Das weite Meer. Der Dienst. Kadett über Bord! Die Insel Candia.
Das Leuchtfeuer von Damiette. Port Said.
Ungemein
rasch und ohne jeden ernsten Zwischenfall verlief die Reise des Prinzen
Heinrich von Preußen, von den Kreidefelsen Englands bis nach
Port Said. Nachdem der Prinz seinen Abschiedsbesuch am englischen
Hofe ausgeführt und die unvergeßlichen Festtage verraucht
waren, durchsuchten die "Deutschland" mit der vorandampfenden
"Gefion" den atlantischen Ozean, den stürmischen Golf
von Biscaia, passierten die Straße von Gibraltar und erreichten
das mittelländische Meer, kamen dann vorüber an Malta, an
den hohen Bergen Dalmatiens und Albaniens und gelangten bald zu den
in unbeschreiblich schönen Tinten getauchten kahlen Felsen Griechenlands.
Damit war mehr als Dreiviertel des Weges nach Port Said zurückgelegt.
Das Leben an Bord hatte bis jetzt keine Langeweile, noch weniger schwermütige
Abschiedsbetrachtungen aufkommen lassen, denn der strenge Dienst,
in dessen Bann alle, vom Kapitän bis zum jüngsten Seekadetten
standen, sorgte dafür, dass die Tage fast zu kurz waren
und man sich wunderte, wie rasch die Stunden an Bord verrannen.
Während hoch da droben im Norden Eis und Schnee die Erde bedeckten,
strich hier bereits eine warme, wohlige, afrikanische Luft über
Deck. Aber auch jetzt ließ der Dienst an Bord nicht nach, denn
Prinz Heinrich nahm es stets ernst mit diesen Dingen. Der Deutsche
thut immer seine volle Schuldigkeit, gleich, ob die kalten Winde des
rauhen Nordens ihn umtosen, oder die Glutsonne Afrikas auf ihn niederbrennt.
Nun ging es die Küste Candias (Kreta) entlang. Prinz Heinrich
schritt mi seinem Adjutanten, Kapitän Müller, im Achterdeck
der "Deutschland" einher und bewunderte mit diesem die unglückliche
und doch so schöne Insel, auf der die Türkenherrschaft in
den letzten Zügen liegt.
Während
die Herren über das Schicksal Candias plauderten, wurde die Aufmerksamkeit
des Prinzen durch einen Kadett angeregt, der vor einer Tonne auf den
Knien lag und eifrig schrieb. Dieses improvisierte Schreibpult war
so unbequem wie möglich, aber den jungen, frischwangigen Seemann
schien das nicht weiter zu genieren, denn er schrieb eifrig weiter
und ließ sich durch das Thun und Treiben rings umher nicht stören.
Prinz Heinrich beobachtete eine Weile den jungen Mann und fragte dann
seinen Begleiter:
"Ist das nicht unser jüngster Kadett, der von Borlitz?"
"Jawohl königliche Hoheit," antwortete lächelnd
Kapitän Müller. "Borlitz hat sich da ein seltsames
Buch ausgesucht."
Der Prinz trat auf den eifrig schreibenden Kadetten hinzu.
"Können Sie denn auf den Knien liegend schreiben, mein Sohn?"
redete er diesen freundlich an.
Sofort sprang der Kadett auf und stand nun in streng dienstlicher
Haltung vor dem Chef. Die klaren, blauen Augen blickten fest in das
Angesicht seiner hohen Vorgesetzten.
"Warum, mein Sohn, schreiben Sie nicht unter Deck?" examinierte
der Prinz nun weiter
"Es ist unten zu heiß, Königliche Hoheit."
"Das könnte für diesmal entschuldigen. Sie schreiben
wohl einen Brief an die Mutter in der Heimat?"
"Nein ich beschreibe meinem Freund Adolph Zappe in Plauen das
Schiff. In Port Said will ich die Beschreibung zur Post geben."
"Das ist ja sehr hübsch von Ihnen! - Nun möchte ich
aber auch wissen, was Sie geschrieben haben; lesen Sie mir ungeniert
die Arbeit vor."
Prinz
Heinrich setzte sich bei diesen Worten erwartungsvoll auf die Tonne,
während Kapitän Müller zur Seite stehen blieb. Borlitz
aber nahm, ohne ein Moment zu zögern, sein Schriftstück
zur Hand und begann mit fester, klarer Stimme zu lesen:
"Mein guter Adolph, ich komme heute meinem Versprechen nach und
liefere Dir eine Beschreibung des Schiffes, das bestimmt ist, uns
die Wege durch die Meere, von einem Erdteil zum andern zu bahnen."
"Das ist ganz brav gesagt", lobte der Prinz den Kadett,
"nun aber lesen Sie weiter, ich werde nicht mehr unterbrechen."
"Zur Ausrüstung eines Schiffes", las Borlitz, "gehört
die Takelage, das Tauwerk,die Boote und alles, was das Fahrzeug gebraucht,
um segelfertig zu sein. Mein guter Adolph, da mußt Du Dir zuerst
einmal einen vollgetakelten Großmast ansehen. Dieser besteht
aus drei Stücken, nämlich dem Untermast, der Bramstange
und der Marsstamge. Der obere Teil der Bramstange führt auch
den Namen Oberbram oder Royalstange. Der Untermast ist mit seinem
unterem Ende, also dem Fuß, auf dem Kielschwein festgenietet.
Das obere Ende nennt man Topp oder Mars, weil hier sich der Mastkorb
befindet. Zum Topp schließt sich der Fuß der Marsstange
an, und an den Topp der Marsstange kommt nun die Bramstange, die in
der Skysegelstange ausläuft. Der Topp der obersten Stange trägt
den Flaggenknopf und in diesen ist eine Eisenstange mit stark vergoldeter
Spitze eingelassen, die als Blitzableiter dient.
Um die Waffen und den Großmast zu befähigen, den oft ungeheuren
Druck der Winde zu ertragen, ohne niedergerissen zu werden, stützt
man die Masten durch Taue ab. Es geschieht dies nach den Seiten und
nach hinten durch die Wanten und Pardunen, die vom Topp der Masten
nach den Schiffseiten herunter gehen, wo sie mit Tauen und Schrauben
befestigt werden. Nach vorn werden die Masten durch Drahttaue gestützt,
und dies nennt man Stange. In Dreieckform werden hier Segel angebracht,
die Stagsegel. Außer den Raaen sind noch andre Rundhölzer
bestimmt die Segel zu führen, und zwar Gaffeln mit den dazu gehörigen
Bäumen. Dieselben liegen unter den Masten, sondern sie sind mit
dünnen Tauen, Webeleinen durchzogen und bilden Strickleitern,
auf denen der Matrose zu den Mast emporsteigen kann.
Bei gutem Wetter ist es eine Lust, diese Strickleitern hinauf zu klettern,
- aber schlimm ist die Reise zum Topp hinauf, wenn die See hoch geht
und die Wogen über Deck brechen."
Bis hierher hatte der Kadett mit fester Stimme gelesen, als sich plötzlich
ein heftiger Wirbelwind erhob, ihm das große Blatt Papier aus
den Händen riß und über Bord nahm.
Fassungslos
starrte der junge Mann dem davon flatternden Papier nach, das ihn
eine ganze Stunde eifriger Arbeit gekostet, als er aber sah, wie es
ins Wasser fiel und die leichten Wellen mit ihm spielten, warf er
plötzlich seine Mütze weg, schwang sich über die Brüstung
und stürzte sich kopfüber ins Meer.
Das war das Werk eines Augenblicks, und ehe Prinz Heinrich recht begriffen,
was geschehen war, schwamm der tollkühne Kadett schon weit draußen
im Meer seiner Beschreibung des Schiffes nach.
"Mann über Bord!" rief jetzt Kapitän Müller
mit wahrer Donnerstimme, und "Mann über Bord" schallte
es von allen Wachen zurück. Sofort stoppte die "Deutschland"
und drehte bei. Trotzdem war in diesen wenigen Minuten der schnelle
Kreuzer schon hunderte von Meter von dem Ort entfernt, an welchem
der junge Mensch über Bord sprang. Ganz in der Ferne sah man
einen weißen, kleinen Punkt, und das der Kadett und sein Blatt
Papier, das er sich aufgefischt und hoch empor hielt.
Blitzschnell stürzten sich sechs Matrosen unter dem Kommando
eines Bootsmannsmaat in das Rettungsboot Nummer4. - Die Winden knarrten,
dann entstand ein Klirren und Rollen und im nächsten Augenblick
tanzte das Boot tief unten an der Schiffswand auf den Wellen. Die
hochgenommenen Riemen wurden eingelegt und pfeilgeschwind ging es
dem fernen weißen Punkte entgegen, der bald unter den Wellenhügeln
verschwand, um dann wieder aufzutauchen.
Prinz
Heinrich war auf die Kommandobrücke geeilt. Man sah ihm an, wie
sehr ihm die Rettung des unbesonnenen Kadetten am Herzen lag. Er sprach
kein Wort, sondern verfolgte mit scharfen Auge das Boot, das dem weißen
Punkt näher und näher kam.
Endlich konnte er sehen, wie die Matrosen den von Borlitz mit seinem
geretteten Papier ins Boot hineinhoben. Ein Hurra ertönte, und
der Kadett war geborgen.
Als Borlitz glücklich an Bord gebracht war, und die "Deutschland"
ihre Fahrt wieder aufgenommen hatte, erschien der junge Tollkopf vor
dem Prinzen. Siegesfreudig hielt er sein durchnäßtes Papier
in der Hand, machte aber sofort eine Armsündermiene, als er das
ernste und strenge Angesicht des hohen Chefs blickte.
Eine tüchtige Strafpredigt mußte Borlitz über sich
ergehen lassen, und zum Schluß wurde ein Arrest von drei Tagen
über den Unbesonnenen verhängt.
"Sie werden diese Strafzeit dazu benutzen", befahl der Prinz
"um die Beschreibung des Schiffes neu anzufertigen. Haben Sie
die Arbeit vollendet, dann will ich sie sehen."
Mit schwerem Herzen ging der Kadett in Arrest, wo er nun Zeit genug
fand, seine schriftliche Arbeit zu vollenden und darüber nachzudenken,
wie groß die Gefahr war, in die er sich begeben hatte.
Nach einiger
Zeit schon verschwand die Küste Candias, und bald waren auch
die letzten kahlen Höhenzüge in der Ferne dem Auge entrückt.
Die "Deutschland" dampfte wieder hinaus in das weite, offene
Meer mit seinem unbegrenzten Horizont.
Nun folgten heiße Tage mit sternenklaren, wunderbaren Nächten.
Oft blieb Prinz Heinrich bis nach Mitternacht mit seinen Herren auf
Deck und konnte sich nicht satt sehen an dem unvergleichlichen Sternhimmel,
an dem silberhellen Mondlicht, das auf den end - und ruhelosen Wellen
spielte. Dann und wann tauchten fliegende Fische auf, und selbst die
Tiger der See, die furchtbaren Haifische, zeigten sich im Kielwasser
der "Deutschland."
Noch war Borlitz' Strafzeit nicht vorüber, als eines Abends das
Leuchtfeuer von Damiette, als erstes Wahrzeichen des nahen afrikanischen
Kontinents, am Horizont auftauchte.
Das war ein Ereignis für die Besatzung der "Deutschland".
Nur noch eine forcierte Fahrt von einer Nacht, und dann mußte
Port Said in Sicht kommen. Je tiefer die Dunkelheit sich hernieder
senkte, desto greller leuchtete das Feuer von Damiette durch die bleigrauen
Wolkenbänke von weit dort drüben herüber.
Ziegelrot tauchte am nächsten Tage die Sonne aus dem Meer empor.
Auf der Kommandobrücke stand schon bei dem ersten Aufflammen
des jungen Morgens Prinz Heinrich, von einer Anzahl Offizieren umgeben,
und blickte erwartungsvoll ins Meer hinaus. Jeden Augenblick mußte
Port Said, der Eingang zu dem Suezkanal, in Sicht kommen.
In allen Richtungen tauchten jetzt Schiffe auf, die demselben Ziele
zusteuerten, wie die beiden deutschen Kriegsschiffe. Schon dieser
Umstand zeigte, dass man sich in der Nähe eines wichtigen
Hafenplatzes befand, dem die Schiffe aller Nationen zustrebten. Erst
um 9 Uhr tauchte aus dem in grellem Sonnenlicht glänzenden Meer
ein mächtiger Leuchtturm auf. Bald wurden seitwärts von
diesem Turm weißglänzende Häuserreihen sichtbar, von
denen man nicht wußte, ob sie direkt aus dem Meer emporragten,
oder auf festem Grund gebaut waren, denn nirgends erblickte man Land
oder eine ansteigende Küste.
Die "Deutschland"
mäßigte jetzt ihre Fahrgeschwindigkeit und dampfte zuletzt
langsam dem Hafeneingang zu. Nun konnte man von der Farbe des Meeres
den gelben Sand unterscheiden, auf dem der Leuchtturm und die stattlichen
Häuserreihen standen, die sich malerisch, in die Farbenpracht
des Südens getaucht, dort drüben erhoben.
Port Said, auf dem schmalen, sandigen Nehrung des Menzalehsees erbaut,
erhebt sich kaum ein paar Meter über dem Meeresspiegel. Man ist
versucht, an eine Luftspiegelung zu glauben, wenn man sich vom Meer
her der Stadt nähert und diese wie ein Traumgebilde aus dem Wasser
auftauchen sieht. Nur der lebhafter werdende Schiffsverkehr belehrt
den Fremdling, dass man sich am Eingang des Suezkanals, der Schlagader
des europäisch-asiatischen Handelsverkehr befindet.
Mit stolzem Flaggenschmuck, alle Mannschaften auf Deck, im Achterdeck
das Musikkorps, dessen blitzende Instrumente wie Gold in der afrikanischen
Sonnenglut leuchteten, so näherte sich die "Deutschland"
dem Hafen. Die "Gefion" folgte in einiger Entfernung dem
Flaggschiff langsam nach; auch sie hat über die Toppen geflaggt.
Der mächtige, lange Wellenbrecher, der den Hafen schützt,
wurde passiert, und nun näherten sich die deutschen Kriegsschiffe
dem Quai von Port Said. Eine Unmasse Dampfer und Segelschiffe aller
Nationen lagen hier dicht an einander, und ein undurchdringlich scheinender
Mastenwald, mit seinen Tausenden von bunten Flaggen, bietet nach der
langen, eintönigen Seereise ein farbenprächtiges, bewegtes
Bild.
Das Quaiufer von Port Said läuft in einem großen
Bassin aus, in welchem mächtige Fahrzeuge liegen, und dort gingen
auch die "Deutschland" und die "Gefion" vor Anker.
Nun hatte Prinz Heinrich von Preußen Gelegenheit, der internationalen
Höflichkeit durch das Abspielen der Volkshymnen derjenigen Nationen
Rechnung zu tragen, deren Kriegsschiffe im Hafen vertreten waren.
Und wahrlich, das Musikkorps der "Deutschland" that seine
Schuldigkeit. Mächtig rauschten seine Klänge hinüber
ans Land und in den Hafen hinaus, und bald sammelten sich am Ufer
eine bunt zusammengewürfelte Volksmenge an, die mit staunender
Bewunderung die deutschen Kriegsschiffe musterten.
Dicht neben der "Deutschland" lag ein türkischer Kreuzer,
und trotzdem es schon Mittagszeit war, schien dort alles an Bord im
tiefsten Schlaf zu liegen. Endlich kamen ein paar verschlafene türkische
Offiziere auf Deck herauf und blinzelten mit trüben, müden
Augen zu den deutschen Kriegsschiffen hinüber.
Als das Musikkorps der "Deutschland" das "God save
the Queen" für ein nahes englisches Kanonenboot anstimmte,
stellte sich dort die Mannschaft auf Deck in zwei Gliedern auf und
hörte mit entblößten Haupt die Hymne an. Die Franzosen
aber, an Bord ihres "Casan", einem alten, nun ausrangierten
Kriegsschiff, brachen in eine jubelnde Begeisterung aus, als von der
"Deutschland" herüber für sie die "Marseillaise"
erklang.
Nachdem der Kreuzer vertaut war, machte sich Prinz Heinrich
fertig zu einem Gang an Land. Sein ganzes Gefolge schloß sich
ihm an. Da, im letzten Augenblick, als der Prinz das Fallreep hinunter
steigen wollte, um sich ins Boot zu begeben, stand wie aus dem Schiffsboden
hervorgezaubert der Kadett von Borlitz vor dem königlichen Herrn.
In der Hand hielt er eine mächtige Papierrolle. Mit fester Stimme
meldete er, dass seine Strafzeit abgelaufen und sein Pensum über
das Schiff in Reinschrift vollendet sei.
"Schon gut, Borlitz," versetzte lächelnd Prinz Heinrich,
"ich habe jetzt keine Zeit, melden Sie sich morgen wieder; machen
Sie mir aber bis dahin keine tollen Streiche."
Eine viertel Stunde später lustwandelte der Prinz mit seinem
Gefolge in der mächtig aufstrebenden Stadt Port Said.
Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein,
Globus Verlag, von rado Jadu 2000.