Kolonien Index

Einführung
Die natürlichen Verhältnisse unserer Kolonien
Ausführung
Die wirtschaftliche Entwicklung
Erwerb und Behauptung unserer Kolonien
Probleme der Gegenwart

Die Deutschen Kolonien

Ausführung.
Von Oberleutnant a.D. Paul Leutwein, Berlin

 

Die Verwaltung

Die koloniale Verwaltungszentrale ist seit 1907 das selbständige Reichskolonialamt, an dessen Spitze ein Staatssekretär steht. Ihm ist ein Unterstaatssekretär beigegeben. Das Amt zerfällt in Vier Abteilungen: Verwaltung und Politik, Finanzen, Personalien, Militär. Dem Reichskolonialamt unterstehen sämtliche Kolonien außer Kiautschou. Letztere wird vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze jeder Kolonie steht ein Gouverneur, dem ein erster Referent als Stellvertreter und eine Zahl Sonderreferenten beigegeben sind. Die Kolonien sind in Bezirke geteilt, unter je einem Bezirksamtmann.

Die Bezirke zerfallen wieder in Distrikte, doch gibt es daneben auch selbständige Distrikte und, in den noch im Verwaltungsanfangsstadium befindlichen Gebieten, Residenturen. Die Schutzgewalt übt in den Schutzgebieten der Kaiser im Namen des Reiches aus. Er erläßt Gesetze und Verordnungen bzw. in seinem Auftrag und seiner Vertretung Reichskanzler, Staatssekretär und Gouverneure. Über die Finanzverwaltung hat der Reichstag ein Kontrollrecht. Alljährlich haben die Gouvernements den Etat anzumelden und wirken bei der Ausfertigung der Anmeldung Vertreter der Schutzgebietsbewohner beratend mit. Das Kolonialamt prüft die Anmeldungen und entwirft gemeinsam mit der Reichsfinanzverwaltung die Etats, die dem Bundesrat und Reichstag zur Verhandlung und Genehmigung unterbreitet werden.

Staatsrechtlich sind die Schutzgebiete Inland. Völkerrechtlich sind sie nicht Inland, da gewisse Verträge, wie z. B. die Auslieferungsverträge des Reiches nicht für sie gelten. Zollrechtlich sind sie Ausland, da jede Kolonie ein eigenes Zollgebiet bildet. Die Zölle waren von jeher die Haupteinnahmequellen der Kolonien. Leider hat man früher und auch jetzt noch (Ausfuhrzoll auf Kopra in Neuguinea) im Interesses des Fiskus nicht von unbequemen Finanzzöllen Abstand nehmen können. Verständige Schutzzölle haben dagegen viel zur Entwicklung der noch im Anfangsstadium befindlichen Kolonien beigetragen. Bei den Weißen hat man sich bisher meist mit indirekten, besonders Gewerbesteuern, begnügt. Von den Eingeborenen unserer tropischen Kolonien werden schon seit längerer Zeit Kopf- bzw. Hüttensteuern erhoben.

Mit der zunehmenden Entwicklung unserer Kolonie beginnt sich bei der weißen Bevölkerung ein energisches Streben nach Selbstverwaltung geltend zu machen. Man kann dieses Streben, soweit die Bevölkerung imstande und willens ist, auch die Kosten ihrer Verwaltung zu tragen, nur als berechtigt anerkennen. Von unseren afrikanischen Schutzgebieten hat die Siedlungskolonie Südwest, entsprechend der großen Zahl ihrer weißen Bewohner, ein gewisses Maß von Selbstverwaltung erhalten und zwar Teilnahme an der Lokalverwaltung durch Schaffung selbständiger Gemeinden und der sich auf alle selbständigen Verwaltungsbezirke erstreckenden Bezirksverbände, sowie Teilnahme an der Landesverwaltung durch den Landesrat. Zum Landesrat ist jeder Deutsche wählbar, der mindestens 30 Jahre alt und seit 2 Jahren mit Grundeigentum oder beruflich selbständig im Schutzgebiet ansässig ist. Neben den gewählten Mitgliedern ernennt der Gouverneur eine gleiche Anzahl nach freiem Ermessen. Der Landesrat ist beratendes Organ, doch kann er dem Gouverneur eigene Anträge unterbreiten und er wird beschließendes Organ in allen, ihm vom Reichskanzler zur Beschlußfassung überwiesenen Angelegenheiten.

Hieran anschließend noch einige Bemerkungen über die Organisation der Schutztruppen. Die Zentralbehörde bildet die schon genannte Militärabteilung des Reichskolonialamts, die Oberkommando der Schutztruppe genannt wird. Schutztruppen haben nur die drei großen afrikanischen Kolonien. Nach den neuesten amtlichen Denkschriften für 1910 gliedern sie sich wie folgt:

Südwestafrika: 130 Offiziere, Sanitäts- und Veterinäroffiziere, 48 Beamte, 411 Unteroffiziere und Sanitätsunteroffiziere, 1601 weiße Mannschaften.
Die Truppe war eingeteilt in 10 Kompagnien, 3 Maschinengewehrzüge, 3 Batterien und 1 Telegraphen- und Signalabteilung. Dazu kommen noch die verschiedenen Behörden, Lazarette, Proviantämter und Depots.
Ostafrika: 229 weiße Dienstgrade.
2528 farbige Mannschaften und Dienstgrade
Die Truppe bestand aus 14 Kompagnien zu je 162 Köpfen, 1 Maschinengewehrabteilung, 1 Signalabteilung, 1 Rekrutendepot.
Kamerun: 154 weiße Dienstgrade,
1300 farbige Mannschaften und Dienstgrade
die in 10 Kompagnien zu rund 125 Farbige und 1 Artilleriedetachement zerfielen.
Kiautschou untersteht, der Marineverwaltung.
  Alle anderen Kolonien besitzen nur Polizeitruppen bzw. Landespolizei.

Vielfach ist in den letzten Jahren die Frage der Bildung einer Kolonialarmee besprochen worden. Sie stand besonders während der letzten großen Aufstände in Südwest- und Ostafrika im Vordergrund und damals wäre allerdings das Vorhandensein einer Kolonialarmee sehr nutzbringend gewesen. Inzwischen wurden aber beide Kolonien gründlich beruhigt und für Südwest kann man sogar annehmen, daß die Kraft gerade der beiden kriegstüchtigsten aller unserer Kolonialvölker, der Hereros und Hottentotten, gebrochen ist. Naturgemäß geht die jetzige Tendenz auf Verminderung der Schutztruppen aus und der Gedanke, eine Kolonialarmee zu schaffen, ist in den Hintergrund gedrängt. Es muß aber doch bedacht werden, daß eine Kolonialarmee nicht nur einen Schutz gegen innere sondern auch äußere Feinde der Kolonien bilden soll und gerade Südwest kann einen solchen Schutz gegen den übermächtigen britischen Nachbar einmal recht nötig haben.

Die Kolonialarmee müßte, etwa dem französischen Beispiel entsprechend, eine weiße mit dem Hauptteil in der Heimat stehende Truppe sein, die nicht nur für koloniale sondern auch andere Zwecke des Mutterlandes verwendet werden kann. Der in den Kolonien stehende Teil wäre bei uns die südwestafrikanische Schutztruppe, in der allmählich die ganze Kolonialarmee praktisch ausgebildet werden könnte. Für diejenigen Kolonien, die sich zur Verwendung weißer Truppen nicht eignen, müßte die Kolonialarmee das nötige weiße Offizier- und Unteroffiziermaterial liefern. Die französische Kolonialarmee hat nach dem Gesetz vom 7. Juli 1900 eine Sollstärke von 36 Infanteriebataillonen, 12 fahrende bzw. reitenden, 6 Gebirgsbatterien und 12 Batterien Fußartillerie. Für Deutschland käme, entsprechend seinem kleineren Kolonialreich, eine geringere Truppenzahl in Betracht. Die jetzt für den Auslandsdienst verfügbaren 3 Seebataillone könnten bei der Neugestaltung der kolonialen Streitkräfte aufgelöst werden. Man kann nur hoffen, daß der Plan, eine Kolonialarmee zu schaffen, bald von neuem bei uns aufgenommen, dann aber nicht mehr fallen gelassen wird.

Quelle: Deutschland als Weltmacht, Kameradschaft, Hallberg und Büchting 1910, von rado copyright jadu 2001


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