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Afrikanische Geheimbünde

In den alten Tagen, bevor die europäischen Regierungen in Afrika festen Fuß faßten, stand das ganze Land unter der Herrschaft der Zauberer, die es verstanden, ihre Mitmenschen in ständiger Furcht vor dem Fetisch, dem Zauber zu halten.

Dem Fetischmann, oder auch der Fetischfrau, unterstehen auch heute noch die verschiedenen Geheimbünde, die man in allen teilen Afrikas antrifft. Wenn diese Bünde auch einen großen Einfluß auf das Leben der Eingeborenen von der Geburt bis zum Tode ausüben, so scheint doch nach meinen Beobachtungen, daß ihr Einfluß auf der freien sonnigen Steppe nicht annährend so groß ist, wie in dem dunklen, geheimnisvollen Urwald. Während ich auf meinen Reisen durch Zentral -und Ostafrika kaum je mit diesen Geheimbünden in Berührung kam, merkte ich schon auf meiner ersten Liberiareise, daß dort das ganze Leben der Eingeborenen von den Eindrücken dieser mächtigen Organisation beherrscht wurde.

Nur der tiefe, ewig grüne undurchdringliche Urwald mit seinen tausend Geheimnissen gibt den richtigen Hintergrund für Mysteriöse Vereinigungen, die über die Menschen, denen eine grüne Blätterwand ständig den Blick abschneidet, dort eine ganz andere Macht entfalten können, wie auf der freien, sonnigen Steppe, deren Kinder ein freier Blick zum unendlich weiten Horizont geschenkt ist.

Je primitiver ein Volk ist, desto mehr neigt es zum Aberglauben, und es ist daher wohl verständlich, das gerade die Bewohner des Urwaldes, die dazu verdammt sind, den größten Teil ihres Lebens im mysteriösen Dunkel, unter dem mächtigen Blätterdach, das kaum je die Sonne durchläßt, zu leben, empfänglicher für mystische Eindrücke sind, als die Bewohner der freien Steppe.

Je näher der Urmensch dem Tiere steht, desto einfacher sind seine Lebensbedürfnisse. Nur um Nahrung und Befriedigung seiner Bedürfnisse geht der Kampf.

Fetisch

Aus diesem Grunde sind auch fast alle afrikanischen Geheimbünde in erster Linie zur Regelung der Stammesfragengeschaffen.
Die wichtigste unter diesen Geheimbünden, denen der Eingeborenen sein ganzes Leben lang untersteht, sind die Männerorden, in Liberia Poro, und der Frauenorden, dort Bundu genannt.
Den Mitgliedern dieser beiden Orden ist über die inneren Vorgänge absolute Schweigepflicht auferlegt. Dabei ist es zweifelhaft, ob sie durch einen besonderen Eid zum Schweigen verpflichtet werden, oder ob nicht vielmehr der glaube, daß durch einen Verrat der Geheimnisse der Fetisch des Ordens sich an den Verräter rächen würde, sie zum Schweigen zwingt. Auf jeden Fall steht fest, daß es bis heute noch keinem Europäer gelungen ist, in die internen Geheimnisse gerade dieser beiden wichtigsten Orden einzudringen. Nur die äußeren Gebräuche dieser Orden sind bis heute einigen Reisenden, die es verstanden haben, das vertrauen der eingeborenen zu gewinnen, bekannt geworden.

Die Poro, der Männerorden, ist eine Art Schulinternat der Männer. Die Erziehung für das Recht, diesem Orden beizutreten, kann bei den Knaben zwischen dem siebten und zwanzigsten Lebensjahr beginnen und dauert nur einige Monate. Bevor ein Knabe Mitglied des Ordens wird, hat er keinen Eigennamen, erst bei seiner Aufnahme, die gleichzeitig mit seiner Beschneidung nach mohammedanischem Ritus verbunden ist, bekommte er den Namen, den er fortan sein Leben lang tragen wird. Zur selben Zeit werden auch die Ziernarben des Poroordens an beiden Seiten neben dem Rückgrat eingeschnitten. Die Erziehung im Orden ist eine äußerst strenge. Es gilt den Körper abzuhärten, große körperliche Strapazen sowie Hunger und Durst zu ertragen. Wenn es auch nach Außen den Anschein erwecken möchte, daß der Hauptwert der erziehung auf den Tanz gelegt wird, so dürfte dies kaum der Fall sein, wenn auch dem Beobachter natürlich die Tänze am meisten ins Auge fallen.

Die Erziehung erstreckt sich aber auf alles, was für den jungen Menschen in seinem späteren Leben wissenswert ist. Er wird in die Geheimnisse der afrikanischen Staatskunst und hauptsächlich auch in den Gebrauch der verschiedenen Medizinen eingeweiht. Da nach dem Landesgesetz keine Frau einen Poroknaben sehen darf, so sit es wohl anzunehmen, daß die Zöglinge während ihres Aufenthaltes im Porodorf, das abseits des großen Dorfes versteckt im Urwald liegt, im Zölibat leben. Es scheint überhaupt, als ob bei dem Männerorden in Westafrika die Sexualfrage eine seh geringe Rolle spielt, trotzdem die Zöglinge während ihrer Lehrzeit mit denjenigen Medizinen bekannt gemacht werden, die zur Stärkung und Erhaltung des Sexualtriebes eine wichtige Rolle spielen.

Der Aufbau des Bundu, des Frauenordens, entspricht dem des Männerordens. Beide Orden haben drei Grade, der erste oder der Aufnahmegrad; der zweite grad, aus dem schon die Funktionäre gewählt werden, so gehören z.B. die Ordensteufel immer dem zweiten Grade an, und dann der dritte, der Hauptgrad, aus dem der Vorsteher oder die oder die Vorsteherin des ganzen Ordens gewählt werden.

Bundu

Auch bei den Mädchen liegt die Aufnahmezeit zwischen dem siebten und zwanzigsten Jahr, aber in beiden Fällen sind Ausnahmen möglich. Ebenso wie die Knaben, erhalten auch die mädchen erst nach der Aufnahme in den Orden einen richtigen Namen.
Während die Zierknaben des Poro, des Männerordens, sich auf den Rücken befinden, werden dieselben bei den Mädchen unter der Brust auf dem Leib eingeschnitten. Bis auf einige Perlschnüre, die aus einer bestimmten Frucht gemacht werden, gehen die Mädchen während der drei Jahre ihres Aufenthaltes im Bunuorden vollständig nackt. Sie leben während dieser Zeit vollständig abgeschlossen und gelten als heilig, so das kein Mann es wagen würde, sie auch nur mit der Hand zu berühren.

Kinder sind nächst Vieh der größte Reichtum der Eingeborenen. Vieh gibt es im Urwald nicht, es bleiben nur die Kinder, und trotzdem werden den Mädchen im Bunduorden Mittel zur Verhütung der Empfängnis und zur Abtreibung gelehrt, aber auch hierfür gibt es gibt es eine erklärung. Der Urwald ist eng und schließt die Menschen ein, jedes Feld, jede Farm bedeutet einen Kampf mit der Natur. Ein zu großes Gemeinschaftswesen würde auf Schwierigkeit in der Ernährung stoßen. Bis zum fünften Jahr liegt ein Kind der Mutter an der Brust. In den meisten Teilen Afrikas gilt die Frau während dieser Zeit als unrein und darf die Hütte ihres Mannes nicht betreten.

Während auch hier nach Außen hin der Hauptwert der Erziehung auf den Tanz gelegt zu sein scheint, so gehen doch im Innern diese Ordens Dinge vor sich, die in den meisten Fällen selbst einem sorgfältigen Beobachter verborgen bleiben. Sobald die Mädchen in dem Orden aufgenommen werden, gelten sie Offiziel für das Gemeinwesen als gestorben, trotzdem sie außerhalb des Dorfes ihre Verwandten sehen und sprechen dürfen, das Dorf selbst dürfen sie aber nicht betreten.

Am Tage der Entlassung werden die Mädchen unter großen Feierlichkeiten wieder in das Dorf gebracht. Sie gelten jetzt als neugeboren und müssen von ihren Angehörigen von dem Bunduorden zurückgekauft werden. Einige Tage später wird der Bunduorden aufgelöst, die Mädchen werden "gewaschen", wie der Eingeborenenausdruck lautet, und treten jetzt erst als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft ein. Selbstverständlich bleibt sie ihr Lebenlang Mitglied des Ordens und freie Mädchen können jetzt in die höheren Grade aufrücken, während die Sklavinnen immer im letzten Grad bleiben, trotzdem sie auch vollwertige Mitglieder des Ordens geworden sind. Eine Frau, die dem Orden nicht angehört, gilt nichts im Lande und kann nicht einmal an den Beratungen der Frauen teilnehmen.

So finden wir im fernen Urwald der Westküste Afrikas Geheimbünde, die in ihrem Aufbau der Freimauerei gleichen und ein ungeheures Ansehen im Lande haben. Wenn auch der Häuptling das Land regiert, so würde er es nie wagen, einen wichtigen Beschluß zu fassen, ohne die Vorsteher des Poro -und Bnduordens zu Rate zu ziehen. Wir finden hier Organisationen, die nicht nur ihren Einfluß auf das Staatswesen, sondern auch auf das Familien -und insbesondere auf das Privatleben eines jeden einzelnen ausüben.

Quelle: Wir fahren mit Schomburgk nach Afrika, Abenteuer in Afrika, Hans Schomburgk, Dom Verlag 1939, von rado jadu 2000

 

Poro

Poro ist ein Oberbegriff für die Geheimgesellschaften, die in einigen westafrikanischen Ländern große Macht gewonnen haben. Poro bezeichnet insbesondere die Geheimgesellschaft der Männer. Die Geheimgesellschaft der Frauen wird Sane oder Sande genannt. Natürlich hat jede einzelne autonome Gesellschaft ihre besonderen Parolen und Namen.
Diese Gesellschaften halten regelmäßige Zusammenkünfte im Wald ab, bei denen sie nicht gestört werden dürfen.

Ein besonderer Trommelrhythmus weist auf den Ort und die Zeit des Treffens hin, und alle Nichteingeladenen halten sich fern - aus Angst, durch die starke Magie Schaden davonzutragen, für die die Poro-Gesellschaften wohlbekannt sind. Der Großmeister der örtlichen Poro-Gesellschaft ist im Alltagsleben ausnahmslos ein mächtiger Würdenträger in seinem Distrikt. Seine Funktion während offiziellen Prozession besteht darin, die Große Maske, Ngamu, zu tragen, die die Gottheit personifiziert, welche die Poro-Mitglieder verehren und der sie dienen.

Diese Gottheit darf Öffentlich nicht erwähnt werden, sondern wird flüsternd als Loo Seng, "Waldding" bezeichnet, da ihr Träger in Schilf, Blätter und Zweige gehüllt ist, mit denen seine wahre Identität verborgen wird. Viele Poro-gesellschaften zeigen die Große Maske niemals gewöhnlichen Bürgern, sondern nur Mitgliedern. Nur ein kleiner, enger Kreis Gleichgesinnter kennt die Identität der einzelnen Mitglieder und des Großmeisters. Einige Poro-Gesellschaften besitzen magische Insignien einschließlich der Schädel, die Macht gewährleisten und Menschen einschüchtern.

Tänzer und Stelzenläufer können die Prozession begleiten. Die Maske selbst wird sale genannt, was mit "Medizin" übersetzt wird, aber ursprünglich "Geist" bedeutet haben muß. Ein angehendes Mitglied muß zuerst initiiert werden, woraufhin es die vielen Ränge und Grade in der Poro-Hierachie erklimmen kann. Einige hohe Ämter können vererbt werden. Das höchste Gremium der Poro kann über bestimmte Vergehen gegen die Sittlichkeit zu Gericht sitzen und den Missetäter bestrafen, nachdem die Große Maske gehört wurde, die mit einer hohen Fistelstimme spricht, so daß niemand den Sprecher wiedererkennen kann.

Quelle: Lexikon der afrikanischen Mythologie, 1995 Heyne Verlag

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