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Der Krieg in den Kolonien

Infolge der geographischen Lage der deutschen Kolonien war jede einzelne darauf angewiesen, selbst fertig zu werden, so gut es sich tun ließ. Hilfe aus der Heimat konnte sie nicht erwarten, da die Flotte außerstande war, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Deshalb fiel auch ein Gebiet nach dem anderen in die Hände der Feinde, einzelne, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sich gegen die Übermacht zu verteidigen. Berühmt wurde indes die heldenmütige Verteidigung Deutsch-Ostafrika durch die Deutschen sowie der hartnäckige Kampf gegen die Japaner um Kiautschou in China.

"Ich stehe ein für Pflichterfüllung bis zum äußersten", hatte der Gouverneur von Kiautschou, der Kommandeur Meyer-Waldeck, an Kaiser Wilhelm telegraphiert, und er hielt Wort.

Am 16. August 1914 war Japan mit seiner Forderung, dass die Deutschen Kiautschou ausliefern sollten, hervorgetreten, und da die Deutschen die Japaner nicht einmal einer schriftlichen Antwort würdigten, erfolgte am 23. des gleichen Monats die Kriegserklärung Japans.

Das Ergebnis des ungleichen Kampfes war von vornherein vorauszusehen. Der Hauptpunkt des Gebietes, das die Deutschen gepachtet hatten, war das befestigte Tsingtau. Die Besatzung bestand aus 4500 Mann Marinetruppen, und diese kleine Schar verteidigte sich mit glänzender Tapferkeit gegen die Übermacht der Japaner. Heftige Sturmangriffe wurden abgeschlagen, und im September kamen die Japaner keinen Schritt vorwärts. Ende Oktober, als es ihnen gelungen war, zwei Außenwerke zu erobern, bot der japanische Oberstkommandierende den Deutschen eine ehrenvolle Kapitulation an, aber der Kommandant wies das Angebot zurück.

So kam der November heran und mit ihm die Katastrophe. Bereits in den letzten Oktobertagen waren die Wasserleitungen zerstört worden, und am 3. November gelang es den Japanern, einen Hügel zu erobern, von welchem aus es möglich war, die inneren Teile der Festung zu beschießen. In der Nacht zwischen dem 6. und 7. November wurde der Hauptangriff unternommen, und nach 43tägiger Belagerung mußte sich die Festung ergeben.


 

In Afrika besaß Deutschland an mehreren Stellen Kolonien. Das zuerst erworbene Gebiet war Südwestafrika. Im Jahre 1884 war es zur deutschen Kolonie erklärt worden. Im gleichen Jahre kamen Kamerun am Golf von Guinea sowie Togo weiter westlich an der Küste dazu. Kurze Zeit darauf erwarb Deutschland sein viertes Kolonialgebiet in diesem Weltteil, nämlich Deutsch-Ostafrika.

Verhältnismäßig leicht eroberten die Engländer das kleine Togo bereits Ende August 1914. In Kamerun trafen sie und ihre Alliierten, die Franzosen, auf stärkeren Widerstand, und im Laufe des ganzen Jahres 1915 wurde in dieser Kolonie ein Kleinkrieg geführt, gegen den die Entente schwer etwas tun konnte. Erst am 1. Januar 1916 wurden die letzten deutschen Truppen auf spanisches Gebiet hinübergedrängt, und die ganze Kolonie wurde besetzt.

In Deutsch-Südwestafrika kämpften deutsche Truppen eine Zeitlang erfolgreich gegen die Engländer und fügten u.a. einem englischen Korps, das einen Einfall von der Kapkolonie aus gemacht hatte, im September 1914 eine schwere Niederlage zu. Dann wurde es eine Zeitlang ruhig in den südlichen Teilen des Landes, da die Engländer genügend mit einem Aufstand zu tun hatten, der unter den Buren ausgebrochen war, welche die Gelegenheit für günstig angesehen hatten, sich von der Herrschaft der Engländer zu befreien. Ehe das Jahr um war, hatten diese jedoch den Aufruhr unterdrückt und konnten sich jetzt wieder dem Kampfe gegen die Deutschen widmen. Diese Aufgabe war indes nicht so leicht. Die Entfernungen waren ungeheuer - das Gebiet Deutsch-Südwestafrikas ist größer als Schweden - und es ging nur langsam und unter beständigen kleineren Gefechten gegen die deutschen Truppen vorwärts. Im Mai fiel die Hauptstadt Windhuk, und damit war das Schicksal der Kolonie besiegelt. Aber erst am 9. Juli kapitulierten die übriggebliebenen deutschen Truppen, etwa 3500 Mann, im nördlichen Teil der Kolonie; nach zehn Monaten langen Kämpfen war ihre Eroberung durchgeführt.

Deutsch-Ostafrika war die wertvollste Kolonie Deutschlands. An Flächenräumen war es größer als Deutsch-Südwestafrika und weitaus fruchtbarer und dichter bevölkert als dieses. Aber auch hier waren die deutschen Besatzungstruppen nur in geringer Anzahl vorhanden, da sie nur darauf berechnet waren, die weiße Bevölkerung zu schützen. In den elf Artikeln des Internationalen Kongo-Übereinkommens vom Jahre 1885 war nämlich bestimmt worden, dass, wenn ein Krieg zwischen den europäischen Mächten ausbrechen sollte, die afrikanischen Kolonialgebiete neutral bleiben sollten; aber als der Krieg kam, zeigte es sich, dass dieser Vertrag ebenso bedeutungslos wie so viele andere Verträge war. Daß das Prestige der weißen Rasse im Bewußtsein der farbigen Völker leiden mußte, wenn die Kolonien in den Krieg einbezogen wurden, war ein Argument, das für die Engländer nicht schwerwiegend genug war, um den Krieg von den Kolonien fernzuhalten.

Die Truppen, die zur Verteidigung der Kolonie bei Kriegsausbruch zur Verfügung standen, beliefen sich auf etwa 4800 Mann, größtenteils farbige Soldaten, unter dem Kommando des damaligen Oberstleutnants von Lettow-Vorbeck.

Gleich nach der Kriegserklärung begannen die Engländer die Feindseligkeiten, indem sie durch ihre Kreuzer die Hauptstadt Daressalam (Hafen des Friedens) beschießen ließen, um den Stützpunkt für den deutschen Kreuzer "Königsberg" zu zerstören, der in diesen Gewässer kreuzte. Die Deutschen blieben ebenfalls nicht untätig, sondern unternahmen sogar Anfang September einen Angriff über die Grenze gegen die Ugandabahn in Britisch-Ostafrika; aber durch überlegene Truppen wurden sie zum Rückzuge gezwungen.

Anfang November landete bei Tanga im nördlichen Teil des Kolonialgebietes ein starkes Expeditionskorps, bestehend aus englischen und indischen Truppen. Der Angriff wurde von der Seeseite aus von Kriegsschiffen unterstützt. Obwohl die deutschen Truppen an Zahl unterlegen waren,gelang es ihnen nach dreitägigen erbitterten Kampfe, die feindlichen Landungstruppen zurückschlagen, und nach bedeutenden Verlusten mußten diese wieder an Bord der Schiffe zurückkehren.

Im Laufe des ganzen Jahres 1915 wurden hier und da kleinere Kämpfe ausgefochten, die ohne eigentlichen Einfluß auf die Lage blieben. Erst im Jahre 1916 nahmen die Operationen ein geschwinderes Tempo an. Von mehreren Seiten drangen starke englische Korps auf deutschen Gebiet ein, und die Deutschen waren unter beständigen Kämpfen, an welchen auch die Einwohner des Landes lebhaft teilnahmen, gezwungen, sich zurückzuziehen. Auch von der Seeseite aus wurde die Kolonie angegriffen, und Anfang September eroberten die Engländer Daressalam, die wichtigste Hafenstadt der Kolonie. Im November waren die deutschen Truppen nach dem südöstlichen Teil der Kolonie zurückgedrängt worden, wo sie sich eine Zeitlang gegen eine mehr als zehnfachen Übermacht, bestehend aus Engländern, Buren, Belgiern und Portugiesen, hielten. Im Jahre 1917 wurde der Kampf fortgesetzt. Die kleine deutsche Heldenschar kämpfte mutig, wurde jedoch Schritt für Schritt nach Süden auf portugiesisches Kolonialgebiet zu zurückgedrängt. Im November war es gelungen, die Deutschen vollständig zu umzingeln; aber Lettow-Vorbeck, der nun vom Kaiser wegen seiner glänzenden Taten zum General befördert worden war, durchbrach mit einem Teil seiner Truppen den Ring und warf sich auf Portugiesisches Gebiet. Dort setzte er den Kampf fort und machte Streifzüge nach allen Richtungen, auch nach Deutsch-Ostafrika hinein, das nun vollkommen in den Händen der Feinde war. Erst als die Nachricht vom Waffenstillstand ihn erreichte, streckte er mit 1300 Mann am 14. November 1918 die Waffen.

Quelle: Illustrierte Weltgeschichte, Gefion Verlag, Jadu 2000

 

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