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Das Geheimnis der Maske

Wer die originellsten und wichtigsten Kunstschöpfungen Afrikas - seine Masken und seine Stauen begreifen will, muß sie in dem großen Zusammenhang sehen, in dem Millionen Afrikaner noch leben. Er muß in die afrikanische Savanne, in den Busch und den Urwald gehen, dorthin, wo unter dem hämmernden Rhythmus der Trommeln Botschaften kilometerweit gesendet werden. Wo im Schatten der Affenbrotbäume der Ahnen und Götter geopfert wird, wo aus dem Dunkel der Nacht plötzlich Maskentänzer erscheinen, Wesen, die über und über verhüllt sind.

Masken und Figuren sind Träger der sakralen, der religiösen Kunst, die unlöslich wie der Glaube mit dem Alltag, den Sitten und Gebräuchen der schwarzen Menschen verbunden sind. Die Bedeutung der Maske in Afrika kann nur begreifen, wer ihre Legende kennt. Die "Große Maske" existiert nach dem Glauben der Afrikaner schon vor der Schöpfung der Welt. Als Erscheinung Gottes wurde sie einst von den Ahnen in der Erde oder im Wasser entdeckt. Die Maske ist heilig. Niemand darf sie berühren. Jeder muß ihr Ehrfurcht bezeugen, sich in den Staub werfen, den iht Träger in ekstatischem Tanz aufwirbelt, die Schläge und Peitschenhiebe ertragen, mit denen der Maskierte starft, sich rächt und urteilt. Die Maske kann Angst bis zum Wahnsinn treiben, aber auch Wahnsinn mit magischen Kräften vertreiben. Der Mensch, der sie überstülpt und gleichzeitig mit einem Gewand aus Stroh, tüchern und Federn über und über bedeckt wird, gibt seine eigene Persönlichkeit auf. er wird zum Geist oder zum Ahnen, den die Maske darstellt. Der Rhythmus des TamTam versetzt ihn in Trance. Wie ein Besessener tanzt er im Kreis, springt in die Luft, beschwört Erdgöttin und Wassergeist, Regen und Fruchtbarkeit, Dämonen und Totemtiere, Liebe und Haß, Krieg und Frieden, Leben und Tod.

Die Masken werden vor allem bei den großen Einweihungsfesten getragen, dann wenn der junge Mann oder das junge Mädchen nach harter Buschschule das erste Stadium des erwachsenen Menschen erreicht. das wird überall in Afrika mit einem großen Maskentanz gefeiert. Es gibt viele Einweihungsgesellschaften, bei manchen Stämmen für jeden Grad der Erkenntnis eine andere. Masken tragen auch die Medizinmänner bei ihren Heilungszeremonien, die Wahrsager, die den Menschen einen Blick in das Dunkel ihrer Zukunft versprechen.

Maskentänze begleiten die Toten auf ihrer letzten Reise, Mensch und Tier, Mädchen oder Mann, Krokodil, Büffel, Antilope fließen in einem Antlitz zusammen.Die Konturen der einzelnen Geschöpfe sind um der mystischen Ganzheit willen aufgegeben. Die Welt in der Maske spiegelt den Morgen der schöpfung -die uranfängliche Einheit aller Wesen: das Mysterium des Lebens. Oft steht die Maske nur mit ein paar Linien, gegeneinander gerichteten Flächen, kubistischen Formen im Raum, ist nur noch Idee, für einen Augenblick in der Materie verdichteter Geist, in Material geronnener Befehl der Götter, Grenzstation zwischen Visionen und Träumen und der Welt der realen Dinge.

Niemand darf unter die Maske schauen. Wer etwa entdeckt, daß sie von einem bestimmten Mann des Klans getragen wird und das verrät, muß sterben. Das Geheimnis zu kennen und es zu bewahren, werleiht dem Afrikaner Macht über andere. Wer die Masken aus ihrem traditionellen Zusammenhang reißt, sie von den Gesichtern der Tänzer nimmt, fortträgt aus dem Grasland von Kamerun, aus den Dörfer der Senoufu, der Baulé, der Yoruba und in Museen stellt oder auf den Märkten anbietet, muß wissen, daß er ihnen gewalt antut. Masken sind Tore zum Geheimnis des Lebens. Sie entsprechen einer uralten Sehnsucht der menschen, das niemals geschaute faßbar zu machen, in eine Form zu bringen, für die es kein Modell in der Natur gibt. Sie sind in der Domäne des Jenseitigen Beheimatet, in einem Bereich, über den der Mensch nicht Herr ist, in dem aber alle Kunst entsteht.

Quelle: Afrika, Die dunkle Trommel, Gisela Bonn, Verlag Mensch und Arbeit 1970, von rado jadu 2000

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