Kolonien Index

 

Ausführung
Die natürlichen Verhältnisse unserer Kolonien
Erwerb und Behauptung unserer Kolonien
Die wirtschaftliche Entwicklung
Verwaltung
Probleme der Gegenwart

Die Deutschen Kolonien

Einführung
Von Generalleutnant z.D. E.v. Liebert, Mitglied des Reichstags, Berlin

Ausführung.
Von Oberleutnant a.D. Paul Leutwein, Berlin

Einführung

Die deutsche Geschichte zeigt im Grunde das Bild einer fortdauernden Kolonisation. Die germanischen Stämme drangen aus nordischen Gebieten in südlicher Richtung vor, sie schufen auf dem Boden des Römerreichs neue Staaten und durch Vermischung mit den unterworfenen Landesbewohnern neue Völker. Kaum aber waren sie seßhaft, und kaum war das Deutsche Reich durch Lostrennung vom großen Frankenreich selbständig geworden, so beginnt mit dem 10. Jahrhundert die großartige Kolonisation der Lande jenseits der Saale und der Elbe, die Zurückgewinnung der von Slawenstämmen besiedelten Ostmarken für das Deutschtum. In gleicher Weise ergoß sich ein mächtiger Strom deutschen Volkstums durch die Ostalpen und Donau abwärts, überall Kultur bringend und feste Siedlungen schaffend.

Die inneren politischen Wirren und der Kampf um den neuen Glauben verhinderten unser Volk an der Besitzergreifung der neuen Welt sich zu beteiligen. Es konnte den Überschuß seiner Volkskraft nur an andere, bereits im glücklichen Besitz jungfräulichen Bodens befindlichen Völker abgeben und stärkte diese durch die Arbeitskraft und den kolonisatorischen Instinkt seiner nach Millionen zählenden Auswanderer. Die Vereinigten Staaten und Südbrasilien, Südafrika und Australien wissen die Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit des deutschen Volkselements zu rühmen. Aber kaum war das neue Reich entstanden und zu Macht und Ansehen in der Welt gelangt, da erhob sich aus dem Volke heraus der Drang nach Überseepolitik, das ungestüme Verlangen nach eigenem Besitz jenseits der Meere, in den die deutsche Auswanderung geleitet werden könnte. Fürst Bismarck war es zunächst um den Schutz der nationalen Arbeit zu tun. Als dieser durchgeführt war, ging die Zahl der Auswanderer fast auf den achten Teil (von 200 000 auf 25 000) zurück, die fleißigen Hände konnten im eigenen Vaterlande beschäftigt werden. Mit dem gewaltigen Aufschwung der Industrie kamen jedoch neue Sorgen und neue Aufgaben. Es galt auf der einen Seite unabhängig zu werden in dem Beschaffen der Rohprodukte (Baumwolle, Wolle, Häute, Öl, Kupfer u.a.), auf der anderen Seite Absatzgebiete zu gewinnen für die Erzeugnisse der deutschen Industrie für den Fall, daß die Kulturstaaten sich mehr und mehr durch Zollschranken absperren.

Beide Aufgaben konnten nur durch den Erwerb eigener Kolonien gelöst werden, und so wurde mit jedem Jahre diese Forderung lauter und deutlicher vernehmbar. Im Frühjahr 1884 sprach Fürst Bismarck das erlösende Wort und schnell hintereinander erfolgte die Besitzergreifung eines Kolonialreiches 2½ Millionen Quadratkilometer und gegen 12 Millionen Seelen. Freilich die gemäßigte Zone war weggegeben, nur das äußerlich so unwirtlich und wertlos scheinende Südwestafrika war noch zu gewinnen; im übrigen waren es Tropenländer in Afrika und der Südsee, über denen die deutsche Flagge gehißt ward. Später folgten noch Samoa, die Karolinen und die Flottenstation Tsingtau, die auf 99 Jahre von China gepachtet ward.

So plötzlich war dieser weite Besitz uns zugefallen, daß wir nicht wußten, was damit beginnen und wie ihn verwalten. Der Versuch mit privater Verwaltung durch Kolonialgesellschaften scheiterte überall, wo man es damit wagte. Das Reich sah sich genötigt, die Landesverwaltung selbst in die Hand zu nehmen, in den großen Schutzgebieten kam es zu erbitterten Aufständen und langwierigen Kriegen, wie sie überall entstehen, wo Kultur und Barbarei plötzlich aufeinander stoßen. Gerade diese Kolonialkriege aber haben das Interesse des deutschen Volks auf die Überseeländer gelenkt, sie haben die Gebiete in ungeahnter Weise erschlossen und die dringende Notwendigkeit des Eisenbahnbaus jedermann vor Augen geführt. Nach 25 Jahren des unsicheren Tastens und Versuchens, nach vielen Fehlern und Versehen ist die Kolonialverwaltung jetzt endlich zu festen Grundsätzen und mit Sicherheit verfolgten Zielen gelangt.

Zunächst wird die wirtschaftliche Selbständigkeit der Schutzgebiete angestrebt. Die Zuschüsse des Reiches sollen mit jedem Jahre geringer werden und möglichst bald ganz aufhören. Gegenwärtig beschränkt sich bereits der Reichszuschuß für die meisten Schutzgebiete auf die Militärausgaben. Dementsprechend muß für steigende Einnahmen, für Selbstverwaltung und stetig verbesserte Rechtspflege gesorgt werden.

Des weiteren ist der dringende Wunsch vorhanden, das deutsche Element in den Kolonien möglichst zu vermehren und diese nach Kräften zu deutschen Gebieten zu machen. Südwestafrika ist ein reines Siedlungsland, dem deshalb Frauen und Familien in stetig wachsender Zahl zuzuführen sind. Es steht zu hoffen, daß bei dem gesunden Klima, in reiner Luft, bei der großen Ellbogenfreiheit weiten Landbesitzes, bei Milch und Fleisch als Hauptnahrung die deutsche Rasse mit Langschädel, blauen Augen, blondem Haar und rosigweißer Haut sich besser und dauernder erhält, als unter den ungünstigeren Lebensbedingungen der heimischen Fabrikstädte. Vor allem ist die gesteigerte Fortpflanzung in Familien mit 10 und 12 Kindern wie bei den benachbarten Burenfamilien zu erwarten. Die Franzosen in Kanada haben seit 200 Jahren ein gutes Beispiel hierfür gegeben. Aber nicht nur Südwest, sondern auch die ausgedehnten Hochländer der tropischen Kolonien bieten Raum für deutsche Landwirte, die Viehzucht, Ackerbau und Plantagenkultur betreiben wollen. Diesem Eindringen deutscher Familien in das Innere Afrikas muß kräftiger Vorschub geleistet werden, weil hierdurch allein die dauernde Behauptung der weiten Gebiete gewährleistet ist. Abhängig bleibt diese Ansiedlung von dem Ausbau des Eisenbahnnetzes.

Die wirtschaftliche Aufschließung der Schutzgebiete ist teils vom Handel teils von der Erzeugung tropischer Rohprodukte im Pflanzungsbetrieb oder als Eingeborenenkultur zu erwarten. Die auf letztere gebauten Hoffnungen sind bisher nicht in Erfüllung gegangen. Während man früher unter "Kolonialwaren" nur Kaffee, Kakao, Tee, Vanille und ähnliches verstand, sind diese jetzt weit zurückgetreten hinter Öl (Kopra, Palmkerne, Sesam und Erdnuß), Kautschuk, Sisalhanf, Baumwolle, die in immer größeren Massen auf den Markt geliefert werden. Daneben gewinnen Fleisch, Häute, Wolle und die Mineralien Kupfer, Gold, Diamanten, endlich Phosphate aus der Südsee immer höhere Bedeutung. Der Schwerpunkt ist unter allen Umständen auf Baumwollkultur zu legen. Es muß gelingen, die heimische Industrie allmählich von dem amerikanischen Markt unabhängiger zu machen, da fast 600 Millionen Mark jährlich für Rohbaumwolle dorthin abfließen. Sollten die in Togo und Ostafrika angelegten bedeutenden Kapitalien die Baumwollproduktion nicht wesentlich fördern und die Mühen von Verwaltung und Privaten hier vergeblich bleiben, so wäre der Hauptwert der Kolonien für unsere wirtschaftliche Entwicklung verloren, die ganze koloniale Arbeit mit schwerem Mißerfolge gestempelt. Hier muß die volle Kraft eingesetzt werden.

Endlich sollen die deutschen Kolonien Absatzgebiete für die Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleißes werden. Diese Eigenschaft ist Südwest sofort zuzusprechen, da die von Jahr zu Jahr steigende deutsche Bevölkerung in allen ihren Bedürfnissen auf den heimischen Markt angewiesen ist. Wenn das nach englischen Erfahrungen aufgestellte Exempel stimmt, daß jede Überseefamilie jährlich für 3000 Mark Industrieartikel aller Art aus der Heimat bezieht, so würden 10 000 Familien einen Bedarf von 30 Millionen darstellen, ein Ziel, das für die deutsche Industrie Bedeutung haben dürfte.

Schwieriger liegen die Absatzverhältnisse in den tropischen Gebieten. Die dortigen Eingeborenen kennen vorläufig keine Bedürfnisse und müssen an alle Einrichtungen der Kultur (Kleidung, Geräte, Werkzeuge, Instrumente) erst langsam gewöhnt werden. Auch sind sie erst durch Erziehung zur Arbeit dahin zu bringen, daß sie Werte erzeugen, um Industrieartikel und ähnliches erwerben zu können. Hierzu ist lange, mühselige Arbeit der Verwaltung und der Missionen erforderlich, bislang ist diese redliche Mühe noch von geringem Erfolge gekrönt. Aber erst wenn die Kolonien in großem Maßstab Abnehmer für den deutschen Markt werden, gewinnen sie für das deutsche Volk die Bedeutung, die es in der Idee vom Kolonialbesitz erträumt und erhofft hat.

Bislang beläuft sich der Gesamtumsatz der deutschen Schutzgebiete auf 138 Millionen Mark. Das ist in der heutigen Weltwirtschaft, die nur mit Milliarden rechnet, eine scheinbar geringfügige Ziffer. Sie steigt aber an Wert, wenn man sich vergegenwärtigt, daß sie aus dem Nichts entstanden ist, und daß sie gegenwärtig von Jahr zu Jahr um etwa 10 Millionen sich erhöht. Die deutsche Handelswelt wird sich daran gewöhnen müssen, mit dieser Ziffer zu rechnen. Ebenso bedeutsame Zahlen sind die 2367 Kilometer Eisenbahnen, die Ende 1909 in Betrieb waren, und die 1346 Kilometer, die gegenwärtig noch im Bau sich befinden. Man braucht sich nur klar zu machen, daß jeder Kilometer Bahnlinie ein neuer Kulturträger ist, Landschaften erschließt, den Bodenwert erhöht und die Eingeborenen mit den von der Küste ins Land strömenden Gegenständen zur Erleichterung der Arbeit bekannt macht.

Seitdem aus der Kolonialverwaltung, der bureaukratische Geist verdrängt und durch eine praktische, von kaufmännischen Geiste getragene Leitung abgelöst ist, gehen die deutschen Schutzgebiete einer vielversprechenden Zukunft entgegen. So verschiedenartig ihre Lebensbedingungen sind, so ist überall eine fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung festzustellen. Sie haben böse und schwere Lehrjahre hinter sich, befinden sich aber jetzt in normalem Fahrwasser. Das deutsche Volk hat gleichzeitig an ihnen gelernt. Nicht nur haben sich die geographischen Kenntnisse erweitert, sondern auch die philisterhafte, engherzige, kleinliche Weltauffassung ist verschwunden und hat einem weiteren Blick und höhergesteckten Zielen Raum gemacht. Der Kolonialbesitz hat uns den großen Schritt zum Welthandel und zur Weltpolitik wesentlich erleichtert.

Quelle: Deutschland als Weltmacht, Kameradschaft, Hallberg und Büchting 1910, von rado copyright jadu 2001

Afrika von Areion

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