Kolonien Index

Die Deutschen Kolonien

Ausführung.
Von Oberleutnant a.D. Paul Leutwein, Berlin

 

Die natürlichen Verhältnisse unserer Kolonien

Zur Natur gehören Flächenraum, Bodengestaltung, Naturschätze, Bewässerung, Küstenlinie und Entwicklung, Klima, Tierwelt, Art und Verteilung der besetzten Staatengebiete, Art und Zahl der Bevölkerung, Lage, Entfernung vom und Verkehrsmöglichkeit mit dem Mutterlande und schließlich die koloniale Reibungsfläche, d.h. die dem Mutterlande durch die Lage der Kolonie und Vermehrung der Nachbarn entstandenen politischen Gefahren und Aufgaben.

Das Deutsche Kolonialreich (1907)

Name des Schutzgebietes
Flächenraum qkm
weiße
Deutsche
Einheimische
Entfernung in Tagesreisen
Seefahrt von mitteleuropäischen Häfen
Afrika: Ostafrika
995 000
3 387
2 384
7 000 000
17-21
Kamerun
495 600
1 127
   986
1 300 000
18-28
Togo
87 200
   330
   300
   950 000
16-23
Südwestafrika
835 100
11 791
9 283
   150 000
18-27
Südsee: Bismarckarchipel
 61 000
     474
   364
      200 000
40-50
Kaiser-Wilhelmsland
179 000
     197
    185
     100 000
40-50
Marschallinseln
      400
     164
       91
         15 000
50-60
Karolinen, Palau, Marianen
   2 226
      231
      145
          41 000
35-50
Samoa
   2 572
      468
      270
          33 500
ca. 50
Ostasien: Kiautschou
     502
    1 484*
     1 412
         90 000
      30-36**
Summe
     2 658 600 
  19 653
   15 380
     9 879 500
* ohne Japaner
 
** zu Lande durch Sibirien 16-18 Tagesreisen          

Wie aus Tabelle 1 ersichtlich übertrifft unser Kolonialreich das Mutterland mit seinen 540 000 Quadratkilometern faßt fünffach an Größe und steht nur hinter den Kolonialgebieten Englands und Frankreichs zurück. Die Bodengestaltung zeigt bei den drei großen afrikanischen Kolonien den gleichen terrassenförmigen Aufbau von der Küste nach dem Innern das sich als eine mit Gebirgen durchsetzte Hochebene, von über 1000 Meter Durchschnittshöhe darstellt. Allein das vulkanische Massiv des großen Kamerunberges steigt direkt vom Meer empor. Während nun das regenarme Südwestafrika überhaupt keine schiffbaren Flüsse hat, kommen diejenigen von Kamerun und Ostafrika infolge der vielen Schnellen und Fälle im Unterlauf nur im mittleren Teile für die Schiffahrt in Betracht. Togo, dessen höchste Erhebung kaum 1000 Meter erreicht, dacht sich sanft nach der Küste ab, hat aber nur unbedeutende Flüsse. Ostafrika besitzt in den drei großen zentralafrikanischen Seen, die fast zur Hälfte Deutschland gehören, für die Binnenschiffahrt höchst wichtige Wasserstraßen. Am schwersten zugänglich unter den afrikanischen Kolonien sind von der Küste aus Kamerun mit einem 150 - 200 Kilometer breiten Urwaldstreifen und Südwestafrika mit seinem ebenso breiten Sand- und Dünengürtel. Leider hat letztere Kolonie trotz einer ungeheuer langen Küstenlinie nur zwei brauchbare Häfen, von denen noch dazu der wichtigere, Walfischbai, in englischem Besitz ist. Es wird wohl nichts übrig bleiben als die Reede von Swakopmund durch kostspielige Kunstbauten zu einem wirklichen Hafen zu gestalten. Togo mit seiner nur 52 Kilometer langen Küste besitzt keinen natürlichen Hafen; am Ufer starke Brandung, doch ist die Dünung (Bewegung des Wassers unter dem Meeresspiegel) geringer wie in Swakopmund, so daß eine Landungsbrücke in Lome genügt hat, der Natur nachzuhelfen. Sehr gute Hafenverhältnisse bieten Ostafrika (bester Hafen Daressalam) und Kamerun mit seinem, Kamerunfluß genannten, großen Meereseinschnitt.

Neuguinea ist trotz guter Häfen und zwei größerer schiffbare Flüsse, infolge dichten Urwalds an der Küste und hoher Gebirge im Innern nur schwer zugänglich. Es ist daher ebenso wie die großen Inseln des Bismarckarchipels ziemlich unerforscht geblieben. Zum guten Teil ist daran in diesen Gebieten das ungesunde tropische Klima schuld. Als gesundheitsgefährlich bezeichnet man auch die Kameruner Küstenniederung und ebenso das äußerste Ende dieser Kolonie die sumpfigen Landstriche des Tschad und Schari. Die Hochflächen Deutschafrikas haben im allgemeinen günstige Verhältnisse aufzuweisen, besonders wirkt die reine Höhenluft Südwestafrikas stärkend auf die Atmungsorgane des Europäers ein. Dafür aber nimmt körperliche Arbeit dort das Herz um so mehr in Anspruch; es pflegt sich nach langjährigem Aufenthalt im Hochland bei nicht geregeltem Leben Herzerweiterung einzustellen. Erträglich ist trotz seiner Lage in der heißen Zone das Klima von Togo, das sich, infolge der im ganzen günstigsten natürlichen Verhältnisse, zum afrikanischen Musterländchen entwickelt hat.

Unser Pachtgebiet Kiautschou besteht eigentlich nur aus der Umgebung des vorzüglichen Hafens von Tsingtau, dessen klimatische und gesundheitliche Vorzüge so groß sind, daß sich Tsingtau zu einem der beliebtesten Seebäder Ostasiens entwickeln konnte. Der kahle, gebirgige, im Lauschan bis 1130 Meter gipfelnde, Hintergrund der Stadt wird jetzt fleißig aufgeforstet, was, abgesehen von dem größeren landschaftlichen Reiz, für die Bindung der Feuchtigkeit und Vermehrung der spärlichen Tierwelt von Bedeutung ist. Die ziemlich zahlreiche chinesische Bevölkerung hat sich bisher durch Gutartigkeit, Fleiß- und handelspolitische Begabung ausgezeichnet.

Zu den landschaftlichen schönsten Stellen der erde zählt des Inselgebiet von Samoa. Es gibt Weltreisende, die, trotz Neapel, Rio und San Francisco die traumhafte Schönheit der Anfahrt an den Hafen von Apia, der Perle der Südsee, nicht genug zu rühmen wissen. Glücklich ist auch die Bevölkerung dieser gesegneten Eilande, der schöne hellbraune Menschenschlag, der Samoaner. Zu den Polynesiern gehörig und ebenso intelligent wie leichtlebig, gereicht ihnen gerade deshalb die sorgsam auf Arbeit haltende deutsche Herrschaft zum Gegen. Das Schmerzenskind Samoas sind die häufigen Orkane. In trauriger Erinnerung steht noch der vom 16. März 1889, welcher 2 deutsche und 3 amerikanische Kriegsschiffe vernichtete. Auf Sawai hat sich 1906 vulkanische Tätigkeit bemerkbar gemacht und haben die Ausbrüche viel schaden angerichtet. Hierbei ist zu erwähnen, daß der große Kamerunberg kürzlich eine unbedeutende vulkanische Tätigkeit entfaltete, dagegen sind die übrigen auf kolonialem Gebiet liegenden Vulkane insbesondere der höchste Berg Afrikas, der 6000 Meter hohe Kilimandscharo, erloschen.

Unsere vier Korallenarchipele Karolinen, Marianen-, Palau- und Marschallinseln besitzen eine mikronesische Bevölkerung von ähnlicher Veranlagung wie die Samoaner, auch hier ein körperlich schöner Menschenschlag, von natürlicher Begabung, der aber zur Arbeit angehalten werden muß und schwere Tätigkeit nicht wohl verträgt.

Von den Poly- und Mikronesiern merkwürdig verschieden, sind die negerähnlichen Neuguinea und die Nachbarwelt bewohnenden melanesischen Papua. Von Natur kräftig und zur Arbeit tauglich, sind sie bis zum heutigen Tag stumpf geblieben und verharren zum Teil in ihren unzugänglichen Urwäldern und Gebirgen im wildesten Kannibalismus. Angenehmer unterscheidet sich die Tierwelt des Neuguineagebietes mit seinen Beuteltieren, Kasuaren und besonders dem prächtigen Paradiesvogel, von den in dieser Beziehung vernachlässigten anderen deutschen Südseeinseln.

Auf unserem ganzen Südseegebiet gedeiht die Kokospalme als wichtige Kulturpflanze. Dazugetreten sind in Neuguinea Tabak und auf Samoa Kakao und Kautschuk. Während aber hier noch keine abbauwürdigen Mineralien gefunden sind, wurden in den letzten Jahren auf der kleinen Marschallinsel Nauru, sowie später auf den Marianen-, Westkarolinen- und Palauinseln, reiche Phosphatlager entdeckt, die diesen anscheinend unbedeutenden Eilanden einen ungeahnten Wert verliehen haben.

Wir verlassen nun Ozeanien, um uns wieder Afrika zuzuwenden. Die reiche Tierwelt Afrikas zeigt sich in ihrer größten Mannigfaltigkeit im tropischen Urwaldgebiet von Kamerun. Neben Dickhäutern und großen Raubtieren treten Schimpansen und Gorilla auf; zahlreiche Vogelarten, vom Kolibri bis zum Nashornvogel, beleben die Wälder, und die Gewässer wimmeln von Krokodilen. Je mehr die Landschaft Savannen- und Steppencharakter annimmt, desto mehr treten die genannten Tierarten zurück, um Pavianen, Antilopen und Schakalen neben riesigen Herden von Klein- und Großvieh Platz zu machen. Nur der Leopard und die kleineren Katzenarten finden sich in allen Teilen unserer afrikanischen Kolonien. Sehr verschieden ist die Bewertung der Schädlichkeit und Nützlichkeit der Tiere. Während man in den zur Viehzucht geeigneten Gebieten Südwestafrikas die Raubtiere rücksichtslos verfolgt, sind die ostafrikanischen Plantagenbesitzer geneigt, in Affen und Dickhäutern, vor allem Wildschweinen, ihre gefährlichsten Feinde zu erblicken. Neuerdings wirkt man in den Plantagengebieten Ostafrikas durch Aufhebung der Schutzprämien der Vernichtung der Löwen und Leoparden entgegen. Großes Bedauern muß die unaufhaltsame Ausrottung der Elefantenbestände erwecken. Der Schaden, den diese Tiere anrichten, beruht meist auf der Einbildung der elfenbeinlüsternen Plantagenbesitzer und dabei gehen der Elfenbeinhandel bei dieser Art Raubbau ebenso wie die Elfenbeinträger ihrem Ende entgegen. Ganz besonders tun sich durch barbarische Aasjägerei (übrigens auf allen Gebieten) die Buren hervor. Es ist sehr zu beklagen, daß noch nicht genügend der Versuch gemacht wurde, den afrikanischen Elefanten gleich seinem indischen Kollegen zur Arbeit abzurichten, da er doch nach den bisherigen Erfahrungen, ähnlich gute Eigenschaften besitzt. Der Elefant dürfte auch als Dickhäuter dem Stich der Tsetsefliege, die in vielen Landstrichen Mittelafrikas unter dem Rinderbestand aufräumt und ein gefährliches Kultur- und Verkehrshindernis darstellt, nicht ausgesetzt sein.

Neben der Tsetsefliege verdienen unter den schädlichen Krankheitsträgern Afrikas die Erregerin des Fiebers und die der Schlafkrankheit Erwähnung. Fieber kommt in allen unseren Kolonien vor, am meisten natürlich in den schon als besonders ungesund bezeichneten feuchten, tropischen Niederungen, aber selbst die trockensten Gebiete Südwestafrikas sind nicht ganz fieberfrei. Immerhin bleibt mäßige Lebensweise stets ein wirksamer Schutz gegen Fieber, und es gibt genug Naturen, die überhaupt nicht darunter zu leiden haben. Viel gefährlicher, erfreulicherweise dafür räumlich beschränkter, tritt die Schlafkrankheit auf. Sie wütet gegenwärtig besonders am Tanganjika und Viktoriasee und hat ganze Landstriche entvölkert, denn bisher hat sich die Räumung der verseuchten Gebiete als das einzige zuverlässige Gegenmittel erwiesen.

Wie schon bemerkt, eignen sich die afrikanischen Steppenhochländer, besonders in Südwest, zur Viehzucht. In dieser Kolonie kommt der mittlere Teil für Groß- der südliche für das Kleinvieh in Betracht; nur die nördlichen und nordöstlichen Landstriche Südwestafrikas sind tropisch und hofft man hier Tabak, Mais und Baumwolle in größerem Maßstab zu erzeugen. Die für den Weltmarkt so wichtige Baumwollkultur, wird in den drei anderen Kolonien eifrig versucht. In Ostafrika und Kamerun werden auch Kautschuk und die Früchte der Kokospalme gewonnen. Während indes die Europäer Ostafrikas sich im übrigen mehr auf Kaffee und Sisal (eine Hanfart) verlegen, bevorzugt man in Kamerun den Kakao. Togo zeichnet sich durch den Anbau der Ölpalme und wachsenden Maisproduktion aus; Jams bildet dort immer noch das Hauptnahrungsmittel des Volkes. Dem armen Teil Südwestafrikas, der sich nicht durch die Produkte seines Bodens ernähren kann, hat die Natur in seinen, im Gegensatz zu den anderen Kolonien reichen Mineralschätzen einen Ersatz verliehen. Besonders die bedeutenden Kupferlager des Otavikalkgebietes und die Lüderitzbuchter Diamanten haben dem Schutzgebiet schon Millionengewinne zugeführt.

Den Kern der afrikanischen Bevölkerung bilden die Bantuvölker und Hottentotten. Diese, ein kriegersicher, aber arbeitsscheues Nomadenvolk, beherrschten einst unter Jonker-Afrikaner fast ganz Südwestafrika. Als die Deutschen von dem Lande Besitz ergriffen war das Jonkersche Reich bereits in Kapitänschaften zerfallen — Im mittleren Teil des Landes hatte sich das viehzüchtende Bantuvolk der Hereros von der Hottentottenherrschaft frei gemacht und lag mit dem bedeutendsten Hottentottenkapitän Hendrik Witboi ständig im Kampf. Die Stammesgebiete der Ovambos und der Sambesivölker wurden zum Teil durch die deutsche Nordgrenze zerschnitten; doch sind hieraus noch keine Nachteile politischer Art entstanden. Diese Stämme sind alle ziemlich straff organisiert und liefern brauchbares Arbeitsmaterial. Dasselbe gilt von den im Lande zerstreut lebenden Bergdamaras und der betriebsamen Betschuanabevölkerung des Ostens. Ein unerwünschtes Element bildet das besonders im nordöstlichen Teile lebende Zwergvolk der Buschmänner. Sie sind zu jeder Arbeit unbrauchbar und gelten für diebisch und heimtückisch.

In Ostafrika waren von Alters her Bantuvölker heimisch. Zu ihnen drangen von Süden Zulustämme und vom Norden die hamitischen Massai und Watussi vor, sämtlich kriegerische viezüchtende Nomaden. Letztere bewohnen die Landschaft Ruanda, die man durch die neuesten Grenzregulierung mit Belgien dem Schutzgebiet in vollem Umfang erhalten hat. In den Küstenländern finden sich die mit arabischen Blut vermischte Suaheli, die dem halben äquatorialen Afrika ihre Sprache aufgedrängt haben, Araber als frühere Herren des Landes und durch Handel zu großem Wohlstand gelangende Inder. Als große Gefahr betrachtet man in Mittelafrika die vorherrschende Stellung des Islam. Wenn er auch den Neger kulturell fördert und erzieherisch wirkt, so entfremdet er ihn doch der christlich europäischen Herrschaft durch Verquickung von Politik und Religion, die von den Gläubigen die Verehrung eines gemeinsamen Heiligtums Mekka und eines gemeinsamen politischen Hauptes des türkischen Sultans verlangt.

Von den Küstenstämmen Kameruns sind die handeltreibenden Dualla am bemerkenswertesten. In der Urwaldzone konnte es zu größeren politischen Organisationen nicht kommen. Erst im savannenähnlichen Hinterland bildeten sich kleinere Staaten. Von Norden her sind noch heute die mohammedanischen Sudanneger unter Fullahäuptlingen im Vordringen. Letztere haben sich in Adamaua und Bornu zu größeren Staaten zusammengeschlossen, die unter dem Emir von Jola (Yola) standen, der seinerseits dem Sultan von Sokoto tributpflichtig war. Hier mußten durch die englischdeutsche Aufteilung Staatengebilde zerschlagen werden, denn man konnte nicht dulden, daß deutsche Untertanen dem im englischem Gebiet sitzenden Emir von Yola Abgaben zahlten. Bisher ist es durch diese Maßnahmen noch nicht zu Unruhen großen Stils gekommen. Als letztes Glied in der Kameruner Völkerkette verdienen die Kanuris und Haussas genannt zu werden, die als Wanderhändler das ganze Schutzgebiet durchziehen.

Die Ackerbau treibenden, fleißige und wirtschaftlich tüchtige Negerbevölkerung Togos hat keine größere Organisationen gebildet. Im Süden wohnen Eweneger, dann folgen diesen verwandten Stämme. Unter der verschiedenartigen Bevölkerung des Nordens hat der Islam Anhänger gewonnen.

Wer auf der Karte Afrikas die Gestaltung unserer Kolonialgebiete einer Betrachtung unterzieht, wird leicht erkennen, daß es ihnen an der nötigen Abrundung fehlt. Die beiden größten Ostafrika vorgelagerten Inseln sind in englischem Besitz, ebenso halten die Engländer sämtliche Guanoinseln und die Haupteingangspforte für Südwestafrika besetzt. Kamerun windet sich förmlich nach dem Tschadsee hinauf, und vor seiner eingezwängten Küstenlinie sitzen die Spanier. Togo erweckt sogar den Eindruck, als könnte es jeden Augenblick durch die sich seitlich vorschiebenden Nachbarn vom Meere abgeschnitten werden. Alles in allem zeigt sich klar, daß wir, wenigstens in Afrika, mit unserer Kolonialpolitik leider spät auf dem Plan erschienen sind. Immerhin muß sich der aufmerksame Beobachter wundern, daß die älteren Kolonialvölker es überhaupt zu einer deutschen Besitznahme gerade Kameruns kommen ließen. Bildet doch in dem ganzen, wenig gegliederten afrikanischen Kontinent der Golf von Guinea die einzige tiefe Einbuchtung und stellt sich dessen kleine Fortsetzung, der Kamerunfluß, geradezu als das zentrale Einfallstor der Erdteils vor. Die Lösung liegt in den Worten Urwald und Fieber, denn die scheinbare Unzugänglichkeit des Inneren war es, die andere Nationen von einer Besitznahme abgeschreckt hat. Scheinbar sage ich, denn schon sind die Ingenieure an der Arbeit, um das Hindernis mit Schienensträngen zu durchschneiden und die Zukunft wird noch lehren, wie weitblickend die Besetzung der Fieberküste gewesen ist. Noch glücklicher, weil schnelleren Lohn verheißend, ist die Festsetzung an der Bucht von Kiautschou, des natürlichen Hafens der reichsten chinesischen Provinz Schantung. Wie weit die darauf gesetzten Hoffnungen sich schon erfüllt haben, wird noch die Handelsstatistik dartun. Unser Hauptbesitz in der Südsee bildet, soweit das bei Inselgebieten möglich ist, ein einheitliches Ganzes, dagegen glaubt die Regierung des abseits gelegenen Samoa englischen Einflüssen sehr ausgesetzt zu sein.

Weit ungünstiger als Afrika und Kiautschou sind unsere ozeanischen Besitzungen hinsichtlich ihrer Entfernung vom Mutterland gestellt. Fast doppelt solange als in die anderen Kolonien dauert die Reise in diese Inselgebiete. Dies ist noch jetzt besonders da, wo das Kabel fehlt, von großer Wichtigkeit; was aber die Entfernung einer Kolonie vom Mutterlande noch vor 100 Jahren bedeutete, lehrt folgende Begebenheit der englischen Kolonialgeschichte. Am 26. Januar 1808 brach in der Sträflingskolonie Neusüdwales eine Revolte gegen den wegen seiner Strenge verhaßten Gouverneur Bligh (Rum rebellion) aus. Es gelang, ihn abzusetzen und auf einem, im Hafen von Sydney liegenden Schiff gefangen zu halten. Fast zwei Jahre konnte die Empörer unbeschränkt ihre Herrschaft behaupten und erst am 31. Dezember 1809 landete der neue Gouverneur Macquarie, um mit einem Regiment Soldaten die Ordnung wieder herzustellen.

Es sei noch bemerkt, daß die Zahl unserer Grenznachbarn sich durch die kolonialen Erwerbungen von 8 auf 14 vermehrt hat. Rechnet man dazu eine Vervielfachung der Grenzlinien und die Schutzlosigkeit der kolonialen Küsten, so erhellt, daß Kolonialpolitik mit Naturnotwendigkeit erhöhte Rüstung zu Land und See erfordert.

Ich schließe diesen Abschnitt der natürlichen Verhältnisse unserer Kolonien mit einem Blick auf den gegenwärtigen Stand unserer kolonialen Kartographie. Mit Spezialkarten ist von den afrikanischen Kolonien Togo am besten versehen, denn eine Zweiblattkarte
1: 500 000 und eine Zehnblattkarte 1: 200 000 sind eben fertig geworden. Kamerun mit seinen ungleich schwierigeren Verhältnissen ist noch nicht völlig aufgenommen. Es gibt zwei Nordostblätter 1: 1 000 000, sowie gute Karten des Küsten- und Südgebietes in größeren Maßstäben. Südwestafrika hatte bisher nur unzureichendes Kartenmaterial und gerade die Kriegskarte 1: 800 000 genügte durchaus nicht. Immerhin ist jetzt eine gute Übersichtskarte 1: 2 000 000 von Paul Sprigade und Max Moisel herausgekommen. Die große Karte von Deutschostafrika 1: 300 000 ist bald fertig und außerdem gibt es in diesem Schutzgebiet eine Zahl guter Einzelaufnahmen in großen Maßstäben. In der Südsee sind nur kleinere Inseln, wie Ponape, Yap usw. ganz aufgenommen. Im Neuguineagebiet hat man sich bisher auf Einzelkarten der Küsten beschränken müssen. Bei weitem am höchsten ist die Landeskunde in Kiautschou entwickelt. Die preußische Landesaufnahme hat nicht nur Tsingtau und Umgebung, sowie den Hafen aufnehmen lassen, sondern auch ganz Schantung und Tschili bearbeitet und eine Karte von Ostchina 1 : 1 000 000 herausgegeben.

Quelle: Deutschland als Weltmacht, Kameradschaft, Hallberg und Büchting 1910, von rado copyright jadu 2001


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