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Kriegsrundschau
Bericht in 2 Teilen
Teil 1 in Rot
Teil 2 in Grün

Der Raubzug gegen unsere Kolonien

aus Kriegsrundschau, 1915, Verlag der Täglichen Rundschau, Berlin

Fortsetzung und Ergänzung der wiedergegebenen amtlichen Zusammenstellung
von Nachrichten aus den deutschen Schutzgebieten.

Englands Bestreben ging von Anfang an dahin, unseren Handel lahmzulegen und uns in der Ferne der Stützpunkte zu berauben, die für die Bewegung deutscher Kriegsschiffe von Vorteil sein mußten. Der Raubkrieg gegen unsere Kolonien begann. Das Kolonialamt hat die kriegerischen Ereignisse während der ersten drei Monate zusammengestellt. Wir geben aus diesem amtlichen, Mitte November den Zeitungen zugestellten, Bericht die wesentlichen Abschnitte wieder.

Togo
Kamerun
Deutschsüdwestafrika
Deutschostafrika
Samoa
Deutschneuguinea
Die Südseeinseln
Kiautschou

Kamerun

Welch Geist unter den Bannerträgern des Deutschtums in den fernen Kolonien lebendig war, zeigt der Kriegsaufruf des Gouverneurs Ebermaier in Kamerun:
"Seine Majestät der Kaiser hat das Volk zu den Waffen gerufen. Kurz und inhaltsschwer brachte der Draht die Nachricht: Krieg mit England, Rußland und Frankreich. Die Stunde der Entscheidung hat geschlagen. Feinde ringsum! Vereint versuchen sie, uns zu Boden zu strecken, von Neid erfüllt ob des Deutschen Reiches Macht und Größe, die wir aufgebaut haben auf des deutschen Volkes glorreicher Einigung vor bald einem halben Jahrhundert. Was wir mit unseren Vätern in ernster, ehrlicher Arbeit errungen haben, wird uns mißgönnt. Die Neider wollen uns vernichten. Um Sein oder Nichtsein gilt's darum zu kämpfen. Ihr Deutschen Kameruns! Wacht auf! Blickt hin zur Heimat, wo mit grenzenlosem Opfermut alle am Werke sind zur Rettung des Vaterlandes! Mit einem Schlage ist getilgt politischer Hader und Zwietracht.

Verschwindend klein zwar gegenüber den Millionen, die daheim — jeder einzelne und alle miteinander — wetteifern, Gut und Blut dem Vaterlande zu opfern, ist unsere Schar hier draußen auf Außenwacht. Klein zwar, doch einig und stark, wie die Brüder in der Heimat getragen von nur einem Gedanken, beseelt von nur einem Willen: Aushalten, komme, was wolle! Das letzte daran setzen! Alles fürs Vaterland! Gleich den Brüdern in der Heimat zu kämpfen und zu sterben für des deutschen Volkes Zukunft, für des Deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit. Ihr Deutschen Kameruns! Ihr alle habt vernommen die begeisternden Worte, die der Kaiser an das deutsche Volk gerichtet. Ihr alle habt aber auch mitempfunden die herrliche Zuversicht, in der Kaiser und Volk geeint sind. Einig wie unsere Brüder in der Heimat wollen auch wir den Feinden Trutz bieten. Unerschütterlich und freudig wollen wir Gut und Blut opfern für das geliebte Vaterland.

Denkt an die große eiserne Zeit vor hundert Jahren, als es galt, das Joch des Korsen abzuschütteln, unter das Zwietracht und Lauheit uns gebeugt hatte. Laßt zu Flammen aufschlagen das Nachleuchten aus jener Zeit, da unsere Vorfahren den güldenen Reif vom Finger streiften und alles, was sie besaßen, zu des Vaterlandes Rettung freudigst zusammentrugen! Da Mädchen und Frauen selbst ihren Haarschmuck opferten und so beisteuerten zu dem heiligen Kriege. Und der Sieg war mit uns! Hundert Jahre sind vergangen seit jener Zeit der Opfer und des Sieges. Hundert Jahre reichster Arbeit, ungeahnten Erblühens, gewaltigen Erstarkens. Hundert Jahre deutschen Schaffens zum einigen, großen Deutschen Reich, das Achtung gebietend dasteht heute im Kreise der Völker. Dieses Werk von Hundert Jahren gilt's heute zu verteidigen! "Feinde ringsum!" Drum heißt's zusammenstehen!

Der Brüder zu Hause uns würdig zu erweisen, sei unser Streben. Die Worte, die unser erhabener Kaiser in diesen Tagen zu unserem Volke sprach, laßt auch uns auf unsere Fahne schreiben:
    "Fest und getreu — ernst und ritterlich — demütig vor Gott und kampfesfroh vor dem Feind!"

Einen ähnlichen Aufruf, der mehr dem Verständnis der Eingeborenen angepaßt ist, erließ der Gouverneur am 8. August.

Durch die Unterbindung des Schiffsverkehrs nach Kamerun, die Unterbrechung der deutschen Kabellinien und die Zerstörung des Funkenturms in Kamina in Togo, der mit der Großstation Nauen in Verbindung stand, ist seit dem 25. August d. J. jede Verbindung mit Kamerun unmöglich geworden. Die spärlichen Nachrichten, die seitdem von dort hierher gelangt sind, haben große Umwege machen müssen, so daß sie bei ihrem Eintreffen in Deutschland veraltet waren. Wir können uns ein ziemlich vollständiges Bild von der derzeitigen Lage des Schutzgebietes machen, wenn wir die in englischen und französischen Zeitungen veröffentlichten Berichte auf Grund genauer Ortskenntnis der in Frage kommenden Gebiete prüfen und auf das wahrscheinliche Maß der Richtigkeit einschätzen.

Einen in der "Times" vom 27. Oktober veröffentlichen amtlichen englischen Berichte ist nun zu entnehmen, daß die Engländer von Yola aus mit einem in Nordnigerien liegenden Bataillon der West African Frontier Force unter Oberstleutnant Maclear in der Richtung auf Garua nach der deutschen Grenze, die nur wenige Kilometer entfernt ist, vorrücken. Unter Kämpfen, bei denen auf seiten der Engländer zwei Leutnants fielen und zwei Hauptleute verwundet wurden, besetzten die Engländer Tepe auf deutschem Gebiet. Am 26. August rückten sie weiter auf Garua vor und unternahmen in der Nacht zum 29. August einen Sturmangriff auf diesen Platz. Durch heftige Gegenangriffe der Deutschen erlitten die Engländer schwere Verluste und mußten sich, von den Deutschen verfolgt, über die Grenze zurückziehen. In diesen Kämpfen am 29. und 30. August fielen der Befehlshaber des englischen Bataillons Maclear, zwei Hauptleute und ein Leutnant. Schwer verwundet wurde ein Leutnant, der seinen Wunden bald erlag, sowie zwei weitere Leutnants. Zwei Ärzte wurden angeblich von den Deutschen gefangengenommen. Der Gouverneur von Kamerun bestätigte diese Ereignisse durch folgende Meldung:

"Engländer angriffen nachts 29. zum 30. August unsere Stellung bei Garua. Angriff abgeschlagen. Engländer gingen in Eile auf Yola zurück. Eigene Verluste: Oberleutnant v. Rotkirch und Panthen und Milbrat, Sergeant Jost und Kühn gefallen. Verluste an farbigen Soldaten unbedeutend. Verluste beim Feinde: fünf Offiziere gefallen, zwei Sanitätsoffiziere gefangen, sehr starke Verluste an Farbigen, die außerdem in großer Zahl desertierten."

Um den Erfolg der deutschen Waffen richtig zu werten, muß man bedenken, daß nur die Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere Europäer sind. Werden die Offiziere abgeschossen, so ist die Widerstandskraft der Truppen meistens gebrochen. Die Soldaten ergeben sich, fliehen oder desertieren. Von dem englischen Bataillon sind sieben Offiziere, darunter der Führer, gefallen, vier wurden verwundet, mit anderen Worten: Das ganze Offizierkorps wurde außer Gefecht gesetzt und die Truppe gesprengt.

Inzwischen rückte, nach dem erwähnten Berichte der "Times", eine andere britische Abteilung von Ikom aus den Großfluß entlang in Kamerun ein und besetzte am 25. August das nahe der Grenze gelegene Dorf Nssanakang im Ossidingebezirk. Eine dritte Kolonne fuhr von Calabar aus den Akwa Jafe River entlang und besetzte auf deutschem Gebiet das Dorf Archibong, von wo ein Weg nach der Station Rio del Rey führt. Teile der Kameruner Schutztruppe einschließlich der Polizeikompagnie aus Duala rückten von Bamenda; Dschang und Tinto gegen Nssanakang vor und griffen am 6. September nachts gegen 2 Uhr an. Dieser Angriff wurde von den Engländern zurückgeschlagen, aber ein zweiter, der morgens gegen 5 Uhr einsetzte, war erfolgreich. Der Verlust der Engländer betrug zusammen fünf Offiziere und zwei Sergeanten. In Anbetracht dessen, daß der amtliche englische Bericht die in Nssanakang befindlichen Truppen als zurückgelassene "Garnison" bezeichnet, können wir annehmen, daß es sich um zwei bis drei Kompagnien gehandelt hat, die von den Unserigen vollständig aufgerieben wurden.

Eine Meldung des Gouverneurs von Kamerun bestätigt diesen Erfolg und bemerkt, daß sich der Feind nach dieser Niederlage aus dem Ossidingebezirk zurückgezogen, und daß die Niederlage der Engländer einen großen Eindruck auf die Eingeborenen zu beiden Seiten der Nordwestgrenze gemacht hat. An der Ost- und Südgrenze des Schutzgebietes zeigten die Franzosen gleich nach Kriegsausbruch große Angriffslust. Nach einem Berichte im "Courier Colonial" vom 19. Oktober d.J. versuchte Oberst Largeau von Fort Lamy aus die am Lagone fast gegenüberliegende Station Kusseri zu nehmen. Nach dem französischen Bericht wurde das Vorgehen durch heftige Wolkenbrüche gestört und mißlang aus Mangel an großen Geschützen. Die französischen Truppen mußten sich unter schweren Verlusten zurückziehen.

Nach der gleichen Quelle wurde am 21. August das von den Franzosen besetzte Behagle am Logone (gewöhnlich Lai genannt) von den Deutschen angegriffen; nach erbitterten Kämpfen, bei denen auf deutscher Seite ein Leutnant und 13 Mann gefallen sein sollen, mußten die Franzosen den Posten aufgeben und zurückweichen. Fünf Tage später griffen die inzwischen verstärkten französischen Truppen wieder an und eroberten den Platz. Nach einer Nachricht des Gouverneurs von Kamerun haben Ende August die Engländer mit drei Kompagnien den Ort Mora besetzt. Anscheinend versuchen Engländer und Franzosen sich im Tschadseegebiet zu vereinigen und unsere dortigen, an Zahl unterlegenen Truppen gemeinsam angreifen zu können. Soweit alle Nachrichten reichen, ist ihnen das jedoch nicht gelungen.

Von der einschneidendsten für die weitere Entwicklung der Lage Kameruns sind die von See aus erfolgten Angriffe auf das Schutzgebiet. Am 24. August gingen die Franzosen von Libreville aus, unterstützt von dem Kanonenboot "La Surprise" (die Überraschung) gegen die deutsche Station Ukoko an der Bai von Corisco vor. Die dortige Polizeitruppe von etwa 30 Mann zog sich nach heftigen Gegenwehr ins Innere des Landes zurück. Nach aus Paris stammenden Meldungen zerstörte die "Surprise" hier zwei deutsche Handelsdampfer: "Rhios" und "Italo". "La Surprise" und der französische Kreuzer "Bruix" haben später Kampo und Kribi beschossen, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten. Beide Orte sind offene unmittelbar an der See gelegene Handelsplätze. Am 14. September berichtete der Gouverneur von Kamerun, daß englische Kriegsschiffe am 4. September vor Viktoria Anker warfen und ein Landungskorps ausschifften. Dieses zog sich aber am 5. auf die Nachricht von dem Herannahen unserer Truppen auf die Schiffe zurück, worauf Viktoria ohne wesentlichen Schaden beschossen wurde. Die Engländer scheinen dann zunächst die Landungsversuche aufgegeben zu haben. Nach französischen Meldungen fand zwischen den vereinigten englischfranzösischen Truppen und den deutschen am 1. Oktober in der Nähe von Viktoria ein lebhaftes Gefecht statt, das mit der Niederlage der Deutschen endigte.

Der Gouverneur von Kamerun teilte am 14. September ferner mit, daß seit Anfang September der Hafen von Duala blockiert sei, und zwar durch die englischen Kriegsschiffe "Cumberland" und "Dwarf" sowie die Jacht "Joy" (Gouverneursjacht von Nigerien). Nach französischen Meldungen traf dann am 26. September der französische Dampfer "Admiral Fourichon", von Dakar kommend, im Kamerunfluß ein. Duala ergab sich am 27. September bedingungslos. Eine englischfranzösische Truppenmacht unter Brigadegeneral Dobell wurde gelandet. Die waffenfähigen Deutschen hatten sich, nach der gleichen englischen Darstellung, mit der in Duala stationierten Schutztruppenstammkompagnie vor der Übergabe der Stadt in drei Richtungen ins Innere des Schutzgebietes zurückgezogen, doch fanden in den folgenden Tagen in unmittelbarer Nähe der Stadt Duala noch eine Reihe von Gefechten statt. Die in dem Hafen von Duala liegenden Handelsschiffe wurden von den Engländern beschlagnahmt. Es handelt sich dabei im wesentlichen um die Schiffe der Woermannlinie.

Wir müssen annehmen, daß die von unseren Feinden angegebenen Verluste, soweit sie überhaupt mitgeteilt worden sind, den Tatsachen entsprechen. Nach ihren eigenen Angaben sind aber bis jetzt bereits über dreißig ihrer Offiziere gefallen bzw. außer Gefecht gesetzt worden. Wir haben aber schon erwähnt, von welcher Bedeutung der Verlust von Offizieren für farbige Truppen ist. Abgesehen von den an Bord der Kreuzer befindlichen, aus Europäern zusammengesetzten Landungskorps kommen nur aus Farbigen bestehende Truppen in Frage.

Die Landungskorps sind lediglich an der Küste verwendbar und den Strapazen des Buschkrieges nicht gewachsen. Die Verluste der Verbündeten sind also außerordentlich schwer. — Mangels jeder Verteidigungsgeschütze — die vier alten Feldgeschütze in Duala, die man dort als Salutkanonen benutzte, kann man nicht als solche bezeichnen — mußten unsere Schutztruppenkräfte erklärlicherweise bei den Angriffen feindlicher Kriegsschiffe die Küste räumen. Aus den Plätzen Viktoria, Duala, Kribi und Kampo, die vom Feuer der feindlichen Schiffsgeschütze bestrichen werden können, mußten sich also die Unsrigen zurückziehen. Jeder Zoll Landes aber, der außerhalb des Bereiches der Kanonen liegt, wird — wie aus den englischfranzösischen Berichten hervorgeht — heldenmütig verteidigt.

Die Taktik dieser Verteidigung ist durch die natürlichen Verhältnisse gegeben. Das Gebiet, durch das unsere Feinde von Duala aus vordringen wollen, ist mit dichtem tropischen Urwald bestanden. Ein offenes Gefecht kann hier nicht stattfinden, sondern nur diejenige Art von Kampf, die man in Westafrika als "Buschkrieg" bezeichnet. Hierbei kommt es in erster Linie auf genaue Ortskenntnis an. Hieraus ist zu erklären, daß die Verbündeten für den Weg von Duala nach Edea, der nur etwa 90 Kilometer lang ist und sich längs der Bahnlinie hinzieht, über drei Wochen Zeit gebraucht haben! Je weiter sich diese Kämpfe von der Küste entfernen, desto günstiger werden die Verhältnisse für den Verteidiger und desto ungünstiger für den Angreifer. Es ist sehr wohl denkbar, daß der Plan unserer tapferen Verteidiger dahin geht, die Feinde unter steter Beunruhigung weiter ins Innere Kameruns vordringen zu lassen, um sie dann an einem selbstgewählten Kampfplatz womöglich aufzureiben.

Es verdient hervorgehoben zu werden, daß nach dem letzten Berichte des Gouverneurs die eingeborene Bevölkerung ruhig ist. Aus einer Bekanntmachung des Gouverneurs vom Anfang August, nach der sich eingeborene Stämme als Krieger anboten, geht hervor, daß große Teile der farbigen Bevölkerung sogar für uns kämpfen wollen.


Fortsetzung

Vom Gouverneur von Kamerun, Ebermaier, sind auf Umwegen zwei telegraphische Berichte an das Reichskolonialamt gelangt. In diesen Berichten sind zwei gesonderte Kriegsschauplätze kenntlich gemacht.

Nord- und Mittelkamerun

27. August. Angriff Engländer auf befestigte Stellung bei Mora abgewiesen. Feind verlor einen Europäer tot, einer Gefangenen, Maschinengewehr und zwölftausend Patronen, wir nur einen Farbigen.

29. August. Nach vorausgegangenen Patrouillengefechten, bei denen wir zwei Offiziere, einen Unteroffizier verloren, Angriff auf Garua. Feind entscheidend geschlagen, flüchtet Yola, fünf Offiziere tot, darunter zwei Stabsoffiziere, vier Weiße gefangen, etwa 200 Farbige tot, viel Desertion. Unser Verlust: ein Unteroffizier, sieben Farbige.

4. September. Engländer landeten Viktoria, zogen sich nächsten Tag bei Erscheinen unserer Truppen zurück und verließen den Hafen, nachdem sie ein Magazin in Brand geschossen.

6. September. Von Engländern besetztes und befestigtes Nsanakang von drei Kompagnien gestürmt. Feind aufgerieben; drei Europäer tot, sechs gefangen. Unser Verlust: zwei Offiziere, ein Reservegefreiter, 40 Farbige tot, ein Offizier, drei Unteroffiziere, 70 Farbige verwundet.

11. September versuchte englisches Kanonenboot inneren Kamerunhafen einzudringen, geriet in unser Geschützfeuer und zog sich beschädigt zurück. Im Laufe nächster Woche Ansammlung englischer und französischer Kriegsschiffe nebst Transportschiffen, im ganzen über dreißig Fahrzeuge, landeten starke Kräfte in den Krieks unter dem Schutz von Geschützen. Beiderseits verlustreiche Gefechte in den Krieks.

18. September. Wir griffen befestigte Stellung Gegners bei Takum (Nigerien, nördlich Bali) an, verloren einen Offizier, Engländer verloren viele Soldaten.

Um voraussichtlich sehr verlustreichen Kampf um Duala auch im Interesse der Frauen und Kinder zu vermeiden, wurde Stadt 27. September geräumt. Gouvernement und Kommando ins Innere verlegt. Dibambaabschnitt in mehreren für Feind verlustreichen Gefechten bisher gehalten; desgleichen Bomonoabschnitt an der Nordbahn.

Die "African World" brachte über die

Niederlage der Engländer bei Garua

einen ausführlichen Bericht aus dem Briefe eines Mitkämpfers, den sie selbst als glaubwürdig bezeichnete: "In der Nacht vom 30. auf den 31. August erhielt das 2. Bataillon der West African Frontier Forces den Befehl, sein Lager zu verlassen, gegen das nur 7. Kilometer entfernte Garua zu marschieren und den Platz anzugreifen. Der Leiter dieses Angriffs war der Oberleutnant P. Maclear von den Dubliner Füsilieren. Die Truppe erreichte die bereits vorher angelegten Schützengräben kurz nach Mitternacht und begann zu schießen; aber der Befehlshaber befahl bald, das Feuern bis zum Morgengrauen einzustellen. Um ½5 früh am 31. August begann der eigentliche Kampf, und nun ereigneten sich rasch furchtbare Szenen. Die englischen Stellungen waren kaum 400 Meter von den deutschen Befestigungen entfernt. Da die Deutschen die ganz genaue Entfernung wußten, konnten sie ihre Maschinengewehre mit größter Sicherheit gegen die Engländer richten.

Der Erfolg dieses mörderischen Feuers war, daß unsere armen Leute wie Gras niedergemäht wurden und viele unserer besten Soldaten allzu schnell aus dieser Welt ins Jenseits befördert waren. Das Feuer der Deutschen wurde über alle Beschreibung schrecklich, so daß sich unsere eingeborenen Truppen ohne jeden Befehl umdrehten und für ihr Leben zurückrannten, so schnell sie laufen konnten, nur noch die Offiziere und die Unteroffiziere in den Schützengräben zurücklassend. Aber auch sie mußten bald darauf weichen; als sie das Lager erreichten, fand man, daß von den 21 Offizieren des Bataillons nur noch zehn da waren. Die anderen elf, die zurückgeblieben waren, waren getötet, verwundet oder gefangen. Von den eingeborenen Truppen fehlten über 40 v. H. Und da in den vier Kompagnien mehr als 600 Soldaten gewesen waren, so ist der Verlust an Mannschaften auf wenigstens 250 Mann zu berechnen."

Aus einem Bericht des derzeitigen Residenten von Garua, Hauptmanns Frhrn. v. Crailsheim, an das Gouvernement von Kamerun geht hervor, daß das britische Gouvernement von Nigerien bereits eine bis zwei Wochen vor der Kriegserklärung Englands an uns mit einem baldigen Ausbruch der Feindseligkeiten gerechnet haben muß. So wurde zum Beispiel ein nach Köln adressierter, am 23. Juli aus Garua abgegangener Postsack in Yola geöffnet und die Briefpost am 30. Juli lose an den Vertreter der Nigerkompagnie in Garua, nicht an die Residentur, zurückgesandt. Aus weiteren, im Frieden unerhörten Anzeichen, wie Anhalten deutscher Boten in Nigerien, Festsetzung deutscher eingeborener in Yola und ähnlichem, hat Frhr. v. Crailsheim dann geschlossen, daß in Yola in irgendeiner Weise zum Kriege gerüstet würde, und daraufhin am 13. August, 10 Uhr vormittags, im Bezirk Garua den Kriegszustand erklärt.

Gleichzeitig versicherte er sich der Mithilfe des Lamidos von Garua, dessen Herrschaft an das Lamidat Yola grenzt und von dessen loyalem Verhalten im Kampfe gegen die Yolatruppen und vor allem bei Erkundung der gegnerischen Anmarschrichtung und Stärke Wesentliches abhing. Hauptmann v. Crailsheim berichtete hierüber: "Nachdem ich den Kriegszustand erklärt hatte, ließ ich mir den Lamido Garuas kommen, sagte ihm, anscheinend sei zwischen England und Deutschland etwas los; was, wüßte ich selbst noch nicht. Es könne aber Krieg sein. Und da sei es möglich, daß die Engländer auf deutsches Gebiet kämen, weil sie mehr Soldaten hätten als wir. In Deutschland hätten wir aber mehr Soldaten, und da der krieg nicht hier, sondern in Deutschland entschieden würde, so hätte eben der Kaiser so wenig Soldaten hierher geschickt. Ich fragte den Lamido, ob er mir helfen wolle. Er sagte ja und bekräftigte dies durch einen Handschlag."

Die englische Regierung in Nigerien hatte demnach schon Ende Juli, also vor Kriegsausbruch, die Feindseligkeiten gegen die benachbarte Kameruner Verwaltung begonnen.

Über die Ereignisse in

Duala

sowohl vor als nach der feindlichen Besetzung sind Privatnachrichten vorhanden. Aus diesen ergibt sich etwa folgendes Bild:

Mit Kriegsausbruch haben sich der Gouverneur und der Kommandeur der Schutztruppe nach Duala begeben, um die erforderlichen Verteidigungsmaßnahmen zu treffen. Es waren seit dem 6. August Verteidigungsarbeiten vorn auf dem gegen den Kamerunfluß gelegenen Höhenrand der Jobplatte von dem dort stehenden Flaggenmast durch den Bezirksamtsgarten hindurch bis hinter das Schutztruppengelände im Gange. Schützengräben wurden ausgehoben und die vier vorhandenen Geschütze, zwei am Hoffmannsweg in der Nähe des Flußufers auf der Höhe des Rennplatzes und zwei im Bezirksamtsgarten, kugelsicher aufgestellt. Es wurden Minen fabriziert und in der Einfahrt des Flusses an der Innenbarre und an der Einmündung der verschiedenen Wasserläufe in den Hauptstrom gelegt. Weiter wurde die Einfahrt an der Außenbarre durch versenken einer Anzahl Dampfer gesperrt. Von den in Duala vereinigten etwa dreihundert deutschen Männern wurden aus Mangel an Munition und Gewehren etwa nur achtzig zum militärischen Dienst bei der Schutztruppe eingezogen. Es waren Bestimmungen zur Sicherheit der Stadt getroffen, im besonderen solche über Alarm sowie über Verbot der Bewegung der Duala, von denen einzelne dem Feind bei seiner ersten Landung in Viktoria und seinen sonstigen Bewegungen im Kamerunästuarium Führerdienste geleistet hatten. Es mußten auch am 15. September sechs Schwarze hingerichtet werden, weil sie in der Stadt im Ortsteil Akwa geplündert, und als ein Beamter sie daran hinderte, diesen tätlich angegriffen hatten.

Inzwischen wurde am 1. September zum erstenmal ein englisches Kriegsschiff zwischen Fernando Po und Duala gesichtet. Am 9. September erschienen drei englische Kriegsschiffe an der Kamerunmündung, von denen eines auf den Regierungsdampfer "Herzogin Elisabeth", der in voller Fahrt in den Hafen lief, ohne Erfolg feuerte. Das Kanonenboot "Dwarf" kam, um zu loten, am 10. September an die Barre heran, an der die Dampfer versenkt worden waren. Am 11. September ging es über diese Stelle hinweg und eröffnete das Feuer auf Duala, das etwa 15 Minuten dauerte, aber keinen Schaden anrichtete. Das Schiff mußte sich dann, von unseren am Hoffmannsweg aufgestellten Geschützen getroffen, zurückziehen. Am 13. September erschien die "Dwarf" wieder an der Sperre, nachdem in en beiden vorherstehenden Nächten die in der Manokobucht liegende "Cumberland" durch eine von uns entsprechend ausgerüstete Barkasse vergeblich angegriffen worden war; Mondschein und englische Wachboote hatten den erfolg vereitelt. In den folgenden Tagen lagen der "Dwarf" und der "Joy" an der Sperre, ohne sie zu überfahren. Am 15. September erfolgte eine Minenexplosion in der Mitte des Flusses auf der Höhe des Ortsteils Bonaberi, wobei ein Leichter mit der an Minen arbeitenden Besatzung von je vier Deutschen und Schwarzen zugrunde ging.

In der Nacht vom 17. zum 18. September versuchte man mit unserer anderen Barkasse einen zweiten Angriff auf die "Cumberland". Ehe das Torpedo abgeschossen werden konnte, hatten die Verteidiger uns bemerkt und durch Schießen die Besatzung gezwungen, ins Wasser zu springen und sich gefangennehmen zu lassen. Zu dieser Zeit ist auch der Regierungsdampfer "Nachtigal" in den Krieks des Kamerunästuars vernichtet worden.

Am 23. September haben dann "Dwarf", "Joy" und mehrere kleine Pinassen die Sperre überfahren und nachmittags Duala mit sechs bis zehn Schuß ohne Erfolg beschossen. Am 25. September hat weiter das englische Kriegsschiff "Challenger" auf die gelegten Minen geschossen. Nachmittags forderte ein englischer Parlamentär die bedingungslose Übergabe der Stadt und der ganzen Kolonie (!), was aber verweigert wurde. Die noch für diesen Tag angedrohte Beschießung erfolgte nicht. Dagegen wurde am 26. September, morgens 6. Uhr, Duala beschossen, wobei einige Beamtenwohnhäuser und sonstige Regierungsgebäude beschädigt worden sind. Die Beschießung dauerte jedoch nicht lange. Am 27. September mußte endlich über Duala die weiße Flagge gehißt werden. Am folgenden Tage erfolgte der Abtransport sämtlicher Deutschen Dualas, Männer, Frauen und Kinder als Kriegsgefangene auf englische Schiffe.

In diesen Tagen waren die vereinigten Feinde in einer Stärke von etwa 15 000 Mann mit vielen Geschützen und Maschinengewehren auf zahlreichen Kriegs- und Transportschiffen, im ganzen über dreißig Fahrzeugen, darunter die schon genannten vier englischen Kreuzer und Kanonenboote, ferner der französische Panzerkreuzer "Bruix" und der französischen Kreuzer "Surprise", in der Manokabucht an der Mündung des Kamerunflusses versammelt. Sie hatten, unter dem Schutz von Geschützen, weit überlegene Streitkräfte südwestlich von Duala auf dem rechten Ufer des Dibamba trotz des tapferen Widerstandes der dort stehenden Schutztruppenabteilung zu landen vermocht.

Über die

Leiden Kameruner Missionare

unterrichten Briefe von Angehörigen der Baptistenmission in Kamerun. Das rücksichtslose, schändliche Vorgehen der Engländer auch gegen Bürger neutraler Staaten ist aus dem folgenden Bericht zu erkennen:

"Sonntag, der 27. September brachte uns die traurige Tatsache der Übergabe Dualas. Die darauf folgende Nacht verlief für uns noch ruhig, aber am nächsten Morgen ließen uns die schwarzen und weißen Engländer und Franzosen keine Ruhe mehr. Unsere Missionare wurden von ihnen aus dem Hause kommandiert und mußten vor ihnen im Hofe antreten. Montag ließ man uns noch frei, am Dienstag morgen, den 29. September wurden wir dann auch gefangengenommen. Mittwoch wurden wir dann auf den kleinen englischen Dampfer "Bathurst" gebracht. Derselbe ließ, was Reinlichkeit anbetrifft, viel zu wünschen übrig. Die Herren mußten Tag und Nacht auf Deck zubringen, den Damen wurden Kabinen angewiesen, doch in solch einem Zustande, daß es Überwindung kostete, darin zu schlafen. Um Mitternacht wurden wir geweckt und nach Geld untersucht. Als wir aufs Deck kamen, hatte man Missionar Märtens schon 200 M. weggenommen. Nur 25 Pf. hatte man ihm gelassen! Betreffs des Essens machte sich niemand Sorge. Die ersten zwei Tage bekamen wir gar nichts. Am dritten Tage wurde etwas Proviant verteilt, doch so, daß man nicht satt wurde. Ein Herr bekam ein Glas gemahlenen Pfeffer, ich erhielt ein Stück Seife und viele andere ungenießbare Ware.

Am vierten tage erhielt jeder zwei Stück Schiffszwieback — zusammen etwa ein Viertelpfund — und einen Salzhering, und damit mußte man einen Tag auskommen. Später gab es Salzfleisch mit Reis. Die Brühe davon war oft ganz grün, und oben schwammen die Maden. Teller, Tassen und Bestecke waren nicht vorhanden. Einige aßen aus der hohlen Hand, andere— wir auch — klopften den Rand leerer Konservenbüchsen glatt, und aus alten Brettern wurden Löffel geschnitzt. Wir hatten eine Emailleschüssel geschenkt bekommen, und diese diente uns — etwa 22 Personen — als Eß-, Wasch- und Aufwaschschüssel. So vergingen die ersten Tage. Bald waren unter diesen Verhältnissen achtzehn Personen erkrankt. Nach mehrtägiger Fahrt kamen wir nach Lagos, dort, so hieß es, sollten wir bleiben. Die Engländer hatten Furcht vor den Deutschen, denn die Häuser waren ganz mit Sandsäcken verbarrikadiert; Kanonen, von schwarzen und weißen Soldaten bedient, waren zum Schuß aufgestellt. Wir blieben hier zwei Tage. Am dritten Tage fuhr der "Niger", ein kleiner englischer Dampfer, an uns heran. Ehepaare und einzelne Damen mußten nun auf ihn übersiedeln. Wie waren wie gerädert. Auch hier wohnte alles auf Deck, mit Affen, Hühnern und sonstigen Tieren zusammen.

Wir wurden nach der Goldküste gebracht. Unter einem Heidenlärm ruderten uns die Eingeborenen durch die starke Brandung an den Strand von Accra. Auf großen, schmutzigen Lastautos wurden die Damen und Kinder, unter Bewerfung mit Steinen, Bespeien usw. seitens der Eingeborenen, fortgebracht. Vor unserem Hause waren vier schwarze Soldaten mit Gewehr und Bajonett aufgestellt, die jeden unserer Schritte beobachten. Man fühlte ihnen so recht ihre Freude an, die Weißen kommandieren zu können. Das Essen kochte ein Afrikaner. Viel Schmutz war darin, der Appetit verging schon beim Ansehen. Unter diesen Verhältnissen verbrachten wir drei Wochen. Man hatte alle Weißen, ob Deutsche oder neutrale Holländer, Schweizer oder Amerikaner, aus der Kolonie geschafft und behandelte auch letztere wie Kriegsgefangene. Montag, den 28. Dezember kamen wir nach Liverpool. Als wir uns auf der Fahrt zur Herberge befanden, sahen wir, wie Liverpooler Jungen eine tote Ratte im Schmutz wälzten und einer unserer Damen ins Gesicht warfen. Auch uns bewarf man mit Schmutz und Steinen."

In der Zusammenstellung des Reichskolonialamts heißt es weiter:

Nachdem die vereinigten See- und Landstreitkräfte der Engländer und Franzosen Duala genommen hatten, drangen sie mit weit überlegenen Kräften nach hartnäckigen, für sie verlustreichen Kämpfen an der Mittellandbahn über Ort und Bahnstation Japoma und den Dibambafluß nach Edea vor. Ebenso waren sie an der Nordbahn entlang unter dem tapferen Widerstand unserer Leute, die die Eisenbahnbrücke über über den Bomonokriek gesprengt hatten, über die Eingeborenendörfer Bomono nach Susa vorgerückt und hatten diesen Ort besetzt. Unsere Hauptmacht mit dem Gouverneur und dem Kommandeur der Schutztruppe hat sich in das Urwaldgebiet zurückgezogen.

Dort sind Gegenden, deren kriegerische Bewohner der Regierung von jeher die besten Soldaten stellten und die jetzt zusammen mit der aktiven Schutztruppe und den in diese Gebiete entlassenen früheren Soldaten ihre heimatlichen Gefilde zu verteidigen haben. Dieser Umstand wird, zusammen mit den schon in der ersten Veröffentlichung hervorgehobenen Verhältnissen, den Feinden ein etwaiges Vordringen in jene Gebiete fast unmöglich machen, jedenfalls aber so erheblich erschweren, daß die Feinde nur unter sehr großen Verlusten und unter dauernder ängstlicher Fürsorge für die Sicherung ihrer rückwärtigen Verbindungen vordringen könnten. Mit der Besetzung Edeas Ende Oktober 1914 scheinen sie sich auch vorläufig begnügt und haltgemacht zu haben.

Die Londoner "Times" brachten am 11. Dezember den Brief eines englischen Offiziers über die

 
Besetzung von Jabassi.
 


Aus dem Briefe geht hervor: Zehn Kompagnien mit vier Feldgeschützen wurden auf Leichtern und Booten verladen und den Muri aufwärts gesandt, um Jabassi (65 Kilometer stromaufwärts von Duala) zu erobern. Ein deutscher Vorposten wurde von einem 15 Ztm. Marinegeschütz zusammengeschossen. Am 6. Oktober wurde etwa 5 Km. unterhalb von Jabassi eine Landung vorgenommen und der Versuch gemacht, die deutsche Stellung zu nehmen. Die Engländer suchten hinter den Hecken am Ufer Deckung, mußten aber schließlich vor dem gut gezielten Maschinengewehrfeuer der Deutschen zurückweichen. Sie versuchten dann eine Umgebung und gelangten bis auf etwa 350 Mtr. an die deutsche Stellung heran, bis sie auf einmal von einem furchtbaren Feuer empfangen wurden, das sie zum schleunigen Rückzuge zwang. Das Maschinengewehrfeuer der Deutschen war mörderisch, und schließlich mußten die Engländer ihre Boote besteigen und sich zurückziehen. Von den 26 Weißen der Truppe fielen vier, darunter der Maschinengewehroffizier. Die Engländer bezogen außerhalb Schußweite ein Lager, zogen sich jedoch dann auf Befehl des Oberkommandierenden nach Duala zurück. Die Deutschen, davon verständigt, daß stärkere Streitkräfte der Engländer im Anmarsch waren, sollen Jabassi zerstört und sich weiter ins Innere zurückgezogen haben.

Ein äußerst charakteristisches Dokument englischer Kriegsführung brachte wiederum ein Brief der Kameruner Baptistenmission: "Nachdem englische Kriegsschiffe am 26. September Duala bombardiert und tags darauf Truppen gelandet hatten, war vorauszusehen, daß nunmehr auch andere Teile Kameruns vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen werden würden. Einer der ersten Orte, auf welchen die Engländer, begünstigt durch den hohen Wasserstand im Wuri, ihr Augenmerk richteten, war Jabassi. Als wir in Jabassi ankamen, dunkelte es bereits. Wir wurden in Gegenwart unserer Träger aufgefordert, uns, obwohl auf den Bänken genügend Raum vorhanden war, auf den mit Wasser bedeckten Boden des Bootes zu setzen, wogegen wir jedoch protestierten. Wir übernachteten in einem hause der Firma C. Woermann, in welcher sich auch nicht ein einziges Möbelstück mehr befand. Alles war geraubt!

Hier machten wir auch die schmerzliche Erfahrung, daß uns neun unserer Lasten fehlten. Bemerken möchte ich noch, daß die Engländer schon bald nach ihrer Ankunft in Nyamtang verschiedentlich andeuteten, während der Reise dahin am Wege verschiedene Leichen von Eingeborenen gesehen zu haben; sie hoben hervor, daß man es nicht verstehe, wie deutsche Soldaten harmlose Eingeborene niederschießen könnten. Auf der Reise nach Jabassi kam der uns begleitende Offizier wieder auf die "Grausamkeiten" der deutschen Truppen zu sprechen. Nachdem wir in Duala angekommen waren, wurde ich vor das Oberkommando geladen und aufgefordert, etwas über die "Grausamkeiten" der Deutschen niederzuschreiben. Ich weigerte mich und wurde entlassen. Bald erfolgte eine zweite Vorladung. Wieder kam dieselbe Zumutung. Nachdem ich mich bereit erklärt hatte, zu schreiben, was ich gesehen hatte, konnte ich wieder gehen.

Der Inhalt meiner Niederschrift, die ich dann einreichte, handelte von der schamlosen Behandlung, welche uns und anderen Missionaren zuteil geworden war. Hierauf wurde ich wieder vorgeladen und scharf verwarnt, denn meine Aufzeichnungen seien eine Anklage der englischen und französischen Soldaten und eine Verdächtigung des gesamten Kommandos. Man hatte aber den traurigen Mut, noch einen Schritt weiterzugehen und mir in Aussicht zu stellen, am nächsten Tage aus der Gefangenschaft entlassen zu werden, wenn ich ihren Wunsch erfüllte und einen Bericht über "Grausamkeiten, verübt von den deutschen Truppen", ihnen zusenden würde! Selbstverständlich konnte ich das nicht tun. Unter der Beschuldigung, ich hätte als amerikanischer Bürger die Neutralität verletzt und die deutsche Regierung in ihren Zielen unterstützt, sind dann meine Frau und ich als Kriegsgefangene nach England gebracht worden. Selbst noch dort begründete man mein Festhalten durch Neutralitätsverletzung."

Ost- und Südkamerun

Gouverneur Ebermaier sandte auch die folgenden kurzen Meldungen:

6. August. Bonga von französischem Dampfer überfallen; Besatzung zog sich nach Ikelemba zurück.

Nacht auf 9. August. Singa überfallen; Kompagnie Mbaiki rechtzeitig gewarnt, konnte sich zurückziehen.

22 August. Franzosen aus Wesso angriffen Posten Mbiru; wurde von kleiner deutschen Abteilung völlig aufgerieben. Von 17 Europäern französischerseits 15 tot. Wesso vorübergehend besetzt, auf die Nachricht anrückender Übermacht wieder geräumt.

6. September. Drei von Midzik in den Ojembezirk eingedrungene französische Abteilung bei Metsim geschlagen, verloren vier Europäer tot, darunter Stabsoffizier, und annähernd 100 Farbige; wir nur einige Verwundete. Mitte September französische Abteilung zweimal bei Minkebe zurückgeschlagen, zog sich auf Mokadi zurück. Offensive auf Midzik eingeleitet.

11. September angriffen Franzosen mit armierten Dampfer "Tibundi" am Dscha; wurden zurückgeschlagen.

18. September wurde von vier französischen Kompagnien besetzte Stellung bei Kolongo durch eine deutsche Kompagnie genommen, und französischer Versuch Kolongo wieder zu nehmen und Lobaje zu überschreiten, erfolgreich abgewehrt. Eingeborene im neuen Gebiet erschweren dort Nachschub und Nachrichtendienst.

21. September nahmen französische Kriegsschiffe und 800 Soldaten nach schwerem Gefecht Ukoko. Unsre Verluste fünf Europäer. Farbige Verluste und Verluste der Gegenseite unbekannt.

Über die mutige, von Bezirksamtmann Eltester geleitete

Verteidigung Ukokos

gegen einen weit überlegenen Feind haben wir eingehendere Nachrichten durch den Bericht eines Angestellten der Firma C. Woermann in Hamburg, der am Kampf teilgenommen hat. Aus der Schilderung geben wir folgendes wieder:
"Am Montag, den 21. September erschien in dichtem Nebel das kleine französische "Surprise" vor Ukoko und begann, nachdem unserseits zwei Alarmschüsse abgegeben waren, das Stationsgebäude und die Arztwohnung zu bombardieren, welch letztere bereits gegen 6 Uhr morgens in Flammen aufging. Sämtliche Privatgebäude wurden im Laufe des Tages unter Feuer genommen und arg demoliert. Bevor unsere Soldaten gesammelt werden konnten, gelang es einer Barkasse der "Surprise", vier Boote mit Maschinengewehren und Revolverkanonen zu landen, die langsam an der Strand vorrückten. Im Laufe des Vormittags hatten die Gegner wenig Erfolge, da sie von unseren farbigen Soldaten vom Busch aus heftig beschossen wurden. Bis gegen 3 Uhr landeten im ganzen neun französische Boote mit schätzungsweise 250 bis 300 Mann und, wie schon gesagt, mit mehreren Maschinengewehren und einer Revolverkanone, welchen wir etwa 50 farbige Soldaten und 20 Europäer mit einem Maschinengewehr entgegenstellen konnten, da die neu eingezogenen farbigen Rekruten infolge des heftigen Bombardements — es wurden ungefähr 300 bis 400 Kanonenschüsse abgegeben — versagten und entflohen.

Gegen Mittag wurde der Barredampfer "Itolo" in Grund geschossen; die Regierungsbarkasse "Rohlfs" wurde gleich am Morgen zum Sinken gebracht. Der Hauptangriff erfolgte gegen ½3 Uhr, welchem wir bis 5 Uhr im dichtesten Kugelregen standhielten. Dann erfolgte der Rückzug nach Mbini. Unsere Verluste sind: tot 4 Europäer, etwa 15 Farbige; verwundet bzw. gefangen: 5 Europäer und vermißt 2. Französischerseits sollen gefallen sein: 1 Offizier, 4 Weiße und etwa 120 Farbige."

Außer Ukoko sind nach eingegangenen Privatnachrichten auch die offenen Küstenplätze Kampo und Kribi durch die französischen Kriegsschiffe beschossen worden; sie sollen dem Erboden gleichgemacht sein.

Das Reichskolonialamt schrieb in einer Schlußbetrachtung über die Kämpfe in Kamerun: " Mit außergewöhnlich großer Übermacht sind die Verbündeten in Kamerun aufgetreten und haben sich einstweilen in den Besitz der Küstenzone gesetzt. Wie weit es ihnen gelingen wird, in das Innere vorzudringen, muß abgewartet werden. Im Innern des Landes ist die deutsche Verwaltung in voller Tätigkeit. Wie wir von unbedingt zuverlässiger Seite erfahren, hat unsere Farbigentruppe bisher ganz ausgezeichnet gefochten und sich den Gegnern an Ausbildung, Schießfertigkeit und Mut entschieden überlegen gezeigt. Die Haltung der Eingeborenen des Innern war — soweit die Nachrichten reichen — tadellos; nur in Ebolowa sind zu Beginn des Krieges Unruhen vorgekommen, die zur Hinrichtung des Häuptlings Zampa geführt haben.

Selbst in Neukamerun ist es — abgesehen von einer kleinen Unruhe in Buar — nicht zu Aufständen gekommen. Wie zu erwarten, zeigten sich die Duala sehr unzuverlässig, zum großen Teil direkt verräterisch — so führten sie z.B. die Engländer mit ihren Kanus in die Krieks von Duala und Umgebung. Hervorzuheben ist die Haltung der Haussa. Diese waren fast überall deutschfreundlich. Sie sind z.B. den deutschen aus Mbaiki nach Nola gefolgt und haben sie auch sonst in jeder Weise unterstützt. Rechnen wir noch das früher erwähnte, durchaus loyale Verhalten der Stämme im Norden Kameruns hinzu, so ergibt sich in weit überwiegendem Umfange ein festes Gefüge zwischen der deutschen Verwaltung und den eingeborenen Stämmen Kameruns. Hierin aber haben wir einen Faktor von wesentlicher Bedeutung für den weiteren Verlauf der Ereignisse zu erblicken."

Es ist bekanntgeworden, daß im englischen Staatshaushaltsplan ein

Geheimfonds für Dingung von Meuchelmördern

besteht, die im fremden Erdteil sowohl wie auch in Europa zum blutigen Nutzen Britanniens ihr gewissenloses Werk verrichteten oder noch zu verrichten trachten. (Delarey — Casement).

Missionar Valentin Wolf von der Missionsgesellschaft der Deutschen Baptisten schrieb: ("Tägl. Rundschau" vom 20. Februar):

"Nach Aussage der Missionare Schwarz und Gehr von der Baseler Mission im Lobetal am Sanagafluß sowie des Kaufmanns Erich Student, Angestelltem der Firma Deutsche Kamerungesellschaft m.b.H. in Edea, die mit uns in Gefangenschaft waren, hat die englische Truppe am Sanaga Eingeborene jener Gegend aufgefordert, Deutsche, die im Dienste der deutschen Verwaltung am unteren Sanaga als Postenführer standen, einzuliefern oder unschädlich zu machen und hierfür eine Belohnung bis fünfzig Schilling für jeden Deutschen ausgesetzt. Infolge dieser Aufforderung wurden die Postenführer Obermatrose Rickstadt und Quartiermeister Schlichting, beide von dem im Dualahafen liegenden Dampfer "Kamerun", von Eingeborenen überfallen und ermordet. Rickstadt wurde ertränkt und Schlichting mit Buschmesser zerhackt.

Der von der Schutztruppe eingestellte Kaufmann Erich Student wurde nach seinen mir gegenüber im Gefangenenlager zu Duala gemachten Aussagen am 23. Oktober, nachmittags 2 Uhr, mit seinem schwarzen Begleiter von etwa 50 Eingeborenen überfallen, bis auf die Hosen entkleidet und sehr geschlagen, darauf in ein bis zur Hälfte mit Wasser gefülltes Kanu gelegt und so an Bord des englischen Dampfers "Nemos" gebracht. Soweit ich mich erinnere, sagte er, daß er 16 Stunden in diesem Wasser gelegen habe, ehe man den Dampfer erreichte. An Bord angekommen, beklagte er sich bei den englischen Offizieren über die ihm zuteil gewordene unmenschliche Behandlung, worauf einer dieser Herren sagte: "It was high time, that we caught you" (Es war Hohe Zeit, daß wir Sie faßten).

Er wurde dann ins Gefangenenlager in Duala gebracht, wo er barfuß und nur mit Hosen bekleidet sowie mit geschwollenem und mit Blut unterlaufenen Gesicht ankam. Als ich ihn kurz darauf im Gefangenenlager antraf, waren noch Spuren der Mißhandlungen deutlich zu erkennen. Herr Missionar Schwarz erzählte übrigens noch, daß er im Besitz eines englischen Pfundes Gold sei, welches als Belohnung an einen Eingeborenen ausgezahlt war."

Dazu erhielt der Evangelische Preßverband für Deutschland auf Anfrage noch folgende Drahtantwort von dem als Augenzeuge genannten Missionar Gehr: "Ich bestätige, daß die Kaufleute Student und Nickolai sowie der Matrose Fischer von Eingeborenen am Sanaga furchtbar mißhandelt wurden, daß Nickstadt ertränkt und Schlichting ermordet wurde. Kaufmann Student sah einen Schein, nach welchem 50 Schilling von den Engländern auf den Kopf je eines Deutschen gesetzt waren."

Namen von Orten in Kamerun (die beiden Anfangsbuchstaben eingeben, dann erscheint eine Karte und der Ort.)

 

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