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Die deutschen Schutzgebiete

Togo und Kamerun


Togo, eine unserer entwicklungsfähigsten Kolonien, steht seit dem 5. Juli 1884 unter deutschem Schutz. Um seine Erschließung haben sich verschiedene unserer Landsleute verdient gemacht. In erster Reihe Hornberger (1862), dann Dr. Ernst Henrici und burgi 1887-1888, Dr. Wolf, der 1888 über das Apossogebirge bis Borku ging, Kling und Büttner, die das Land am oberen Volta und Mono durchstreiften (1892) und Dr.Gruner, der 1894-1895 über die weszlichen Teile von Borogung und Gurma nach der Stadt Say am Niger und ebenso wieder zur Küste zurückzog.

Togo, das wie oben erwähnt, an der Sklavenküste liegt, grenzt im Westen bei Lome an die englische Goldküste, im Osten bei Little Popo an das französische Dahome, im Süden an den Meerbusen von Benin. Die nördliche Grenze ist zur Zeit noch unbestimmt. Die auf 36 km ausgedehnte Küste ist sandig, aber gleichwohl mit Wäldern von Kokospalmen bedeckt. Hinter der eigentliche Küste, die eine Art Nehrung bildet, liegt ein großes Süßwasserhaff, der Togosee, hinter dem das Innenland hügelig aufsteigt, im Osten mit wasserarmen Savannen bedeckt, im Westen fruchtbar und im vollen Schmuck reicht entwickelter Tropenvegetation. Das Opossumgebirge, das sich im Innern bei einer mittleren Erhebung von 500 m, bis 800 m erhebt, zieht sich nördliche von Dahome nach dem unteren Volta und schließt endlich die Plateau am Niger gegen die Küste ab. An Schiffbaren Strömen kommen nur zwei in Betracht, der Sio und Haho, die indessen ziemlich unbedeutend sind.

Das Klima von Togo ist nicht gerade gesund, aber doch immer etwas besser, als das der angrenzenden Landstriche. Die feuchte Seeluft, vereint mit der Tropenglut, hat für den Europäer etwas Erschaffendes. Malariaepidemien treten beinahe alle Jahre zweimal auf. Die Eingeborenen gehören zu dem weitverzweigten Ewestamm, sind ein ruhiges, friedliebendes Volk und zu allen Handfertigkeiten äußerst geschickt.

Hochentwickelt ist ihr religiöses Gefühl, trotzdem sie mehr oder weniger Fetischdiener sind. Henrici erzählt ein sehr hübschen Zug, der die Intelligenz der Eingeborenen scharf charakterisiert. Die Ewe opfern viel, aber wunderbarer Weise immer nur "bösen" Geistern. Henrici fragte, warum sie nicht auch dem guten Geiste Opfer brächten, die Antwort lautete: "Mawu, der gute Gott, ist so hoch und freundlich, daß er gar kein Opfer begehrt, darin besteht eben seine große Güte. Nur die bösen Geister wollen bestochen sein." Sklavenhandel gibt es in Togo nicht, wohl aber Sklaven. Das Verhältnis, in dem diese zu ihren Herren stehen, ist indessen ziemlich lose und entspricht mehr einer patriachalischen Hörigkeit. Als Haupthandelsplätze haben Little Poppo, Porto Seguro, Bagida und Lome zu gelten, von denen besonders Lome während der letzten Jahre einen bedeutenden Aufschwung genommen hat. Im Innern sind westlich die Ortschaften Misahöhe, Kpando und Kratschi, östlich Atakpame wichtig.

Im Allgemeinen ist Togo ein blühendes fruchtbares Land. Oel-, Kokos-, Fächerpalmen, Butterbäume, Tamarinden, BAnanen, Alles was der Süden hervorbringen kann, gedeiht in üppiger Schönheit. Die Äcker sind gut bestellt, da die Ewe als Landarbeiter äußerst arbeitsam sind. Neben Tabak werden Reis, Mais, Yams, Erdnüsse und Zuckerrohr gezogen. Bei Little Popo, Bagida und Lome hat man große Kokosplantagen angelegt. Ebenso erwiesen sich Kaffeepflanzungen als sehr ergiebig, während die Versuche mit Baumwolle mißglückten. Europäische Gemüse kommen gut fort. Die Viehzucht steht ebenfalls auf einer ganz achtbaren Stufe. Rinder finden sich überall, Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner desgleichen. Das Huhn ist speziell ein Leibgericht der Eingeborenen und wird in Dutzenden von Formen zubereitet. Im Übringen ist der Ewe ziemlich mäßig. Er braut sich zwar auch sein "Gin" oder Negerschnaps, da er indessen nicht zur Trunksucht neigt, kann ihn dieser "Trank der Hölle", wie Henrici ihn nennt, wenig schaden.

Das Hauptziel der Kolonialverwaltung geht für Togo dahin, dem Handel des Hinterlandes direkte Karawanenstraßen nach der Küste zu erschließen. Eine derselben, die nach Kewe, ist bereits fertiggestellt. Außerdem ist in Togo auch seit wenigen Jahren das "Nachtigal Krankenhaus" fertiggestellt, im dessen Errichtung sich besonders die Nachtigalgesellschaft für vaterländische Afrikaforschung große Verdienste erworben hat. nach allen Regeln moderner Hygienik erbaut, hat er schon manchen unserer Landsleute die Gesundheit wiedergegeben.

Kamerun, die zweite unserer westafrikanischen Kolonien, stand bis 1884 noch völlig unter der Herrschaft selbständiger Häuptlinge, der "Duallakönige". Im Juli genannten Jahres schlossen die drei Hamburger Firmen Woermann, Jantzen und Thormälen mit den "Königen" einen Vertrag, durch den sie die Souveränität über die Duallaländer erlangten, und diese Abmachung ging gleich darauf auf das Deutsche Reich über. Am 12. Juli 1884 lief das deutsche Kanonenboot "Möwe" in den Kamerunfluß ein, und schon am 14. Juli fand die Besitzergreifung durch den Generalkonsul Nachtigal statt. Es hat zwar noch mancherlei Kämpfe da draußen gegeben, und noch im Dezember 1893 plünderten meuternde Polizeisoldaten das Regierungsgebäude; allein im Allgemeinen ist die deutsche Oberhoheit dort doch sichergestellt.

Auch Kamerun hat zahlreiche Forscher gefunden, die seine Länder dem Handel und der Wissenschaft erschlossen. Burton, Mann, Reichenow dürfen nicht vergessen werden, wenn von dieser Kolonie die Rede ist. Lieutnant Kund und Lieutnant Tappenbeck haben den Süden, Dr. Zintgraff den Weg der Binue. Lieutnant Morgen, Gravenreuth u. A. setzen das Werk dieser verdineten Männer fort. Zu den verdienstvollen deutsche Afrikaforschern zählt unstreitig der kürzlich verstorbene Dr. Eugen Zintgraff. Nachdem sich derselbe bereits 1884 an einer österr. Expedition nach dem unteren Kongo beteiligt hatte, unternahm er 1886 seine erste selbständige Expedition nach dem Hinterlande von Kamerun. Nach Begründung der Barombistation am Elephantensee gelang es ihm 1888, bis in das Land der Bajang am oberen Laufe des Altcalabar vorzudringen und von da aus anfangs 1889 seinen Marsch nach dem oberen Laufe des Binueflusses anzutreten. Als erster Europäer brach er durch den Urwaldgürtel, der Kamerun bis dahin gleich einem unüberwindlichen Walle vom Innern des Landes abzuschließen schien, und erreichte das 1400 m über Meer gelegene Steppenland der raub- und kriegslustigen Balineger. Mit köstlichem Humor schildert Zintgraff in seinem Buche "Nordkamerun" die erste Begegnung mit Angehörigen dieses Volkes, den Abschluß des Blutfreundschaftsbundes, den er mit dem Balihäuptling Fo Bessong abschloß und seine erste Begegnung mit Garega Fo N'Yong, dem gefürchteten Oberhaupte alle Balineger.

"Im Halbdunkel meines Hauses" — so schreibt Zintgraff, "saßen Fo Bessong und ich auf geschnitzten rundenn Stühlen einander gegenüber, vor uns ein Palmweintopf, unsere beiden Dolmetscher zu unseren Füßen. Mit einem Rasiermesser ritzten wir dann gegenseitig am rechten Unterarm die Haut, so daß etwas Blut herausfloß. Dieses drückten wir in meine als Misch- und Trinkgefäß dienende Teetasse. Alsdann gab mir Fo Bessong Kubebepfeffer zum kauen, während er zu gleicher Zeit ein Kokosnuß in zwei Teile zerlegte und mir deren eine Hälfte reichte. Auch er nahm Pfeffer und Kola. Nachdem der Pfeffer und die Kola zu einem Brei gekaut war, mußte jeder diesen Brei auf die frische Schnittwunde seines Armes legen, wodurch etwas Blut in dieses sonderbare Pflaster zog. Hierauf, und das kostete mich nicht wenig Überwindung, mußte ich — nur mit dem Munde, ohne die Hände zu gebrauchen — von dem überaus schmierigen Arm des Fo Bessong dessen gekauten Brei wegnehmen und diese höchst seltsame Paste hinunterschlucken, während er bei mit ebenso tat. Mit dem blutgefärbten Palmwein in der Teetasse spülten wir zum Schluß die Sache vollends hinunter, nachdem Fo Bessong diesen mit seinem vor Schmutz starrenden Fingernagel noch gehörig durcheinander gerührt hatte. Unseren beiden Dolmetscher bekamen ebenfalls etwas zu trinken und nunmehr wurde der Inhalt der Schwurformel verkündet: "Zwischen Fo Bessong und mir soll nur ein Wort sein. Von seiner Seite soll mir kein Übles drohen, und was mich außerhalb seines Dorfes trifft, kann nicht auf ihn zurückfallen. Meinerseits muß ich Fo Bessong auch gegen seine Feinde schützen, wie er mir helefen wird. Wer von uns nicht wahr bei dieser Abmachung ist, "dessen Bauch soll in neun Tagen anschwellen und er selbst eines schrecklichen Todes sterben". — Es wäre gegen allen Bracu des Landes gewesen, wenn wir diesen Bund nicht mit unzähligen Bechern Palmwein begossen hätten.

Mein Dolmetscher Muyenga, der natürlich auch unter dem Schwur stand, hatte einmal in Kamerun bei einem Missionar gearbeitet. Er belehrte mich nun während des Gelages, Blutsfreundschaft bei den Eingeborenen sei so gut, als wenn ein Christ auf die Bibel schwöre. Die Blutsfreundschaft sei überhaupt das Abendmahl des schwarzen Mannes! Nun sei keine Gefahr mehr, und wir dürfen vertrauen. Fo Bessong hat in der TAta den geschlossenen Freundschaftsbund getreulich gehalten und sich zu allen Zeiten als ein sehr zuverlässiger Förderer der Expedition Zintgraffs erwiesen. Er gab derselben seinen eigenen Bruder nebst entsprechender Bedeckung als Begleiter nach dem Balilande mit, und nach einem feierlichen Palmweingelage, — "in diesem Lande ist alles auf Kommerz und Rundgesang zugeschnitten" schreibt Zintgraff" — verabschiedete er sich von dem weißen Freunde, wobei er seine beiden Hände faßte und ihm, um alle bösen Geister von ihm "wegzublasen", sowohl auf diese als auch ins Gesicht spuckte.

Den Empfang bei Garenga schildert Zingtgraff folgendermaßen: "Vor uns lag in sanftem Aufstiege ein großer, freier Platz, der. mit Ausnahme seines oberen Randes, auf beiden Seiten mit Häusern eingefaßt war und auf den aus verschiedenen Richtungen Straßen mündeten. Uns gerade gegenüber erhob sich das ansehnliche Gehöft des Häuptlings, ebenfalls hinter kunstvoll geflochtenem Matten geborgen und von schattigen Bäumen überragt. Dicht davor, unsern des Tores zur Rechten, stand auf dem Marktplatz selbst einmächtiges, auf zwei Seiten offenes Versammlungshaus. Dieses alles aber nahm unsere Aufmerksamkeit nur einen Augenblick in Anspruch, die sich vielmehr alsbald der in dichten Scharen den oberen Marktrand besetzt haltenden Menschenmenge zuwandte. In tiefem Schweigen hockten hier etwa 2000 Krieger auf der Erde, ihre Flinten und Speere aufrecht zwischen den Knieen haltend, so daß es im Ganze der gerade untergehenden Sonne allenthalben von blitzenden Läufen und blinkenden Speerspitzen starrte und flimmerte. In der Mitte des Platzes befand sich eine aus Felsblöcken aufgetürmte Erhöhung, aus deren Mitte sich ein Pfahl mit drei Aststumpfen erhob, und hier ließ ich mich auf einem diensteifrig herbeigebrachten Stuhl nieder. Meine infolge der sieben Palmenweinstationen mittlerweile ziemlich angewachsene Balibegleitung lagerte sich auf beiden Seiten, während mein Dolmetscher, die Babessongleute, sowie die ersten Boten des Häuptlings, die drei alten Männer, vor mir niederkauerten. Allgemach kamen meine Träger an, deren bis dahin laute Unterhaltung beim Anblick dieser, in unheimlicher Stille verharrenden Menge Bewaffneter plötzlich verstummte, und still verkrochen sie sich hinter mich und meine eingeborenen Umgebung.

So mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, und wir hatten genügend Zeit gehabt, uns gegenseitig zu betrachten, als einige Sklaven aus dem Eingange des Häuptlingshauses herausgesprungen kamen, eine große Rindshaut dicht vor mir ausbreiteten und noch einen Stuhl darauf setzten. Der gefürchtete Häuptling der Bali, Garenga Fo N'Yong, sollte jetzt erscheinen, und gespannt blickten wir alle auf den Eingang des gehöftes, an dessen linker Seite sein Thron aus Felsblöcken errichtet war. Endlich kam er, langsam, mit gemessenem Schritt über die hohe Türschwelle des Eingangs tretend. Eine mächtige, wohlbeleibte, im dunkelrot gefärbten Burnus nach Art der mohammedanischen Tracht, dessen faltenreicher Wurf das Massige seiner Gestalt nur noch mehr hervortreten ließ, so stand er aufgerichtet vor seinem Steinsitz, einen Augenblick scharf nach mir hinsehend. Dann ließ er sich nieder, während die versammelten Krieger dreimal im Takt laut in die Hände klatschten, welcher Begrüßung er jedoch kaum beachtung zu schenken schien. Indem er alsdann einige Worte zu seinem Leibsklaven sprach, erhob er sich und kam mit elastischem Gang, aber voll würde, sich etwas auf den Fußballen wiegend, auf mich zu. Ich stand gleichfalls auf und schaute ihm fest ins Gesicht, das verhältnismäßig wenig negerhafte Züge trug. Eine zeitlang sah er auf mich, ein wenig mit den Augen blinzelnd; dann rasch mein rechtes Handegelenk umfassend und meinen Arm in die Höhe hebend, gab er seinem Gefolge (etwa einem halben Hundert alter Männer) gegenüber seiner Bewunderung darüber Ausdruck, daß die Haut des Weißen nicht brenne, wie man ihm erzählt habe; der könne auch auf keinen Fall aus dem Wasser stammen. Dann besah er sich meine Hand und Finger ganz genau, zählte letztere sogar und schien nach sorgfältiger Prüfung endlich beruhigt und befriedigt. Nun setzte er sich auf seinem neben mich gestellten Stuhl nieder, ein Leibsklave kam mit gewärmten Palmwein und eigenhändig eine Kola teilend, gab er mir die eine Hälfte, während er die andere verzehrte. Darauf ließ er meine Teetasse mit Palmwein füllen und vorher ein wenig von dem Inhalt auf denBoden gießend, trank er sie halb aus und reichte mir den Rest. Alsdann folgte ich und tat das Gleiche. Auch die alten Männer und die Babessongleute, die unterdessen die Grüße ihres Häuptlings bestellt, sowie meine Absichten Garenga mitgeteilt hatten, erhielten ihren Anteil. Eine feierliche Zecherei begann sich nun zu entwickeln, während der Garenga sich unaufhörlich von unserer Reise erzählen ließ und bald mich, bald meine Leute ansehend, seinem ungeheuchelten Erstaunen über unser kommen Ausdruck gab.

Die übrigen Bali saßen in stiller beschaulichkeit Pfeifen rauchend auf ihren Plätzen. Zum Glück erlitt der Empfangsschoppen durch einen heftigen Platzregen, dessen erste Tropfen uns ins Gehöft trieben, eine baldige Unterbrechung, während die Träger in dem großen Versammlungshause, sowie in zwei Häusern innerhalb des Gehöftes Garegas untergebracht und reichlich mit Palmwein, Lebensmitteln und Feuerholz versorgt wurden. Ich selbst erhielt dicht neben dem Hause Garegas ein geräumiges sehr sorgfältig und sauber gearbeitetes Haus, eigentlich ein kleines Palmweinhaus für Privatzwecke des Häuptlings und seiner Freunde."

Durch Begründung der Station Baliburg schuf sich Zintgraff in dem Gebiete dieses Häuptlings einen Stützpunkt für sein weiteres Vorschreiten, das ihm in nördlicher Richtung bis Ibi am Binueflusse führte, wo er im Juni 1889 eintraf. Von dieser britischen Faktorei aus wandte sich Zintgraff gegen Osten und gelangte bis Gashaka, von wo er durch den südlichen, in das deutsche Schutzgebiet fallenden Teil von Adamaua nach dem Balilande und Kamerun zurückkehren gedachte. Der Großsultan von Jola aber, unter dessen Oberherrschaft die kleinen Herrscher in Adamaua standen, legte ihm aus politischen Gründen Schwierigkeiten in den Weg und veranlaßte den gastfreundlichen Herrscher von Gashaka, Sambo, bei welchem Zintgraff sich's längere Zeit hatte wohl seon lassen, seinen Gast zu überreden, dem Großsultan persönlich seine Huldigung darzubringen und sich von ihm die Erlaubnis zu erwirken, seinen Rückweg nach Baliburg über den berühmten Elfenbeinmarkt Banjo im südlichsten Teile von Adamaua zu nehmen. Diese Erlaubnis wurde jedoch nicht erteilt, Und Zintgraff kehrte über Gashaka auf dem kürzesten Wege nach Bali und Kamerun, und von dort nach Europa zurück. Unglücklicher verlief ein zweite 1890 angetretene Expedition, in deren Verlauf Zintgraff an einem Kampfe der Bali gegen die nördlich von diesen wohnenden Bafut teilnahm und gegen letztere am 31. Jamnuar 1891 bei Bandeng ein Gefecht zu bestehen hatte, das einen ungünstigen Ausgang für ihn nahm. Vier Europäer und 170 Afrikaner fielen; Zintgraff entkam nur mit Mühe. Die nochmalige Rückkehr Zintgraff's nach Blaiburg (1892) blieb erfolglos , und i, folgenden Jahre wurde die Station gänzlich aufgegeben, zumal da zwischen Zintgraff und dem Gouverneur von Kamerun Mißhelligkeiten ausgebrochen waren, die ein weiteres ersprießliches Wirken des Ersteren im Reichsdienste unmöglich machten.

Kamerun erhielt seinen Namen von den Portugiesen, die seinen Strom Camaroes. d.h. Krabbenfluß, tauften. Das deutsche Kolonialgebiet ist vorläufig eigentlich nur noch Küstenland, das im Nordwesten von dem vulkanischen Kamerungebirge umschlossen wird. Der schmale Küstenstreifen grenzt landabwärts an einen Urwaldgürtel, der ihn von der inneren Hochebene trennt. Von den zahlreichen Strömen, die aus dem Gebirge nach der Küste kommen, sind die meisten ihrer Stromschnellen wegen wenig schiffbar. Nur in den Kamerunfluß können auch Seeschiffe einfahren.

Kamerun hat das echte Tropenklima, heiß und mit Fieberdünsten gesättigt. Die Pflege der Kranken in geeigneten Lazaretten ist darum auch eine der wichtigsten Aufgaben der Verwaltung. Wie der Norden hat auch Kamerun seine "vier Jahreszeiten", nur daß diese sich hier in die Regenzeit ohne Gewitter (Juni-August), die Zeit der Gewitter und Tornados (September-Oktober), die Zeit vereinzelter Gewitter und Regengüsse(November-Februar), und endlich in die Zeit häufiger Gewitter (März-Mai) scheiden. Regen gibt es, wie man hieraus sieht, durchs ganze Jahr. Die Vegetation ist hoch entwickelt. In den Wäldern wachsen Palmen aller arten. Lianen schlingen sich von Baum zu Baum. Der Wollbaum breitet seine dunkle Krone aus, am Boden wuchern Farne in riesigen Dimensionen. Ebenso üppig entwickelt sind die Kulurpflanzen. Im botanischen Garten zu Viktoria stellt man seit 1888 unausgesetzt Versuche mit anbaufähigen Gewächsen an, die sämtlich gut gedeihen. Am besten entwickelten sich bisher die Kakaoplantagen bei den Kriegshäfen Bimbia und Bibundi; auch der Kaffee steht gut, weniger erwartet man von Tabak und Reis.

Die Fauna ist nicht sehr reich vertreten. Krokodile und Flußpferde treiben sich zwar in Menge in den Gewässern umher, Affen und Leoparden hausen in den Bergen, allein Jagdtiere fehlen. Nur ganz vereinzelt trifft der Jäger Büffel, Antilopen oder Elefanten. Die Eingeborenen setzen sich zusammen aus Duallanegern vom Stamme der Bantu, aus Bali, Batom, Matum und anderen Stämmen mehr. Die Dualla sind von Ansehen ziemlich häßlich und auch ihr Charakter läßt viel zu wünschen übrig. Dabei sind sie jedoch äußerst geschickt und schlau und richten sich ihre hübschen Palmenhäuser recht komfortabel ein. Von den Bali, deren einen wir im Bilde bringen, sagt Zintgraff: "Sie sind ein Kriegerstamm, und unbewaffnet sieht man nie einen. Immer trägt er das Schlachtschwert und mehrere Dolchmesser bei sich. Jede Woche einmal versammelt sich das Volk beim Häuptling zum Umtrunk, wobei Palmwein gereicht wird. Die Frauen besorgen die Feldarbeit, die Männer handeln oder ziehen als Wegelagerer auf Beute — namentlich auf Sklavenjagd — aus." Im Allgemeinen sind sie aufgeweckte Köpfe und die Balisoldaten sind — nach Zintgraff — mindestens so anstellig wie deutsche Rekruten.

Die Bakundu in Kombone sind Kannibalen. Zintgraff erzählt, daß er in der Hütte des Häuptlings die Schädel der geschlachteter und verspeister Menschen als "Jagdtrophäen" aufgestapelt gefunden habe, fügt aber hinzu, daß die Bakundu trotzdem "sehr artiger und liebenswürdiger Natur seien."

Kamerun steht unter einem kaiserlichen Gouverneur, dem die bezirksämter von Victoria und kribi unterstellt sind, und dem drei Mitglieder großer Handelshäuser als Beirat zur Seite stehen. Das eigentliche Regierungsgebäude liegt auf der sogenannten Joßplatte am linken Ufer des Kamerunflusses. Es ist, wie unser Bild zeigt, ein freundlicher Bau, dessen anmutender Eindruck noch durch einen wundervollen park erhöht wird. In dem Parke befinden sich die Gräber Gravenreuths und Nachtigals, dessen Leiche, wie schon früher erwähnt, von Kap Palmas hierher überführt wurde.WeitereRegierungsstationen sind Viktoria, Mundame, India, Jaunde, Njony, Lolodorf und Campo. Barombi am Elefantensee und Batom wieder aufgehoben. Als die wichtigsten Faktoreien sind Bimbia, Victoria, Dibundscha und Bibundi zu nennen.

Im Hinterlande von Kamerun zieht sich Adamanua hin, eins der schönsten Gebiete des nordwestlichen Afrika, das erst durch Dr. Barth und Flegel dem Verkehr erschlossen wurde. Es bestehen hier verschiedene Kalifate, von welchen das der Fulia, Fulla oder Fulbe augenblicklich das größte und reichste ist. Ihr König Mamadu hat seine Residenz in Ngaumdere. Diese Stadt liegt, wie Passarge berichtet, auf einer welligen Hochfläche, aus welcher zwei Granitketten aufragen. ImNorden und Süden wird sie von dem eingeschnittenen Tal je eines Baches begrenzt. Eine starke künstliche Befestigung schließt sie in Gestalt einer mit Zinnen gekrönter Männer ein, durch die nur zwei Tore den Verkehr vermitteln. Das breite grasige Tal, in dem die erwähnten Bäche fließen, zieht sich ebenfalls an der Stadt hin und ist mit tausenden von Skeletten zu Grunde gegangener Sklaven und hingerichteter Verbrecher übersät. Von allen Seiten grinsen die bleichen Schädel den Wanderer an, und über die zerbrochenen und zerstreuten Knochen schreitet der Fuß. In der Mitte der Stadt sieht der königliche Palast, der mit seinen zahlreichen Höfen und Hallen wieder eine Stadt für sich bildet. Der Sultan beherbergt darin nicht weniger als 200 Frauen und noch mehr Sklavinnen.

Auch Garua gehört zu den bedeutenderen Städten des Innern. Sein Straßenleben bietet ein ungemein lebhaftes und interessantes Bild. Überall wird gefeilscht und gehandelt, selbst die Handwerker haben ihren Sitz an der Straße. In der Vorstadt befinden sich besonders viele Färbereien. Auf einer erhöhten glatten Lehmfläche sind, wie Passarge schreibt, ein Dutzend runder Töpfe eingesenkt, in welcher sich Indigolösung befindet. Ein Mann stampft mit einer Stange, an deren Ende sich ein aus vier Stäben zusammengesetztes Doppelkreuz befindet, daß zu färbende Kleidungsstück in der Flüssigkeit. Neben den Löchern liegen einige schwarzblaue faustgroße Kugeln, das Material, aus welchem die Indigolösung hergestellt wird. Die Zweige und Blätter der Indigopflanze, die überall angebaut wird, werden einfach zerschnitten und getrocknet, dann zerstampft und mit Wasser angerührt, geben sie die Indigolösung, in welcher die Stoffe 24 Stunden liegen bleiben. Solange dieselben nicht umgerührt und die Stoffe gestampft werden, stellt man einen einen halben Meter hohen spitzen Graskegel zum Schutz über das Loch. Hier sind mehrere bereits gefärbte Stücke zum Trocknen auf Stangen gehängt. Dort sitzen im Schatten eines Grasdaches einige Männer und klopfen im Takt, wie bei uns die Straßenpflasterer, mit einem walzenförmigen Holzklöppel ein frisch gefärbtes trockenes Gewand auf einem glatten Baumstamm, um ihn den nötigen Glanz und die gewünschte Gätte zu verleihen. — In anderen Straßen haben wieder Weber ihre Arbeitsstätten aufgeschlagen.

Die Fula, welche den Hauptteil der Bevölkerung ausmachen, bekennen sich zum Islam. Die Männer tragen arabische Tracht, die Frauen aber gefallen sich in abenteuerlichen Haartrachten. Sehr originell ist die Atrt, in der diese Damen guten Bekannten ihren Gruß darbringen. "In gebückter Haltung, die Hände auf die Knie gestützt, die wohlgeformte Hinterseite dem Beschauer zuwendend, stellten sie sich nebeneinander am Wege auf und hauchten schüchtern ihren Gruß."

Neben dem Sula finden sich in Adamaua auch noch verschiedene kleinere Haussastämme und bei Garua auf dem "Hossere Tengelin" ein kleiner rest der Ureinwohner des ganzen Gebietes der Tengelinneger. Grüher die Herrschenden, haben sie sich in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, von den Fulbe verjagt, auf die Hochebene zurückgezogen. Von hier aus machen sie jetzt ihre Raubzüge das Tal hinab, plünderten die Karawanen und suchen sich sonst für den verlust ihrer alten Heimat schadlos zu halten. Rachezüge, die die Fulbe deswegen unternahmen, wurden glänzend zurückgewiesen. Sie sind zwar geschickte Schmiede und auch sonst fleißig und gewandt, aber sehr arm. In Friedenszeiten besuchen sie den Markt des benachtbarten Garua und suchen dort durch verkauf von Korn Geld zu verdienen. Die Ärmsten von ihnen geben sogar ihre Kinder als Sklaven fort. Obgleich also beinahe völlig machtlos, sind die Tengelin noch immer bei den Fula gefürchtet, und keiner wagt sich zu ihren Wohnungen in die Gebirge hinauf.


Quelle: Illustrierte Länder- und Völkerkunde, von M Reymond, Deutsche Volksbibliothek, von rado jadu 2000

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