zurück

Auf der Spuren der Deutschen Kolonien und Schutztruppen

Die Zukunft unserer Kolonien

Ein Gutachten

Von Dr. Hermann von Wissmann, Gouverneur z.D.

Seit zwei Jahrzehnten, der Zeit, in der ich mich im Ausland umgesehen habe und für koloniale Fragen interessiere, bin ich selbst von den heftigsten Gegnern unserer Kolonialpolitik mit dem Vorwurf verschont geblieben, daß ich zu optimistisch urteile; im Gegenteil, von den Heißspornen unserer Kolonialpolitik ist mit mehrfach vorgeworfen worden, daß ich zu skeptisch sei, daß ein gewisser Optimismus ein neues Unternehmen einer Nation nur fördern könne. Ich habe dies zugegeben für Leute , die nicht selbst Sachkenner sind, habe aber stets den Standpunkt vertreten, daß derjenige, der wirklich als Sachkenner gelten will, möglichst vorsichtig sein soll mit seinem Lob, um sich später nicht den Vorwurf machen zu müssen, daß er Unternehmer, die sich, auf sein Urteil stützend, in den Kolonien engagiert haben, geschädigt habe.

Auf diesem Standpunkt stehe ich auch noch heute und fühle mich in dieser Hinsicht von jedem Vorwurf frei.

Es ist mir dann gesagt worden: "Warum hast du dich dann nicht, wenn du wirklich einige Unternehmen in den Kolonien für gut hältst, selbst beteiligt?"
Ich habe darauf stets zu antworten, daß ich dies früher als Beamter für unrichtig hielt und daß ich jetzt, sobald ich irgendwie materiell beteiligt bin, in meiner Urteilsfähigkeit eine Schwäche zeige, die Gegnern einen günstigen Angriffspunkt bietet.

Durchaus nicht erstaunlich ist es des Weiteren, daß fast alle genau so abgelaufen sind, wie ich sie vorausgesehen und vorausgesagt habe, und es ist dies auch wirklich kein Zufall, sondern lediglich das Resultat einer langjährigen Beobachtung unter den vielseitigsten, ganz verschiedenen Verhältnissen in weitausgedehnten verschiedenen Gebieten.

Als mir einst der Abgeordnete Stöcker im Reichstag zurief, daß es Missionare gebe, die die doppelte Zeit — ich hatte damals eine zwölfjährige Praxis in Afrika hinter mir — in Afrika zugebracht hätten, und daß deren Beurteilung infolgedessen sehr viel mehr ins Gewicht fallend sei, so hielt ich, um die Debatte nicht unnötigerweise auszudehnen, damals mit der Erwiderung zurück, daß ein Mann, der selbst hundert Jahr auf einem Fleck des so unendlich verschiedenen dunklen Erdteils Erfahrungen gesammelt hat, sein Urteil natürlich nur für das von ihm bekannte Gebiet geltend machen kann, daß aber durch das Kennenlernen möglichst verschiedener Verhältnisse man sich nicht nur ein gewisses Urteil für die selbst kennengelernten Zustände erwirbt, sondern auch seine gesamte Urteilskraft durch die Verschiedenartigkeit der Beobachtung, durch Vergleiche außerordentlich schärft.

Häufig habe ich schon darauf hingewiesen, daß in einem Lande wie Afrika die Verschiedenheit der Verhältnisse viel schroffer ist als in Europa, da selbst z.B. in Rußland und Portugal die gleichmachende Kultur und Sitte die Schroffheit der Unterschiede verwischt; häufig habe ich die Verfasser der so enorm angeschwollenen Afrikaliteratur daran erinnert, daß sie ihre Beobachtungen nicht verallgemeinern sollten, häufig erzählenden Afrikaner gebeten, doch nicht zu sagen: "in Afrika ist es so und so", sondern:"dort, wo ich war, ist es so."

Dies alles habe ich vorausgesetzt, um zu betonen, wie schwer es mir heute wird, dem Wunsch des Blattes, in dem ich diese Wort veröffentliche, nachzukommen, über die Zukunft unserer Kolonien zu sprechen,denn ich beanspruche eine gewisse Autorität als Beurteiler der Verhältnisse unserer Kolonien und übernehme damit auch eine entsprechende Verantwortung.

Wir Deutschen haben auf unserm Planeten nicht freie Wahl gehabt. Wir haben nicht zugegriffen in einer Zeit, wo alle großen Mächte Europas erkannten, daß eine Großmacht ohne Kolonialbesitz, der ihr bei der immer mehr zunehmenden Konkurrenz um den Welthandel Absatzgebiet sichert, nicht mehr auf den von ihr beanspruchten Höhe bleiben wird. Erst viel später haben wir Gebiete als Pflegekinder angenommen, die früher von England, Spanien, Holland und Portugal, ja auch von Frankreich als minderwertig sich selbst überlassen blieben.

Wir können also nicht erwarten in erster Linie, daß unsere Kolonien in gleichem Maß fortschreiten, sich in gleichem Maß dem Mutterland erkenntlich erweisen wie die reichen und natürlich am besten bevölkerten, die die Weltmächte in früheren Jahrzehnten, ja Jahrhunderten sich unterwarfen.

Demnächst kommt in Betracht, daß das Kolonisieren von heute und von damals, als Spanien und Portugal, England und Holland die reichsten Länder des Orients und der Tropenländer nahmen, sehr verschieden ist. Damals wurden in jedem Fall noch die ersten großen Ausgaben, die zur Schaffung geordneter Verhältnisse in einer neuen Kolonie zur Begründung von Unternehmungen, die später Früchte tragen sollen, nötig waren, als Beute der ersten Eroberung eingeheimst und zwar vielfach in einer Weise, daß die neuen Gebiete gleich mit Anlagekapital überschwemmt wurden.

Das würde heute überhaupt nicht mehr geschehen können nach dem, was wir politisch Moral, Völkerrecht nennen. Das kann auch faktisch nicht geschehn, weil die von uns noch in unsern Schutz genommenen Gebiete solche Reichtümer nicht mehr befassen. Obwohl unsere heutigen Kolonien früher niemals Kolonien europäischer Staaten waren, sind doch ihre ersten natürlichen Reichtümer, die seit Jahrhunderten aufgeschichteten und in ihrem Wert für den Europäer nicht erkannten Massen von Edelmetallen, Elfenbein usw., von Händlern der früher die See beherrschenden Staaten erworben, ja man kann wohl sagen zum großen Teil geraubt worden.

Als dritter Faktor zu Ungunsten der Entwicklung unserer Kolonien kommt hinzu, daß es heute noch Gebiete auf der Erde gibt, die klimatisch günstigere und für den europäischen Bauern gewohntere Verhältnisse bieten, ferner wegen ihrer Bevölkerungsmasse ein günstigeres Absatzgebiet darstellen und auch, weil schon eine gewisse Kultur von andern europäischen Mächten eingeführt ist, für große pekuniäre Unternehmungen günstigere Objekte aufweisen.

Viertens haben unsern Kolonien die Gegner der deutschen Kolonialpolitik nicht unbeträchtlich geschadet, die, im Gegensatz zu den Chauvinisten, unsere Besitzungen viel zu unterwertig taxiert haben; infolgedessen sowie der allgemeinen Finanzlage wegen ist der Deutsche heute und schon seit Jahrzehnten in Europa mit Kapitalanlagen in den Kolonien sehr vorsichtig, ja ängstlich, und trotz des hohen Aufschwungs des Volkswohlstandes ist in Deutschland doch noch immer die Zahl derer groß, die sagen können: ich will heute mein Geld anlegen, so daß es mir erst in fünf Jahren Zinsen tragen wird, ich erwarte aber, daß es mir in den nächsten zehn Jahren alle Anfangsverluste eingetragen haben und von da ab eine gute Kapitalsanlage sein wird.

Nun würden wir der Zeit nach heute schon bei dem Zeitpunkt angekommen sein, bei dem die Kapitalsanlage in unsern Kolonien sich gut und reichlich verzinsen würde, wenn wir von vornherein mit unserm Kapital vorgegangen wären und nicht auch wie andere Länder hier und da hätten Lehrgeld zahlen müssen.

Meine offene Überzeugung nach sind Mißgriffe mehr in der Heimat gemacht worden als draußen als draußen und speziell in einer bestimmten zeit, die jedem wohl noch erinnerlich ist.

Das ist ja auch erklärlich; denn die, die in der Heimat die Verwaltung unserer Kolonien führten, sind noch nicht Kenner davon, und wir wollen hoffen, daß allmählich mehr Kenner der Kolonialverhältnisse, nicht aus Büchern und Berichten, sondern aus eigener Erfahrung, ein großes Wort bei der Entscheidung des Schicksals unserer Kolonien zu sprechen haben.

In den bisher Aufgezählten Umständen wird jedermann die enormen Schwierigkeiten aufgesammelt sehen, die Deutschland als Kolonialmacht zu überwinden hatte. Ich habe wenigstens alle wichtigen Umstände angeführt, und vielleicht werden sie dem Leser als nicht zu überwältigende Schwierigkeiten erscheinen.

Dem ist nicht so. Ich will jetzt erst die eigentliche Frage, die in der Überschrift dieser Worte ausgesprochen ist, berühren.

Ich habe von vornherein das feste Zutrauen gehabt, daß Deutschland diese Schwierigkeiten vollständig überwinden wird; ja, als ich nach langer Afrikaerfahrung einst heim kam, war ich voll großer Hoffnung, die sich auf die Beobachtungen stützten, wie der Deutsche draußen arbeitet, mit welchem Pflichtgefühl, mit welch praktischem Sinn.

Herabgestimmt wurden meine Erwartung indes dadurch, daß ich sah, mit welchen Schwierigkeiten unsere Kolonialpolitik in der Heimat zu kämpfen haben würde.

Geschadet hat uns, wie überall natürlich, jeder Chauvinismus, geschadet haben uns nicht nur die Gegner der Kolonialpolitik, sondern auch diejenigen, die zu viel und ganz besonders zu schnell Vorteile aus den Kolonien für das Mutterland erwarteten. Sie hatten die großen Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, nicht abgeschätzt, sie hatten einfach unsere Kolonien mit den besten ausländischen Besitzungen Englands und Hollands verglichen.

Deshalb fühlte ich damals, daß es richtig und zuletzt doch für die Kolonien das Beste sein würde, nicht nur die volle, reine Wahrheit über unsere Kolonien zu sagen, sondern auch die Schwierigkeiten bekanntzumachen, um Enttäuschung, die mehr schaden als ein langsameres Gedeihen, zu verhindern.

Damals sagte ich: "Es gibt keinen fußbreit Boden in Deutschostafrika, dem man ein gesundes Klima zusprechen könnte," genau wie es in den reichsten Kolonien Hollands und Englands der Fall war.

Heute kann ich sagen, daß es in unsern Kolonien schon Orte gibt, die in kurzer Zeit als völlig gesund bezeichnet werden können. Bombay war einst wegen seines Klimas als besonders mörderisch erschienen; heute ist es abgesehen von Epidemien, die ihren Grund nur in der Überbevölkerung und in dem Mangel an Reinlichkeit bei der eingeborenen Bevölkerung haben, für Europäer als sehr gesund zu bezeichnen.

Auch bei uns sind in Dar-es-Salaam und an anderen Plätzen gute gesunde Wohnungen entstanden, und es ist möglich, eine geeignete, gesunde Nahrung zu erhalten, unsere Ärzte sind dem Feinde des Europäers scharf zu Leibe gegangen, kurz, es sind gesunde Ortschaften entstanden. Und so wird es weiter gehen.

Dann sehen wir heute schon auf einen nicht unbedeutenden Schatz von Erfahrungen zurück. Wir haben jetzt schon hier und da Erfolge erzielt, die auch genau und vorsichtig rechnende Kapitalisten zur Beteiligung an Unternehmungen veranlaßten. Aber immerhin sind wir noch in der Vorarbeit, immerhin können wir unsere Kolonien noch nicht mit den besseren anderer Reiche, die schon jahrhundertelang unter europäischer Pflege stehen, vergleichen; denn alle die oben angeführten Schwierigkeiten sind nicht in zwei Jahrzehnten zu beseitigen.

Die Bevölkerung unserer Kolonien muß sich heben, die mörderischen Kriege und Sklavenjagden sind fortgefallen, die Epidemien und Endemien bei Mensch und Vieh sind hier und da schon mit Erfolg bekämpft worden. Von Jahr zu Jahr lernt der Eingeborene mehr Komfort anwenden und sucht ihn sich von Jahr zu Jahr mehr zu verschaffen. Und wenn man die Stoffe, den Schmuck und die Geräte ansieht, die heute z.B. in der Nähe der Küsten unserer Kolonien gebräuchlich sind, auch die Wohnungen vieler Menschen, so wird man gegen früher bereits einen bedenkenden Unterschied finden.

Dieser Umstand hat schon von Jahr zu Jahr die Eingeborenen mehr zur Arbeit herangezogen, und die überwachende, nötigenfalls strafende Behörde zwingt den Farbigen immer mehr und mehr zur Kontrakteinhaltung, wie überhaupt zur Verfolgung der Bestimmungen und Gesetze, die doch fast alle zu seinem Besten gegeben sind.

Die im Verhältnis zu der Ausdehnung und dem Wert unserer Kolonien bisher vom Reich ausgegebenen Mittel sind im Vergleich zu andern Kolonialmächten verschwindend gering.

Ich gebe zu, die Schwierigkeiten in unsern neuen Kolonien waren besonders groß, und trotz alledem wird jeder Beobachter, der natürlich auch möglichst ausgiebig andere Kolonien kennen muß, zugestehen, daß der Fortschritt in den deutschen Kolonien sehr lebhaft gewesen ist.

Natürlich bleibt der Fortschritt hinter dem in Deutschland erwünschten zurück. Der Deutsche, der das Ausland nicht kennt, kann nur nach Verhältnissen in der Heimat urteilen. Niemand wird dem widersprechen, daß die Fortschritte Deutschlands in den letzten Jahrzehnten überraschend, ja in der Weltgeschichte noch nie dagewesen sind, weil die Verhältnisse sie allmählich so weit vorbereitet hatten, daß jetzt die Erntezeit eintreten konnte.

Solche Fortschritte auch in Ländern zu erwarten, deren schwierige Zustände ich oben geschildert habe, ist einfach sinnlos.

Der Leser kann nach dem bisher Gesagten wahrlich davon überzeugt sein, daß unsere Kolonienfür ihre Verhältnisse überraschend vorwärts gehen, daß sie dem Vaterland einst einen Nutzen bringen müssen, daß diese Zeit nicht mehr allzulange aussteht, natürlich vorausgesetzt, daß man nicht die notwendigsten Existenzmittel, die notwendigsten Mittel zur Entwicklung den Kolonien entzieht.

Unsere Kolonien werden uns, wie sie die Möglichkeit hierzu schon heute, wenn auch noch im kleinen, gezeigt haben, recht viele Kolonialwaren billiger und besser verschaffen als die Kolonien fremder Staaten, ganz besonders, weil jede Nation sich offenbar mehr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gegen andere abschließt, je mehr sie ihre Bedürfnisse aus eigenen Mitteln befriedigen kann.

Unsere Kolonien wachsen mit ihrer Bevölkerung in ein von Jahr zu Jahr sich besserndes Absatzgebiet hinein.

Diese beiden am meisten ins Gewicht fallenden Tatsachen können nur noch von Unkenntnis oder parteiischer Gegnerschaft bestritten werden, und — nochmals gesagt — es wird allein von uns abhängen, ob das Tempo des Wachstums unserer Kolonienlebhafter wird oder nicht.

Heute ist wahrlich nicht nur der Standpunkt maßgebend für das Erhalten unserer Kolonien, daß wir das, was wir einmal angefangen haben, nicht wie ein Spiel, das uns keine Freude mehr macht, beiseite werfen dürfen, und daß wir die einmal übernommene Verpflichtung vielen Millionen Menschen gegenüber, denen wir zuerst nicht immer das Angenehmste gebracht haben, in den Kolonien jetzt nicht von uns weisen können. Die Verhältnisse liegen so, daß diese Verpflichtungen uns und den Eingeborenen der Kolonien, die erst allmählich die Segnungen der Zivilisation kennen lernen müssen, zum Vorteil und zur Ehre gereichen werden.

Quelle: Die Woche 1900, von rado jadu 2001

Mail