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Die Deutschen im tropischen Afrika

 

Südwestafrika ist mit Ausnahme seines nördlichsten Teiles, des Ambolandes, nicht tropisch, sondern subtropisch geartet, und außerdem bietet es wegen seiner durchschnittlichen Höhenlage und seines trockenen Klimas der Besiedlung durch Weiße im ganzen sehr günstige gesundheitliche Verhältnisse dar. Anders ist es in den äquatornahen afrikanischen Tropengebieten. Sowohl das alte Deutschostafrika als auch Kamerun und Togo sind vollkommene Tropenländer. Diese verbieten dem weißen erstens schwere körperliche Arbeit, und zweitens sind die Wirkungen des Tropenklimas auf den Europäer fast regelmäßig so, daß in gewissen Zwischenräumen ein gesundheitlicher Erholungsaufenthalt in der Heimat notwendig ist, und daß von weißen Frauen geborene Kinder selten groß werden. Zum mindesten gilt das für Angehörige der Nord - und mitteleuropäischen Völker, und damit scheidet Besiedlungsmöglichkeit durch Deutsche in dem Sinne, wie sie in Südwestafrika vorhanden ist, für alle tropischen Kolonialgebiete aus. Eine Ausnahme bilden auch die Tropen wie Hochländer oberhalb einer bestimmten Höhengrenze, die meist zwischen 1000 und 1500 Meter Erhebung über dem Meeresspiegel liegt. In dieser Höhenlage kommt die Malariamücke gar nicht oder nur so selten vor, daß sie kein Hindernis gegen dauernden Aufenthalt und Familiengründung von Europäern bildet. Auch können Europäer in diesen Höhen, wo die durchschnittliche Jahrestemperatur wesentlich kühler ist als im äquatorialen Tief -und Hügelland, ohne Gefahr körperlich arbeiten. Eigentliche Kleinsiedlung weißer Kolonisten ist allerdings auch in den tropischen Hochländern nicht angezeigt, denn der Europäer kann an Bedürfnislosigkeit und infolgedessen auch an Billigkeit der Arbeit nicht unmittelbar mit dem Eingeborenen konkurrieren. Es wird immer darauf bedacht sein müssen, einen größeren Betrieb zu haben, in dem er bezahlte eingeborene Arbeiter beschäftigt und in dem er die Konkurrenz der freien Eingeborenenarbeit durch seine rationelle wirtschaftliche Überlegung und bessere Organisation bestehen kann.

In Deutschostafrika ermöglichen die Höhenlage und das Höhenklima an verschiedenen Stellen deutsche Kolonisation im Sinne bodenbeständiger Besiedlung, doch war eine solche erst in den Anfängen verwirklicht. Die Küstenplätze, Daressalam, Tanga, Lindi, hatten als Sitze der Verwaltung und Wirtschaft eine für afrikanische Verhältnisse beträchtliche deutsche Bevölkerung und waren auch sonst in blühendem Stande, aber sie waren Tropenstädte, in denen von bodenbeständigem deutschen Siedlertum, wie in den Ortschaften im Innern von Südwestafrika, nicht die Rede sein konnte. Wirkliche Siedlung gab es in Deutschostafrika erstens im Usambaragebirge, im Hinterland von Tanga; zweitens auf den geeigneten Höhenstufen im Gebiet des Kilimandscharo und Meru; drittens in Uhehe auf dem hochaufgebogenen Rand des innerafrikanischen Plateaus im Südwesten der Kolonie; viertens am hohen Ufer des Njassasees; fünftens in der Landschaft Uluguru im Hinterland von Daressalam. Von einiger Bedeutung waren bei Ausbruch des Weltkrieges aber nur die Siedlungen von Usambara und am Kilimandscharo, wo Plantagenkultur, in erster Linie Sisalhanf und Kaffee, getrieben wurde. Uhehe galt als vielversprechend, lag aber noch außerhalb der Bahnzone. Im Norden war die Tangaeisenbahn bis nach Moschi am Fuß des Kilimandscharo geführt, und sie ermöglichte einen guten Absatz der Produkte. Die ostafrikanische Zentralbahn, die von Daressalam ausgeht, hatte Kigoma am Tanganjikasee, an der inneren "Gegenküste" von Ostafrika, erreicht, durchschnitt aber, mit Ausnahme von Uluguru, auf dessen Schieferboden nicht dieselbe Fruchtbarkeit zu erwarten war, wie auf den vulkanischen Böden im Norden, keine klimatisch geeigneten Gebiete.

In dem während des Krieges zusammengestellten und gedruckten, unmittelbar nach dem Kriege, trotz des Verlustes der Kolonien, als eine Art Monument der deutschen Kolonialpolitik noch herausgebrachten "Deutschen Koloniallexikon" heißt es im dritten Bande, im Artikel "Siedlung in den Schutzgebieten", über Ostafrika:

"Bisher konnten nun unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte (Eingeborenenverhältnnisse, Produktionsmöglichkeiten, Absatz, Verkehrsmittel) nur die Abhänge des Kilimandscharo und Meru und die westlichen und nordwestlichen davon gelegene Gebiete besiedelt werden, während die anderen Hochländer, insbesondere die im Süden gelegenen , nur die allersten Anfängen einer Besiedlung zeigen. Der erste Versuch einer planmäßigen Besiedlung fällt in die Jahre 1903 und 1904, indem nach Beendigung des südafrikanischen Burenkrieges eine Anzahl Burenfamilien zwischen Kilimandscharo und Meru, zunächst gefördert durch die Regierung, sich ansässig machten. Die Hoffnungen, die man auf sie, als auf besonders zur ersten Besiedlung geeignete Objekte setzte , haben sich nur teilweise erfüllt. Im Jahre 1906 wurde dann der Versuch gemacht, eine geschlossene deutsche Ansiedlung am Meruberg ins Leben zu rufen. Das Ostafrikanische Besiedlungskomitee der Deutschen Kolonialgesellschaft unternahm es, einen Teil der in jener Zeit von Rußland nach Kanada auswandernden deutschen Ansiedler nach Deutschostafrika zu lenken. Der Erfolg dieser Siedlung kann gleichwohl als ein besonders geglückte nicht gut bezeichnet werden, da etwa die Hälfte der zugewanderten deutschrussischen Familien wieder abwanderten und zum Teil sogar als Mittellose aus Deutschostafrika heimbefördert werden mußte. Im Jahre 1910 erfolgte als ein weiterer Versuch die Ansiedlung von Palästina-Deutschen. Es wurde acht Familien am Meruberge angesetzt. Sie haben pro Ansiedler durchschnittlich 200 Hektar Land erhalten, wovon je hundert Hektar als Kulturland und als Weideland vorgesehen waren. Obwohl unter dem Mangel einer genügenden Zahl von farbigen Arbeitern leidend, ist es ihnen gelungen, außer europäischen Getreidearten, Pfirsiche, Apfel, Wein und Orangen anzubauen. Bei den Palästina-Deutschen erwies der Umstand, daß sie das Arbeiten in einem heißen südlichen Klima schon gelernt hatten, als besonders günstig für ihr Fortkommen in der Kolonie."

In diesem kurzen Bericht ist unter Siedlung nur die bäuerliche landwirtschaftliche Kolonisation verstanden. Diese befand sich allerdings in Deutschostafrika in den allerersten Anfängen. Nimmt man die Plantagenwirtschaften im nördlichen Hochland hinzu, also landwirtschaftliche Groß -und Mittelbetriebe, in denen es gleichfalls zu einer gewissen Bodenständigkeit der deutschen Besitzer und Verwalter, mit ihren Familien, hätte kommen können, wenn die Kolonie länger bei Deutschland geblieben wäre, so ändert sich das Bild und wird bedeutend umfangreicher und vollständiger.

Deutschlands westafrikanischer tropischer Kolonialbesitz, Kamerun und Togo, wies Siedlungen, auf die man den Begriff einer, sei es auch nur zukünftigen Bodenständigkeit hätte anwenden können, überhaupt noch nicht auf. In Togo hätte sich wegen des tropischen Klimas, der geringen durchschnittlichen Höhenlage und auch wegen der dichte der Eingeborenenbevölkerung auf jeden Fall verboten. In Kamerun wäre sie in einzelnen Teilen des nordwestlichen Hochlande, in den Gebieten von Bali, Bamenda und Bamum, mit Rücksicht auf die Höhenlage und die geringe Malariagefahr wohl möglich gewesen, doch wohnte dort auch schon eine dichte Eingeborenenbevölkerung, und das Gebiet war verkehrspolitisch gar nicht erschlossen.

Nach der Besetzung der deutschen Kolonie in Ost- und Westafrika durch die Engländer und Franzosen wurden - wie gesagt, mit Ausnahme von Südwestafrika - alle Reichsdeutschen deportiert oder aus dem Lande gewiesen. In Deutschostafrika, in Kamerun und in Togo gab es beim Friedensschluß überhaupt keine Deutsche mehr, nicht einmal deutsche Missionare, ebenso war alles deutsche Eigentum ohne Ausnahme konfisziert. Mehrere Jahre durften Deutsche den Boden der alten Kolonie überhaupt nicht wieder betreten. Allmählich begriffen aber wenigstens die Engländer, daß sie auf diese Weise der wirtschaftlichen Weiterentwicklung der von ihnen als "Mandate" okkupierten Besitzungen den schlechtesten Dienst leisteten. In Ostafrika wie in dem kleinen englisch gewordenen Teil von Kamerun wurden sowohl die Einwanderung von deutschen als auch der Wiedererwerb enteigneter deutscher Grundstücke, sei es durch ihre früheren Besitzer, sei es durch andere deutsche Einwanderer, erlaubt. So sind in Kamerun, am Fuß des großen Kamerunberges, fast alle früheren deutsche Pflanzungen wieder in deutschen Besitz gekommen. Hier jedoch handelt es sich um reines Tropenland, in dem keine Rede von bodenständiger deutscher Siedlung sein kann. In Ostafrika, das die Engländer jetzt Tanganjika-Territorium nennen und in dem vor dem Kriege die gesamte weiße Bevölkerung etwa 6000 Seelen stark war (davon etwa 4500 Deutsche), halten sich nach den jüngsten Nachrichten jetzt wieder schätzungsweise 2000 Deutsche auf, und zwar in den verschiedensten Berufen. Einem kleinen Teil davon ist es geglückt, unter sehr schwierigen Bedingungen wieder Pflanzer und Siedler zu werden. Wie sich die Verhältnisse weiter entwickeln werden, läßt sich zur Zeit nicht übersehen. In den Jahren nach der Vertreibung der Deutschen ist der frühere deutsche Landbesitz vielfach von Griechen und Indern aufgekauft worden, die in Ostafrika eine Art Zwischenstufe zwischen den Weißen und den Eingeborenen bilden, und mit denen die Konkurrenz schwierig ist. Engländer ergreifen ergreifen den eigentlichen Pflanzer -, Farmer - und Siedlerberuf weniger gern -es sei denn im kapitalistischen Großbetrieb - weil er zuviel Mühe und zähe Arbeit erfordert.

Eigentümlicherweise ziehen sich die gegenwärtigen Versuche neuer deutscher Siedlung in Ostafrika stärker als bisher in den Südwesten, das Hochlandgebiet von Uhehe. Nach einem Bericht von Geheimrat Gunzert über gegenwärtiges deutsches Schulwesen in Ostafrika gab es im Jahre 1929 in unserer ganzen früheren Kolonie über 250 deutsche schulpflichtige Kinder, davon je etwa der fünfte Teil im südwestlichen Hochland, im Hinterland von Tanga und in der Kilimandscharo-Provinz; die übrigen in den Küstenplätzen. In Lupembe , nicht weit von Iringa, dem Hauptort der Uhehe, ist sogar ganz kürzlich die erste deutsche Inlandsschule in Ostafrika errichtet worden!

Endlich hat es den Anschein, als ob außerdem noch in einem Hochlandsgebiet in den afrikanischen Tropen seitab vom früheren deutschen Kolonialgebiet, nämlich in der portugiesischen Kolonie Angola, die Anfänge eines deutschen Siedlungswesen sich bilden. Ein alter Südwesterafrikaner, Oberstleutnant v. Boemcken, berichtet darüber in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung":

"Ein Besuch bei den Deutschen in Angola hat in mir den Eindruck hinterlassen, daß sie mitten im wertvollen Aufbau sind, und das sich der deutschen Auswanderung drüben beste Aussichten eröffnen. In drei Gruppen sitzen jetzt schon etwa dreihundert Deutsche in den Hochländer von Malange, Libollo und Ganda, und ein Teil verstreut über das riesenweite Land. In der Hauptsache sind es alte Kolonialleute, die nach dem Kriege ihre zweite Heimat in Portugiesisch-Angola gefunden haben. Wohl hat mancher in den ersten Jahren den Rückweg nach der Heimat wieder angetreten, weil er sich in die fremden, anfänglich besonders schwierige Verhältnissee nicht hineinfinden konnte. Doch, wer draußen blieb, ist zufrieden und voll Lobes über das Entgegenkommen der portugiesischen Verwaltung."

"Sehr verschieden sind die wirtschaftlichen Verhältnisse auf den einzelnen Hochländern. Während Malange und Libollo hauptsächlich für Kaffee und Sisal in Frage kommen, eignen sich die südlichen Teile von Angola, vor allem der Gandabezirk, außerdem hervorragend für europäischen Ackerbau und Viehzucht. Die nur auf Dauerkulturen eingerichteten Pflanzungsbetriebe beanspruchen ein größeres Kapital, das zu Anlage und Unterhalt in den ersten vier Jahren ausreicht, in denen Kaffee und Sisal noch keinen Ertrag bringen. Die Pflanzer und Farmer des Südens ziehen dagegen aus ihren Weizen - und Maisfeldern, ihre Milchwirtschaft und Schweinezucht von vornherein einen Gewinn, der ihnen den Lebensunterhalt gewährt und nebenher die Anlage von Tropenkulturen ermöglicht. Deutsche Landwirtschaften sind es in Form der Häuser, Ställe, Scheunen, in der Art der Bewirtschaftung der Felder, in der Haltung des Viehs und im Wesen der Bewohner. Was diese Leute hier geleistet haben, das ist bewundernswert."

Es ist möglich, daß sich aus diesen, von der portugiesischen Verwaltung bisher nicht unfreundlich aufgenommenen deutschen Siedlungsversuchen mit der Zeit ein angolesisches Deutschtum von Dauer entwickeln wird. Die verschiedenen Hochlandsgebiete von Angola sind im ganzen aufnahmefähiger für ein mitteleuropäische Siedlertum, als das alte Deutschostafrika.

Quelle: Das Deutschtum über See, Paul Rohrbach, Wilhelm Schille Verlagsbuchhandlung, von rado jadu 2000

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