zurück

Auf einem transatlantischen Dampfer

Es ist etwas Großes und Friedliches um die Abfahrt eines transatlantischen Dampfers, wenn er Hunderte von Menschen auf seinen breiten Rücken nimmt und sie mit all ihren Wünschen und hoffnungen über den weiten Ozean zur neuen Welt hinüberträgt. Da ist es interessant, dem Leben und Treiben zuzusehen, wenn in der Morgenfrüh die Lloydzüge in Bremerhaven einlaufen und all die Kajütspassagiere und Auswanderer sich für einige Tage häuslich auf dem Schiff einrichten. Die Kabinen, die Speise- und Gesellschaftsräume dieser großen Dampfer sind so eingerichtet, daß sie, allen Anforderungen gerecht werden, und die Bewohner der 2. und 3. Klasse werden sich in den bequemen und behaglichen Räumen ebenso wohl fühlen, wie der Millionär in seiner mit aller Eleganz ausgestatteten Luxuskabine.

Auch für die Zwischendecksreisenden ist gut gesorgt. Daß ihnen auf der Reise nichts abgeht, das sieht man an dem vergnügten Leben, das sich alsbald nach Abfahrt des Dampfers auch im Zwischendeck abspielt. Und nun erst bei schönem Wetter, wenn man den ganzen Tag draußen sein kann in der frischen, würzigen Seeluft und der Blick so unermeßlich weit über das blaue Meer hinausschweift!

Da ist in allen Klassen und auf allen Teilen des Dampfers ein fröhliches Leben. — Da prominiert man stundenlang auf den langen Promenadendecks, und ist man müde, so legt man sich in die bequemen Deckstühle. Da werden alle möglichen Spiele arrangiert: Schaufelspiel und Ringwerfen usw. —

Am erfinderichsten aber ist man im Zwischendeck, mit allen möglichen Mitteln Spielzeuge und Unterhaltung für die Jugend herzustellen. Strampelnd sitzen die kleinen braunen Slavenkinder auf der selbstfabrizierten Schaukel, am meisten Halloh herrscht aber an der Rutschbahn, die nicht weniger Freude macht. — Und wenn vom Promenadendeck die Musik der Schiffskapelle auch laut und kräftig über das Zwischendeck hinschallt, dann sieht man manches Paar sich in ganz eigenartigem Tanz drehen. —

Des Abends, wenn die Passagiere der verschiedenen Klassen sich in den Rauchsalons oder in die Lese- und Gesellschaftssalons zurückziehen, dann geht's auch bei den Zwischendeckern gemütlich zu: Da fliegen Karten und die Würfel, und man findet sich in Gruppen zu allen möglichen Spielen zusammen, so wie sie in der Heimat üblich sind, und durch die Abendstille schallen eigenartig schwermütige slavische Volkslieder, und Geigen und Zimpeln klingen dazu und rufen tausend Erinnerungen an die Heimat wach. — Und dabei eilt der Dampfer unaufhörlich weiter über den weiten Ozean und mit ihm all die Menschen hier mit ihren Zukunftsplänen der Neuen Welt entgegen. —

Quelle: Süsserotts illustrierter Kolonial-Kalender 1912, von rado jadu 2000

Webmaster