Kolonien Index

Einführung
Die wirtschaftliche Entwicklung
Ausführung
Verwaltung
Die natürlichen Verhältnisse unserer Kolonien
Probleme der Gegenwart

Die Deutschen Kolonien

Ausführung.
Von Oberleutnant a.D. Paul Leutwein, Berlin

 

Erwerb und Behauptung unserer Kolonien

Wir unterscheiden zwei Kolonialerwerbsperioden, die von 1884/85 und die von 1897/99. Es wurden erworben: 1884 Südwestafrika, Ostafrika, Kamerun, Togo, Neuguinea mit Bismarckarchipel. 1885 die Marschallinseln, 1897 Kiautschou und 1899 Karolinen-, Marianen-, Palauinseln uns Samoa.

Die Geburtsstunde unserer Kolonialpolitik brachte der 24. April 1884, an welchem Tage Fürst Bismarck durch den Generalkonsul in Kapstadt erklären ließ, daß die Erwerbung des Kaufmanns Lüderitz in Südwestafrika unter dem Schutze des Reiches ständen. Wie Südwestafrika verdanken wir die Mehrzahl unserer Kolonien kühnem kaufmännischen Unternehmungsgeist. Auf Neuguinea und dem Bismarckarchipel ließ die Neuguineakompagnie durch die Reisenden Finch und Dallmann die deutsche Flagge hissen. Die 1887 zur Jaluitgesellschaft vereinigten kaufmännischen Betriebe führten zur Besitzergreifung der Marschallinseln, sowie später zum Kauf der anderen mikronesischen Inselgruppen. Samoa wurde nach der Bedeutung ihrer Handelsunternehmungen unter die beteiligten Länder England, Deutschland und Vereinigte Staaten geteilt. In Kamerun waren es die firmen Jantzen und Thormählen, die Hoheitsrechte erwarben und an das Deutsche Reich abtraten. Karl Peters gründete 1884 die Gesellschaft für deutsche Kolonisation; erwarb noch in demselben Jahre eine Anzahl Ostafrikanischer Landschaften und entwickelte, seit 1885 mit einem kaiserlichen Schutzbrief versehen, als Präsident der neugebildeten deutschostafrikanischen Gesellschaft auch fernerhin eine erfolgreiche Tätigkeit, die zur Gründung des heutigen Ostafrika führte. Mit Waffengewalt zur Sühne der Ermordung zweier deutscher Missionare erfolgte die Besetzung der Kiautschoubucht, indem Admiral von Diederichs am 14. November 1897 in Tsingtau landete und die chinesische Besatzung zum Abzug nötigte.

Während sich so die Erwerbung unserer Kolonien im allgemeinen friedlich vollzog, hat ihre Behauptung zum Teil schwere Opfer an Gut und Blut erfordert. Den kanibalischen Eingeborenen Neuguineas sind der Gouverneur von Hagen, Otto Ehlers und viele andere Reisende, zuletzt Dammköhler, zum Opfer gefallen. Die kriegerischen Neigungen der Bewohner der Karolinen-, Marinanen- und Palauinseln haben lange Jahre hindurch immer wieder Strafexpeditionen nötig gemacht. Vor der Besetzung Samoas mußte vielfach von den beteiligten Mächten in die inneren Streitigkeiten der Eingeborenen, die mit ihren sogenannten Königtum zusammenhingen, eingegriffen werden. Bei einer solchen Gelegenheit gingen, wie schon erwähnt, die Kriegsschiffe "Adler" und "Eber" durch einen Orkan zugrunde. Auch seit der Besitznahme haben die Samoaner ständigen Hang zu politischem Unfug bewiesen, doch gelang es Gouverneur Solf jedesmal, die aufgeregten Gemüter zu beschwichtigen.

Von unseren afrikanischen Kolonien zeigt nur Togo das Bild einer friedlichen Entwicklung. In Kamerun brach schon bald nach der Besetzung der erste Aufstand aus. Seither ist dieses Schutzgebiet nie ganz zur Ruhe gekommen. Es hat sich hier zwar nicht um Erhebungen größeren Stils gehandelt, doch waren immer wieder Strafexpeditionen nötig, die einer großen Anzahl deutscher Offiziere (Gravenreuth, Thierry usw.) das Leben gekostet haben. Dem Klima fiel der verdiente Forscher und erste Reichskommissar Gustav Nachtigall 1885 zum Opfer.

Von größerem Umfange waren die Kämpfe um Ostafrika. Nachdem die deutschostafrikanische Gesellschaft in mehreren Verträgen, besonders mit dem Sultan von Sansibar, weite Küstengebiete erworben hatte, brach im Herbst 1888 ein Aufstand der Araber und der von ihnen abhängigen Afrikaner aus, dem sich auch die Soldaten des Sultans größtenteils anschlossen. Sämtliche Stationen gingen verloren, nur Bagamoyo und Daressalam konnten mit Unterstützung deutscher Kriegsschiffe, die in Gemeinschaft mit einer englischen Flotte die Küste blockierten, gehalten werden. Auf das Hilfegesuch der deutschostafrikanischen Gesellschaft griff das Reich ein und beauftragte den Afrikaforscher Hermann Wißmann, der soeben von seiner zweiten Afrikadurchquerung zurückgekommen war, mit der Niederwerfung des Aufstandes. Dieser bildete sich aus in Kairo angeworbenen Sudanesen und Soldaten der ostafrikanischen Küstengebiete eine unter deutsche Offiziere gestellte farbige Truppe, die sogenannte Wißmanntruppe, und griff sofort energisch ein. Am 8. Mai 1889 wurde das Lager des feindlichen Hauptführers Buschiri bei Bagamayo erstürmt, im Laufe der nächsten Wochen das ganze Küstengebiet vom Feinde gesäubert, Tanger und Pangani erobert und ebenso das von Buschiri zerstörte Mpapua. Buschiri, der inzwischen neue Verbündete gefunden hatte, rückte noch einmal von Südwesten gegen Bagamoyo vor, erlitt aber von Freiherr von Gravenreuth eine empfindliche Niederlage. Schließlich gelang es, den flüchtig gewordenen Führer bei Pangani gefangen zu nehmen, wo er am 14. Dezember 1889 gehenkt wurde. Als auch der demnächst mächtigste Empörer Bana Heri sich im April 1890 ergab, konnten alle Kräfte auf den letzten Aufstandsherd im Südosten vereinigt und hier mit einem durchschlagenden Erfolge der Krieg beendigt werden. Nun erst wurden die Grenzen Ostafrikas in seiner heutigen Gestalt durch ein Abkommen mit England am 1. Juli 1890 festgelegt und am 1. Januar 1891 übernahm das Deutsche Reich nach Vertrag mit der deutschostafrikanischen Gesellschaft die Verwaltung des Schutzgebietes.

Die ersten Jahre nach dieser Neugestaltung der Dinge wurden noch durch Unruhen gestört, die uns leider empfindliche Verluste brachten. So geriet am 17. August 1891 von Zelewsky in einen Hinterhalt der räuberischen Wahehe und fand mit dem größten Teil seiner 350 Mann starken Abteilung den Tod. Am 10 Juni. Juni 1892 fielen 2 Offiziere und 20 Mann bei einer Expedition gegen den Häuptling von Moschi. Nach Bestrafung der Empörer konnte sich Ostafrika über ein Jahrzehnt einer im ganzen friedlichen Entwicklung erfreuen. Im Jahre 1904 brach in den südlichen und südwestlichen Gebieten von neuem ein großer Aufstand aus, der hauptsächlich von den Zauberern, die durch Mission und Regierung ihres Einflusses beraubt zu werden fürchteten, geschürt wurde. Dem schnellen Eingreifen der Schutztruppe unter Major Johannes war es zu danken, daß die Erhebung nicht auf die anderen Teile des Landes übergriff. Das Reich sandte gleich genügende Verstärkung und nach langwierigen, meist erfolgreichen Kämpfen, an denen sich in den Küstengebieten auch Marinetruppen beteiligten, wurde der Aufstand im Laufe des Jahres 1905 niedergeworfen. Seitdem herrscht Ruhe.

Bei weitem das größte Interesse haben ständig in der Heimat die kriegerischen Ereignisse in Südwestafrika erweckt. Dies hat seinen Grund, abgesehen von der größeren Schwierigkeit der Unternehmungen, darin, daß die südwestafrikanische Schutztruppe immer eine weiße Truppe war und durch Verlust oder Auszeichnung jedes einzelnen Mannes eine deutsche Familie unmittelbar berührt wurde.

In den ersten Jahren des Bestehens der Kolonie unter der Herrschaft der deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika ist es zu Kämpfen nicht gekommen. Der Gesellschaft standen keine Machtmittel zu Gebote und sie enthielt sich deshalb jedes Einschreitens sowohl gegen die Hottentotten wie die gleich übermütigen Hereros. Auch als infolge der Übergriffe der Eingeborenen Hauptmann von François mit 50 Mann nach dem Schutzgebiet entsandt war, geschah nichts, denn diese Truppe hatte den Befehl erhalten, eine abwartende Haltung einzunehmen. Als aber im Jahre 1892 die Räubereien Hendrik Witboy's, der mittlerweile durch Zuwachs mehrerer unterworfener Hottentottenstämme immer mächtiger geworden, unerträglich wurden, griff François mit seiner inzwischen verstärkten Truppe ein, überfiel Witboy in seiner Feste Hornkrans und erstürmte sie am 12. April 1893. Da aber der Kapitän selbst mit einem Teil seiner Leute entkam, begann jetzt der eigentliche Feldzug und erst François Nachfolger, Major Leutwein gelang es, Hendrik in der Naukluft einzuschließen und am 9. September 1894 zur Niederlegung der Waffen zu zwingen. Während sich das Namaland nach Witboy's Besiegung vorläufig friedlich verhielt, brach Anfang 1896 unter den Kauashottentotten und Osthereros ein Aufstand aus, der trotz des Sieges der Kompagnie Estorff bei Gobabis das Eingreifen der ganzen Schutztruppe nötig machte. Es gelang dem damaligen Landeshauptmann Leutwein, den Oberhäuptling der Hereros, Samuel Maharero, auf seiten der Deutschen zu halten, zur Gefolgschaft zu bestimmen und außerdem noch Hottentottenhilfstruppen unter Hendrik Witboy und Simon Kopper mit der Truppe zu vereinigen. So gestaltete sich der Zug gegen die Aufständischen, als eine Kundgebung der Einigkeit zwischen dem Landeshauptmann und den Hauptführern der eingeborenen. Der Erfolg war ein durchschlagender. Die feindliche Hauptstellung wurde erstürmt, die Aufständischen zur Ergebung gezwungen, ihre Führer kriegsgerichtlich erschossen.

Wie hier, so hat der Gouverneur Leutwein lange Zeit auch in den späteren kleineren Erhebung den Grundsatz "teile und herrsche" mit Erfolg angewandt und er mußte ihn auch anwenden, denn Reichsregierung, wie Volksvertretung, darauf bedacht, in kolonialen Dingen bei jeder Gelegenheit zu sparen, hätten nie in eine Erhöhung der auf zirka 750 Mann festgesetzten Schutztruppe gewilligt. Gerade erwog man in der Heimat die Frage, ob die Truppe nicht in eine Polizeitruppe umgewandelt werden könnte, als jener große Aufstand losbrach, der die Kolonie in ihren Grundfesten erschüttern sollte.

Die zunehmende Besiedelung hatte vor allem dem viehbesitzenden Hererovolk klar gemacht, daß es langsam aber sicher von den Weißen aus dem angestammten Grund und Boden verdrängt und besitzlos gemacht würde. Als nun Ende 1903 Unruhen unter den Bondelzwarthottentotten den Gouverneur nötigten, mit einem großen Teil der Truppe nach Süden zu rücken, bereiteten die Schwarzen eine planmäßige allgemeine Erhebung vor. In der Nacht vom 12. zum 13. Januar 1904 wurden alle im Hererolande gelegenen Farmen und Stationen überfallen und fast 200 Menschen niedergemacht. Nur die großen Plätze konnten sich halten. Die Ereignisse vollzogen sich zunächst verhältnismäßig schnell. Oberst Leutwein entsandte den bereits nach Süden marschierenden Hauptmann Franke gegen die Hereros. Dieser erreichte in Eilmärschen Windhuk, entsetzte unter mehrfachen Gefechten am 27. Januar 1904 Okahandja, am 2. Februar Karibib und am 4. Februar Omaruru, letzteres nach einem blutigen Kampfe, der allgemein als die glänzendste Waffentat des Hererokrieges bezeichnet wird. Inzwischen war als erste Verstärkung ein Marineexpeditionskorps gelandet und Oberst Leutwein der am 27. Januar mit den Bondelzwarts den günstigen Frieden von Kalkfontein abgeschlossen hatte, traf am 12. Februar in Karibib ein.

Die neugebildete Westabteilung unter Major von Estorff wurde von Omaruru aus nach dem Waterberg, die Ostabteilung unter Major von Glasenapp von Gobabis aus eben dahin angesetzt. Letzterer hatte bei schneidigstem Vorgehen mehrere verlustreiche Gefechte — bei Ovikokorero fielen allein 7 Offiziere und 19 Mann — und kam vor die Onjatiberge, wo sich wider Erwarten die Hauptmacht des Feindes zusammengezogen hatte. Die bei Otihinamaparero erfolgreiche Westabteilung wurde daraufhin zu der inzwischen von Leutwein gebildete Hauptabteilung nach Okahandja herangezogen. Leutwein schlug die Hereros bei Onganjira und focht unentschieden gegen die vereinigten Stämme bei Oviumbo. Es zeigte sich, daß noch weitere Verstärkungen erforderlich waren, die alsbald unter dem neuen Oberbefehlshaber Generalleutnant von Trotha herausgesandt wurden. Dieser umstellte, allmählich vorrückend, die neue Hauptstellung des Gegners am Waterberg und schritt am 11. August 1904 zum Angriff. Es gelang den Hereros unter schweren Verlusten, besonders an Vieh, den Einschließungsring zu durchbrechen. Trotha ließ aber energisch verfolgen und die ganze Rückzugslinie absperren. Hierdurch in die wasserlosen Einöden des Sandfeldes getrieben, büßten die Afrikaner ihre ganze Widerstandskraft ein und gingen zu Tausenden zu Grunde. Während so ein furchtbares Strafgericht das Hererovolk ereilte, bereiteten sich im Süden neue Ereignisse vor.

Schon im Sommer 1904 war der an früheren Unruhen beteiligte Hererobastard Morenga aus dem englischen Gebiet, wohin er geflüchtet war, zurückgekehrt und hatte östlich der großen Karrasberge eine erfolgreiche Tätigkeit als Räuber begonnen. Allmählich vermehrte sich seine Schar und als es ihm im August gelang, eine deutsche Patrouille abzuschießen und eine stärkere Abteilung unter Leutnant von Stempel, der selbst dabei fiel, zurückzuschlagen, wuchs sein Ansehen immer mehr. Schon machten sich im Namagebiet weitere schlimme Anzeichen bemerkbar. Ob die Hottentotten selbst zur Überzeugung kamen, daß nach den Hereros die Entwaffnung an sie käme, oder ob unvorsichtige Bemerkungen von Farmern und Zeitungsartikeln sie zu dieser Meinung brachten, genug, es war ausreichend Zündstoff vorhanden, um die Gewehre, wie Oberst Leutwein sagte, bei der geringsten Ungeschicklichkeit von selbst losgehen zu lassen. Dazu kam, daß um jene Zeit, bei Hendrik Witboy ein die äthiopische Bewegung predigender Prophet, namens Stürmann, erschien, der auf den religiösen Wahnideen zugänglich alten Kapitän großen Einfluß gewann. In dem festen Glauben, daß nun die Stunde gekommen sei, das alte Hottentottenreich wieder aufzurichten, gab Hendrik Witboy am 4. Oktober 1904 durch Ermordung seines Bezirkshauptmanns von Burgsdorff das Zeichen zur Empörung. Die Krieg und Raub statt ordentlicher Arbeit vorziehenden Hottentottenstämme schlossen sich ihm an und bald war das ganze Namaland in Aufruhr.

Auch jetzt wieder dasselbe Bild der gleichzeitigen Ermordung deutscher Farmer und der Überfälle kleinerer Stationen; doch waren die Deutschen diesmal besser vorbereitet. Während sich die bereits verstärkte Truppe des Südbezirks unter Major von Lengerke und Hauptmann von Koppy erfolgreich gegen Morenga hielt, entsandte General von Trotha den Oberst Deimling mit allen verfügbaren Kräften gegen Witboy. Nach wechselnden Kämpfen erlitt Hendrik die empfindliche Niederlage bei Naris, 4. Dezember, und zog sich in das Auobtal zurück. Am 15. Dezember gelang es Lengerke, den Stamm der Feldschuträger bei Koes aufzureiben und Deimling beschloß nunmehr, diese Abteilung an sich heranzuziehen und konzentrisch gegen Witboy vorzugehen. Dieser hatte sich inzwischen beträchtlich verstärkt und warf sich, die Simon Kopper Leute gegen Deimling stehen lassend, der schwächsten der anrückenden Abteilung unter Major Meister entgegen. Zwischen beiden entspann sich der denkwürdige Kampf um Großnabas. Fast 54 Stunden, vom 2. bis 4. Januar 1905, hielten die Deutschen dem sie von drei Seiten umschließenden und vom Wasser abhaltenden überlegenen Feinde stand. Schon hatte Witboy, der die Niederlage der Deutschen für sicher hielt, jenen auch den Rückzug abgeschnitten, als Meister sich mit seiner völlig erschöpften und halbverdursteten Trupp zu einem verzweifelten Sturm entschloß. Die in wahnsinniger Wut anlaufenden Krieger durchbrachen das feindliche Zentrum und gewannen den Sieg mit einem Verlust von 9 Offizieren und 63 Mann an toten und Verwundeten. Ein Drittel der Gefechtsstärke war auf deutscher Seite in diesem Kampfe geblieben, dem schwersten, den unsere Kolonialgeschichte kennt. Am 10. Januar vereinigte sich Deimling, nachdem er die Simon Kopper Leute wiederholt geschlagen hatte, mit dem erschöpft nach Stamprietfontein zurückgegangenen Meister. Hendrik Witboy verschwand mit seinem ganzen Anhang in der Kalahari und schien bis auf weiteres ausgeschaltet.

Nun galt es, Morenga unschädlich zu machen. Auch diese Aufgabe wollte Oberst Deimling durch konzentrisches Vorgehen gegen dessen Hauptsitz, die großen Karrasberge, lösen. Da die Abteilungen, wie bei der vorherigen,ja, wie bei fast allen derartigen Operationen in Südwestafrika nicht gleichzeitig eintrafen, gelang es Morenga zunächst, der schwächsten einen empfindlichen Schlag zu versehen. Als es sich aber auf die des Hauptmann Koppy stürzen wollte, geriet er, infolge sehr schlechten Verhaltens des von ihm gegen die Hauptabteilung des Major von Kamptz entsandten Unterführers, zwischen die Abteilung Koppy und Kamptz und wurde bei Narudas mit großen Verlusten an Mensch und Vieh geschlagen. Immerhin war es ihm möglich, aus den Karasbergen zu entkommen.

Inzwischen war aber in der Person des bisher wenig beachteten Bethanierhäuptlings Cornelius ein neuer Gegner aufgetaucht. Zwar konnten ihm verschiedene Abteilungen unter Leitung des Major Täubler Niederlagen beibringen, doch entzog er sich immer wieder der Vernichtung und konnte auf seinen Rückzügen mehrfach deutsche Patrouillen abschießen. Friedensverhandlungen, die mit ihm angeknüpft wurden, hatten das traurige Ergebnis, daß der tapfere Unterhändler, Leutnant von Trotha im Lager des Cornelius am 14. Juni 1905 erschossen wurde. Da auch entsprechende Verhandlungen mit Morenga erfolglos verliefen, so zog sich der Kampf immer mehr in die Länge. Endlich gegen Ende des Jahres schienen sich die Kriegswolken zu zerteilen denn Hendrik Witboy, der wieder aus seinem Schlupfwinkel hervorgekommen war und, die Etappenlinie Windhuk- Keetmanshoop unsicher machend, eine Reihe glücklicher Überfälle ausgeführt hatte, war bei einem derselben, bei Fahlgras am 29. Oktober 1905, gefallen. Sein Tod hatte nach und nach die Waffenstreckung aller Witboy Abteilungen zur Folge, aber die Hoffnung, daß die anderen noch im Felde stehenden Stämme, sich dem abschließen würden, erwies sich als trügerisch.

Erst das Jahr 1906 brachte das Ende des Krieges. Zunächst erfüllte sich das Geschick des Cornelius. Dieser beweglichster aller Gegner war den Nachstellungen des Hauptmanns von Koppy und der Majore Gräser und Träger entgangen; endlich gelang es Hauptmann Volkmann, ihn mit seinem Anhang, am 2. März 1906, gefangen zu nehmen.

Morenga, der schon im Sommer 1905 wieder losgeschlagen und dessen Anhang unter wechselnden Kämpfen durch Hauptmann von Eckert die zweifache schwere Niederlage bei Narus erlitten hatte, vereinigte sich im Herbst 1905 mit dem ganzen Stamm der Bondelzwarts unter Johannes Christian, und konnte den Deutschen noch einmal, am 24. Oktober 1905, bei Hartebeestmund am Oranje erhebliche Verluste beibringen. Nun aber begann sein Stern zu sinken. Johannes Christian, durch die Angriffe des Majors von Estorff aus der unzugänglichen Oranjegegend herausgetrieben, trennte sich von ihm und nötigte ihn dadurch, sich mit seiner sehr geschwächten Abteilung ins östliche Grenzgebiet zu ziehen. Dort ereilte ihn Hauptmann Bech, am 4. Mai 1906, rieb in einem Überfall seine Leute auf und trieb ihn mit dem letzten Rest seiner Anhänger ins englische Gebiet. Hier wurde es von der Kappolizei gefangen genommen und entwaffnet. Selbst nach Ausscheiden dieses Führers hielten die Bondels noch ein halbes Jahr den deutschen Truppen stand, bis auch sie allerdings unter der Bedingung, in ihren Reservaten verbleiben zu dürfen, die Waffen niederlegten. Der Friede von Ukamas, am 23. Dezember 1906, beendete den Krieg.

Wie die aufgewühlte See sich nach aufhören des Sturms nur langsam beruhigt, so konnte auch die aufgeregte Menschheit Südwestafrikas nach Beendigung des Krieges erst allmählich ihren Frieden finden. Zunächst war es Morenga , der noch einmal bedrohlich an der Grenze erschien, nachdem es ihm gelungen war, sich der Aufsicht der Kapbehörden zu entziehen. Diesmal war aber der schrecken von kurzer Dauer. Von deutscher Seite wurden sofort starke Truppenmengen an der Ostgrenze vereinigt und die Kapbehörden, wohl fühlend, daß sie ein gewisses Verschuldung traf, sandten eine starke Polizeitruppe unter Major Elliot hinter dem Flüchtling her. Als die bei Morenga befindlichen Bondels dieses deutschenglische Zusammenwirken erkannten, verließen sie ihn, um in die Bedingungen des Friedens von Ukamas aufgenommen zu werden. Morenga, dessen Anhang nur noch aus 10 Leuten bestand, wurde bei dem Versuch, zu Simon Kopper zu entkommen, von der heftig nachdrängenden Kappolizei ereilt und fiel mit der Mehrzahl seiner Begleiter im Kampfe. So fanden die beiden bedeutendsten feindlichen Führer Hendrik Witboy und Morenga einen schönen Sodatentot.

Anders der letzte noch übrige Hottentottenführer Simon Kopper. Seit 1907 war er endgültig in die Kalahari zurückgegangen und ließ nur durch Überfälle und Viehdiebstähle seiner Streifbanden etwas von sich hören.. Dies wurde aber allmählich so lästig, daß die Ausrüstung eines besonderen Unternehmens unter der bewährten Führung des Hauptmanns von Eckert gegen ihn nötig wurde. Eckert nutzte in achtmonatlicher Vorbereitung alle bisherigen Erfahrungen zu diesem technisch ungemein schwierigen Zuge aus. Kabel, Heliographen, Signaltürme, fanden Verwendung. Wo es möglich war, grub man Kamelbecken oder stellte Wassertanks auf. Das ganze Expeditionskorps wurde auf Kamelen beritten gemacht und in der Behandlung dieser Tiere sorgsam eingeübt. Dementsprechend war auch der Erfolg des Vormarsches gegen den nach häufigen Erkundigungen festgestellten Feind. Seine Werft wurde in der Frühe des 17. März 1908 umfassen angegriffen, erstürmt und über die Hälfte der waffenfähigen Hottentotten getötet. Der Rest stob auseinander. Unter den Gefallenen auf deutscher Seite befand sich leider auch der ruhmbedeckte Führer Hauptmann von Eckert.

Ich habe den großen südwestafrikanischen Feldzug einer eingehenden Beschreibung unterzogen, weil er in vielfacher Hinsicht von Bedeutung ist. In erster Linie ist der Krieg, der zeitweise 14 000 Soldaten auf südwestafrikanischem Boden vereinigte, für einen erheblichen Teil der der deutschen Armee eine so ernste Schule gewesen, wie sie selbst die Einigungskriege 1866 und 1870/71 nicht geboten haben. 200 Offiziere und 2500 Mann haben da drüben geblutet und fast jeder, der glücklich heimgekehrt ist, trägt mit sich die Erinnerung an Strapazen, die das Äußerste an Willenskraft und Opfermut erforderten. Viel stilles Heldentum hat nur die endlose Wüste zum Zeugen gehabt, aber die Beispiele, die aufgezeichnet werden konnten, genügen, um in uns den Glauben an den kriegerischen Wert unseres Volkes neu zu befestigen. Das tut wohl, in einer Zeit, wo Phantasten nach ewigem frieden rufen, während andererseits der wirtschaftliche Kampf der Nationen, der schlimmste alle Kriege, bis zur gegenseitigen Erdrosselung geführt wird.

Die schweren Opfer an Gut und Blut haben auch diejenigen Kreise in der Heimat verstummen gemacht, die bisher ohne die geringste Vorarbeit geglaubt hatten, aus dem Handgelenk und möglichst abfällig natürlich, koloniale Kritik üben zu können. Die kleinliche Groschenpolitik mit dem Ceterum censeo: "Die Kolonien sind nichts wert", war gegenstandslos geworden, denn einem Volke, das in wenigen Jahren 500 Millionen aus nationalem Ehrgefühl für die Behauptung einer Kolonie opfern mußte, ist der Weg einer großzügigen Kolonialpolitik vorgeschrieben. So hat endlich der Krieg das gebracht, um was die besten Köpfe in Wort und Schrift bisher umsonst gerungen, nämlich die Grundlage für die Möglichkeit eines wirklichen wirtschaftlichen Aufschwungs durch die allein vom Staat zu leistende Schaffung ausreichender Verkehrsmittel.

Quelle: Deutschland als Weltmacht, Kameradschaft, Hallberg und Büchting 1910, von rado copyright jadu 2001


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