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Elefantenfriedhöfe


Es ist etwas Eigentümliches um die alten Sagen der Naturvölker. Immer enthalten sie ein Körnchen Wahrheit. Die Arbeit des Forschers ist es, aus diesem großen Wust sagenhafter Erzählungen dieses Körnchen Wahrheit herauszusuchen. Dazu versteht es der Eingeborene ganz vorzüglich, um den Europäer gefällig zu sein, selbsterfundene Geschichten hinzuzufügen, die sich der Frage des Europäers anpassen.

Siebenundzwanzig Jahre habe ich Afrika bereist, zweimal den Erdteil durchquert, fünf Jahre sozusagen auf den Fährten der Elefanten verlebt. Bin ihnen gefolgt in ihre Zufluchtsorte, die noch vorher keines Europäers Fuß betrat. Tausende von Elefanten habe ich gesehen, habe sie Tage- und Wochenlang beobachtet, habe abends am Feuer gesessen, mit alten Elefantenjäger aller Stämme, darunter viele, deren Sprache ich kannte, mit denen ich mich über alte Zeiten unterhalten konnte. Immer wieder tauchte auch in diesen Gesprächen bei flackernden Scheine des Lagerfeuers die Sage auf vom Elefantenfriedhof. Viele Jahre war ich skeptisch, bis dann eines Tages der Zufall es wollte, daß mich nicht ein Mensch, sondern ein Elefant überzeugte, daß es wirklich Elefantenfriedhöfe gibt. Man darf sich natürlich nicht unter diesem Elefantenfriedhof einem großen Platz in Afrika vorstellen, wo alle Elefanten hinkommen zum Sterben. Nein, jeder Bezirk hat sozusagen einen eigenen Friedhof.

Es ist auch in Europa eine bekannte Tatsache, daß ein todkrankes Tier sich zum Wasser verzieht. Kranke Tiere, wie kranke Menschen, sind naturgemäß immer durstig. Und so geht es auch dem mächtigen Riesen der Vorzeit, dem Elefanten, der, wenn er krank ist, vielleicht sogar in seinem Unterbewußtsein sein Ende herannahen fühlt, sich zurückzieht von der Herde, wegwandert aus der freien Steppe, oder aus seinem Urwald, hinein in einen See oder Sumpf. Dort bleibt er stehen. Hier hat er ständig Wasser; hier steht er ungestört und hier ereilt ihn auch der Tod. Wenn dann dieser mächtige Koloß hinsinkt, dann fallen die Krokodile über den Leichnam her, zerreißen ihn. Der Fluß spült die Knochen weg, die schweren Zähne lösen sich aus dem Schädel, sinken auf dem Boden und sind in kurzer Zeit vom Flußsand begraben oder vom Sumpf verschlungen.

Nie wird ein Elefant im Urwald oder auf freier Steppe verenden. Dort würden unbedingt seine Gebeine gefunden. Aasgeier würden sich sammeln. Hyänen und anderes Raubgesindel findet sich am Kadaver ein, die, wie ich selbst häufig beobachten konnte, direkte Wechsel dorthin austreten; diesen Leichengräbern der Natur würden die Eingeborenen folgen und den toten Elefanten finden.

Manchmal kommt es natürlich vor, daß man auf der Jagd einen toten Elefanten findet und manche Zähne habe ich auf diese leichte Weise erbeutet. Aber hier handelt es sich um angeschweißte Tiere, die auf dem Weg zu ihrem Sterbeplatz verendet sind. Ich habe Elfenbein gefunden, das schon Jahre im Walde gelegen hatte, das schon Jahre im Walde gelegen hatte, über das schon die Grasfeuer verschiedener Jahre hinweggefegt waren. Es war außen brüchig und gesprungen, aber der innere Teil war immer noch zu verwerten. Elfenbein zersetzt nicht so leicht. Die äußere Masse, die sich bildet, schützt den Kern.

Nie wird ein gesunder Elefant sich in einen Sumpf begeben, in dem er versinkt. Jeder Fachmann weiß, wie sorgfältig der Elefant mit dem Rüssel jeden Schritt Weges prüft, bevor er den Fuß setzt, weiß, wie schwer es fällt, einen Elefanten in einer Elefantengrube zu fangen. Natürlich wäre es möglich, Elefanten durch Feuer und Schüsse, verfolgt von Tausenden von Menschen, zu treiben. Aber das könnte man doch nie als Elefantengrab ansprechen, denn die Jäger würden sich doch sofort der im Sumpf steckengebliebenen Tiere bemächtigen.

Wenn sich Elefanten in einen erstorbenen Krater zurückziehen, so tun sie es nur, weil sie dort Ruhe haben und von Menschen wenig belästigt werden. Aber in alle diese Krater führen Wildwechsel hinein, die es dem Elefanten und auch anderem Wilde immer ermöglichen, mit Leichtigkeit das Versteck zu verlassen, sobald sich Jäger nähern.

Nur dem Zufall habe ich es zu verdanken, daß ich eines Tages in Ostafrika einen solchen Platz fand. Es war im Juni 1908. Ich lagerte bei einem Dorfe an einer großen Steppe, durch die der Ruahafluß dührt. Hier sammeln sich in einem bestimmten monat sämtliche Elefanten des ganzen Bezirkes. Ich war krank, konnte nicht auf Jagd gehen. Da wurde mir gemeldet, daß sich ein einzelner Bulle auf den Teil der Steppe eingestellt habe, der selbst in der Trockenheit ständig ungefähr 1 1/2 Meter, an vielen Stellen auch weit mehr, unter Wasser steht. Diesen Bullen habe ich fünf Tage lang beobachtet, in dieser Zeit hat er sich auch keinen Meter weit von dem Platz gerührt, wo er sich am ersten Tage eingestellt hatte.

Da erzählten mir die Jäger, daß er dorthin gekommen sei, um zu sterben. Nachdem ich vom Fieber genesen, zog ich aus und es gelang mir, mich mühselig an den Elefanten heranzupürschen. vom Fieber geschächt durch den Sumpf zu waten, in dem ich stellenweise bis an die Brust versank, mich durchzuarbeiten durch Grastunnel, die von Flußpferden ausgetreten waren und die von Tausenden und aber Tausenden Moskiten belebt wurden, war kein Vergnügen. Näher und näher kam ich an den Riesen heran. Tiefer wurde das Wasser. Fast bis zur Raserei trieben mich die Moskiten, und doch durfte ich noch nicht einmal mit der Hand danach schlagen; denn schon waren wir auf dreißig Schritt an den noch immer unbeweglich darstehenden Elefanten herangekommen. Als wir aus dem Tunnel herauskamen, stand er vor uns, vollständig frei, beinahe bis an den Leib im Wasser, unbeweglich, kaum ein Zeichen, daß überhaupt noch Leben in ihm. Nur hie und da schlugen die Ohren, bewegt sich ganz langsam der Rüssel. Ich war so schwach, daß ich kaum die schwere Doppelbüchse halten konnte. Und doch wußte ich, daß der erste Schuß tödlich sein mußte, denn an Flucht oder Ausweichen war im zähen Morast und im verwachsenen Gras nicht zu denken. Langsam hob ich die schwere Büchse, zielte, setzte wieder ab, zielte wieder, bis ich den tödlichen Fleck gefunden - 2 Zentimeter hinter dem Ohrloch. Und als der Schuß über die weite Ebene donnerte, brach der Riese zusammen.

Das Kleinhirn war getroffen. Noch einige Zuckungen, ein tiefer, schwerer Seufzer, der jeden Jäger ins herz schneidet, und das mächtige Tier war verendet. Als wir den Elefanten untersuchten, stellte sich heraus, daß er von Eingeborenen angeschossen war und sich schwerkrank in seinen Zufluchtsort gerettet hatte, um dort zu sterben oder zu genesen. Der gefallene Elefant lag vollständig vom Wasser verdeckt. wir mußten die Zähne unter Wasser herausschlagen - eine Arbeit, die viele Stunden in Anspruch nahm. Wäre er unbemerkt hier verendet, so hätte niemand etwas von seinem Tod gewußt. Denn schon in derselben Nacht wären Krokodile gekommen, hätten den Elefanten aufgerissen und in wenigen Tagen wären nur noch die Knochen übriggeblieben, die dann im Sumpf versinken. Und so, wie dieser weidwunde Bulle sich dort einstellte, so zieht sich auch an solche Plätze der kranke Elefant zurück, der den Tod fühlt. Hier stirbt er, denn hier kann er in Frieden sterben, nie werden Menschen ihn finden. Solche Friedhöfe, seien es Seen, Sümpfe oder verborgene Plätze in Flüssen, gibt es viele in Afrika. Im Wasser findet das sterbende Tier sein Grab und wird daher nur selten gefunden.

Der zweite Elefantenfriedhof, den ich kenne, befindet sich auf der Wasserscheide des Kongo und Zambesi, im Walundalande; in einem großen von den Eingeborenen "Squeaker" genannten Dschungel liegen zwei Seen, die ich entdeckte, Shikanda und Sengwe genannt, von unergründlicher Tiefe. Auch hier sollen sich nach Aussage der Eingeborenen Elefanten zum Sterben zurückziehen, die sich in den See einstellen und im Wasser dann versinken.

Und so gibt es in jedem Elefantenrevier einen Sumpf, einen See oder einen verborgenen Platz im großen Fluß, wo die kranken Tiere sich hinziehen zum Sterben. Es gibt also nict einen Elefantenfriedhof, sondern viele Elefantenfriedhöfe in Afrika.

Quelle: Wir fahren mit Schomburgk nach Afrika, Abenteuer in Afrika, Hans Schomburgk, Dom Verlag 1939, von rado jadu 2000

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