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Deutsche Weihnachten in Afrika

von Dr. Holst

In Afrika ist alles anders. Wenigstens auf der Südhälfte des schwarzen Erdteils. Mit Staunen sehen wir, daß dort die Sonne mittags im Norden statt im Süden steht. Auch der Mond steht des Nachts ganz verdreht am Himmel, bildet den Z-Bogen, wenn er abnimmt, und ein A, wenn er zunimmt. Und erst der Sternenhimmel! Da ist alles verändert. Vergebens suchen wir den großen Bären oder das Siebengestirn, wir finden statt dessen das Kreuz des Südens oder den Skorpion und andere fremdartige Sternbilder.--

Das die Menschen in Afrika schwarz sind statt weiß, wissen wir alle. Daß aber sogar die Störche und die Schweine dort unten kohlpechrabenschwarz sind, erscheint uns doch recht sonderbar. Wir schimpfen hier Mord und Brand, wenn der Himmel grau in grau ist und der Regen den ganzen Tag herniederprasselt. In Afrika aber strahlt jedermann vor Freude, wenn es feste regnet. Und während unsere Kinder hier an Regentagen mißmutig im Zimmer hocken, kennen die Afrikanerkinder kein größeres Vergnügen, als splitternackt bei strömenden Regen draußen herumzuspringen.

Das sonderbarste aber ist, daß in Afrika die Leute in glühender Sommerhitze schwitzen, wenn uns hier in eisiger Winterkälte die Nasen -und Zehenspitzen erfrrieren. Wenn im Spätherbst sich bei uns die Sonne wochenlang hinter Wolken und Nebelwänden versteckt, dann lacht sie in Afrika von Tag zu Tag strahlender vom tiefblauen Himmel hernieder. Immer drückender wird die Tropenhitze, immer schwüler werden die Nächte. Da fällt eines Tages der deutschen Mutter in Südwestafrika ein, daß ja bald Weihnachten ist, und sie beginnt mit ihren Kindern Weihnachtslieder zu singen. Bei 40° im Schatten! "Ihr Kinderlein kommet" -- wie die kleinen Afrikaner das 'runtersinger, könnte es auch "Der Mai ist gekommen" sein.

Wie sollten sie auch dabei etwas Weihnachtliches empfinden! Haben sie doch noch nie ein deutsches Weihnachtsfest mit Schnee und Eis erlebt. Ja, es ist wirklich schwer, diesen in grenzloser Wildnis und Sonne und Freiheit aufgewachsenen Afrikanerkindern etwas Weihnachtsstimmung ins Herz zu pflanzen. Zu pferde über die Steppe jagen, Leoparden und anderes Raubzeug in Fallen fangen, die halbwilden Kinder im Kraal mit dem Lasso fesseln, das ist ja alles viel spannender und schöner, als diese reichlich gefühlsvollen Weihnachtslieder zu singen, an denen Vater und Mutter so hängen.

Mein erstes Weihnachtsfest in Afrika verlebte ich auf der Farm Drumbo am Weißen Nosob, bei einer Farmersfamilie, die ich auf dem Dampfer kennengelernt hatte. Drei Tage und drei Nächte treckte ich mit dem Ochsenwagen von Windhuk aus durch die Dornbuschsteppe. Tagsüber quälende, dörrende Sonnenglut, wundervoller Sternenhimmel über loderndem Lagerfeuer des Nachts.

Am 24. Dezember brütete einen Bullenhitze über dem Land am Nosob. Ich war schon von Sonnenaufgang mit dem Farmer fortgeritten, der mir die äußersten Grenzen seines Königreiches zeigen wollte. Wir hatten Strauße gejagt, Perlhühner geschossen und waren dann nach vierstündigem Ritt ganz schachmatt aus dem Sattel geglitten. Donnerkiel! War das eine Hitze, schon um 10 Uhr morgens! Schon lagen wir lang hingestreckt im Liegestuhl auf der schattigen Veranda, in langen Zügen das vom Lufthauch tiefgekühlte Wasser aus dem Wassersack trinkend. Bis zum Spätnachmittag dämmerten wir dann so vor uns hin; niemand rührte sich, niemand dachte an mittagsessen-

Erst als die Schatten ganz lang wurden, gab's Leben. Die Kinder rannten zu den Viehtränken, um beim Melkjen zu helfen, die Hausfrau hantierte in Küche und Speisekammer, der Farmer ging mit einem Eingeborenen in den Busch, um den Weihnachtsbaum zu schneiden. Ich war gespannt. Man brachte nach einer Weile aber nur eine Giraffenakazie heim, mit zartem Grün und gelben Blüten, leider aber auch über und über bewehrt mit fingerlangen, spitzigen Dornen. Hm, dieses Stacheltier...

Als aber der Schmuck dran war und die Kerzen brannten und die alten Weihnachtslieder durch die offenen Fenster in die Tropennacht hinausklangen, da war's dann doch ganz festlich. "Beinah wie daheim", wollte ich gerade sagen, da blieb mir vor Schreck der Mund offenstehen. Denn plötzlich neigten sich alle Kerzen auf den oberen Zweigen zur Seite, erst sanft, dann immer schneller, und sich dann gänzlich nach unten durchzubiegen. Von dieser Bewegung wurden im Nu auch die Lichter auf den unteren Zweigen angesteckt, und schon starrten alle Kerzen des ganzen Baumes --kaum angezündet --um 180° gederht zum Fußboden hin. Ein trübselig-komischer Anblick.

Da mußte denn die alte Petroleumlampe wieder her. Die Nacht war aber auch gar zu heiß. Wir Männer zogen nun schleunigst unsere feierlichen weißen Röcke wieder aus und saßen wie üblich in Hemd und Hose da. Es war entsetzlich schwül in der niedrigen Stube. Wir stimmten noch einmal ein Weihnachtslied an: Es ist ein Ros' entsprungen. Bei den Worten "mitten im kalten Winter" spürten wir plötzlich, wie uns der Schweiß in Strömen am Körper herunterlief. da verließen wir alle fluchtartig die Weihnachtsstube und streckten uns aufatmend in den Liegestühlen der Veranda aus.

Dann gab's Ananasbowle, in Ermangelung von Eis im Wassersack gekühlt. Den hatte ein boy eine Stunde lang im Kreise schwingen müssen, um bei dem fehlenden Windhauch so künstlich die nötige Verdunstungskälte zu erzeugen. wir tranken aus Feldbechern. Die Bowle war lauwarm. sie mundete uns herrlich.

Die Kinder waren längst im Bett. die Lampen waren glöscht. Wir lagen schweigend da und starrten in die funkelnde Pracht des südlichen Sternenhimmels. Gerade über uns stand groß und strahlend der Orion. Den erblickten zur gleichen Stunde auch unsere Lieben in Deutschland. Ein Band über Himmelsfernen zur Heimat hin. Nun erloschen allmählich auch die Lagerfeuer der Eingeborenen auf der Eingeborenenwerft. Das Lachen und Klatschen und Stampfen und tanzen Hörte auf. Nur ein ganz feines, fernes Klingen klang ohne Aufhören durch die mitternächtliche Stille. Es war wohl die Nacht selbst, die so melodisch dahinrann.

Das war also die Weihnachtsstimmung, die uns den ganzen Abend ausgewichen war. Auf unhörbaren Sohlen war sie gekommen, hatte sich in unser Herz geschlichen und bescherte uns nun eine Weihnacht von ganz unerhört fremdartigen Zauber.

Ein Jahr später erlebte ich in Afrika ein Weihnachtsfest von ganz anderer Art. In der frühe des 24.Dezember hatte der Schlepper meine Frau und mich von Swakopmund an Bord des draußen auf offener Reede liegenden Woermanndampfers "Wangoni" gebracht. Mittags heulte die Sirene dreimal auf, der Anker rasselte hoch, und hinaus ging's gegen den pfeifenden Südwestwind auf Kapstadt zu. Wir liefen begeistert durch das ganze Schiff. Nach all den Jahren wieder deutsche Laute, deutsche Matrosen, deutscher Boden!

Als um die Dämmerstunde alle Fahrgäste im Gesellschaftssaal zusammensaßen, polterte plötzlich durch die Tür ein hühnenhafter Weihnachtsmann herein. Der teilte an all die kleinen und großen Kinder nach Herzenslust Äpfel, Nüsse und Mandelkerne aus. "Jetzt haben wir alles", flüsterte ich meiner Frau zu, "nur keinen deutschen Tannenbaum."
Aber siehe! Als der Gong ertönte und wir alle in den Speisesaal hinunterströmten, brannte dort, aus tausend Kerzen strahlend, ein echter deutscher Tannenbaum, im deutschen Walde gewachsen und vier lange Wochen sorglich im Kühlraum auf Eis bewahrt, um uns heute das "Friede auf Erden" zu künden. Das war meine schönste Weihnacht in Afrika.

Quelle: Durch die weite Welt, Franckh'sch Verlagshandlung, 1932, von rado jadu 2000

 

Weihnachtsfeier in Afrika

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