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Die Postverbindungen mit unseren Kolonien

Die wirtschaftliche Entwicklung unserer Kolonien hat ganz besonders im letzten Jahrzehnt einen gewaltigen Aufschwung genommen. Die Ausfuhr der gewonnenen Bodenprodukte hat sich namentlich infolge des Bahnbaus, der sich seit 1900 ungefähr siebenmal vergrößert hat, bedeutend gehoben, zumal in Südwestafrika, wo allerdings vor allem die Entdeckung der Diamantenfelder schnell höhere Zahlen in der Statistik ermöglichte. Durch den stetig wachsenden Verkehr und die zunehmende Zahl der deutschen Bevölkerung hat sich im Laufe der Zeit ein regelmäßiger Dampferverkehr mit unseren Kolonien und deren wichtigsten Ausschiffungshäfen herangebildet.

In verhältnismäßig kurzer Zeit legen die Dampfer die Riesenstrecken zurück, zu denen man in früheren Jahren viele Wochen, ja Monate brauchte. Nach Duala z.B. dem Hafen Kameruns, brauchen die Dampfer der Wörmann- und Hamburg-Amerika-Linie von Hamburg aus nur 20 Tage, während Victoria, der erste Ausschiffungshafen, bereits in 19 Tagen, das südlicher gelegene Kribi in 21 Tagen erreicht wird. Dieselben Dampfer nehmen auch die Post für Togo und zum Teil auch für Deutsch-Südwestafrika mit.

Als Ausschiffungshafen für Togo kommt nur Lome in Frage, bis wohin die Überfahrtsdauer von Hamburg auch nur 17 Tage beträgt. Sowohl nach Kamerun als auch nach Togo verkehren die Dampfer in Zeiträumen von ungefähr 8 Tagen.

Etwas längere Zeit nimmt nun schon die Beförderung der Briefposten nach Deutsch-Südwestafrika, Swakopmund und Lüderitzbucht, in Anspruch, bis nach dem ersteren Hafen ca. 24 bis 26 Tage, nach dem letzteren 27 Tage erfordert. Aber schon zu wesentlich früheren Zeiträumen kann die Überkunft der deutschen Posten stattfinden, wenn bestimmte Zugverbindungen z.B. über Köln-Verviers ausgenützt werden, die in Southampton Anschluß an englische Dampferlinien, hauptsächlich der Union Castle Mail Steamship Comp. erreichen. Diese Dampfer legen zwar niemals in Swakopmund und Lüderitzbucht an, weil sie direkt bis Kapstadt verkehren, es wird aber ermöglicht, daß in Kapstadt die für Swakopmund und Lüderitzbucht bestimmte Post sofort auf zurückkehrende Dampfer der Deutsch-Ostafrika-Linie übergeladen wird und trotz dieses Umweges noch ca. 4-5 Tage eher an ihren Bestimmungsorten eintrifft. Gelegenheit zur Absendung von Briefsendungen usw. nach Deutsch-Südwestafrika bietet sich monatlich ungefähr fünfmal, sodaß also auch für diese Kolonie eine schnelle Verbindung gewährleistet ist.

Aber auch nach Deutsch-Ostafrika, der größten deutschen Kolonie, gestalten sich die Postverbindungen günstig. Als Ausschiffungshäfen kommen Tanga und Daressalam in Betracht. Die Beförderung der Briefsendungen dorthin erfolgte größtenteils von Neapel mit Dampfern der Deutsch-Ostafrika-Linie, aber auch von Marseille mit Schiffen der Messageries Maritimes und von Brindisi mit der Peninsular and Oriental Steam Navigation Comp. Die Überfahrtsdauer beträgt je nach der Lage der Ausschiffungshäfen 17-20 Tage. Bei der großen räumlichen Ausdehnung von Ostafrika und dem stark zunehmenden Verkehr hat es sich notwendig gemacht daß die Briefschaften bereits im Inlande entsprechend getrennt werden. So werden z.B. Briefsendungen nach Muansa, Schirati und Bukoba - Orte, die am Viktoriasee gelegen sind und Bezirksämter und Militärstationen haben -in direkten Säcken bis zum britischen Ausschiffungshafen Mombasa (Kilindi) (zwei Tagesreisen nördlich von Tanga) und von hier aus mittels der Ugandabahn bis zur Endstation Port Florence am Victoriasee befördert. Dort erfolgt die Weiterbeförderung wieder mit Schiffen bis zu den Bestimmungsorten. Die Beförderung durch britisches Gebiet nach dem Seengebiet hat sich notwendig gemacht, weil eben durch die Ugandabahn mit dem Viktoriasee eine bedeutend schnellere Verbindung geschaffen ist, als auf dem Landtransport durch Deutsch-Ostafrika. Briefsendungen nach dem Kilimadscharogebiet werden von Tanga mit der Usambarabahn bis Wilhelmstal und solche nach Ussagara mit der Bahn bis Morogoro befördert. Da weitere Bahnen in Ostafrika bis jetzt nicht bestehen, gestaltet sich die Verbindung mit Orten im Innern und dem Seegebiet (Tanganjikasee) immerhin schwierig. Es sieht indessen in absehbarer Zeit zu erwarten, daß die Fertigstellung der Bahn von Morogoro über Tabora bis Udjidji am Tanganjikasee wesentlich dazu beitragen wird, Handel und Industrie im Innern ganz bedeutend zu beleben.

Von unseren weiteren Kolonien, die in Asien und im Großen oder Stillen Ozean gelegen sind, ist das deutsche Schutzgebiet Kiautschou (seit 1898 auf 99 Jahre gepachtet) das wichtigste. Obwohl nur etwas über 550 qkm groß, hat es sich doch infolge des regen deutschen Unternehmungsgeistes seit der Besitzergreifung ganz bedeutend entfaltet. Das beweist vor allem die starke Briefpost, die dorthin Montags, Dienstags und Sonnabends mit den Zügen der Bahnpost Berlin-Alexandrowo über Sibirien abgeht. Die Beförderung dorthin nimmt mit der Abzweigung in Charbin nach Tientsin-Peking 13 bis 14 Tage, nach Shanghai über Dalni 14 bis 17 Tage in Anspruch. Während auf diesem Wege nur Briefe und Postkarten befördert werden, werden alle anderen Sendungen wie Drucksachen usw. wöchentlich ungefähr zweimal auf dem Seewege über Brindisi, Neapel oder Marseille größtenteils mit Dampfern der Hamburg-Amerika-Linie und der Messageries Maritimes weiter befördert. Die Überfahrtsdauer bis Tientsien, Shanghai bezw. Hongkong ist verschieden und währt zwischen 26 Tagen bis Hongkong und 33 bis 37 Tagen bis Tientsin.

Die weitaus größte Überfahrtsdauer nimmt die Beförderung der Post nach Deutsch-Neuguinea, Kaiser Wilhelmsland und dem Bismarck Archipel in Anspruch, die teilweise durch Reichspostdampfer der Ostasiatischen Linie wöchentlich einmal von Neapel bezw. Brindisi bis Hongkong und der Austral. Japan-Linie, teilweise durch die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company bis Adelaide, dann mit der Eisenbahn bis Sydney und von dort wieder auf Reichspostdampfer der Austral. Japan-Linie erfolgt. An Ausschiffungshäfen kommen in Frage Rabaul und Friedrich-Wilhelms-Hafen, bis wohin die Überfahrtsdauer 39 bis 47 Tage erfordert.

Nach den Karolinen, Palau Inseln, Marianen und den weiter im Großen Ozean gelegenen Marschall Inseln währt indessen die Überfahrtsdauer bis zu 60 Tagen (Jaluit) und dorthin verkehren die Dampfer monatlich nur einmal.

Während die Verbindungen mit den zuletzt genannten deutschen Kolonialbesitzungen verhältnismäßig lange Zeit in Anspruch nehmen, ist die nach Samoa, der am weitesten im Australischen Archipel gelegenen Inselgruppe, insofern bedeutend besser, als die deutsche Post über Queenstown mittels der Cunard Linie bis New York, dann mit der Bahn bis San Franzisco und von da mit der Australian Mail Line nach Apia erfolgt. Die auf diesem Wege beförderten Briefsendungen erreichen Apia bereits in 31 bezw. 36 Tagen.

Quelle: Von Oberpostassistent Wilhelm Rörig, Dresden, Köhler's Kolonial Kalender 1912, von rado jadu 2000

 

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