren großen Bedarf an Schafwolle, die wir bisher aus dem britischen Australien beziehen, vollständig zu decken in der Lage sind. Vor allem aber werden tausende von deutschen Auswandern hier eine neue Heimat finden und den im übrigen Südafrika lebenden Deutschen einen starken Rückhalt gewähren. Quelle: Länder-und Völkerkunde von Gustav A. Ritter, Verlagsdruckerei Merkur, 1904, von rado jadu 2000 |
