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Ein englischdeutscher Vertrag über die Portugiesischen Kolonien

Im selben Jahre, 1898, aber etwas früher, versetzte eine unverhoffte Änderung der britischen Taktik den Kaiser wieder einmal in die Lage, die Erwerbung von Kolonien mit seiner Weltpolitik zu identifizieren und neue Besitzungen in anderen Gegenden oder vielmehr die Aussicht darauf zu gewinnen. Damals stand England unter dem schweren Druck des ernstlichen, unaufhörlichen Widerstandes, der seinen imperialistischen Bestrebungen in Afrika durch Frankreich, in Asien durch Rußland und nun auch im fernen Osten durch Deutschland entgegengesetzt wurde.

Es wendete sich daher als letzte Zuflucht an Deutschland, das schließlich doch die stärkste Militärmacht Europas war. Außerdem hatte sich ja seinerzeit Deutschland um ein englisches Bündnis bemüht und auch nach der Nichtbeachtung seiner Aufforderung zum Eintritt in den Dreibund in den Jahren 1895 und 1896 England durch gelegentliche, diskrete Andeutungen über ein gemeinsames Vorgehen, besonders in kolonialen Angelegenheiten, einen Weg offengelassen, den auch Bülow, seit 1897 Marschalls Nachfolger als Sekretär des Auswärtigen, beibehielt, da er ein Bündnis mit England "als ein Ziel betrachtete, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen."

Chamberlains unmittelbaren Vorschlag, Deutschland im Angriffsfalle beizustehen, falls dieses bereit wäre, auch England zu unterstützen, beantwortete Bülow mit einiger Vorsicht, da er die russischdeutschen Beziehungen zu verletzen fürchtete; seine Vorsicht verwandelte sich in Argwohn, als er von der Korrespondenz des Zaren mit dem Kaiser erfuhr, aus der hervorging, daß sich England auch Rußland schon mit ähnlichen Vorschlägen genähert hatte. Auch der Kaiser war skeptisch , und aus demselben Grunde. Die "französischrussische Verbindung würde wesentlich enger werden, sobald wir uns mit England identifizieren." Gleichzeitig aber war er dafür, Englands Angebot nicht ganz und gar fallenzulassen, denn "mit der freundlichen Gesinnung Englands haben wir eine Karte gegen Rußland in der Hand, und überdies besteht die Aussicht, Kolonial- und Handelsverträge mit England abzuschließen."

So kam es auch. Das Ansuchen Portugals um eine Anleihe bildete die Veranlassung zu einer Annäherung zwischen England und Deutschland, um sich über die Verteilung der portugiesischen Kolonien zu einigen. Portugal ging es finanziell schlecht und es mußte seine Kolonien verpfänden, um sich die nötigen Geldmittel zu verschaffen. Diese "Annäherung" war übrigens dem schlauen Salisbury viel lieber als das Bündnis, dem er sich immer widersetzt hatte, denn er erblickte darin eine Möglichkeit, sich Deutschlands Zurückhaltung in der Burenfrage zu erkaufen, ohne darum bindende politische Abmachungen treffen zu müssen. Am 30. August 1898 kam also ein englischdeutscher Vertrag zustande, der die Aufteilung der portugiesischen Kolonien Mozambique und Angola in Einflußsphären für Deutschland und England bestimmte, falls Portugal zahlungsunfähig werden und seine Kolonien als Entschädigung für die Anleihe anbieten sollte, was sehr wahrscheinlich war.

Im Falle des Inkrafttretens des Vertrages behielt sich England die vielumstrittene Delagoabai mit dem Hafen Lorenzo Marquez vor, womit ein für allemal dem aus dem Krügertelegramm sprechenden Streben des Kaisers nach einem Burenprotektorat ein Ende gemacht wurde. Deutschlands Anteil hingegen bestand in dem nördlichen Teil von Mozambique, dem südlichen Teil von Angola und Portugiesischtimor in der Südsee.

Wieweit dieses Geschäft hinter den Erwartungen Deutschlands zurückblieb, mag aus der Liste der in Betracht kommenden Gebiete ersehen werden, die man England im Laufe der Verhandlungen im Juli und August 1898 vorlegte. Darin waren enthalten: in Westafrika Walfischbai, die Insel Fernando Po, Angola, eine Marinestation auf den Kanarischen oder Kap Verdeschen Inseln, die Erweiterung Togos bis zum Voltaflusse als Abgrenzung gegen die Goldküste; in Ostafrika Sansibar mit der Insel Pemba, die Vergrößerung Ostafrikas nach Südwesten mit dem Sambesi- und Schirefluß als Grenzen; in Asien die portugiesische Insel Timor, der Zuluarchipel und wenigstens eine der Philippinen (Mundanaro); in der Südsee die Karolinen- und Samoanischen Inseln. Diese Liste zeigt, wie rasch Deutschlands Appetit auf Kolonien stieg, seitdem es Weltmacht geworden. Ebenso sprach der Temperamentsausbruch des Kaisers dafür, der, als Schwierigkeiten in den Verhandlungen auftauchten, erklärte, daß Deutschland ein Kolonialreich brauche, und es auch aufbauen werde, sei es nun mit oder ohne England.

Auf jeden Fall aber trug England den Gewinn an diesem Geschäfte davon, denn er schloß ohne Wissen Deutschlands im darauffolgenden Jahr mit Portugal den sogenannten Vertrag von Windsor ab, wodurch der Vertrag von 1898 praktisch annulliert wurde. Den Vertrag von Windsor bestätigte die früheren Verträge zwischen England und Portugal, in denen sich die beiden Länder, zwischen denen immer freundliche Beziehungen bestanden hatten, zum gegenseitigen Schutz ihrer Besitzungen verpflichteten. Ohne dem englischdeutschen Abkommen buchstäblich zuwiderzulaufen, zerstörte er es dem Sinne nach, denn er hielt die Portugiesen davon ab, ihre Kolonien so hoch zu belehnen, daß sie verloren waren; und das Inkrafttreten des englischdeutschen Abkommens hing ja nur davon ab, ob Portugal imstande war, seinen Darlehensverpflichtungen nachzukommen.

Der einzige aus dem englischdeutschen Übereinkommen erwachsende Vorteil für Deutschland bestand darin, daß England fortan nicht mehr unabhängig in den an die deutschen Besitzungen angrenzenden portugiesischen Kolonien wirtschaftliche oder politische Rechte und Begünstigungen erwerben konnte. Sogar die in dem Vertrag vorgesehene Zusammenarbeit war nichts als ein leerer Wahn, da sie ja durch den Vertrag von Windsor hinfällig wurde, was auch immer deutlicher zum Vorschein kam, je mehr der Kaiser seine kolonialen Ansprüche in andern Weltgegenden zu befriedigen suchte. Die Tatsache allein, daß England bemüht war, seine Abmachung mit Deutschland zu annullieren, beweist, welches Mißtrauen der Kaiser mit seiner Machtgier säte.

Quelle: Macht und Ende des deutschen Kolonialreiches, M.E. Townsend (Engländer), Günther Schulz Verlag, Leipzig, von rado jadu 2001