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Binnenmeere und Großwasserstraßen in Afrika

von Ing. H. u. B. von Römer

Nachstehend bringen wir den genialen Zukunftsplan eines deutschen Ingenieurs zur wirtschaftlichen Erschließung des "dunklen Erdteils."

Wenn wir die Bevölkerungsverteilung auf den verschiedenen Kontinenten unsere Erde betrachten, so können wir feststellen, daß das verhältnismäßig kleine Europa mit etwa 500 Millionen Menschen ungeheuer stark besiedelt ist, während zum Beispiel das dreimal so große Afrika nur 150 Millionen Menschen beherbergt. Diese Überbevölkerung Europas, die natürlich noch ständig im Steigen ist, zwingt die einzelnen Länder in mehr oder minder starkem Maße dazu, sich nach neuem Lebensraum umzusehen. Daß nur eine Gebietserweiterung mit Gewaltmitteln, also durch einen Eroberungskrieg, bei dem sich die Völker nur gegenseitig zerfleischen und vernichten, den gewünschten Erfolg bringen kann, ist kaum denkbar. Afrika als einziges noch unausgebeutetes Land größten Ausmaßes, bedeutet aber für das überbevölkerte Europa in kultureller Beziehung eine neue Basis, ein festes Fundament, und in wirtschaftlicher Hinsicht geradezu eine Notwendigkeit, wenn es gelingt, die ungeheuren Naturkräfte zu erfassen, die reichen Bodenschätze zu heben und fruchtbares Siedlungsland zu schaffen. Dieses Problem kann jedoch nur durch Großtaten menschlichen Geistes gelöst werden, indem die moderne Energiewirtschaft (Technik) zum Segen der Völker in den Dienst des Unternehmens gestellt wird.

Der Leser erinnert sich vielleicht noch an das bereits vor einiger Zeit aufgetauchte Atlantropa Projekt, dessen Urheber der Münchener Regierungsbaumeister Hermann Sörgel ist. Das Projekt sieht bekanntlich eine Senkung des Mittelmeerspiegels vor, wodurch sich ein bedeutender Landgewinn von etwa einer halben Million Quadratkilometer fruchtbarer Bodenfläche ergeben würde. Gleichzeitig würden die rings um das Mittelmeer geplanten Großkraftwerke den elektrischen Strom für die Bewirtschaftung des Neulandes liefern und die Kraft hergeben, um das Wasser zur Kultivierung Nordafrikas in die Wüste Sahara zu leiten.

Als ergänzende Erweiterung dieses gigantischen Projektes, das also Europa und Afrika zu einer Wirtschaftseinheit "Atlantropa" vereinigen würde, bearbeitete Hermann Sörgel neuerdings die technischen Möglichkeiten für die Erschließung Zentralafrikas.

Wie kann mit Hilfe der Technik das Innere Afrikas wirtschaftlich erschlossen und für die Völker nutzbar gemacht werden? Wie muß die Planung vor sich gehen, um eine erfolgreiche Bewirtschaftung auf die Dauer sicherzustellen? Auf dies beiden Fragen gibt uns das zweite Görgel'sche Projekt in genialer Weise Auskunft. Görgel geht von dem fundamentalen Grundsatz aus, daß alles Leben und Gedeihen, Klima und Wachstum mit dem Vorhandensein von Wärme und Wasser innig verbunden ist. Während nun die Wärme in Zentralafrika in überreichlichem Maße vorhanden ist, fehlen die so notwendigen Wasserflächen im Innern dieses riesigen Kontinents. Das Wasser der Ströme, so zum Beispiel des Kongo oder des Sambesi, fließt ungenützt ins Meer. Deshalb plant Sörgel die Anlage von drei künstlichen Binnenmeeren an den Stellen, die gewissermaßen von der Natur dafür vorgezeichnet sind, nämlich im Kongobecken, im Tsadbecken und südlich der Viktoriafälle.

Wenn also Afrika diese großen Binnenwasserspeicher erhält, werden seine Temperatur und sein Klima ausgeglichener und für alle Menschen erträglich.

Das Kongobecken, das einen bis zu einer Höhe von 500 Metern über den Meeresspiegel geschlossenen Kessel darstellt, war nach Ansicht des Geologen in früheren Zeiten schon einmal Binnensee. Nur der Kongoabfluß war vorhanden, und dieses verhältnismäßig schmale Austrittstal ließe sich heute sehr leicht durch ein Staudamm abriegeln, so daß man im Laufe der Zeit wieder ein riesiges Süßwasserbinnenmeer bis zu einer Größe von 900 000 Quadratkilometern entstehen lassen könnte. Am Unterlauf des Kongo sind außerdem vier Staustufen für Kraftwerke ausbaumöglich.

Wasserwege in der Sahara
Kongomeer

 

Nördlich des Kongobeckens bildet der abflußreiche Tsadsee den Mittelpunkt und die tiefste Stelle eines zweiten großen, ringsum geschlossenen Beckens. Dieses Becken ist dem Kongo so benachbart, daß ein Durchstich und Überlauf mit Kraftwerk vom Kongobecken in das 100 Meter tiefer gelegen Tsadbecken möglich wäre. Gleichzeitig könnte eine Schiffbare Wasserstraße, ein "zweiter Nil", vom Tsadsee zum Mittelmeer, als Ergänzung der Transsaharabahn gebaut werden. Dieser zweite Nil, dessen Jahresleistung auf die zwanzigfache Leistung des heutigen Nils geschätzt wird, würde einen regelmäßigen Binnenschiffsverkehr durch das Herz Afrikas gestatten.

Als drittes großes Speicherbecken ist das vom Sambesistrom gespeiste Viktoriameer gedacht, so daß die jetzige Gesamtküstenlänge Afrikas von nur 30 000 Kilometer auf 45 000 Kilometer gesteigert würde. (Europa - obwohl nur ein drittel so groß wie Afrika - hat eine Küstenlänge von 37 000 Kilometern.) Es liegt auf der Hand, daß die Schaffung von Binnenmeere für die Erschließung Zentralafrikas von größter Bedeutung ist.

Wir sehen also klar den genialen Plan vor uns: Die Erschließung Afrikas von innen heraus durch drei Binnenmeere in Verbindung mit Großschiffahrtsstraßen, Wasserwerken und Fernkraftleitungen. Gewiß ein gigantisches Projekt, welches jedoch mit den uns heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln zweifellos durchführbar ist. Das übervölkerte Europa wird sich einmal, nach neuen Siedlungsland, nach Nahrungsmitteln und Rohstoffen umsehen müssen. Im "dunklen Erdteil" sind dies Schätze noch in ungeheurem Maße vorhanden. Sie warten nur auf ihre Erweckung. Die Technik zeigt uns den Weg, wie diese Schätze gehoben und verwertet werden können.

Quelle: Köhler's Kolonialkalender 1939, von rado Jadu 2000


Mundaneum und Atlantropa

 

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