Samoa

im

Weltkriege


Samoa stand unter dem Zeichen der Vorbereitung zu einem großen Fest, als der Weltkrieg ausbrach. Das ganze große deutsche Südseegeschwader sollte kommen, Graf Spee mit "Scharnhorst", "Gneisenau", "Leipzig", "Dresden" und wie sie alle hießen, die Schiffe, deren Heldentaten an der Küste vor Chile, deren trauriger Untergang an den Falklandinseln Ende 1014 unser Innerstes aufgewühlt haben.

Weiße wie Farbige rüsteten sich, das Festprogramm war entworfen, die Häuser wurden geschmückt, denn nur wenige Tage noch, dann sollten die stolzen Riesen kommen, den Eingeborenen zeigen, daß nicht nur Engländer und Amerikaner, sondern auch wir große Kriegsschiffe besaßen, endlich sollte der sehnlichste Wunsch so vieler Deutschen in Erfüllung gehen.

Noch ein anderes, außerordentlich wichtiges Ereignis stand bevor: die Funkentelegraphenstation sollte in den nächsten Tagen eröffnet werden. Bisher brachte alle Telegramme noch der Postdampfer von Neuseeland. So kam die Nachricht vom Mord in Sarajewo erst mit zwei Wochen Verspätung nach Samoa, das erste Wetterzeichen des nahenden, verhängnisvollen Weltbrandes. Aber wohl weniger der in der Abgeschiedenheit Lebenden machten sich sonderlich schwere Gedanken ob der Bluttat, man bedauerte sie, fürchtete einige politische Verwicklungen, aber an Krieg dachte wohl kaum jemand. "Krieg", wie oft war das Wort im Laufe der Jahre schon an die Wand gemalt worden, oft hatte es wahrlich viel bedrohlicher ausgesehen. Das Unwetter würde auch diesmal vorüberziehen, — wie man hoffte! Inzwischen war es dem Ingenieur gelungen, die Funkenstation in Tätigkeit zu setzen, Telegramme wurden aufgefangen, und da, eines der ersten war: Mobilmachung, dann folgten Schlag auf Schlag die Nachrichten der Kriegserklärung.
Was mag in den Herzen unserer Landsleute da draußen vor sich gegangen sein!

Der ganze Erdball lag zwischen der Heimat und ihnen, die fern, auf ein paar einsamen Inseln, umgeben von feindlichen Großmächten, ohne jeglichen militärischen Schutz das Deutschtum vertraten. Sie wußten, allen Übergriffen der Feinde waren sie schutzlos ausgesetzt, Gefahr rundum, ohne ein starkes Heer zur Seite, wie in der Heimat, auf das damals jeder Deutsche, welcher politischen Richtung er auch sein mochte, stolz war. Aber genau wie dort brauste die Begeisterung in der Südsee auf. Trotz der drohenden Gefahren einer Überfahrt rüsteten sich doch sofort eine Anzahl Männer, denen der Gouverneur die weite Fahrt nach Deutschland gestattete, um mit der Waffe in der Hand daheim die neue Heimat in der fernen Südsee zu verteidigen. In wenigen Stunden lösten manche ihren Haushalt auf, reisten mit Frau und Kind, ja Säuglingen, ab. Auf amerikanischen Schiffen ging es über das Weltmeer, durch die Vereinigten Staaten, und dank geschickter Verkleidung gelangten die Familien auch tatsächlich wohlbehalten in die Heimat. Und draußen in Samoa traf immer noch eine Kriegserklärung nach der anderen ein. Niederschmetternd fielen die Schläge auf das Häuflein Deutscher: diese ungeheure Übermacht mußte das Vaterland doch zermalmen, die teure Heimat! An ihr eigenes Los dachten sie kaum, während doch das heutehungrige Neuseeland so nahe lag, auf dem Sprunge, die durch deutsche Arbeit emporgebrachte Kolonie als fetten Bissen zu verschlingen.

Zwar waren die waffenfähigen Männer aufgeboten, eine Art Küstenschutz zu bilden, aber was sollten sie im Ernstfall mit den paar vorhandenen Gewehren gegen einen etwa landenden Feind machen? Widerstand wäre nicht nur eine Dummheit, geradezu ein Verbrechen gewesen. Und dann brachte der Funkturm täglich die Berichte von dem raschen Vorrücken, den beispiellosen Erfolgen, dem Fall von Lüttich und Namur, den als fast uneinnehmbar geltenden, gewaltigen Festungen, denen die "dicke Berta" die Panzerkuppeln zerschmettert hatte.

So verstrichen Wochen der Sorge, der Begeisterung, der Aufregung, des Hoffens, des Bangens: was wird aus der Heimat, was wird mit uns? Noch hatte sich kein feindliches Schiff gezeigt, aber einmal würden sie erscheinen. Wer wohl zuerst, die Engländer, die Franzosen,oder gar die Japaner, die nun auch noch den Krieg erklärt hatten?

Aber, wo war denn das Geschwader, würde es nicht kommen, die weltverlassenen Inseln schützen? So verstrich in schrecklicher Ungewißheit der erste Kriegsmonat für die Samoadeutschen ohne greifbares Ereignis. Da wurde plötzlich das erste Kriegsschiff gemeldet! Weit draußen am Horizont tauchte dicker Rauch auf, langsam schob sich ein Gefechtsmast , die Schornsteine, die Türme, jetzt der Schiffsrumpf selbst in den Gesichtskreis. Freund oder Feind? war die Frage. Alle Ferngläser waren auf den Ankömmling gerichtet. Aber so sahen die deutschen Schiffe nicht aus, — also der Feind. Doch der furchtbare Rauch, warum qualmte der Kerl so? Da, er kam nicht allein. In Kiellinie marschierte sein Nachfolger auf, mehr, immer mehr, sechs Schiffe dampften heran, "kampfesmutig", gegen zwanzig Gewehre! Viel Feind, viel Ehr, galt in der Heimat, galt symbolisch auch hier draußen, solche Angst hatten die Herrschaften von einer Handvoll Deutscher! Aber nicht Engländer allein kamen, sondern auch ein französischer Kreuzer war dabei, wollte auch gleich billig Lorbeeren ernten. Der Heer Kommandant hatte wohl Knopflochschmerzen, die "Légion d'honneur" lockte gar zu schön. Oder war er aus Neuseeland mitgekommen, weil es ihm dort unheimlich wurde, wollte er lieber mit der englischen Flotte unter dem Schutz des großen Schlachtschiffes "Australia" fahren, als womöglich im Hafen der Gefahr eines Angriffes des in der Südsee an unbekannter Stelle herumgeisternden deutschen Geschwaders ausgesetzt zu sein? Fünf englische Kreuzer, dazu der Franzose und zwei Transportdampfer warfen in achtungsvoller Entfernung vor Apia Anker. Sie mißtrauten offenbar dem Unternehmungsgeist der Deutschen, womöglich hatten sie aus bisher unbekannten Depots eine Unzahl Minen herausgeholt und in den schmalen Riffdurchfahrten versenkt, oder irgendeine andere neue Teufelei erfunden!

Die Breitseiten gegen das offene, wehrlose Apia gerichtet, lag die Flotte da, jeden Augenblick konnte die Kanonade losgehen, nicht vergessen waren die Schießereien der "Porpoise" und Genossen zur Zeit der Samoawirren. Aus allen irgendwie sichtbar liegenden und somit dem Feind ein besonderes Ziel bietenden Landhäusern und Farmen flüchteten die weißen Frauen und Kinder. Die Samoaner zogen sich in den Busch zurück, denn auch sie betrachteten die Ankömmlinge als Feinde, fühlten sich als Deutsche, wie es drüben in Afrika unsere schwarzen Landsleute auch getan, bis zum letzten Atemzuge ausgehalten haben. Und nun landeten die Truppen, kampfgerüstet, in einer Unzahl großer, mit Geschützen und Maschinengewehren gespickter Boote. Sie kamen sich sicher riesig forsch vor, diese jungen, neuseeländischen Bürschchen, die in ihrer für die Tropen absolut ungeeigneten, dicken Kleidung furchtbar schwitzten. Mit aufgepflanzten Bajonetten spielten sie Soldaten, dabei wußten sie mit dem Schießeisen nicht einmal richtig umzugehen, fuchtelten damit herum, wie mit Knütteln.

Von dem Gouverneur war bedingungslose Übergabe gefordert worden, widrigenfalls, die Stadt beschossen würde. Man denke, die offene Stadt Apia!

Es auf einen Kampf ankommen zu lassen, hatte keinen Zweck, es wäre nur unnötig Blut vergossen, die Zivilbevölkerung der größten Gefahr ausgesetzt worden. So übergab der Gouverneur die Insel und ging, auf das Versprechen hin, daß er als Ehrengast nach Fiji gebracht werden sollte, an Bord eines englischen Kriegsschiffes. Aber an das gegebene Wort hielten sich die Engländer beziehungsweise Neuseeländer nicht, sondern überführten ihn nach Neuseeland, wo er in einer kümmerlichen Baracke, jedenfalls absolut nicht seinem Rang entsprechend, untergebracht wurde!

So wehte der Union Jack über dem deutschen Samoa. Zum "Schutz der Insel" waren 1500 Mann gelandet. Wie schon gesagt, meist junge Bürschchen. Die Ansiedler sahen in ihnen weiter nichts, als eine Art bewaffnete Wandervögel, die aber wegen ihrer geringen militärischen Ausbildung um so gefährlicher waren; denn wie leicht konnte so ein Gewehr losgehen. Grund zum absichtlichen Schießen, außer bei militärischen Übungen, bestand ja doch nie. Zumal auch die Eingeborenen, den Warnungen des letzten deutschen Gouverneurs folgend, sich ruhig verhielten, gar mancher dachte noch an die bösen Zeiten zurück, wo durch englische Brandgeschosse ihre stolzen Rundhäuser in Flammen aufgegangen waren.

Erst konnten sich die weißen Ansiedler gar nicht erklären, wozu überhaupt soviel Militär bereit gehalten, allenthalben Schützengräben ausgeworfen, Maschinengewehre und Geschütze aufgestellt waren, bis es endlich herauskam: Irgendein Spaßvogel hatte die Schauermär verbreitet, daß sich irgendwo im Busch eine deutsche Truppenmacht von 500 Mann, lauter Scharfschützen, verborgen hielte und einen Angriff auf die Neuseeländer Jugendwehr plante. Charakteristisch für die ganze Lage war es, daß die Landungstruppen selbst ihren vielen englischen Landsleuten, die als Farmer auf den Inseln lebten, nicht glaubten. Die waren ihnen auch verdächtig, waren sie doch gleich bei der Landung vorstellig geworden und dafür eingetreten, daß die Deutschen anständig behandelt würden, genau so, wie sie nie über schlechte Behandlung oder gar Schikanen von seiten der Deutschen zu klagen gehabt hätten.

Anfangs waren alle deutschen Beamten aufgefordert worden, in ihren Stellungen zu bleiben, wie es ja, namentlich in einer Kolonie, die restlos besetzt war, nur selbstverständlich und verständig war. Dann aber besannen sich die klugen Neuseeländer eines anderen, Samoa sollte doch den Deutschen aus der Hand genommen werden, und so wurden alle Beamten schon im September ihrer Stellungen entsetzt und kamen in Kriegsgefangenenlager.

Inzwischen waren die feindlichen Kriegsschiffe wieder abgedampft und beteiligten sich wohl an der Suche nach dem deutschen Geschwader. Und nun herrschten die Kolonials und führten ihre Sitten ein, beziehungsweise glaubten, den Eingeborenen auf ihre Art Kultur bringen zu müssen. Den Anfang machten die Besatzungstruppen. Ihre dicken Uniformen wurden ihnen in der Hitze unbequem, deshalb schnitten sie kurz entschlossen die Hosenbeine ab und gingen nun mit Kniehosen, bez.. bloßen Knien, was sicher praktischer, auch den Moskitos sehr erwünscht war! Durch die Wollkleidung litten die Truppen aber fast alle an "rotem Hund", eine Krankheit, die durch Reizungen der Haut, namentlich nach Salzwasserbädern und starker Transpiration auftritt, und in einem sehr lästigen Juckreiz besteht. Sie ist ungefährlich, aber unangenehm. Das mochten wieder die Soldaten nicht, und da ihnen selbst die Kniehosen zuviel wurden, gingen sie nackt, nur mit dem Lawalawa umgürtet, wie die Eingeborenen herum. Man denke sich: englische Soldaten in solchem Aufzug in der Stadt. Welch ein Bild für die an strengstes Zeremoniell gewöhnten Samoaner, die außerordentlich viel auf Äußerlichkeiten im öffentlichen Auftreten geben, und nun benahmen sich die Besatzungstruppen so schamlos. Da wurde den Eingeborenen klar, welcher Unterschied zwischen den alten und neuen Herren bestand! —

Ohne Aussicht auf Entsatz lebten unsere deutschen Landsleute auf den fernen Inseln, nur gespeist mit Nachrichten, die aus englischen Blättern stammten, denn kurz vor der Übergabe der Insel war die deutsche Funkstation durch Wegnahme wichtiger Teile aus den Apparaten durch den deutschen Ingenieure unbrauchbar gemacht worden, und als die Neuseeländer dieser später aus eigenen Beständen ergänzt zu haben glaubten und probierten, explodierte die Maschine, das zerspringende Schwungrad zerschmetterte einem Samoaner ein Bein.

Diese englischen Heeresberichte waren kümmerlich, aber aus den darin vorkommenden Ortsangaben konnten die Deutschen doch entnehmen, daß die Entente immer mehr rückwärts ging. Immer lastender wurde allmählich der Druck der Besatzungstruppen, die kleinen Schikanen mehrten sich, und nun kam noch die Nachricht, daß das deutsche Kreuzergeschwader im Stillen Ozean vernichtet sei. So war alle Hoffnung auf Befreiung genommen.

Da riß es Mitte September die Schläfer aus der Ruhe, sich fortpflanzend, anschwellend durcheilte der Ruf die Straßen: "Kriegsschiffe liegen draußen, deutsche Kriegsschiffe, die"Gneisenau" und "Scharnhorst" vor Apia!"

Also diese waren nicht versenkt, dort draußen lagen sie, wohlbehalten, zum Kampf bereit! Welch ein Gefühl! Auf sprangen die Ansiedler, eilten hinaus, um zu sehen, endlich wieder die geliebte deutsche Flagge zu erblicken. Da draußen auf dem Meere schwamm ein Stück Deutschland, stark und Achtung gebietend. Flaggen heraus, hieß es da, wer noch sorgsam das schwarzweißrote Tuch verborgen hatte, zog es hervor, und im Morgenwind flatterte nun wieder vom Giebel manchen Hauses die deutsche flagge zum letzten Male! Mochte kommen, was da wollte, wir grüßen die Heimat, mag uns der übermütige Feind nachher auch strafen, — denn das war ja allen Einsichten von vornherein klar, daß ein dauernde Wiederbesetzung von Deutschland aus unmöglich war, es konnte sich hier nur um eine Demonstration handeln. — Und alles jubelte den Schiffen zu, Deutsche und Samoaner, und gar mancher der alten englischen Ansiedler mag sich im stillen gefreut haben, denn daß es unter der Neuseeländischen Herrschaft nicht vorwärts — sondern rückwärts gehen würde, war ihnen schon nach diesen wenigen Wochen Besetzung klar geworden.

Und die Tommys, die armen Tommys, die noch gestern so kühn als Helden herumgelaufen waren? Denen war der blasse Schrecken in die Glieder gefahren. Massenweise meldeten sie sich krank — Kanonenfieber. Plötzlich hatte der Krieg für die Bürschchen ein anderes Gesicht bekommen, das äußerte sich in einem höchst unangenehmen Druck in der Magengegend. Wenn die Deutschen anfingen zu schießen, dann konnte es schlimm werden.

Draußen drohten die schweren Geschütze, und wenn jetzt die Deutschen womöglich einen Aufstand machten, vielleicht die Geschichte mit den sagenhaften, im Busch versteckten 500 Deutschen doch wahr wäre, was dann?

Aber die Kriegsschiffe schossen nicht, landeten auch keine Truppen. Und da bekamen die Neuseeländer wieder Mut. An Land waren ja so viele Deutsche, ungefährliche Menschen, an denen konnte man sich für den gehabten Schrecken schadlos halten. Alle Männer in Apia wurden eingesperrt, soweit sie nicht auf Pflanzungen in der Umgegend geflüchtet waren. Die Fahnen wurden von den deutschen Häusern heruntergerissen, ja Spielfahnen kleiner Kinder konfisziert! Und dann kam das Spaßige, trotz des Ernstes der Lage. Ein englischer Unteroffizier suchte die Häuser auf, wo Fahnen heruntergerissen worden waren und bat um Entschuldigung. "Höfliche Menschen, da sieht man Kultur," wird ein harmloses Gemüt denken — fehlgeschossen, teurer Landsmann: Angst war es, da draußen lag ja das Geschwader, und die konnten schießen, wer wußte, ob nicht noch mehr Schiffe kommen würden!

Stunden der Hoffnung, der Sorge, wechselten bei den Ansiedlern. Werden sie bleiben, Truppen landen, die Neuseeländer gefangen nehmen, oder was wird geschehen?

Noch immer wurde drüben kein Boot zu Wasser gelassen, still lagen die stählernen Riesen auf der Flut. Die nacht sank herab, bangend wachten die Deutschen auf Samoa. Wie ein Alb schlich es langsam heran, legte sich schwer auf das Herz, keiner konnte rechten Schlaf finden, Zweifel, Hoffnung, Sorge malten grausige wechselnde Bilder. Noch immer kein Waffenlärm, kein strammer Marschritt, noch immer kamen sie nicht. Schwarz war die Nacht, nichts draußen auf dem Meere zu sehen, nur die weißen Brecher über dem Riff leuchteten auf, wie fast jede Nacht. Und der Morgen kam. Noch ehe der erste Dämmerschein klaren Ausblick gewährte, waren unzählige Augen aufs Meer gerichtet nach den deutschen Kriegsschiffen. Ein Schmerzensschrei, ein stöhnendes Weinen entrang sich da mancher deutscher Brust!

Der Liegeplatz war leer, weg die Schiffe, die letzte Hoffnung zunichte. Nur um zu demonstrieren, den Deutschen fern der Heimat zu zeigen, daß die Fahne schwarzweißrot noch über dem Weltmeer wehte, waren sie gekommen. Zum letzten Male hatte hatte dieses stolze Geschwader deutsches Land gesehen und gegrüßt, dann war es wieder hinausgeeilt, ein Schrecken der Schiffahrt, bald hier, bald dort den Feind die harte Faust fühlen zu lassen, bis sich auch seine Zeit erfüllte, all die Tapferen, von feindlicher Übermacht erdrückt, den Tod in den Wellen fanden. In Samoa hatten sie aber manche Hoffnung zu Grabe tragen helfen. Dort wagte nun niemand mehr auf Entsatz zu hoffen, und die Eroberer fühlten sich von da an auch sicherer. Mancher der neuseeländischen Offiziere ließ Frau und Kind nach den gesegneten Inseln nachkommen, die Deutschen mußten ja Platz machen, ihre Häuser waren so sauber, so hübsch eingerichtet, da ließ es sich gut darin leben — bei den Hunnen!

Nun begann auch das Drangsalieren der Deutschen. Die kleinste Übertretung der unzähligen Verfügungen wurde auf das härteste bestraft. So bekam ein Gastwirt, der den Soldaten auf ihre Drohungen hin Bier gegeben hatte, dafür acht Monate Zwangsarbeit. Ein paar junge Leute, die nur um fünf Minuten die Polizeistunde überschritten hatten, ein paar Monate Gefängnis. Nach sechs Uhr abends durfte niemand mehr sein Haus verlassen, das Licht mußte abends zehn Uhr gelöscht werden, und anderes mehr.

Währenddessen hatten die Tommys nichts zu tun, langweilten sich, hatten Durst, bekamen nicht das zu trinken, was sie wollten: Alkohol, und so revoltierten sie. Ganz Apia drohten sie in Brand zu stecken, wenn ihnen am Weihnachtstag der Alkohol nicht freigegeben würde. Und sie bekamen ihn! Da tranken sie, als wollten sie alles das nachholen, was sie in den Monaten versäumt hatten, und bald lagen die Straßengräben voll schwerbetrunkener neuseeländischer Soldaten. Während in den deutschen Häusern und sonst auf der Welt die Weihnachtsfeier frohe andächtige Kreise versammelte, da gröhlten und tobten trunkene Soldaten in Apia, und als am nächsten Morgen die frommen Samoaner zur Frühmesse gingen, da stieß der Fuß an ihren Rausch auf der Straße ausschlafende Tommys. Mit einem Ausdruck des Ekels gingen sie vorüber, so etwas war in den Jahren deutscher Herrschaft doch nicht vorgekommen. Uns will etwas Derartiges nicht in den Kopf.

Die Offiziere waren dieser wilden Horde gegenüber machtlos, und in seiner Not rief der englische Kommandant der Insel funkentelegraphisch ein Kriegsschiff zur Hilfe, um Schutz der Stadt vor seinen eigenen Soldaten zu bekommen. Aber ehe es eintraf, verging einige Zeit, und da wandte er ein Mittel an, das prompt half. Durch Anschlag ließ er verkünden, daß das deutsche Großkampfschiff "von der Tann" im Stillen Ozean sei und Kurs auf Samoa hätte. Das half. Noch saß den Jünglingen allen seit dem letzten Besuch der beiden großen deutschen Kreuzer die Furcht in den Gliedern. Und da wurden diese "heroen" nüchtern, die Angst vor deutschen blauen Bohnen und Granaten machte ihnen lange Beine. Und als der Befehl ausgegeben wurde, nach dem abseits gelegenen Funkturm, hoch oben auf der Höhe, Vorräte und allerhand Gerät zu schleppen, waren sie alle dabei. Nur weg von der Küste, wo es in den nächsten Stunden gefährlich werden konnte. Und dort oben wühlten und gruben sie an Schanzgräben und Bastionen im Schweiße ihres Angesichts. So waren die Mannschaften für einige Zeit beschäftigt. Allmählich sickerte es aber durch, daß die Nachricht nur Schwindel gewesen war, um die Leute von Apia wegzubringen. Recht beschämt fühlten sich die alteingesessenen englischen Farmer ihren deutschen Freunden gegenüber. Die Soldaten aber maulten wieder, und um nun nicht nochmals die üblen Auftritte zu haben, wo die alkoholgierigen Burschen deutsche Häuser und Lager erbrochen hatten, wurden sie abgelöst und durch ältere Männer ersetzt, über die dann von seiten der Deutschen und anderer Ansiedler nicht mehr zu klagen war. Auch der Kommandant hatte seine Ruhe, und das war gut auf der zum Frieden geschaffenen Insel.

Wirklich schlimm für die Deutschen wurde es erst nach der Versenkung der "Lusitania". Da brach der ganze Haß sich Bahn, und sogleich sollten alle Deutschen in Internierungslager geschleppt werden. Voll banger Sorge sahen sie der Zukunft entgegen, und nur dem Eintreten der alten englischen Ansiedler von Samoa war es zu danken, daß der grausame Befehl nicht ausgeführt wurde — auch ihnen standen wohl die gräßlichen Geschichten der Burenlager in Erinnerung, wo gegen 30 000 Frauen und Kinder in den in den Internierungslagern zugrunde gingen. Am schlimmsten litten die Deutschen unter der vollkommenen Postsperre, kein Brief kam an, sie wußten nicht, ob die Lieben daheim noch am Leben waren, durften nicht schreiben. Das war eine derartige bodenlose Niederträchtigkeit, wie sie schlimmer gar nicht auszudenken ist. In keinen Land der Welt ist sie sonst gehandhabt worden, den den kulturbringenden Neuseeländern blieb dieses Meisterstück vorbehalten. Beschwerten sich die Deutschen, so hieß es: "Die ankommenden Briefe werden gelesen, ist eine Todesnachricht darin, so werden wir Sie benachrichtigen." Das für uns Unverständlichste dieser Handhabung war aber, daß der ausübende Arm einer solcher Maßregel ein Mann war, dessen Vater als Deutscher im siebziger Kriege das Eiserne Kreuz erworben hatte und — in Neuseeland im Internierungslager saß, während sein Sohn sich als Neuseeländer dazu hergab, Deutsche so zu peinigen. Man sieht auch hier: die Renegaten sind in den meisten Fällen die größten Lumpen.

Ein Trost für die Deutschen war die Treue, die ihnen ein großer Teil der Samoaner hielt. Ja, sie ging so weit, daß Tamasese, der energische Häuptling, einmal in einer Sitzung, die der englische Kommandant abhielt, in der er die Internierung sämtlicher Deutschen ankündigte, um angeblich die Deutschen vor "der Wut seiner über die Schandtaten der Deutschen in der ganzen Welt empörten Soldaten" zu schützen, erklärte: "Dann werde ich die Deutschen durch meine Samoaner schützen, laß sie also frei herumgehen, deine Soldaten werden sich schon nicht an ihnen vergreifen." Und so unterblieb die Gesamtinternierung , wenngleich eine große Zahl abgeschoben wurde. Aber dieses Damoklesschwert schwebte immer über die übrigen. Eine unbedachte Bemerkung, durch irgendeinen Zufall den englischen Behörden hinterbracht, konnte verhängnisvoll werden. Denn trotz der Treue der meisten Samoaner gab es doch auch unter diesen Parteigänger der Briten, das waren die Anhänger Tanus. Dessen Weizen blühte jetzt. Lange genug hatte er, der Schützling der englischen Missionen, warten, sich auf Fiji herumdrücken, sich die Mißachtung der Stammesgenossen gefallen lassen müssen. Nun winkte ihm die höchste belassene Würde eines "Alii sili".

Eigentümlich war es, daß auf diese weltfernen Inseln hin und wieder Gerüchte über große deutsche Siege gelangten, die wirklich der Wahrheit entsprachen. Niemand wußte, von wem sie stammten, denn die Neuseeländer, die selbst kaum einmal wahre Nachrichten erhielten, konnten sie sicher nicht verbreitet haben. Auch tauchten gelegentlich einmal Stücke von deutschen Zeitungen auf, deren Herkunft gleichfalls dunkel war. Vielleicht stammten sie aus der Hand des Zensors, der eingegangene Poststücke weggeworfen und den Deutschen in diesen Zeitungsfetzen unbeabsichtigt Stunden des Trostes, der immer wieder aufkeimenden Hoffnung geschaffen hatte. Waren die Nachrichten auch alt, so standen Dinge darin, von denen englische Zeitungen nicht gern sprachen, Wahrheiten über den Verlauf des Krieges. Und die Blätter gingen von Hand zu Hand, bis sie endlich zerlesen auseinanderfielen. Aber jede hatte neue Kraft aus ihnen geschöpft, ein Hauch der Heimat war nach Samoa hinübergeweht, über den weiten, weiten Ozean. Dann kamen wieder trübe Zeiten. Abermals hatte ein Trupp Männer die neue Heimat verlassen müssen, um in Neuseelands Internierungslagern nutzlos die Jahre zu verbringen, gefesselt durch feindliche Niedertracht.

So verging der Krieg, aber die Hoffnung lebte: wenn erst wieder Frieden ist, dann kehren sie alle zurück nach der geliebten Insel.

Doch auch diese Hoffnung sollte zu schanden werden. Samoa wurde uns geraubt, das Land, das lediglich deutscher Fließ emporgebracht hatte, in dem die Eingeborenen nie auch den geringsten Grund zur Klage über Bedrückung gehabt, nie sich über irgendwelche Maßnahmen beschwert hatten, sondern froh und zufrieden lebten, nachdem alle Zwistigkeiten und Kämpfe untereinander beendet, die Thronstreitigkeiten beseitigt waren.

Wahrlich, ein Paradies war es, aus dem die Deutschen dort vertrieben wurden. Eine wahre neu Heimat war das Land ihnen geworden. Die Ernte deutscher Fleißessaat genießen jetzt die, die wirklich hierzu am wenigsten berufen sind, die Neuseeländer, sie, die nicht einmal ihr großes, weites, zukunftsreiches Land haben erschließen können, ein Land, das Dutzende von Millionen Menschen bequem ernähren könnte. Aber natürlich, bequemer ist es, sich in ein gemachtes Bett zu legen, als selbst zu arbeiten. Die folge sehen wir schon heute, unsere einst so blühende Kolonie geht mit Riesenschritten zurück, die Pflanzungen werden überwuchert.

Quelle: Sturm - und Sonnentage auf Samoa, Dr. Arthur Berger , 1923 Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Jadu 2000

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