Bilder vom Jangtsekiang
"König der Flüsse"
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Durch
die Eröffnung einer Reihe von Freihandelshäfen trat in der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts China in einen regelrechten
Handelsverkehr mit den fremden Staaten, nachdem es seit Jahrhunderten,
seit der Begründung der Ming Dynastie (1368) sich gänzlich
vom Weltverkehr abgeschlossen hatte. Da keine Eisenbahnen vorhanden
waren, mußte sich die Wahl der freizugebenden Plätze zunächst
auf soche beschränken, welche an der Küste oder an den schiffbaren
Wasserläufen gelegen waren. In
neuerer Zeit kommt es nur noch selten vor, daß Schiffe festfahren.
Es ist dies auf den regeren, durch die Steigerung des Handelsbedingten
Verkehr zurückzuführen. Dadurch ist die Kontrolle über
Fahrwaserveränderungen eine ergiebigere geworden, denn jeder Lotse
teilt nach Ankunft des ihm anvertrauten Schiffes am Bestimmungsort seinen
Kollegen auf den anderen Schiffen die während der Fahrt durch Lotungen
gemachten Beobachtungen sofort mit. Dieses Verfahren hat sich als für
die Praxis ausreichende erwiesen.
Mit Vorliebe errichtet der Chinese auf solchen Felsen Tempel -und Klosterbauten, und in der Tat gibt es auch eigentlich keine durch Abgeschiedenheit für diesen Zweck geeignetere Plätze. Zur Veranschaulichung der Architektur chinesischer tempelbauten ist die Fassade des Tempels in der sogenannten Höhle des Drachenkönigs zu Sung-wen-Ding. Eine landschaftliche schöne Stelle passiert man stromaufwärts fahrend kurz vor Chinkiang, wo sich das Fahrwasser zwischen einer Felseninsel und dem hohen Ufer hindurchwindet und auf der Insel eine ganze Kolonie von Tempeln und Klostern angebaut ist. der rege Dschunkenverkehr, welcher hier infolge der Nähe Chinkiangs, des nächst Hankau bedeutenste Handelsplatzes, herrscht und der noch durch die Nähe der Mündung des Kaiserkanals gehoben wird, macht die Schiffahrt in dieser Passage besonders schwierig, da an ein Ausweichen nach links oder rechts meist nicht zu denken ist. Die großen Flußdampfer nehmen infolgedessen auch wenig Rücksicht auf den kleinen Dschunkenverkehr nach dem Prinzip: "Jeder ist sich selbst der Nächste"; da aber die Dschunklenführer dies aus Erfahrung wissen, kommt es verhältnismäßig selten vor, das kleine Fahrzeuge übergerannt werden. Es ist manchmal außerordentlich komisch anzusehen, wenn ein großer Dampfer mit voller Fahrt auf einen Knäuel von kleinen Fahrzeugen lostürmt und diese im letzten Augenblick wie ein Schwarm Spatzen auseinander stieben. Wenn aber ein Malheur passiert, so weiß schließlich der geriebene Chinese auch seinen Vorteil daraus zu ziehen. Hierfür ein Beispiel. Einer unserer Kleinen Kreuzer rannte in der Passage unterhalb Chinkiang eine Dschunke über, weil er einfach nicht anders konnte, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, selbst festzulommen. Die Besatzung der Dschunke wurde gerettet und der Führer stellte sofort die Behauptung auf, daß er so und so viele 1000 blanke Dollars an Bord gehabt habe, wofür er Ersatz forderte. Nachweisen konnte ihm natürlich niemand die offenbare Unwahrheit dieser Behauptung, denn an ein Heben des gesunkenen Fahrzeugs ist nicht zu denken.
Oberhalb Itschang ändert sich die Szenerie ganz bedeutend. Wenn dort auch der Fluß noch nicht in das Hochgebirge eintritt, so zwängt er sich doch schon durch durch jäh abfallende Felsenmassen von 1200 m Höhe und es beginnen hier, da das Bett des Stromes bereits anfängt, enger zu werden, stellenweise bedeuntend stärkere Strömungen. Trotzdem wird auch hier noch die Beförderung von Waren mittels Dschunken auf dem Fluß aufrecht erhalten. da es nun nicht möglich ist, die Fahrzeuge durch Segelkraft, Rudern oder Staken gegen den Strom zu bringen, sind längs der Felsen, teils in beträchtlicher Höhe, Treidelwege ausgehangen. Dementsprechend müssen die Leinen, vermittelst welcher die Fahrzeuge getreidelt werden, eine bedeutende Länge und Widerstandskraft besitzen, und wegen der große Länge müssen sie wieder aus möglichst leichtem Material hergestellt sein. Es werden daher zu Treidelleinen meist über 1000 m lange Baststricke verwendet, die auf großen Rollen im Vorschiff sorgfältig aufgerollt sind. Gegen Beanspruchung auf Zugkraft sind diese Bastleinen bei geringem Gewicht außerordentlich widerstandsfähig, nicht aber gegen Bruch, weshalb sie sehr sorgfälltig vor Knicken bewahrt werden müssen. Hunderte von Kulis spannen sich vor solche Leinen und bewegen sich unter dem einförmigen Gesang, den der chinesische Kuli bei allen schweren Arbeiten nicht entbehren kann, auf den häufig nicht ganz gefahrlosen Treidelwegen entlang. Daß der Warentransport bei dieser einzig möglichen Methode nicht mit übergroßer Hast vor sich geht, ist selbstverständlich. Eine besondere Spezialität des Jangtsekiangs sind die großen Flöße. Eine Forstwirtschaft hat der Chinese nie gekannt; in den volkreichen Gebieten der Niederungen sind daher sämtliche Wälder vertilgt und alles Nutzholz kommt aus dem volksarmen Hochlandgebiet in Flößen herunter. Diese bestehen nicht wie bei uns aus nebeneinander schwimmenden Stämmen, vielmehr sind letztere übereinander geschichtet, um möglichst große Massen auf einen möglichst kleinen Raum zu verteilen. Es wird dadurch ein für ein Floß ziemlich erheblicher Tiefgang (4 bis 6 Fuß) erzeugt und infolge der Schwere des Fahrzeuges eine bedeutende Bedienungsmannschaft erfordert. Da eine Floßreise eine geraume Zeit beansprucht, so haben sich die Flößer auf ihrem Fahrzeug häuslich niedergelassen und man sieht Riesenflöße, auf denen ein ganzes Dorf mit Straßen und Kaufläden aufgebaut ist. Mann kann häufig beobachten, eine wie musterhafte Disziplin unter der Mannschaft herrscht. Die Steuerung des Floßes geschieht vermittelst großer Treibanker. Diese haben die Form von Drachen, werden durch Boote ausgefahren und in einiger Entfernung mit der Spitze nach unten versenkt. Ist dies geschehen, so wird auf dem Floß mittelst Spill eine mit dem Treibanker verbundene Trosse eingehievt und dadurch das Vorder -oder Hinterteil nach der Stelle hingeholt, wo der Treibanker versenkt wurde. Auf diese Weise wird das Floß im Fahrwasser gehalten und vor Standungen, besonders an den Krümmungen des Flusses, bewahrt. Der ganze Vorgang spielt sich mit kriegsschiffsmäßiger Akkuratesse ab, die Signale werden mit einem Gong gegeben, das Einhieven der Trosse geschieht unter dem üblichen chinesischen Schiffergesang. Trotz der Geschicklichkeit, mit welcher diese unhandlichen, schwimmenden Holzinseln regiert werden, kommt es doch mitunter vor, daß sie gegen den Bug vor Anker liegender Schiffe treiben. Ich hatte selbst Gelegenheit, eine solche Strandung zu beobachten und dabei die Geschicklichkeit der Chinesen, sowie die praktische Zusammensetzung der Flöße zu bewundern. Wir lagen vor Nanking mit einem großen englischen Kreuzer zusammen vor Anker in einer Zeit, in welche gerade ein sehr reger Floßverkehr dort herrschte. Unser gemeinschaftlicher Ankerplatz wurde durch diesen sehr gefährdet, der des englischen Kreuzers noch mehr wie der unsrige, und schließlich gelang es auch eines schönen Tages einem ziemlichen großen Floß, vor dem Bug des Engländers zu stranden. Es gab einen hörbaren Ruck, auf dem Schiff wie auf dem Floß ein Riesen Hallo und Gelaufe, die englischen Matrosen kletterten mit affenartiger Geschwindigkeit über die Backspieren in die Boote, um diese am Heck des Schiffes in Sicherheit zu bringen und auf dem Floß wurden an der Rammstelle die Verbindungstaue gekappt, so daß es sich in zwei Hälften teilte, die nun mit der Strömung an beiden Seiten des Schiffes entlang trieben, ohne großen Schaden anzurichten. Der Absatz des Holzes beginnt schon während der Reise, und daher kommt es, daß die Flöße, je weiter sie sich der Mündung nähern, immer kleiner werden. Das Jangtsetal ist, wie gesagt, außerordentlich fruchtbar, und da der Chinese ein tüchtiger und fleißiger Landwirt ist, gedeihen alle Bodererzeugnisse aufs prächtige. Wenn in den Sommermonaten durch Hochwasser und infolge Mangels von Deichbauten auch häufig weite Strecken überschwemmt werden und dadurch die Ernte zum Teil verloren geht, so haben die Überschwemmungen doch auch wieder das Gute, daß, ähnlich wie dies im Niltal der Fall ist, der Boden durch Schlammanschwemmungen aufgebessert wird. Ein bei weitem größeren Feind des Landbebauers ist die große, grüne Heuschrecke, welche in dichten Schwärmen auftritt und alles vernichtet, was ihr bei ihren Wanderungen in den Weg kommt. Überhaupt gibt es in den das Ufer begrenzenden Sümpfen und Riedgrasfeldern eine Menge Ungeziefer, das auch dem Flußbefahrer, besonders des Nachts, wenn das Schiff hell erleuchtet ist, überaus lästig wird, denn natürlich fliegt alles, was fliegen kann, dem Lichte zu. Hauptsächlich sind es Moskitos, Maulwurfgrillen, Riesenkakerlaken und Millionen fliegender Ohrwürmer, welche den Menschen peinigen. Der Landbewohner kann sich wenigstens des Nachts gegen dieses lästige Ungeziefer durch Moskitonetze sichern, an Bord eines Schiffes ist das aber leider nicht möglich. Außer diesem unangenehmen Getier gibt es aber im Jangtsetal auch nützliche Tiere, nämlich eine Menge jagdbares Wild, als das sind: Wildschweine, Rehe, Fasanen, Schnepfen, Bekassinen, Wildenten, Tauben, so daß auch der Weidmann auf seine Kosten kommt. Für die Offiziere der Stationäre, die sich monatelang auf dem Fluß aufhalten, ist die Jagd eigentlich die einzige Abwechselung, welche ihnen geboten wird, da außer in Hankau der Aufenthalt auf dem Jangtsekiang ziemlich öde ist. Auch von Shanghai aus werden von den dort ansässigen Europäern häufig ergiebige Jagdpartien auf sogenannten Hausbooteen den Fluß hinauf unternommen. Doch würde es zu weit führen, auf dieses Kapitel, über das allein eine kleine Abhandlung geschrieben werden könnte, näher einzugehen; es soll aber nicht unterlassen werden, auf den Nutzen der Jagdpartien hinzuweisen, welchen sie insofern haben, als den Offizieren dadurch Gelegenheit geboten wird, Land und Leute näher kennen zu lernen. Wie schon erwähnt, ist Hankau von den am Jangtsekiang gelegenen Freihandelshäfen der bedeutenste; nächstdem ist das an der Passierstelle des Kaiser Kanals gelegene Chinkiang als der zweitgrößte Freihandelshafen des Jangtse Gebiets zu erwähnen. Nanking, Wahu, Nganking und Kinkieng haben nur die Bedeutung von Durchgangsstaionen. Itschang würde sich vielleicht zu einer gleicjhen Bedeutung wie Hankau aufschwingen können, wenn die Verkehrsverhältnisse auf der Flußstrecke Hankau-Itschang bessere wären. Ich werde mich daher im folgenden darauf beschränken, Hankau als wichstigsten Handelsplatz und Nanking wegen seiner historischen Bedeutung etwas näher zu beschreiben. Hankau liegt
am Nordufer des Jangtsekiang da, wo der Honkiang, einer seiner größten
Nebenflüsse, in ihn mündet. Auf der anderen Seite der Honkiang
Mündung liegt die kleinere Chinesenstadt Hanjang und am Südufer
des Jangtsekiangs, gegenüber Hankau, liegt Wutschang, die Residenz
des Vicekönigs der Provinz Hupai. Alle drei Städte haben zusammen
eine Einwohnerzahl von über 1 Million. Wutschang ist dadurch besonders
wichtig geworden, daß der Vicekönig Chang-chi-tung seinerzeit
als erster eine Reform der chinesischen Armee nach deutschem Muster
und mit deutschen Instrukteuren in die Wege leitete. Leider hat dieser
deutsche Einfluß in neuerer eine starke Konkurrenz von Japan her
erhalten. Der Chinese ist bekanntlich ein sehr guter Geschäftsmann
und nichts leuchtet ihm mehr ein, als wenn er um geringeren Preis aus
irgend eine Sache denselben Nutzen ziehen kann wie für ein höheren.
Da nun der japanische Instrukteur sich für einen, pro Monat um
mehrere 100 Dollar niedrigeren Preis wie der deutsche zur Verfügung
stellt, so wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis letzterer ganz
von ersterem verdrängt sein wird. Also auch auf diesem Gebiet macht
sich die schon so vielfach besprochene Überlegenheit der gelben
Rasse infolge ihrer geringeren Lebensansprüche, die hauptsächlich
als die Ursache der sogenannten gelben Gefahr bezeichnet wird, bemerkbar. Quelle: P.H.F., Die Flotte, 9.Jahrgang, April 1906, von rado jadu 2000 |