Kolonien Index

Die Deutschen Kolonien

Ausführung.
Von Oberleutnant a.D. Paul Leutwein, Berlin

 

Probleme der Gegenwart

Unter den Problemen der Gegenwart muß an erster Stelle die vielumstrittene Landfrage Erwähnung finden. Wir haben gesehen, daß bei der Gründung der der Kolonien verschiedene Gesellschaften Land- und Hoheitsrechte erworben hatten. Letztere gingen allmählich in die Hand des Reiches über, erstere blieben bei der deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika bis in die jüngste Zeit*) ganz und bei der Neuguineakompagnie zum Teil bestehen. Die Landrechte der Neuguineakompagnie haben, da es sich um Gebiete handelt, die nicht für weiße Siedlung in Betracht kommen, keinerlei nationalen Schaden verursacht, wogegen die Land- und Minenrechte der Kolonialgesellschaft für Südwestafrika ein Unsegen für dieses Schutzgebiet geworden sind.

Leider ist es gerade in dieser als reines Siedlungsgebiet wichtigsten deutschen Kolonie nicht bei der Schädigung durch eine Gesellschaft geblieben. Im Anfang der 90 er Jahre, als es mit den Schutzgebieten nicht vorwärts gehen wollte, war die heimische Regierung leicht geneigt, kapitalkräftige koloniale Unternehmungen mit Konzessionen zu unterstützen, und so entstanden allmählich in Südwest noch 6 und in Kamerun 2 Gesellschaften, die Land-, Minen- und sonstige Ausbeutungsrechte in ihrer Hand vereinigten.

Die Kameruner Gesellschaften haben unter dem Druck der öffentlichen Meinung in jüngster Zeit nacheinander den größten Teil ihres Konzessionsgebietes wieder abgetreten und ihrem Ausbeutungsverfahren den Eingeborenen gegenüber, besonders in der Kautschukgewinnung, wurde durch Schutzbestimmungen ein Ziel gesetzt. In Südwestafrika bilden dagegen die Gesellschaften noch immer einen Pfahl im Fleische. In letzterer Zeit ist es immerhin der Regierung gelungen, mit allen Gesellschaften Verträge über Landverkäufe abzuschließen, in denen die Gesellschaften das Land zu festgesetzten, alle zwei Jahre neu zu sichtenden Preisen, selbst zum Verkauf stellen, oder der Regierung zu diesem Zwecke überlassen. Damit ist wenigstens der bisherigen spekulativen Besiedlungshinderung der Landgesellschaften ein Ziel gesetzt, aber der bereits angerichtete Schaden konnte nicht wieder gut gemacht werden.

Wenn auch andererseits anzuerkennen ist, daß von vorn herein versucht werden mußte, Privatkapital und Privatunternehmungen für unsere Kolonien zu gewinnen, durfte das niemals mit derartigen Zugeständnissen verbunden sein. Trotzdem die Landgesellschaften anfangs erhebliche Verluste hatten, ist doch ihr Wagnis nicht sonderlich hoch anzuschlagen, da ihnen schließlich mit zunehmender Besiedlung große Gewinne zufallen mußten.

Verkehrshindernd hat sich die South West Afrika Comp. gezeigt, die sich durchaus nicht zum Bau der ihr konzessionierten Eisenbahn verstehen wollte und, als die Regierung die Sache in die Hand nahm, ihr zunächst den Bau verbot, dann nur Mauleselbetrieb gestatten wollte, und erst nach reichlichen weiteren Zugeständnissen zur Genehmigung des Dampfbetriebes zu bewegen war. Der stückweise Bau, der sowieso schon unrationellen Staatsbahnen Swakopmund - Windhuk war die Folge. Die Tochtergesellschaft der South West Afrika Comp., die Otaviminen und Eisenbahngesellschaft, hat allerdings schließlich zur Ausbeutung ihrer Kupferschätze die bereits genannte Otavibahn gebaut, doch mußte sie, da der erste Teil der Staatsbahn den Anforderungen nicht genügte, von Swakopmund bis Karibib eine Parallelbahn zu dieser herstellen.

Die Kosten dieser doppelten Linienführung hätte man sich durch frühere Einigung wahrlich sparen können. Diese Otavibahn mußte schließlich vom Staat aufgekauft werden, teils infolge Unbrauchbarkeit der genannten Staatsbahnstrecke, teils weil die Gesellschaft, die übrigens auch verschiedene Steuer- und Zollprivilegien genießt, ihr Recht, die Tarife beliebig festzusetzen, zum Schaden der Schutzgebietsbewohner ausnutzen konnte. An der South West Afrika Comp., und der Otavigesellschaft sind englisches Kapital stark beteiligt, bei einer anderen Gesellschaft der South African Territorries Limited spielt englisches Kapital die führende Rolle, und diese Gesellschaft hat sich als die bedenklichste unter allen Landgesellschaften erwiesen.

Im Gegensatz zu den zusammenhängenden Landgebiete der anderen Gesellschaften hatten die Territorries das Recht, sich 128 Farmen von zusammen zirka 12 000 Quadratkilometer im südlichen Teil des Schutzgebietes auszusuchen. Dadurch entstand von Anfang an Unzufriedenheit unter den bereits ansässigen Weißen und Eingeborenen, denn die Gesellschaft nahm natürlich möglichst viel von den im Süden sowieso spärlichen Wasserstellen in Beschlag, und es wird angenommen, daß die Auswahl der in den Bondelzwartgebiet liegenden Farmen den Aufstand vom Herbst 1903 verschuldete. Wie die anderen Gesellschaften, hielten auch die Territorries ihr Farmgebiet vom Verkauf zurück, sie gingen aber weiter als diese, indem sie von Anfang an eine antideutsche Tendenz bekundeten. Jetzt, wo das Farmgebiet zum Verkauf gestellt ist, umgehen sie ihre Verpflichtung, deutschen Verkäufern den Vorzug zu geben, zugunsten der Engländer und Buren. Dies macht sich so fühlbar, daß man von einer Verburung und Verengländerung des Südens spricht.

Leider hat man in früherer Zeit vielfache Gelegenheiten, Gesellschaften infolge Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen, ihrer Konzessionen für verlustig zu erklären versäumt und die Schwierigkeiten, die jetzt einer Enteignung entgegenstehen, sollen nicht verkannt werden. Besonders muß sich der Staat vor scharfem vorgehen gegen wirkliche Rechtsansprüche hüten, mögen sie auch Schaden verursachen, denn sonst würde das kaum ermutigte deutsche Kapital wieder von kolonialen Anlagen zurückgeschreckt werden. Es gilt eben in Zukunft, solche Konzessionsfehler zu vermeiden, und sofort einzuschreiten, sobald eine Gesellschaft eine rechtliche Handhabe dazu gibt. Dies ist zweifelsohne bei den Territorries der Fall und es steht zu hoffen, daß diese Gesellschaft bald von der Bildfläche verschwindet. Vorläufig ist ein Enteignungsverfahren gegen sie eingeleitet wegen ihrer Weigerung, Land in den durch den Bahnbau Lüderitzbucht- Keetmanshoop, Seeheim-Kalkfontein an Wert gesteigerten Gebieten, als Wertzuwachs abzutreten. Das Verfahren dürfte ihr ein Drittel ihres Farmbesitzes kosten.

Daß wir aber auch aus unseren Fehlern zu lernen verstanden haben, beweist uns Kiautschou, wo die Landfrage vom Beginn der der deutschen Herrschaft an auf Grund bodenreformerischer Ideen geregelt wurde. Bei der Besitznahme verbot man zunächst den Verkauf von Grund und Boden an einen anderen als den deutschen Staat. Später wurden mit dem bisherigen Besitzern Vorverkaufsveträge gegen Prämienzahlung abgeschlossen. Das erworbene Land wird nun vom Staat an Private, meist auf dem Wege der Auktion weiter verkauft, doch behält sich der Staat das Rückkaufrecht vor und muß sich der Käufer zur Ausführung eines zur Genehmigung vorzulegenden Bebauungsplanes verpflichten. Beim Weiterverkauf des Grundstückes fällt ein Drittel des Reingewinnes an den Staat. Reingewinn ist der Überschuß nach Abzug des eigenen Kaufpreises, der Meliorationen und 6 Proz. Zinsen. Die 6 Proz. Zinsen entsprechen der in Kiautschou zu entrichtenden Grundsteuer. Nicht weiter verkaufte Grundstücke werden alle 25 Jahre neu abgeschätzt unter Abführung von ein Drittel des unverdienten Mehrwertes an den Staat. Eine ordnungsgemäße Regelung der Landfrage lag ja in Kiatschou bei der von vornherein geplanten Anlage eines Kriegs- und Handelshafens sehr nahe, und konnte in dem kleinen Pachtgebiet leicht durchgeführt werden. Ihre Lösung bietet eins der schönsten Beispiele für Bodenreform.

Zu den Fragen, die stets die jeweilige Gegenwart beschäftigen werden, gehört die einer gesunden Eingeborenen Politik. Es wird jetzt von den Kreisen, die sich mit kolonialen Problemen beschäftigen, allgemein zugegeben, daß die richtige Behandlung der Eingeborenen eine der wesentlichen Grundlagen für die Entwicklung einer Kolonie ist. Dies gilt vor allem für Kolonien, deren Ureinwohner nicht, wie das bei Indianern und Australnegern der Fall, an der Berührung mit den Weißen zugrunde gehen, sondern die diese Berührung vertragen und deren Existenz auch für die betreffenden Kolonien notwendig ist. Dies trifft im allgemeinen bei unsren Besitzungen zu. Am wenigsten glaubte man noch an die Widerstandskraft der Südseeinsulaner, doch hat sich gezeigt, daß unter der deutsche Verwaltung, was ihr sehr zur Ehre angerechnet werden muß, der Bevölkerungsrückgang zu stehen kam, ja sogar, wie neuerdings auf Samoa, eine Zunahme stattfand. Nur auf dem Marianenarchipel und Neumecklenburg schwinden die Eingeborenen unaufhaltsam dahin.

Unter den afrikanischen Völkern scheinen nur die Buschmänner und Hottentotten dem Untergang entgegenzugehen, und es würde eine falsche Gefühlspolitik sein, allzuviel für deren Erhaltung zu tun, denn sie haben sich kulturfeindlich erwiesen, besonders die Hottentotten, ihre Begabung nur für Kriegs- und Raubzüge verwertet. Die Afrikaner dagegen gedeihen unter der weißen Herrschaft; ihre Mitwirkung an den Aufgaben der Kolonisation ist nicht zu entbehren, und da man sowohl in tropischen, wie subtropischen Gebieten Afrikas mit ihnen rechnen muß, hat man sich daran gewöhnt, die Eingeborenenfrage auf sie zuzuschneiden. Sobald das Wort erwähnt wird, denkt man an Afrika und die bekannten Streitfragen tauchen auf, soll der Afrikaner erzogen, soll er gezwungen werden, soll man ihn in seinem Naturzustand lassen, oder ihm europäische Bildung zugänglich machen. Die erfreulicherweise immer kleiner werdende Zahl von Kolonialpolitikern, die dem Afrikaner von vornherein die Entwicklungsfähigkeit absprechen und also auch keine Zeit und Mühe für seine sittliche und geistige Förderung verschwenden wollen, pflegt gern, auf die Eingeborenenbehandlung in den früheren Burenrepublicken als vorbildliches Beispiel hinzuweisen.

Dabei wird immer wieder die Hauptsache vergessen, nämlich, daß dieses Beispiel nichts mehr mit unserer Zeit zu tun hat. Die Geschichte ist inzwischen über diese patriarchalischen und rückständigen Staatengebilden zur Tagesordnung übergegangen, und wir sehen uns ganz anderen, viel verwickelteren und immer verwickelter werdenden Verhältnissen gegenüber. Merkwürdigerweise findet sich die Verachtung des Afrikaners oft vereinigt mit der Ansicht, daß die Weißen, wenn sie den Schwarzen ihre Sprache und damit die Errungenschaften ihrer Kultur zugänglich machen, sich auf die Dauer nicht gegen sie zu behaupten vermögen. Dieser Widerspruch der Mißachtung auf der einen und Furcht auf der anderen Seite beweist mehr als alle Gegenargumente, wie oberflächlich jene Art der Eingeborenenbeurteilung eigentlich ist. Wenn die Schwarzen indes wirklich imstande wären, uns dereinst mit den Mitteln unserer eigenen Kultur zu schlagen, so würden wir dies mit keinen Gewaltmaßregeln verhindern können. Die menschliche Natur läßt sich auf die Dauer nicht unterdrücken. In Nordamerika, wo der Afrikaner die Rechte des Weißen genießt, sich alle Bildung zugänglich machen kann, zeigt sich, daß er neben diesem zwar besteht, auch ohne Förderung, denn die ist ihm dort nicht zuteil geworden; daß er aber nicht erfolgreich mit dem Weißen im Wettbewerb zu treten vermag und ihm in allen Berufen unterlegen bleibt.

Zurückkehrend zu den erst erwähnten Streitfragen, Erziehung und Zwang zur Arbeit, greifen wir am besten, um ein Verständnis für das zu gewinnen, was dem Afrikaner nötig ist, auf unseren eigenen Naturzustand, den des Kindes, zurück. Herrschte bei uns kein Schulzwang, wieviele von uns würden sich wohl freiwillig zur Schule gemeldet haben? Kein Zweifel, von selbst verspürt der Afrikaner im allgemeinen keinen Drang zur Arbeit, ein gelinder Zwang muß angewandt werden, aber dieser soll, wie bei uns die Schule, gleichzeitig einerzieherischer sein. Man muß ihn von einem Lohn- in einen selbständigen Arbeiter verwandelt, vor Augen führen. Ferner müssen ihm die Bedürfnisse, die wir als Segen unserer Kultur bezeichnen können, gute Wohnung, Kleidung und Körperpflege erstrebenswert gemacht werden. Auch die harmloseren Genüsse des Essens und Trinkens (Tabak, Kaffee usw.) natürlich nicht Alkohol, sollten ihm zugänglich sein. In allem dieser kommt uns der Nachahmungstrieb des Afrikaners entgegen.

Selbst von Freunden solcher Erziehungsbestrebungen kann man oft hören, daß wir nur die physische nicht die Kopfarbeit des Afrikaners brauchten. Es läge infolgedessen kein Grund für uns vor, den Afrikaner zum Schulbesuch anzuhalten, zumal die Arbeit der Missionare in dieser Beziehung nicht erfolgreich gewesen sei, und man sogar sagen könne, daß die Lehren des Christentums auf unfruchtbaren Boden fielen. Auch diese Auffassung enthält einen Widerspruch in sich selbst. Wie soll ein Mensch den Segen der Arbeit und die soziale Bedeutung des Erringens eines gewissen Kulturzustandes verstehen, der ohne alle sittliche und geistige Bildung gelassen wird? Ist er aber zu dem einen nicht befähigt, so wird er auch das andere nicht begreifen. Bisher ist eine Verständnislosigkeit des Afrikaners dem Christentum gegenüber nicht zu beweisen gewesen, dazu war die Einwirkung unserer Religion noch viel zu kurz. Konnten doch bei unseren Vorfahren noch Jahrhunderte nach Einführung des Christentums heidnische Gebräuche festgestellt werden und mehr als ein Jahrtausend ging darüber hin, bis selbst die höchsten Vertreter des Klerus einsahen, daß die Religion der Liebe nicht mit Feuer und Schwert verkündet werden kann. Der südwestafrikanische Aufstand beweist gerade im Gegenteil eine sichtbare Wirkung des Christentums, denn die Missionare und Frauen wurde selbst bei den Hereros, die am meisten in die alte Wildheit zurückfielen, geschont.

Daß übrigens die Missionare sich in ihren Erziehungsmethoden oft getäuscht haben, kann nicht verschwiegen werden. Es liegt dies aber an dem weit verbreiteten Irrtum, das mittelmäßige Köpfe für die Kolonien ausreichen, und es kann nicht genug betont werden, daß für Kolonisation auf allen Gebieten nur die Besten geeignet sind.

Sind wir also nun zur Einsicht gekommen, daß der Afrikaner zum Schulbesuch anzuhalten ist, so wollen wir uns doch vor Übertreibung hüten und, wie in der Frage der Religion, uns bewußt sein, daß der Eingeborene Geduld verlangt und eine solche Entwicklung nicht zu schnell gehen darf. Deshalb scheidet das höhere Schulwesen vorläufig aus. Sollte es jedoch Eingeborene geben, die nach höherer Bildung streben, so dürfen sie nicht künstlich davon abgehalten werden und in diesem Sinne ist die von Lord Selborne in Englischsüdafrika geplante Interkoloniale Eingeborenenakademie freudig zu begrüßen. Unter den Fächern, die auf den etwa unsere Volksschulen vertretenden Eingeborenenschulen an erster Stelle gelehrt werden müssen, befindet sich die deutsche Sprache. Erst wenn eine sprachliche Verständigung stattfinden kann, werden wir die Eingeborenen, diese uns verstehen lernen, wird das Mißtrauen verschwinden.

Die Stellungnahme unserer Regierung in der Eingeborenenfrage deckte sich immer ungefähr mit den hier geäußerten Ansichten. Diejenigen, die diese Ansichten teilen, werden auch keineswegs mit den Angriffen der Leute einverstanden sein, die immer die Eingeborenenfrage zum Ausgangspunkt für die Behauptung gemacht haben, daß Deutschland nicht kolonisieren könne. Im Gegenteil, auf dem Gebiet der Eingeborenenfrage hat die deutsche Regierung in 25 Jahren sich zu einer ebenso reifen Kolonisationsmethode durchgerungen, als andere Kolonialvölker in mehrfach längerer Zeit. Haben die Engländer doch noch im Jahre 1858, also nach über 250 Jahren Kolonisationsarbeit, den indischen Aufstand erleben müssen, der den Zusammenbruch der rein kaufmännischen Verwaltungssystems bedeute. Auch unser südwestafrikanischer Aufstand hat den Zusammenbruch eines Systems, nämlich des der falschen Sparsamkeit in rechtzeitiger Gewährung von Machtmitteln bedeutet. Die Eingeborenenbehandlungsmethode hat sich aber dadurch gar nicht geändert, hatte man doch vor dem Kriege bereits das Vorbeugungsmittel (die Reservatsbildung) wohl erkannt, wenn auch nicht rechtzeitig durchgeführt.

Eingeborene und Europäer sind bei uns vor dem Gesetze gleich, nicht aber in ihrem politischen Rechten. Letzteres tritt in Südwestafrika, der Kolonie der fortgeschrittensten weißen Selbstverwaltung am meisten hervor. Die Eingeborenen sind dort von der Verwaltung ausgeschlossen und ihre Angelegenheiten werden von weißen Kommissaren vertreten. Die nicht am Aufstand beteiligten Stämme bewohnen "Reservate", ihnen vorbehaltene Landstrecken, und ist der vom Staat gleichsam als Beamter besoldete Häuptling für die Ordnung verantwortlich. Die Reservate bilden gute Arbeitersammelplätze, haben aber den Fehler, daß sie dem Eingeborenen die Möglichkeit geben, in den alten Schlendrian zurückzusinken. Deshalb die Reservate sofort unter weiße Ansiedler aufzuteilen, wäre höchst ungerecht. Man muß eben mit der allmählichen Wirkung der Kultur rechnen, die den fortgeschritteneren Eingeborenen sich nicht mehr auf dem Reservat wohl fühlen läßt, so daß diese allmählich entvölkert und zum Aufkauf reif werden. Dazu ist natürlich nötig, daß der Erwerb von Landbesitz fortgeschritteneren Eingeborenen nicht durch gesetzliche Bestimmungen erschwert wird. Reservate erübrigen sich natürlich in allen tropischen, d.h. nicht zur weißen Siedlung geeigneten Gebieten; mit eingeborenen Kommissaren hat man auch dort erfolgreiche Versuche gemacht. Daß übrigens die Eingeborenen ganz nach der Verschiedenheit ihres Kulturzustandes behandelt werden, beweist die Verleihung der Selbstverwaltung an die Samoaner. Die Chinesen Kiautschous gelten überhaupt nicht als Eingeborene im Sinne einer tiefer stehenden Rasse.

Zu der Eingeborenenfrage hinzuzurechnen ist noch die der Mischehen. Es ist darüber viel geschrieben worden, als in Südwestafrika Heiraten zwischen Weißen und Eingeborenen einen gewissen Umfang anzunehmen drohten, und es sich erwies, daß in solchen Fällen nicht der Weiße die Eingeborene zu sich hinauf, sondern diese ihn zu sich herabzuziehen pflegte. Der Versuch, die Frage durch gesetzliches Verbot solcher Ehen zu regeln, oder, wie gar ein Jurist will, durch Strafbarerklärung außerehelicher Verbindung zwischen Afrikaner und Europäer, wäre ebenso töricht wie unwürdig. Das Mittel dagegen liegt vielmehr in einer Erziehung unserer Nation zu höherem Rassenstolz. Der Deutsche, der eine Mischehe schließt, muß, wie dies jetzt auch bei der ersten Tagung des südwestafrikanischen Landesrats energisch gefordert wurde, in allen Kreisen der gesellschaftlichen Ausschließung anheimfallen.. Es hat sich außerdem gezeigt, daß weniger Haltlosigkeit als der Mangel an weißen Frauen die Hauptursache der Mischehen gewesen ist und seit sich der deutsche Frauenbund durch Heraussendung von Mädchen, Gründung von Mädchenheimen usw. in Südwestafrika betätigt, beginnen die Verhältnisse sich zu bessern.

Mir müssen zugeben, daß hinsichtlich unseres Rassenstolzes nicht alles so ist, wie es sein sollte. Das gefährlichste Übel ist aber hierbei das geringe Festhalten an der deutschen Sprache. Statt ihre schöne Muttersprache zu behaupten, hören wir nur zu oft unsere Farmer ein entsetzliches Kauderwelsch sprechen. Wenn das schon in den eigenen Kolonien vorkommt, kann es nicht Wunder nehmen, daß der Deutsche im Ausland die Muttersprache meist ganz aufgibt. Lieder liegt dies auch daran, daß die Kenntnis fremder Sprachen in unserer Heimat noch viel zu sehr gewürdigt wird. Sprachen sind keine Wissenschaften und mit ihrer Kenntnis allein kann man nach Bismarck gerade Kellner werden. Gewiß soll nicht verkannt werden, daß der deutsche Kaufmann im Auslande, besonders dem Engländer gegenüber, durch seine überlegene Sprachenkenntnis, oft Vorteile zieht. Für den Kolonisator kommt die Kenntnis fremder Sprachen in letzter Linie.

Sie ist oft eine Gefahr für ihn, denn sie verleitet ihn nur zu sehr dazu, sich anderen sowohl unterworfenen wie neben ihm kolonisierenden Völkern anzupassen, statt ihnen seine eigene Art und Sprache aufzudrücken. Dies aber ist gerade das Endziel der Kolonisation. Der Fähigkeit, anderen ihre Art und Sprache aufzudrücken, verdanken die Engländer ihre Haupterfolge und solche Erfolge gehen weit über die Machstellung eines Staates hinaus, denn selbst abgefallene Kolonien bleiben durch dieses gemeinsame Band aufs engste mit dem Mutterland verbunden. Selbst wenn das Mutterland seine Stellung nirgends mehr behaupten kann und wie Spanien, in die zweite Reihe gedrückt wird, kommen ihm die Nachwirkungen einstiger Erfolge zugute. Spaniens Sprache ist immer noch eine Weltsprache und ein guter Teil der Erde bleibt dem Wesen nach Spanisch, Gerade dieses Beispiel zeigt den Wert eines kraftvollen Durchdrückens der eigenen Rasse. Eine abgefallene Kolonie mit unserer Eigenart ist besser, als eine von uns beherrschte, der wir unser Wesen nicht aufzuprägen vermögen.

Es muß hier anerkannt werden, daß unser Staat diese Frage immer richtig beurteilt hat. Die für die Verbreitung der deutschen Sprache ausgegebenen Summen, die sich mehrenden deutschen Schulen besonders in Südwest (wo übrigens auch das Verständnis der Bevölkerung sich zu regen beginnt) und der glückliche Gedanke, in Tsingtau eine deutschchinesische Hochschule zu errichten, beweisen es.

Wir haben gesehen, daß Deutschland, obgleich es erst in zwölfter Stunde auf dem Plan erschien, doch verstanden hat, sich noch ein Gebiet, fünfmal so groß als die eigene Heimat, zu sichern. Es ist uns gelungen, dieses Gebiet größtenteils zu erforschen, in Besitz zu nehmen und in blutigen Kriegen zu behaupten. Wir haben ferner die Produktionsmöglichkeiten unserer Besitztümer erkannt und sind mit gutem Erfolge dabei, diese, sowie die natürlichen Bodenschätze auszunutzen. Ebenso entwickelt sich unser kolonialer Handel aufs beste. Fehler, die in Verkehrs- und Landpolitik gemacht worden sind, sucht man nach Möglichkeit auszumerzen. Endlich sahen wir, daß auch die Eingeborenenfrage einer guten Lösung entgegengeht, daß aber andererseits die Art unseres kolonisatorischen Auftretens nicht immer die richtige ist. Im Ganzen haben wir die Überzeugung gewonnen, daß manches erreicht ist, daß aber unsere koloniale Entwicklung noch vieler Arbeit bedarf.

Der Standpunkt für unsere weitere Arbeit sei der eines gesunden Optimismus, der fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehend, an seine und seines Volkes Zukunft glaubt. Wir übersehen keine Schwierigkeit, aber wir werden uns auf sie stürzen und sie besiegen. Wenn wir unseren Landsleuten ihre Fehler vorhalten, so tun wir dies nicht nur auf dem Papier, sondern wir arbeiten an uns, um selbst ein gutes Beispiel geben zu können. Dies Beispiel verlangen wir von allen, die berufen sind in der Kolonie an leitender Stelle zu wirken. Diese Männer dürfen keine einseitigen Kenner ihres Faches sein; jeder muß den Wert und Nutzen der Tätigkeit des anderen verstehen, und sie alle müssen die Größe der Nation im Herzen tragen. Die Wichtigkeit ihrer Stellung ist eine überragende, sind doch die Kolonien die natürlichen Stützpunkte unseres Vaterlandes im Kampf um seine Weltmachtstellung. Daß es uns an solchen Führen fehlen wird, haben wir nicht zu fürchten; Intelligenz und Charaktere stecken genug in unserem Volke, man braucht sie nur zu rufen. So werden die Fehler verschwinden, und es wird die allgemeine Erkenntnis unseres Volkes werden, daß Deutschlands Weltmachtstellung wesentlich davon abhängt, wieviel Menschen auf der erde Deutsch sprechen.

*) Durch Vertrag vom 07.05.1910 hat die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika mit Ausschlußeiniger Flächen von Zusammen ca. 300 000 ha ihr gesamtes Landgebiet in der Kolonie dem Fiskus als Eigentum übertragen.

Quelle: Deutschland als Weltmacht, Kameradschaft, Hallberg und Büchting 1910, von rado copyright jadu 2001


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